18. Mai 2021

"Eltern mit Doppelkarrieren: Am Rande der Erschöpfung" - erst durch die Pandemie oder schon davor unrealistisch?

Nadine Bös (Bezahlschranke) schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung darüber und es erscheint, als sei das eine geradezu durch die Pandemie erzwungene Erkenntnis, dass Vollerwerbstätigkeit beider Eltern und Familienleben nicht zugleich möglich sind. Auch wenn hier der Aufhänger Schul- und Kitaschließungen in der Pandemie sind, so wird der Blick auf die Zeit davor verklärt, denn Vollerwerbstätigkeit erfordert Ganztragsbetreuung außer Haus, die für Familienleben nicht allzuviel Zeit übrig lässt - eben die Randzeiten des Erwerbsarbeitstages. Das gilt um so mehr, wenn, wie in dem Beitrag, die Eltern noch Leitungspositionen innehaben, die mit einer geregelten 40-Stundenwoche erst recht nicht zu haben sind. So können sich diese Paare, die Erziehungsaufgaben "zur Hälfte" teilen, die noch übrigbleiben.

Eine kleine Überschlagsrechnung veranschaulicht, worum es geht. Gehen wir von einer 40-Stunden-Woche aus, dann heißt das pro Tag acht Stunden Arbeitszeit, etwa eine Stunde Pause und insgesamt eine Stunde An- und Abfahrtszeit, macht in der Summe 10 Stunden. Bring- und Abholzeit zu Schule oder Kita kämen noch dazu, auch etwa eine Stunde. Um das zu schaffen, müssen Eltern gegen 7.30 Uhr aus dem Haus gehen, um gegen 18.30 Uhr samt Kindern wieder zuhause zu sein. Im Fall des Artikels müssen eher höhere Arbeitszeiten veranschlagt werden, also legen wir noch eine Stunde oder zwei oben drauf bzw. verlagern sie auf das Wochenende. Das Familienleben reduziert sich auf Frühstück und Abendessen sowie das Schlafengehen. Vom Tag der Kinder nichts mitzubekommen heißt auch, wenig davon mitzubekommen, was sie beschäftigt, wie sie sich verändern, schon gar nicht kann man miteinander vertraut werden. Wo sollen gemeinsame Erfahrungen hier noch Raum haben? Genau dies fördert die erzwungene Zeit miteinander jedoch ebenso zutage.

Gemeinsam Erfahrungen zu machen benötigt Zeit, die nicht in Termine gedrängt wird, Dinge müssen sich ergeben können - das ist in einem wie oben durchgerechneten Rhythmus nicht möglich, außer am Wochenende. Es wäre schon viel gewonnen, wenn das einfach schnörkellos ausgesprochen und anerkannt würde, statt es hinter wohlklingenden Formeln zu verpacken, die fortschrittlich klingen sollen, um dann über deren Realitätsferne zu staunen. Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedeutet, in beiderlei Richtung verzichten zu müssen, wenn überhaupt noch ein Restfamilienleben möglich sein soll.

Eine Neuentdeckung ist dieser Konflikt zumindest in der sozialwissenschaftlichen Forschung nicht und auch nicht über sie hinaus, wie Britta Sembach und Susanne Garsoffky vor Jahren schon deutlich gemacht haben. Doch bis in den jüngsten Familienbericht der Bundesregierung wird Vollerwerbstätigkeit als Emanzipations- und Fortschrittsformel verkauft. Die Diskussion um eine neue Vollzeit von 30 Stunden oder lebensspezifischen Arbeitsphasen gibt es schon länger, aber selbst 30 Stunden bedeuten bei Vollerwerbstätigkeit beider Eltern noch immer - nach der obigen Rechnung - etwa neun Stunden außer Haus. Was frühere Studien schon bemängelt haben, dass Väter zu viel abwesend sind (siehe auch hier), wird hier zum eigentlichen Erfolgsmodell für beide Eltern erklärt.

Da all dies - und damit das Familienleben - in dem Artikel keine Rolle spielt, geht es folglich nur darum, was aus diesem Betreuungsmissstand für die Karriere folge, z. B. eine Karriereknick, der "Motherhood penalty" usw.  Es wundert einen dann nicht, wenn (standardisierte) Befragungen solcher Eltern eine gesunkene Zufriedenheit feststellen - ja, natürlich mit der Betreuungslage. Am Ende des Beitrags heißt es dann, die Erfahrungen in der Pandemie seien "keine gute Werbung, um Kinder zu bekommen". Vielleicht müsste man die Schlussfolgerung etwas abwandeln. Die Pandemie zeigt, was zuvor schon nicht realistisch war und fordert auf, Prioritäten zu setzen, das kann auch heißen, auf Kinder zu verzichten, weshalb nicht?

