23. Januar 2020

"Unbezahlte Arbeit" messen - ohne das Beziehungsgefüge zu erfassen

Jüngst wurde in den Medien, hier z. B. in der Tagesschau, über die Oxfam-Studie zu sozialer Ungleichheit weltweit berichtet. Darin ging es auch um den Umfang "unbezahlter Arbeit", der täglich geleistet werde, laut Studie habe er ein Volumen von 12 Mrd. Stunden pro Tag weltweit. Geleistet werden sie überwiegend von Frauen und Mädchen. Das ist nicht überraschend, denn wer die Zeitverwendungsstudien des Statistischen Bundesamtes kennt, ist über die Lage für Deutschland gut informiert. Nach den letzten Erhebungen 2013 (hier ausführlicher) ist der Umfang unbezahlter Arbeit ein Viertel höher als der bezahlter. In der Studie von 2002 war der Unterschied noch etwas stärker.

Hat die Bedeutung unbezahlter Arbeit deswegen abgenommen? Zu diesem Schluss könnte man gelangen, wenn die Relation zur bezahlten Arbeit betrachtet wird. Der Grund allerdings für die leichte Abnahme ist lediglich einer der Kategorisierung. In dem Moment, da Haushaltstätigkeiten ausgelagert werden, z. B. an Kitas, Reinigungskräfte, Kochdienste usw. sinkt das Volumen unbezahlter Arbeit. Wird zugleich bezahlte Arbeit von denjenigen aufgenommen, die zuvor unbezahlte geleistet haben, steigt dieses Volumen. Andere Faktoren spielen hierbei auch eine Rolle, z. B. demographische Veränderungen. Das alles ist nicht neu und findet auch Beachtung in methodischen Erläuterungen der Studien. Weniger Beachtung hingegen findet - so auch in der jüngsten Berichterstattung - der Umstand, was denn durch die statistischen Verfahren überhaupt erhoben wird. Norbert Schwarz und Florian Schwahn stellen ihrem Beitrag über die Veränderung unbezahlter Arbeit privater Haushalte eine differenzierte methodische Bemerkung voran, wie denn überhaupt gemessen werden kann und was dies voraussetzt. Dazu bedarf es vor allem einer Abgrenzung beider "Arbeits"-Formen. Setzt man hierfür das Kriterium bezahlt oder nicht bezahlt an, scheint es noch einfach. Immerhin lässt es sich abgrenzen.

Worüber die Abgrenzung aber keine Auskunft gibt, sie auch nicht geben kann, ist, welche Unterschiede im Beziehungsgefüge dieser Arbeitsformen bestehen. So stellt es die Forscher vor ein Problem, wie denn Erziehungszeiten zu messen sind, wenn z. B. Eltern gar nicht direkt mit ihren Kindern in eine gemeinsame Aktivität involviert sind, sondern nur in der Nähe sich aufhalten, während ihr Kind im anderen Zimmer spielt; wenn in der Küche gekocht wird, das Kind aber nur in der Nähe dabei sein will oder im selben Raum sich selbst beschäftigt. Solange sie sich nicht direkt einander zuwenden, ist es eine Frage der Definition, ob denn das nun "Erziehungszeit" ist oder nicht. Die bloße Anwesenheit ist einer solchen Definition zufolge noch keine Aktivität. Wer Kinder hat, weiß aber, dass der Anteil des bloßen Präsentseins sehr wichtig ist, die Ansprechbarkeit, ohne dass etwas darüber hinaus Bestimmtes verlangt wird. Schon hierbei wird klar, welche Probleme das methodisch mit sich bringt, denn würde dieses Anwesendsein berücksichtigt, explodierte der Umfang unbezahlter Arbeit. Wir sprechen hier noch gar nicht von der nächtlichen Präsenz für all die Anliegen von Kindern.

