11. Juni 2021

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen böte immerhin eine Alternative,...

...auch wenn das alleine nicht ausreichte, um forschen und lehren zu können. Siehe unsere früheren Beiträge hier

10. Juni 2021

Mögliche Folgen eines Bedingungslosen Grundeinkommens - in jedem Falle bessere Verhandlungsmöglichkeiten

Kurze Geschichte des Grundeinkommens von Philippe Van Parijs

"Gib doch den Leuten das Geld und die können selbst entscheiden" - genau das ist offenbar nicht gewollt

Für und Wider zugespitzt und doch versteckter Paternalismus, wenn es um unangenehme Tätigkeiten geht...

...die Frage ist nur, was ist für wen unter welchen Bedingungen "unangenehm"? Wer diesen Einwand vorbringt, wie es Ole Nymoen gemacht hat [update 11.6.: ab Minute 20:35], dem reicht es offenbar nicht, Angebot und Nachfrage zur Geltung kommen zu lassen. Als Michael Bohmeyer ihm genau das entgegnet und auf den Chauvinismus hinweist, der diesem Einwand bzw. der Frage innwohne, weist Nymoen diesen Vorwurf zurück. Da war er sich offenbar nicht im Klaren darüber, was sein Einwand bedeutet (ganz ähnlich reagierte einst Anke Hassel), denn worauf sonst sollte er damit hinweisen, als darauf, dass womöglich jemand nicht mehr bereit wäre, die Arbeitsbedingungen zu akzeptieren, denen er sich heute schwer verweigern kann?

An einer Stelle merkte Frau Herrmann an, mit einem BGE von 1200 Euro habe eine Familie 56 Tausend Euro netto - worauf wollte sie hinaus? Dass die Eltern sich für Erwerbsarbeit dann nicht mehr interessieren? Zum einen gilt, dass diese Familie nur genau so lange über diesen Betrag verfügen würde, solange die Kinder nicht volljährig sind bzw. zuhause leben, also etwa 20 Jahre. Es geht also nicht um die gesamte Lebensspanne. Zum anderen hätten die Eltern dann die Möglichkeit, sich für eine gewisse Zeit, solange die Kinder klein sind und von sich aus noch gar kein Interesse an der Kita haben (das beginnt etwa erst zwischen drei und viereinhalb Jahren), sich ihnen zu widmen, was heute allenfalls für einen Elternteil möglich ist, sofern der andere ausreichend Einkommen erzielt über Erwerbstätigkeit. Dass Familie und überhaupt "unbezahlte Arbeit", aus der die ganzen "Vor"-Leistungen stammen, die erbracht werden, damit Erwerbsarbeit überhaupt möglich ist, gar keine Rolle spielten, sei erwähnt.

Zur Diskussion passen unsere früheren Beiträge zu z. B.: Bäckerhandwerk und Arbeitsbedingungen, unangenehme Tätigkeiten (hier Gespräche mit Müllwerkern, Mindestlohn, bedarfsgeprüfte Leistungen und BGE, Feldexperimente, Sanktionsfreiheit

Zu einer Diskussion mit Ulrike Herrmann, siehe meine Rückschau hier.

Interessant war, dass der Bäckermeister abgewandelte Formen eines BGE am Ende der Sendung vorschlug. Deutlich wurde auch in dieser Sendung wieder, dass ein BGE sich an der Frage entscheidet, wie viel Selbstbestimmung und Verhandlungsmacht dem Einzelnen ermöglicht werden soll.

Sascha Liebermann

"...solange wir ein Wirtschaftssystem haben, so wie wir es haben..."

...sieht Tom Krebs ein Bedingungsloses Grundeinkommen kritisch, solange wir ein System haben, in dem "formale Erwerbsarbeit" ein solche Bedeutung hat. Weshalb aber spricht das grundsätzlich gegen ein BGE? Ein BGE fordert in der Regel nicht die Aufhebung oder gar das Verbot von Erwerbsarbeit, das eine wäre mit dem anderen vereinbar. Weiter begründet Krebs seine Ausführungen nicht. Dann greift er zum Taschenrechner und beziffert die Bruttokosten, die sind aber nicht ausschlaggebend, warum also diese Hochrechnung? Er vergisst dabei oder erwähnt es nicht, dass im Volkseinkommen auch der Grundfreibetrag in der Einkommensteuer enthalten ist, auf den alle heute schon einen Rechtsanspruch haben, auch wenn er nur bei steuerbarem Einkommen sich auswirkt. Insofern ist die Diskussion darüber ob Reiche es auch bekommen sollen in voller Höhe überflüssig. Siehe frühere Beiträge zu Ausführungen von Tom Krebs hier. Eine differenzierte Betrachtung der makroökonomischen Auswirkungen bietet Ingmar Kumpmann (einer der Beiträge im verlinkten Band).