Sascha Liebermann

Ein Versuch, Argumente abzutun und sie als Resultat einer "Fan"-Haltung zu degradieren...

...- das ist noch weniger als eine "subjektive Präferenz". Es stuft sie zu einer unergründlichen, gefühlsmäßigen Verbundenheit herab. Auch Ulrich Schulte hatte in der taz schon diese Einordnung genutzt; Götz W. Werner hatte einst gesagt, die BGE-Diskussion brauche keine Fan-Kultur, um deutlich zu machen, dass es nicht von selbst kommen werde. Noch drastischer als die Fan-Degradierung hat es einst Hans-Olaf Henkel ausgedrückt, der BGE-Befürworter als "Rattenfänger" bezeichnete. Überhaupt ist die Vorstellung, durch den Vorschlag eines BGEs würden andere zu etwas verführt, das ihnen nicht zum Guten gereichte, nicht so selten, siehe die Rede vom "verführerischen Gift" und der "Stilllegungsprämie".

Sascha Liebermann 

17. Mai 2021

Subsidiarität ohne Erwerbsgebot - oft übersehen,...

...das lässt der Beitrag von Tine Stein erkennen, der in "Starke Familie – Solidarität,Subsidiarität und kleine Lebenskreise", einer Veröffentlichung der Robert-Bosch-Stiftung, im Jahre 2009 erschienen ist. Auch wenn der Begriff "Subsidiarität" jünger ist, so reichen die Überlegungen, die zu ihm führten, bis in die antike Philosophie zurück. Siehe hierzu den Beitrag von Otfried Höffe, zur einseitigen Auslegung des Subsidiaritätsgedankens siehe meine früheren Beiträge hier.

In der Veröffentlichung der Robert-Bosch-Stiftung findet sich auch ein Beitrag von Claus Offe zum Verhältnis Bedingungsloses Grundeinkommen und Familie.

Sascha Liebermann


"Wahlprogramm der Grünen: Operation 'Samtpfote'"...

 ...darüber schreibt Ulrich Schulte in der taz und fragt sich, wozu die Grünen wohl konkret bereit sein werden angesichts eines Entwurfs für das Bundestagswahlprogramm, der äußerst große Spielräume lässt. Sie müssen sich zumindest an manchen Ansprüchen messen lassen, aber das war auch schon so, bevor sie in der Regierung mit der SPD Hartz IV eingeführt haben. Wir werden sehen. Siehe auch hier.

Sascha Liebermann

"Would you describe Alaska as a socialist utopia? Because Alaska has had a UBI since 1982"

"Das universelle #Grundeinkommen beschleunigt die Innovation, indem es unsere Angst vor dem Scheitern verringert"...

...und, so könnte ergänzt werden, weil es Wertschöpfung höher bewertet als das Schaffen oder Erhalten von Arbeitsplätzen (siehe hier), das wäre eine ebenso wichtige Weichenstellung.

Sascha Liebermann 

14. Mai 2021

"Obdachlose bekommen auf einen Schlag rund 5000 Euro" - Was heißt "vernünftig"...

 ...und wäre es Ausdruck des Scheiterns, wenn die Bezieher den Betrag "unvernünftig" verwendet hätten? Das Magazin stern berichtet über ein Projekt in Kanada, das schon in englischsprachigen Medien Thema war.

Die Frage, die sich hier stellt, ist eine, die sich bei allen Feldversuchen stellt, und zwar danach, was das Kriterium dafür ist, Scheitern oder Gelingen zu konstatieren. Warum ist das eine wichtige Frage? Weil sie deutlich macht, wie durch die Bewertung von Handeln wieder ein Kriterium formuliert wird dafür, was ein solche Transferleistung zu leisten habe. Erst also wenn sichergestellt ist, dass das Geld vernünftig verwendet wird, gilt das Projekt als gelungen. Damit wird ein Kriterium dafür formuliert, wann jemand selbst darüber entscheiden kann, was er mit Einkommen macht. Es ist diese unscheinbare Frage, die so folgenreich ist, als gäbe es heute ein Kriterium dafür, wann Bürger ihren Status als Bürger "vernünftig" nutzten und wann der Status unter Vorbehalt gestellt werden müsste.