Vollends vorbei ist es, und das räumen Schwarz und Schwahn ein, wenn die Besonderheit der Beziehung zwischen Eltern und Kindern oder anderen nahestehenden Personen berücksichtigt wird (siehe hier und hier) - sie lässt sich nicht messen. Worüber Zeitverwendungsstudien auf der Basis statistischer Verfahren also gar keine Auskunft geben, worüber das gemessene Volumen in Stunden unbezahlter Arbeit pro Jahr keine Auskunft gibt, ist, welche Bedeutung die besondere Beziehung zwischen hier zuvörderst Eltern und Kindern, aber auch anderen Menschen, denen man sich um ihrer selbst willen zuwendet, hat. Das ist auch eine Schwäche des "Care"-Begriffs, der es als solcher ebenso wenig erlaubt, die Eigenheiten des Beziehungsgefüges zu erfassen. Wie wichtig es ist, füreinander da zu sein, ohne miteinander direkt etwas unternehmen zu müssen, das ist gerade bei Kindern von großer Bedeutung. So hilfreich es also sein mag, um auf den Stellenwert unbezahlter Arbeit aufmerksam zu machen, so sehr verkürzt das bloße Messen des Stundenvolumens, worum es geht. Eine Verschlimmbesserung ist es, wenn mit guten Absichten versucht wird, unbezahlter Arbeit einen Preis zuzuordnen, um sie mit bezahlter Arbeit vergleichbar zu machen - Beziehung erhält einen Warenwert.

Und nun? Entscheidend bleibt für das Verständnis, auf die Besonderheit bestimmter Tätigkeiten auf der Basis ihres besonderen Beziehungscharakters hinzuweisen. Statt von Haushaltstätigkeiten und unbezahlter Arbeit zu sprechen, wäre es also wichtiger, die spezifischen Tätigkeiten zu benennen und in ihrer Eigenheit zu bestimmen. Sozialisatorisch hat Familie eine ganz andere Bedeutung und einen ganz anderen Stellenwert als Bildungsinstitutionen, sie sind nicht durcheinander ersetzbar, wie es die Debatte um Ganztagsbetreuung und -schule suggeriert. Es geht eben nicht einfach darum, "social skills" auszubilden oder "sozialen Austausch" zu haben. Den hat ein Säugling unmittelbar nach der Geburt schon vor allem mit der Mutter und dem Vater. Entscheidend ist, welche Beziehung diesem Austausch unterliegt und in welcher Phase der Entwicklung was wichtig ist. Wer diesen besonderen Beziehungen (in der Soziologie spricht man auch von diffusen Sozialbeziehungen) nicht den Raum und die Zeit gibt, die sie benötigen, muss sich über Folgen nicht wundern. Doch in Zeiten, in denen Wahlfreiheit und "Selbstbestimmung" individualistisch missverstanden werden, ist es schwer darüber zu diskutieren, dass die Aufmerksamkeit darauf, was Kinder benötigen, damit einhergeht, eigene Interessen als Eltern sehr weit zurückzustellen (so weit der Einzelne es aushalten kann, das darf nicht vergessen werden). Das ändert sich zwar altersspezifisch, werden Kinder älter, ist es immer weniger nötig, bleibt aber lange dominierend, sofern ernstgenommen wird, was Kinder artikulieren. Ein Bedingungsloses Grundeinkommen wäre hier deswegen enorm hilfreich, weil es genau dies ausdrücklich anerkennen würde, nicht individualistisch, sondern durch das Gemeinwesen. Das würde es für jeden einfacher machen, sich dieser Herausforderung zu stellen, ohne erwerbstätig sein zu müssen und zu sollen.

Sascha Liebermann

"It's wrong to tell someone without boots that they pull themselves up by their bootstraps"


21. Januar 2020

Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Familie und Kinder als Übel

In der Pressemitteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung heißt es:
"Ein aktuelles Gutachten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in Auftrag gegeben wurde, zeigt: Die Erwerbsquote der Mütter steigt je nach Szenario um zwei bis sechs Prozent. Mütter, die bereits erwerbstätig sind, erhöhen infolge der Reform ihre Arbeitszeit. Davon profitieren einerseits die Mütter und die Familien selbst," – zwar ist man einerseits etwas irritiert, wie denn die Erhöhung der Arbeitszeit den Familien nutzen kann, aber andererseits doch erfreut. – Wie geht es weiter?

