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10. Juni 2021

Kurze Geschichte des Grundeinkommens von Philippe Van Parijs

8. Februar 2018

Heiligt der Zweck die Mittel…

…oder zerstören manche Mittel auch den Zweck? – Das fragt man sich, wenn man die jüngsten Ausführungen von Philippe van Parijs liest. Van Parijs, einer der frühen philosophischen Streiter für das Bedingungslose Grundeinkommen, der mit seinem Aufsatz "Why surfers should be fed" provokant und kompromisslos ein BGE gefordert hat und der das Basic Income Earth Network als Basic Income European Network mitgründete, macht dort Vorschläge für den Weg zur Einführung eines BGE, die überraschen.

Van Parijs wird gefragt: "Sie reden von kleinen Schritten. Wie würden Sie anfangen?", und er antwortet: "Mit einem partiellen Grundeinkommen, also einem monat­lichen Satz, der an keine Bedingungen geknüpft ist, allerdings nicht ausreicht, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, vor allem nicht, wenn man allein in einer Stadt lebt."

Warum, fragt man sich, soll der Betrag unter dem kulturellen Existenzminimum liegen? Was wäre der Vorteil gegenüber einem vollgültigen BGE?

Den Einwand, dass das vermutlich einen bürokratischen Mehraufwand bedeute, weist van Parijs nicht zurück, behauptet aber, die Beseitigung der Armutsfalle sei die Folge eines auch niedrigen BGE. Dass dies angesichts der Tatsache, dass das Armutsfallentheorem als widerlegt gelten kann, überrascht, darauf hat Sascha Liebermann hier schon hingewiesen und entsprechende differenzierte Darstellungen angeführt. Van Parijs stellt dann die entdiskriminierenden Effekte der Bedingungslosigkeit heraus, die aber keinen positiven Grund für die geringe Summe darstellen, die er als Zwischenschritt fordert.

Als weiteren Zwischenschritt malt van Parijs ein "Partizipationseinkommen" aus, das wieder an bestimmte Bedingungen geknüpft wäre: Der Empfänger erhielte das "Partizipationiseinkommen" als "Gegenleistung für einen Beitrag an die Gesellschaft, beispielsweise wenn eine Person einer Erwerbsarbeit nachgeht, sich weiterbildet, zu Hause auf die Kinder aufpasst oder sich gemeinnützig engagiert." Van Parijs hält selbst fest, dass dieses Einkommen "wahrscheinlich sogar teurer [wäre] als ein bedingungsloses Grundeinkommen in gleicher Höhe, da ein bürokratischer Apparat unterhalten werden müsste, der prüft, ob Menschen ihren Beitrag leisten". Die Kontrolle des gegenwärtigen Sozialstaats würde van Parijs also beibehalten wollen, obwohl er deren Wegfall beim BGE  ja im gleichen Interview treffend herausstellt: "Freiheit ist ein mächtiger Produktionsfaktor."

Warum? fragt man sich erneut.

Van Parijs hebt hervor: Ein "Partizipationseinkommen" "wäre an Bedingungen geknüpft, die die Akzeptanz in der Öffentlichkeit fördern."

Also um der Akzeptanz willen, sollen zwei entscheidende Momente des BGE aufgegeben werden: eine Höhe, die ausreicht, um ein würdiges Leben in der Gemeinschaft führen zu können, und die Bedingungslosigkeit.

Was van Parijs als weitere Begründung anführt, verblüfft: Er konstatiert, dass "diese Prüfungen ["ob Menschen ihren Beitrag leisten"] oft schwere Eingriffe in die Privatsphäre nach sich ziehen [würden] und […] für die Betroffenen" "schwer erträglich" wären. Und das hält van Parijs für wünschenswert?

Warum?

Van Parijs meint: "Das könnte ein Anlass sein, weitere Maßnahmen in Richtung Grundeinkommen zu wagen."

Die Logik ist also die: Die Bürger sollen mit einem Schein-BGE noch mehr geknechtet werden, damit sie die Ketten und damit den Schein abwerfen und schließlich ein echtes BGE einführen. Dass mit diesen Mitteln der Zweck, dem sie dienen sollen, selbst diskreditiert würde, liegt auf der Hand; van Parijs sieht das aber offensichtlich nicht.

Dass van Parijs sein Interview mit einem treffenden Zitat von Max Weber beendet, ist nun vollends paradox; das Zitat lautet: „Alle geschichtliche Erfahrung bestätigt, dass man das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder nach dem Unmög­lichen gegriffen worden wäre.“ – Mit seiner 'realpolitischen‘ Orientierung am – unter den gegenwärtigen Bedingungen der Erwerbsorientierung und der Kontrollbürokratie – Möglichen macht van Parijs das BGE, das ja nur eine durch und durch mögliche Radikalisierung des Gedankens der Staatsbürgerschaft in einem demokratischen Gemeinwesen darstellte, und damit eine eine radikale Vereinfachung und vor allem Befreiung bedeutete, zu etwas – Unmöglichem.

Thomas Loer

10. Oktober 2017

Videoaufzeichnungen einiger Vorträge am letzten BIEN-Congress in Lissabon

Die Veranstalter haben bei youtube einige Vorträge zugänglich gemacht. Siehe auch den Kurzbericht von Raimund Acker, der für das Netzwerk Grundeinkommen am Kongress teilnahm.