Sascha Liebermann



12. Mai 2021

Podcast zum Bedingungslosen Grundeinkommen mit Sascha Liebermann - Link aktualisiert

Nachdem es Schwierigkeiten mit dem Link zum Podcast gab, ist dieser nun aktualisiert worden, siehe hier

11. Mai 2021

In der Tat, wie kann nur so verkürzt über das Leben gesprochen werden, so daß nur Erwerbsarbeit übrigbleibt

"Befangenheit im Erwerbsgebot" - weshalb Not nicht erfinderisch macht

Verfehlte Nostalgie, einseitige Wahrnehmung und Ausweglosigkeit in der Debatte - zur jüngsten Sendung von Hart aber fair

Frank Lübberding schreibt über die jüngste Sendung von Hart aber fair in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und macht auf manch Interessantes aufmerksam, so z. B. darauf dass einst, und zwar in den Zeiten des sogenannten Wirtschaftswunders, einmal als Maßstab von Wohlstand galt, von einem Einkommen leben zu können, auch als Familie. Dass wir davon weit entfernt sind, wurde in der Sendung an einem Gast deutlich, der alleinerziehenden und erwerbstätigen Djamila Kordus. Sie gehört von ihren Einkommensverhältnisse her eher zu den Working Poor, die gerade so über die Runden kommen. Selbst ein Mindestlohn von 12 Euro würde daran nicht viel ändern.

Obwohl auch heute dieser Maßstab, dass ein Einkommen ausreichen sollte, sein Recht hätte, denn das minderte die Erwerbsverpfllichtung, käme keiner mehr auf die Idee, sich daran zu orientieren. Stattdessen ist der Maßstab heute die möglichst umfängliche Teilnahme am Erwerbsleben, ganz gleich was das mit den anderen Lebensbereichen macht, wie an Frau Kordus Ausführungen zu erkennen war (siehe hierhier und hier).

An der Realität vorbei, wenn auch als bürgerliches Ideal damals präsent, ist das Klischee von der "Hausfrauenehe", worauf Lübberding zurecht hinweist. Denn die Erwerbsquote von Frauen in Westdeutschland zwischen 1950 und 1970 lag schon bei etwa 45%, kaum niedriger als in der DDR zur gleichen Zeit (siehe Deutschland in Zahlen, S. 145).

Dass nun gerade diejenige in der Runde, die wahrlich weiß, was es heißt, im Alltag kämpfen zu müssen, ihre Erwerbstätigkeit damit begründet und verteidigt, als Vorbild für ihr Kind dienen zu können, denn was solle "aus aus unseren Kindern werden, wenn sie sehen, dass wir nicht arbeiten und zuhause sitzen und wenn das alle machen, geht das auch nicht weiter“ (1:06:12), zeigt, wie tief die Sorge um den Verfall sitzt. Dabei ging es an dieser Stelle der Sendung gar nicht darum, zuhause zu sitzen, sondern den Druck auf die Löhne zu erhöhen. Dass Bundesarbeitsminister Hubertus Heil darauf hin sein Loblied von der Erwerbstätigkeit singen konnte, wie wichtig sie sei für viele, war letztlich eine Zustimmung zum Bedingungslosen Grundeinkommen, wie das ein Zuschauer mit anderen Worten erwähnte. Nur würde Heil das anders sehen.

Sascha Liebermann

Bedingungsloses Grundeinkommen und das Wissenschaftssystem,...

...was für einen Unterschied es machte, über ein BGE zu verfügen oder nicht, wird auch hieran deutlich. Wenige wissen womöglich, wie unsicher dieser berufliche Weg ist und wie lange er es sein kann, bis er sogar aufgegeben wird. 

Siehe dazu auch hier, hier und hier.

Sascha Liebermann 

10. Mai 2021

"World's Toughest Job" - nicht neu, macht aber das Besondere des Elternseins deutlich, wenn es hier auch um Mütter geht...

...und weshalb es ebenso besonderer Antworten bedarf, um dieser Eigenheit gerecht zu werden. Familie als Solidarverband lässt sich nicht erfahren, wenn man keine ungeplante Zeit füreinander hat oder das Zusammenleben in die Randzeiten des Erwerbsarbeitstages verbannt. Lösungen dafür zu finden, die nicht dazu führen, dem Einzelnen zu sagen, was er zu tun hat bzw. ein bestimmtes Handeln als erwünscht zu bewerten (Norm) kann es nur geben, wenn der Vorrang von Erwerbstätigkeit aufgegeben wird. Ohne Bedinungsloses Grundeinkommen geht das nicht.

Sascha Liebermann

"Tut Euren Müttern einen Gefallen" - allen anderen auch

Karl Reitter über Niedriglöhne und Bedingungsloses Grundeinkommen