"da ihr Bruttoeinkommen steigt."

Es geht also nicht um die Familie als Familie, sondern um die Familie als profitorientiertes Wirtschaftsunternehmen, dem es besser geht, je höher das Einkommen ist; die Wortwahl – "profitieren" – macht dem Leser dies ja auch zuvor schon klar. – Was aber ist mit der Zeit, derer das familiale Leben bedarf? Was mit der Zeit, derer die Sozialisation bedarf? Was mit der Zeit, derer die Bildung einer Gemeinschaft und die Bildung von Subjekten bedarf?

"Andererseits aber auch der Staat, der sich über höhere Steuereinnahmen und weniger Sozialtransfers freuen kann. Der Ausbau der Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder finanziert sich aus Sicht des Staates also zu einem guten Teil von selbst."

Es geht also um eine Maßnahme, deren Zweck hier in der Studie nicht infrage steht; genauer, es geht, so der Titel der Studie, um "Fiskalische Wirkungen eines weiteren Ausbaus ganztägiger Betreuungsangebote für Kinder im Grundschulalter". Der Zweck ist vorgegeben, es geht um die Auswirkungen – warum aber ist dann die Rede davon, dass "Mütter und Familien selbst" profitierten? Hier wird unterschwellig und unhinterfragt – unter dem Sonntagsslogan der "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" ein Modell von Familie propagiert, das mit Familie als einer Institution, in der durch die gleichzeitige Bildung der Individualität des Kindes und seine Bildung als Angehöriger einer Gemeinschaft, nichts mehr zu tun hat – ja letztlich wird eine Familie mit Kindern als Störfaktor im Wirtschaftskreislauf betrachtet – wie es ja auch in der verbreiteten Rede von "Kinder als Armutsrisiko" der Fall ist. Besser für den Wirtschaftskreislauf und für den Staat, der ja ebenfalls abstrakt als Wirtschaftsunternehmen gedacht wird, dem es offenbar um hohe Einnahmen ("höhere Steuereinnahmen") und weniger Ausgaben ("weniger Sozialtransfers") gehen muss – besser also für die Ökonomie und die ökonomisch reduziert verstandene Welt wäre es, wenn Frauen und Männer nicht egoistisch darauf bestünden, Mütter und Väter zu werden, also Kinder in die Welt zu setzen, sondern lieber direkt und vollständig dem Arbeitsmarkt zur Verfügung ständen. Dann bedürfte es der Reparaturmaßnahme Ganztagsbetreuung nicht.

Ja aber – ein Bedingungsloses Grundeinkommen will doch auch Familien nur ein höheres Einkommen ermöglichen, betrachtet sie also als Wirtschaftunternhmen, das billig an seine Ressourcen kommt… Was ist da der Unterschied? Das höhere Einkommen aus der Perspektive des DIW (und auch aus der des Bundesministeriums für Familie?) ist Zweck an sich, dem die sonst in der Familie in Erziehung, Bildung, gar – horribile dictu – Spiel verschwendete Zeit dienen muss: Time is money. Ein Bedingungsloses Grundeinkommen hingegen würde aufgrund seiner Bedingungslosigkeit eine freie, zumindest freiere Verfügung über Zeit ermöglichen, Zeit, die dann genutzt werden kann für die genuinen Aufgaben der Institution Familie – "Time is honey" formuliert dies schick, aber ansprechend und augenöffnend der Zeitforscher Karlheinz Geißler.

Thomas Loer

"Elon would pay more into the system, which he's totally cool with"


"Ganztagsbetreuung könnte Steuereinnahmen erhöhen" - und was bedeutet das für das Familienleben?

Heike Schmoll berichtet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in Auftrag gegeben wurde.