Und die Frage von Ina Praetorius ist natürlich vollkommen berechtigt.

Sascha Liebermann

9. Juni 2021

"Produktivität schlägt Demografie"...

 ...ein älterer Beitrag von Gerd Bosbach im Deutschlandfunk Kultur, der sich über die Jahre immer wieder zu Fragen der Demografie und Schlussfolgerungen für die Sozialsysteme geäußert hat, siehe hier.

"Jeder Fünfte stirbt vor 69. Lebensjahr" und einige wichtige Fragen...

 ..., die in der Diskussion wenig bis gar nicht angesprochen werden. Zuerst einmal ist die Information anlässlich der neueren Diskussion um eine Erhöhung des Renteneintrittsalters interessant (hier geht es zum Beitrag auf der Website der tagesschau). 

Statt die Lebensarbeitszeit zu verlängern und ewig auf dieselbe "Stellschraube" zu setzen, könnte die Frage gestellt werden, wie die Wertschöpfungsmöglichkeiten, also auch die Arbeitsbedingungen, verbessert werden könnten. Wenn die Chancen dafür verbessert werden, dass jemand seinen Neigungen und Fähigkeiten gemäß einen Beitrag leisten kann, hätte das auch Folgen für die Wertschöpfung, damit auch für die Finanzierung sozialstaatlicher Leistungen. Darüber hinaus geht es nicht nur darum, die Entfaltung von Leistungsbereitschaft zu fördern (Arbeitsbedingungen), sondern auch um ihre Entstehung, ohne der Vorstellung anzuhängen, dies "steuern" zu können. Wie also müssten die Bedingungen des Aufwachsens aussehen, damit Bildungsprozesse und damit die Entstehung von Leistungsbereitschaft unterstützt werden? Wie müssten Familien als wichtigster Ort zur Förderung von Bildungsprozessen unterstützt werden? Wie müsste ein Bildungswesen aussehen, dass diesem Zweck entspricht (siehe hier und hier), wie ein Wissenschaftssystem (siehe hier)? Bildungsprozesse, die der Herausbildung von Autonomie dienen, ohne sich vorrangig auf "employability" zu richten, haben gleichwohl Folgen für Leistungsbereitschaft. Fragen über Fragen, die weiterreichen als die "Stellschraube" Renteneintrittsalter. Wem das zu "utopisch" oder weit hergeholt oder gar unerreichbar erscheint, muss nur darauf blicken, auf welches Fundament unsere Demokratie gebaut ist: Selbstbestimmung und Solidarität. 

Sascha Liebermann

7. Juni 2021

Zu den Grenzen von Statistik - allerdings nicht neu Korrelation vs. Kausalität

Dass sich an der Dominanz standardisierter Forschung in den Sozialwissenschaften angesichts einer Jahrzehnte geführten Diskussion so wenig geändert hat, zeigt auch Schwächen der nicht-standardisierten Forschung. Denn all zu viele Studien verstehen sich als "qualitativ", wenn dort Interviews geführt und die Inhalte summarisch zusammengefasst und gar noch mit standardisierten Verfahren "ausgewertet" werden. Eine detaillierte methodisch kontrollierte Rekonstruktion wird leider viel zu selten durchgeführt, mittels deren Fälle als Ausdruck von Allgemeinem und Besonderem bestimmt werden können - und zwar vom Fall aus, der eben nicht bloß ein "Einzelfall" ist. Dieses Manko zeigt sich dann auch in der Forschung zum Bedingungslosen Grundeinkommen, siehe dazu meinen Beitrag hier

Sascha Liebermann

"Es ist still ums Thema"...

