17. Juli 2017

Helmut Pelzer, ein großer Streiter für das Grundeinkommen, ist verstorben

Mit Helmut Pelzer verliert die Grundeinkommensdiskussion einen beharrlichen Befürworter, für den es stets wichtig war, dass ein Grundeinkommen auch machbar ist und nicht nur eine schöne Vorstellung bleibt. Unsere Anteilnahme gilt seiner Familie und allen Angehörigen.

Um seinem Anliegen zu entsprechen hat er das Ulmer Bürgergeldmodell bzw. später das Ulmer Transfergrenzenmodell entwickelt (weiterere Hinweise auf seine Arbeiten finden Sie hier und hier), mittels dessen die Finanzierbarkeit dargestellt wird. Von mancher Seite wurden seine Überlegungen aufgegriffen, häufig ohne Hinweis auf den Urheber. Im Unterschied zu anderen Berechnungen basieren Helmut Pelzers Modelle auf variablen Parametern. Sie eignen sich besonders gut, um beweglich auf Gestaltungsfragen einzugehen, und das nicht nur für Deutschland, er hatte dabei auch die Europäische Union im Blick. Auf der Basis eines Modells, so seine Überzeugung, sei es einfacher, Gehör zu finden, denn schließlich ist die Frage nach der Finanzierung meist eine der ersten, die gegen das Vorhaben eingewandt wird.


Seine Vorarbeiten reichen weit zurück, er selbst sprach im Jahr 2010 davon, dass er vor mehr als 30 Jahren, also vor 1980, erste Überlegungen dazu angestellt habe. Ab Mitte der 90er Jahre tat er dies im Arbeitskreis Bürgergeld, der später, nach seinem Rückzug aus gesundheitlichen Gründen und der Ausdehnung von Aktivitäten, in Initiative Grundeinkommen Ulm umbenannt wurde (zur Historie siehe hier), die sich bis heute für das Bedingungslose Grundeinkommen engagiert.
Im Jahr 2010 erschien dann nochmals eine ausführliche Darstellung seiner Überlegungen mit dem Titel Das bedingungslose Grundeinkommen Finanzierung und Realisierung nach dem mathematisch fundierten Transfergrenzen-Modell (siehe auch hier).

Wir haben Helmut Pelzer im Jahr 2002 kennengelernt, als er auf Einladung eines kleinen Kreises von Interessierten seine Überlegungen an der Universität Frankfurt am Main vorstellte. Daraufhin organisierten Manuel Franzmann und Sascha Liebermann eine Veranstaltung auf dem Soziologentag in Leipzig im selben Jahr, aus der ein Beitrag Helmut Pelzers hervorging (siehe hier).

Wenig später, kurz nach der Gründung 2003, setzten wir, die Initiative Freiheit statt Vollbeschäftigung, uns mit ihm an der Universität Dortmund zusammen, um manchen Aspekt seines Modells zu diskutieren. Daraus ging dann, vor allem unter Mitwirkung von Ute Fischer, das Ulmer Transfergrenzenmodell hervor. Die Diskussionen mit Herrn Pelzer haben wir noch eindrücklich in Erinnerung. Seine Beharrlichkeit, ein belastbares Modell zu entwickeln, der Wille, Unklarheiten oder Unschärfen zu klären und das Bestehen darauf, eine wissenschaftliche Fundierung zu erreichen, bestimmten unsere Diskussionen. Stets prüfte er seine Überlegungen auf etwaige Fehler, rief andere dazu auf, es ebenfalls zu tun, wie noch in seiner letzten Veröffentlichung. Beim Erreichten stehenzubleiben war ihm fremd. Nie konnte man gewiss sein, dass alles "fertig" war.

Unsere Diskussionen waren nicht immer einfach. Das ist kein Wunder, wenn Diskutanten aus so unterschiedlichen Disziplinen kommen - Herr Pelzer war habilitierter Pharmakologe, wir hingegen vor allem in der Soziologie zuhause. Die methodischen Traditionen, vor deren Hintergrund wir diskutierten, waren denkbar verschieden. Gerade wenn es darum ging zu klären, wie sich verschiedene Bereitstellungsmodi eines Grundeinkommens in ihren normativen Wirkungen (bleibt der Vorrang von Erwerbstätigkeit erhalten oder nicht?) unterscheiden, war der Klärungsbedarf besonders groß. Welche Bedeutung wissenschaftliche Expertise für die öffentliche Willensbildung hat, was sie überhaupt beitragen kann, auch darüber diskutierten wir. Die gemeinsame Basis für unsere vorbehaltlosen, argumentativ getragenen und immer an der Sache orientierten Auseinandersetzungen war die wissenschaftliche Sozialisation, in der nur die Kraft des Argumentes den Ausschlage geben sollte. Helmut Pelzer lebte diese Haltung auf eindrückliche Weise, auch wenn es mit dem Grundeinkommen um eine Sache geht, die leidenschaftlich aufgeladen ist.

Ute Fischer, Sascha Liebermann, Thomas Loer