Dass dem Bundesministerium an einer solchen Rechnung gelegen ist, kann einen nicht überraschen (Oxfam sieht das ja offenbar ähnlich). Wie wäre es aber, zu dieser Berechnung eine Gegenrechnung aufzumachen und beide zu vergleichen?

1) Aufzurechnen im strikten Sinne, das geht natürlich nicht. Wie aber wäre es, wenn Kinder erst dann den Kindergarten besuchen, wenn sie selbst die Bereitschaft dazu artikulieren, weil das etwas mit ihrem Wohlbefinden zu tun hat? Das hätte nicht nur Vorteile für die Kinder, weil sie reifer wären, es würde sich auch auf die Einrichtungen auswirken, die nicht damit beschäftigt wären, die Trennungserfahrungen und -ängste der Kinder auffangen zu müssen. Würden wir so auf die Sache blicken, dann müssten wir eher institutionelle Frühförderung zurückfahren und Eltern darin bestärken bzw. unterstützen, dass Kinder Zeit für ihre Entwicklung brauchen in einem Schonraum, der ihnen diese Zeit gibt.

2) Wie wäre es damit, Schulkindern den Freiraum zu schaffen, damit sie mehr Zeit zum freien Spielen haben? Kinder könnten sich wieder mehr in ihrem direkten Lebensumfeld miteinander verabreden und es erkunden, statt unter Dauerbeaufsichtigung zu sein. Dann müssten wir die Ganztagsangebote nicht ausbauen, sondern reduzieren, denn sie sorgen heute schon dafür, dass sich Schulkinder (der Grundschule) mit Freunden nicht selten erst um 16.30 Uhr verabreden können.

3) Wie wäre es damit, Eltern mehr Möglichkeiten zu geben, damit Familienleben mehr sein kann, als gemeinsam Frühstück und Abendessen einzunehmen sowie vor- und nachher ein wenig zu spielen? Gemeinsame Erfahrungen brauchen gemeinsame Zeit statt getaktete und durchgeplante Alltage. Kinder und Jugendliche artikulieren ihre Wünsche und Sorgen nicht terminorientiert, in der "quality time", sondern dann, wenn sie ungezwungen Raum dafür haben.

Es mutet angesichts dessen nachgerade zynisch an, über die weitere Erhöhung der "Frauenerwerbsquote" - um die geht es dabei meist - und die Ausweitung von "Betreuungszeiten" sowie die Absenkung des Betreuungsalters zu sprechen, ohne darüber zu reden, was die Voraussetzungen für ein lebendiges Familienleben sind, in dem Eltern wissen, was in ihren Kindern vorgeht, sich ihren Sorgen und Nöten widmen, einfach da sein können.

Apropos "Bildungsungleichheit" und "Qualität" in Einrichtungen: Zeit für Familie und Frühförderung gegeneinanderzustellen, denn mehr Zeit für letzteres bedeutet weniger Zeit für ersteres, ist der falsche Ansatz. Andere Förderformen, dort wo überhaupt nötig, Formen, die mit den Nähewünschen der Kinder im Einklang sind, erfordern diesbezüglich ein Umdenken, statt einfach die "Qualität" in Einrichtungen verbessern zu wollen. Und, weil der Einwand sicher schon auf der Türschwelle wartet, Familien, die ihrer Verantwortung diesbezüglich nicht nachkommen, benötigen eine andere Unterstützung als mehr Erwerbstätigkeit der Eltern. Dafür gibt es allerdings schon Regelungen im Achten Buch Sozialgesetzbuch (Kinder- und Jugendhilfe). Sie bedeutet allerdings stets eine Gratwanderung.

Sascha Liebermann

"Geld für alle - mit Gottes Segen? (Podiumsgespräch)" in der Karl Rahner Akademie Köln...

...Diskutanten sind Winfried Gather, KAB Mitglied und ehemaliger Diözesansekretär (pro) und Ursula Nothelle-Wildfeuer, Professorin für Christliche Gesellschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (contra). Weitere Informationen finden Sie hier.