 ...schreibt Reinhard Wolff in der taz und verweist auf den Endbericht (Zusammenfassung in Englisch hier, ein Gespräch dazu hier, ein Beitrag von Scott Santens hier) zum finnischen Experiment und der Diskussion darüber, was es wohl in Finnland zu Beginn der Pandemie bedeutet hätte, eine solche Einkommenssicherung gehabt zu haben. Doch sei es still geworden um das Thema, wobei man sagen muss, dass es diese mediale Stille immer wieder gegeben hat (siehe meine Kommentare z. B. dazu hier). Sie ändert allerdings nicht am festen Platz, die ein Bedingungsloses Grundeinkommen in der öffentlichen Diskussion hat. Die Frage ist nur, wann daraus ernst werden könnte?

Es gab wiederholt Dokumentationen, in denen Gesprächsausschnitte gezeigt wurden, die manchen Einblick geben, den standardisierte Befragungen, wie sie in der Regel durchgeführt werden, nicht erlauben, und zwar zu erfahren, wie konkret jemand mit dem Grundeinkommen umgegangen ist und darüber denkt, z. B. in dieser Dokumentation, die auf ARTE gezeigt wurde.

Norbert Blüm meinte zum Experiment "Die Bürger sind doch keine Mäuse, an denen man wie im Labor etwas ausprobiert", womit er einen wichtigen Punkt bei all diesen Experimenten getroffen hat.

Weitere Beiträge von uns zum Experiment hier und hier.

Sascha Liebermann

"Das System wirkt, als wäre es gemacht, um es den Empfängern schwer zu machen" - das ist seine tatsächliche Wirkung

"Beim Bedingungslosen Grundeinkommen nimmt der Staat der Öffentlichkeit die Illusion, Erwerbstätige sorgen für sich selbst"

Siehe auch unsere früheren Kommentare zu Ausführungen von Dominik Enste und Holger Schäfer, beide Institut der deutschen Wirtschaft, zum Bedingungslosen Grundeinkommen und zur Frage der Abhängigkeit vom Staat, die es angeblich erhöhe.

Sascha Liebermann

"Why should we pay UBI to rich people?"

Siehe dazu auch den Kommentar zu einer Anmerkung Gregory Mankiws, Professor of Economics an der Havard University, zum Universal Basic Income hier.

Sascha Liebermann

4. Juni 2021

"Faulheit sei nichts typisch Menschliches, das [...] abtrainiert werden müsste"...

..., das ist zutreffend. Wie ließe sich das zeigen? Dafür hilfreich ist, was Ulrich Oevermann in seinem "Strukturmodell von Religiosität" herausgearbeitet hat und zahlreich in fallrekonstruktiven Analysen gezeigt wurde. Die Lebenspraxis muss stets Entscheidungen treffen - und das ist als solches herausfordernd (siehe dazu diesen Vortrag und auch hier). Die moderne Demokratie als politische Herrschaftsform hat diese Selbstbestimmung zur Norm erhoben. Vor diesem Hintergrund ist "Faulheit" ohnehin nur etwas, das sich als Abweichung von dieser Norm verstehen lässt, wobei Selbstbestimmung damit gleichgesetzt wird, sie in Erwerbstätigkeit bzw. Erwerbserfolg münden zu lassen. Jemandem "Faulheit" zu attestieren, wenn er nicht genügend Aktivität oder Anstrengungsbereitschaft an den Tag legt,  spiegelt diese Engführung wider und verabscheut Muße als Zustand der zweckfreien Auseinandersetzung mit etwas um seiner selbst willen.

Sascha Liebermann

"Fördern und Fordern" = pädagogisierende Bevormundung statt Selbstbestimmung...

...,wer es mit dem Fördern hingegen ernst meint, muss Selbstbestimmung absichern, damit sich jemand für Angebote entscheiden kann, ohne bei Zurückweisung Sanktionen befürchten zu müssen. Das wäre autonomiebekräftigendes Fördern ohne pädagogisierende Anleitung. Apropos Finnland: vielleicht hat denjenigen, die dortiges Grundeinkommen erhalten haben, das in ihrer Situation am meisten geholfen. Statt einseitige Auslegung der Ergebnisse, differenzierte Betrachtung nötig.

Sascha Liebermann