Jendrickes Haltung wird z. B. hier deutlich:
"Jendricke: Ich sage das, weil mir an unserer Jugend etwas liegt und ich sie nicht aufgeben will. Auch mir wäre es lieber, wenn es anders ginge. Aber wir mussten eben erfahren, dass manche Menschen trotz wiederholter Einladung keine Lust auf Arbeit haben. Sie hatten ihre Chance: Alle hätten im Herbst eine Ausbildung beginnen können und haben es versäumt. Wenn da vom Elternhaus kein Druck kommt, muss der Staat reagieren. Zur Not mit Leuten in Uniform, die denjenigen hinter dem Türspion signalisieren: Besser, du öffnest jetzt."
Die Frage, um die es geht, auf "Lust" zu reduzieren, an der es mangele, schließt aus, dass es andere Gründe gibt. Darüber, was eine "Chance" ist, befindet das Jobcenter, nicht der Bürgergeldbezieher selbst. "Chancen" werden also kollektiv definiert, nicht nach Dafürhalten des Einzelnen. Wer also solche "Chancen" nicht wahrzunehmen bereit ist, will - so die Haltung - eben nicht. Das ganze Drohszenario, das Jendricke hier aufbaut, lässt es nicht zu, differenzierter auf die Lage zu blicken.
Dann nennt Jendricke Beispiele für "Chancen":
""Jendricke: Da werden in Werkstätten beispielsweise Bänke und Waldschenken hergestellt oder Spielplätze gepflegt. Alles sinnstiftende Arbeit, für die es zusätzlich zum Bürgergeld einen Euro pro Stunde gibt."Auch hier wird deutlich, dass schon bestimmt ist, was der Einzelne für sinnvoll zu halten hat.
"Steinhaus: Sie machen es sich zu einfach, wenn Sie sagen: Die Leute hatten die Gelegenheit, die haben sie nicht genutzt, und zack, stehen Sicherheitskräfte vor ihrer Tür und werden sie öffentlich diffamiert. Auch ohne Zwang würden viele dieser Jugendlichen Arbeitsgelegenheiten vermutlich annehmen. Man sollte auf sie zugehen, sie noch besser über Ausbildungsmöglichkeiten informieren und ihnen mehr zugewandte Angebote unterbreiten. Sogar der Bundesvorsitzende der Jobcenter-Personalräte findet Ein-Euro-Jobs als Strafe verantwortungslos."
Frau Steinhaus greift diesen Aspekt sogleich auf, verweist dann aber auf eine anzunehmende Bereitschaft der Jugendlichen, Angebote anzunehmen und übergeht den Punkt, dass die Richtung der "Chancen" vordefiniert ist. Wichtig wäre es hier, sich genau anzuschauen, was denn hinter "keine Lust auf Arbeit" steckt, die Jendricke behauptet.
Seine Reaktion ist immunisierend, weil ad hoc nicht überprüfbar:
"Jendricke: Einfach mal einen netten Brief schreiben, und dann läuft alles von allein? Das wäre mein Traum! Aber das ist nicht die Lebensrealität. Die Kritik, die Sie anführen, ist mir nicht bekannt, bei uns im Jobcenter höre ich Positives. Die Mitarbeiter sagen, dass sie wieder mehr junge Menschen erreichen und die auch gesprächiger sind – auch über den Kreis der Teilnehmer hinaus. Offenbar wird jetzt allen klar: Die Zeit, in der man unbehelligt vom Bürgergeld leben kann, ist vorbei."
Vom Bürgergeld "unbehelligt" zu leben, sei nun vorbei, kein Wort von Sanktionsinstrumenten und dem Druck, der dadurch aufgebaut wird. Der Zusammenhang zwischen diesem Druck, der Stoßrichtung der Angebote und der Lebenslage der Bürgergeldbezieher, wird übergangen. Für eine erfolgreiche Erwerbsbiographie, das bleibt hier vollkommen außen vor, ist es notwendig, bestimmte Voraussetzungen mitzubringen, damit Arbeitsverhältnisse sowohl für Mitarbeiter als auch für Unternehmen sinnvoll sind. Auch das spielt hier keine Rolle, die bloße Vermittlung in welches Erwerbsverhältnis auch immer steht an oberster Stelle, extreme Fälle ausgenommen.
Das Märchen vom "Leben auf dem Sofa" darf nicht fehlen:
"Jendricke: [...] Im Übrigen: Dass Leistungsempfänger Termine nicht einhalten, liegt häufig daran, dass durch die Einführung des Bürgergelds der Eindruck entstanden ist, das Leben auf dem Sofa wird bezahlt – das ist nett und bequem. Daran hat auch meine Partei, die SPD, einen Anteil. Doch gerade bei den jungen Leuten ist das ein totaler Irrweg!"
Als habe nicht die SPD den Leistungsbezug noch unter Bundesarbeitsminister Heil wieder verschärft und als habe es Sanktionsinstrumente nicht die ganze Zeit noch gegeben. Dass Jendricke als SPD-Mitglied solche Märchen verbreitet, zeigt wo die Diskussion um Existenzminimum steht. Es ist nicht nur die CDU, die die Bürgergeldpraxis für zu lasch hält.