Siehe frühere Beiträge zu Äußerungen Frau Nothelle-Wildfeuers hier, zur einseitigen Auslegung des Subsidiaritätsgedankens hier und hier.

Sascha Liebermann

20. Januar 2020

Auch der VdK bindet Würde doch letztlich an Erwerbstätigkeit - dann ist sie keine mehr



Siehe dazu auch frühere Beiträge von mir hier und hier.

Sascha Liebermann

"Der Traum vom Grundeinkommen"...

...ein kurzer Beitrag im rbb Fernsehen.

17. Januar 2020

"Arbeit! Eine Agenda für die Fleißigen" - wieder einmal Arbeitsplätze statt Leistung!

Karlheinz Paqué, Vorstandsvorsitzender der Friedrich Naumann Stiftung, fordert in einem Beitrag auf ihrer Website "eine Agenda für die Fleißigen" - da fehlt beinahe nur noch der "Vorrang für die Anständigen". Paqués Forderung klingt nach alt bekannten Slogans wie "Arbeit hat Vorfahrt" oder "Arbeit muss sich wieder lohnen". Er stellt sich damit ganz in die Tradition früherer FDP-Kampagnen, was auch daran deutlich wird, dass er es begrüßt, wenn die FDP nun die "hart arbeitende[n] Mitte der Gesellschaft in den Vordergrund" rücke, die "Arbeiter und Bauern - und nicht [die] üblichen Randgruppen von Flüchtlingen bis zu Langzeitarbeitslosen". Die Abgrenzung verwundert, der letzte  Bundestagswahlkampf scheint vergessen, in dem auch für die SPD die "hart arbeitenden Menschen" - man fragt sich immer, was denn mit den anderen ist - im Zentrum standen. Überhaupt werden die Sanktionen im Arbeitslosengeld ja genau mit Bezug darauf begründet. Weshalb, so würde es doch für eine liberale Partei eher nahelegen, fordert der Autor denn nicht, von der Fixierung auf Arbeitsplätze Abschied zu nehmen und stattdessen die Steigerung der Wertschöpfung ins Auge zu fassen? Echtes Leistungsdenken wäre dann gefragt, denn Arbeitsplätze und Wertschöpfung hängen gar nicht miteinander zusammen - über unbezahlte Arbeit sprechen wir hier noch gar nicht, die im Beitrag von Paqué nicht auftaucht, sie ist wohl vernachlässigenswert in seinen Augen.


Leistung, so könnte man einen ebenso alten Slogan variieren, muss sich nicht wieder lohnen, sie muss überhaupt ernst genommen werden - Arbeitsplatz und Leistung sind nicht dasselbe. Paqué schreibt dann:

"In einer historischen Phase, die einmalig gute Chancen bietet, das Schicksal der fleißigen Mittelschicht politisch und wirtschaftlich zu verbessern, wenden sich alle Parteien der moderaten politischen Linken von ihr ab. Ganz anders die Liberalen: Sie sind seit Jahren die erste Partei, die den Mut hat, die wirtschaftliche Diskussion im Land wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen, d. h. von den Randgruppen zur Mitte. Die Zeit ist optimal dafür, denn seit der Wiedervereinigung gab es niemals so viel Platz für beruflichen Aufstieg und neue Arbeitsplätze. Und die Chancen werden in den kommenden Jahren aufgrund der demographischen Entwicklung am Arbeitsmarkt noch viel besser."

Hier wird die Zahl der Erwerbstätigen mit der des Arbeitsvolumens (besonders des Arbeitsvolumens pro Kopf) verwechselt, außerdem fällt das Ausmaß an Teilzeit unter den Erwerbstätigen unter den Tisch.