Zwischen Angebot sowie Beratung auf der einen, Druck auf der anderen Seite wird nicht weiter unterschieden:
"Jendricke: Es stimmt, die kennt man. Doch durch die Maßnahme wissen wir jetzt noch mehr über die Ursachen einer Arbeitsverweigerung. Bei einer jungen Frau haben uns die Großeltern gesagt: Gebt ihr kein Geld mehr! Sie hätten ihr schon so lange gesagt, dass sie aus ihrem Leben etwas machen muss. Sie ist dann freiwillig mit unserem Vollzugsdienst mitgefahren. Noch einmal: Diese Altersgruppe braucht oft etwas Druck. Wie wollen Sie jemandem erklären, dass die Jungen vom Staat finanziert zu Hause sitzen, während darüber diskutiert wird, dass Rentner ein Pflichtjahr machen sollen, weil überall Arbeitskräfte fehlen? Ich finde es völlig richtig, dass mit der Bürgergeldreform ab Juli die Sanktionen verschärft werden."
Dass hier die gesamte Lebensgeschichte der jungen Frau unbeachtet bleibt, dass eine Haltung zu Engagement und Initiative nur vor diesem Hintergrund verstehbar ist, spielt keine Rolle, dem wird kein Raum gegeben. Angesichts des Forschungsstandes in den Sozial- und Erziehungswissenschaften, aber auch vor dem Hintergrund dessen, was die politische Grundordnung einer liberalen Demokratie voraussetzt, sprechen solche Ausführungen Bände. Dass der Sozialstaat mit seiner Erwerbszentrierung als solches schon Druck ausübt, sieht Jendricke überhaupt nicht, folglich kann er auch nicht einer anderen Richtung Antworten suchen. Helena Steinhaus entgegnet entsprechend:
"Steinhaus: Keine Studie weist darauf hin, dass Sanktionen auf Dauer der Aufnahme einer Arbeit zuträglich sind. Keine einzige. Und auch zu dieser Jugendlichen hätten bemühte Sozialarbeiter Kontakt aufnehmen können."
Die unterschiedlichen Haltungen werden auch hier noch einmal deutlich:
"Jendricke: Der würde bei mir zu Hause natürlich richtig Druck bekommen. Ich habe Verständnis dafür, wenn man eine Lehre oder ein Studium abbricht, um sich anders zu orientieren. Aber wer gar keinen Weg einschlagen will, muss spüren, dass das so nicht geht. Ich würde meinem Kind da eine Frist setzen."
Die Frage wäre, worauf sich die Frist hier bezieht? Geht es um den Auszug aus dem Elternhaus, die finanzielle Unterstützung durch die Eltern oder worum? Dass die Ablösung vom Elternhaus der entscheidende Schritt in ein selbstbestimmtes Leben ist, ist unstrittig, doch erfolgt diese Ablösung in der Regel unspektakulär. Entscheidend dafür ist eine intakte Beziehungsdynamik zu den Eltern. Erklärungsbedürftig ist also nicht, dass die Ablösung vollzogen wird, sondern weshalb sie nicht vollzogen wird. Diese Frage ist sozialisatorisch auch mit einer Haltung zu Initiative und Verantwortungsbereitschaft verbunden, um so wichtiger ist es, zu verstehen, warum sich diese Haltung nicht oder ungenügend ausgebildet hat, um dann entsprechend helfen zu können. Jendricke setzt hier nur auf Druck, lässt also keine fallorientierte Lösung zu.
Steinhaus sieht diesen Zusammenhang und plädiert dafür, zu verstehen, was los ist, um dann helfen zu können:
"Steinhaus: Ich würde herausfinden wollen, warum das Kind keine Ausbildung machen oder studieren möchte. Es ist ja eher ungewöhnlich, wenn ein Mensch keine Ziele oder Träume hat. Ich würde mit ihm sprechen und nach Lösungen suchen, aber ohne Druck. Denn der erzeugt bekanntlich nur Renitenz."
Nicht auszuschließen ist, dass dennoch keine Lösung gefunden und keine Hilfe angenommen wird. Das wird es immer geben und ist nicht weiter überraschend. Dass Jendricke daraus eine Grundsatzfrage macht, zeigt nur, wie wenig bereit er ist, sich auf die konkreten Problemlagen einzulassen und nach einer Lösung zu suchen, die der Würde der Person angemessen ist. Ein Gemeinwesen, das auf die Initiative und das Engagement seiner Bürger setzt, und genau das muss die republikanische Demokratie, muss sich die Frage stellen, wozu die Absicherung des Existenzminimums dienen soll. Soll es dem Einzelnen als Angehörigen des Gemeinwesens ebenso vorbehaltlos zur Verfügung stehen, wie er vorbehaltlos Angehöriger des Gemeinwesens ist? Dann muss es von der Erwerbsverpflichtung entkoppelt werden. Soll es notfalls als Mittel dienen, um per Sanktionen Druck auszuüben und das Existenzminimum unter Vorbehalt zu stellen, dann hält man an dem Sozialstaat fest, denn wir haben, mit allen Folgen und aller Blindheit gegenüber all dem Engagement, das nicht erwerbsförmig erfolgt.
Sascha Liebermann