Die nachstehenden Forderungen unterscheiden sich dann im Grunde nicht von anderen Parteien:

"Allerdings bedarf es dafür auch moderner Weichenstellungen, die den Prozess erleichtern: Weiterbildung am Arbeitsplatz, Qualifikation außerhalb des Unternehmens, Zuwanderung von Fachkräften, mehr Unterstützung zu erhöhter Erwerbsbeteiligung von Frauen, bessere Möglichkeiten des Zuverdiensts bei Hartz IV etc. etc. Kurzum: alles, was zu besserer Arbeit motiviert und mobilisiert."

Heute mag diesbezüglich manches im Argen liegen, doch im Vergleich zu den anderen Parteien ist nicht zu erkennen, was daran innovativ wäre. Außerdem gilt für die anderen Parteien Ähnliches wie für die Forderungen Paqués: Arbeitsplätze sind offenbar wichtiger als Leistung. Und bezeichnend ist wieder die Verdrehung der Perspektive, als sei es tatsächlich so, dass die Anrechnungsregelungen bei Hartz IV, die in der Tat grotesk sind, der entscheidende Grund dafür seien, eine Arbeitsstelle nicht anzunehmen, dafür gibt es viele andere Gründe (siehe auch hier), die nichts mit mangelnder Motivation zu tun haben. Sprechen wir doch aus, was eine noch stärkere "Mobilisierung" des Erwerbspotentials - hier bei Frauen, aber insgesamt für das Familienleben - bedeutet: mehr Ganztagsbetreuung, noch weniger Zeit für Familie und das Leben jenseits des Erwerbslebens. Eine Verarmung an Solidarerfahrungen geht damit einher.

Und zum Schluss soll hier nicht fehlen, worauf der Tweet oben Bezug nimmt, dass Paqué es eben nur um Meinungen zu gehen scheint, nicht um Argumente (obwohl ich dachte, genau das sei Gegenstand seines Beitrags). Ganz im Sinne der paternalistischen Fürsorge meint er, Menschen könnten zum Stillhalten verdammt werden durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Abgesehen davon, dass ein BGE kein Stillhalten verordnet, das ist eine bewusste Verdrehung, wie Michael Sienhold (Thread zum Tweet zurecht betont), scheint es mit dem liberalen Denken hier ganz vorbei zu sehen, wenn liberal heißen würde, von der Eigeninitiative des Menschen in jeder Hinsicht auszugehen. Dann müsste ohnehin anders angesetzt werden, und zwar dort, wo das Mündigkeitsprinzip der Demokratie ansetzt, ganz einfach davon auszugehen und ausgehen zu müssen, dass die Menschen ihr Leben soweit es vernünftig und realistisch ist, in die eigenen Hände zu nehmen. Das zeichnet die Demokratie aus, aber die kommt ja auch nicht vor.

Sascha Liebermann

16. Januar 2020

"...dass Robert Habeck die treibende Kraft war beim bGE im Koalitionsvertrag ist ein Märchen"


"Some economists say it's time to use more statistics beyond GDP" - Statistik hat aber auch Grenzen, die beachtet werden sollten


Kürzlich wies Norbert Häring auf Fallstricke hin, die bestehen, wenn weitere "Messgrößen" in das Bruttoinlandsprodukt integriert werden sollen. Hierbei geht es auch um Grenzen der Statistik (siehe auch hier).

Sascha Liebermann

7th Democratic Debate without Andrew Yang


"What government secret is Andrew Yang most excited to learn?"


15. Januar 2020

"Aus den Tiefen und Untiefen der Bedürftigkeit:...

...Ein Jobcenter verliert einen Prozess gegen eine wohnungs- und mittellose Frau. Und immer wieder wird Hartz IV verengt auf (registrierte) Arbeitslose", übertitelt Stefan Sell seinen Beitrag und greift die verharmlosenden, Schreckgespenster an die Wand malende Berichterstattung über Hartz IV auf, die sich jüngst wieder einmal dazu verstieg, diese Leistungen - wie Wolfgang Schäuble oder Heinrich Alt - als womöglich zu üppig oder die Bezugsbedingungen als zu lasch zu charakterisieren.

Sascha Liebermann