22. Dezember 2016

BIEN’s 30th Anniversary Reunion - Videos available

Das Basic Income Earth Network feierte in diesem Jahr sein dreißigjähriges Bestehen Nun sind Videoaufzeichnungen einiger Veranstaltungen über die Website der Basic Income News online verfügbar gemacht worden. Auch gibt es aus diesem Anlaß ein E-Mail-Interview mit Philippe van Parijs von Kate McFarland.

7. November 2016

12. August 2016

"Ein Grundeinkommen für alle" - Kommentar zum Essay von Paul Nolte

In einem Essay für NDR Kultur, Gedanken zur Zeit hat sich jüngst Paul Nolte, Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin, zur Diskussion um das Bedingungslose Grundeinkommen geäußert. Er befasst sich nicht das erste Mal damit und war vor vielen Jahren in einer Talkshow vehementer Gegner eines BGE (siehe hier). In seinem aktuellen Beitrag gibt er sich milder, stellt das BGE und die Diskussion darüber jedoch durchaus eigenwillig dar. Darin kehren manche Missverständnisse wieder, die in der Diskussion häufiger angetroffen werden können.

Schon in den ersten Absätzen heißt es mit Bezugnahme auf die Schweizer Volksabstimmung im Juni, die Ausgangspunkt des Essays ist, dass "das staatliche Basiseinkommen [...] bei den Gutverdienenden mit dem Arbeitslohn verrechnet [würde]". Zwar gab es in der Schweizer Diskussion u.a. von Seiten des Bundesrats solche Darstellungen, dem Vorschlag der Initianten entsprach dies jedoch nicht. Wenn von einer "Verrechnung" gesprochen werden kann, dann lediglich in Gestalt der finanztechnischen Darstellung des Verhältnisses zwischen Erhalt von Steuern in Gestalt eines BGE und Abführen von Steuern. Diejenigen die mehr Steuern in Gestalt eines BGE erhalten als sie abführen, bezeichnet man als Nettoempfängern, die die mehr Steuern abführen, als sie in Gestalt des BGE erhalten als Nettozahler. Das hat jedoch nichts damit zu tun, dass das BGE mit dem Arbeitslohn "verrechnet" wird.

An einer anderen Stelle sprich Nolte von einem "radikalen Systemwechsel", einer "revolutionär neue[n] Auffassung von der freien und selbstbestimmten Lebensführung aller Menschen". Vor dem Hintergrund republikanischer Demokratien ist ein BGE weder ein Systemwechsel, noch ist es revolutionär. Lediglich auf die Konstruktionsprinzipien des heutigen Sozialstaates bezogen trifft diese Charakterisierung zu. Radikal ist das BGE, weil es an die Wurzeln der Demokratie anschließt und die Bürger ins Zentrum der Sicherungssysteme rückt; revolutionär ist es, weil es die Vorherrschaft der Erwerbsnorm in diesem Sozialstaat durch die Stellung der Bürger in ihm ersetzt. Damit vollzieht es lediglich eine Fortentwicklung des Sozialstaats im Geiste der Demokratie.

Überraschend ist, dass Nolte - wie viele andere - die dem Apostel Paulus (siehe auch hier) zugeschriebene Äußerung falsch zitiert, die von Stalin in die Verfassung der Sowjetunion aufgenommen wurde: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen". Der entscheidende kleine Unterschied, sie so zu zitieren oder vollständig "wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen", wird damit unterschlagen.

Nolte greift ebenso die Diskussion um etwaige Folgen der Digitalisierung auf und schreibt, nachdem er auf die sinkende Arbeitslosigkeit in Deutschland seit 2005 hingewiesen hat:

"In die Zukunft des Jahres 2050 können wir nicht schauen - allerdings spricht jede historische Erfahrung gegen die momentan so beliebten Szenarios vom Wegbrechen jedes zweiten oder dritten Arbeitsplatzes durch Mikrochips und Roboter: Solche Prognosen haben sich seit 200 Jahren regelmäßig als grundfalsch erwiesen."

In der Tat sind diese Prognosen mit Vorsicht zu genießen, wobei manche derer, auf die sich hierzu berufen wird, in den originalen Ausführungen zur Frage, was die Digitialsierung mit sich bringen könnte, durchaus vorsichtig sind - so z. B. Frey und Osborne.

Nolte übergeht indes, was die Entwicklung des Arbeitsvolumens erkennen lässt, dass es für Deutschland einen langen Trend der Abnahme gibt. Es ist zwar nicht klar, vor allem, wenn sie mit Daten aus anderen OECD-Staaten verglichen wird, welche Schlüsse daraus gezogen werden können, doch so einfach, wie er es sich hier macht, ist die Sache auch nicht (siehe "Geht der Gesellschaft die Arbeit aus?").

Weil er der Auffassung ist, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland kein so dringliches Problem mehr sei, schreibt er dann:

"Die unmittelbare Dringlichkeit einer arbeitsfreien Grundsicherung ist also etwas zurückgetreten. Der Streit ist grundsätzlicher geworden und die Bewegung hat ein neues Gesicht bekommen. Sie wird nicht mehr von prominenten Gelehrten, Unternehmern oder Politikern dominiert, sondern, wie das Beispiel der Schweiz zeigt, als sozialer Aktivismus vor allem von Jüngeren, gut Gebildeten in Netzwerken "von unten" getragen."

Diese Einschätzung trifft nicht zu. Wer sich mit der jüngeren Grundeinkommensdiskussion beschäftigt, wird feststellen, dass schon zu Beginn im Jahre 2004, grundsätzliche Fragen gestellt wurden und die Arbeitslosigkeit ein Aufhänger war, wenngleich manche BGE-Befürworter sie für entscheidend hielten. Wir - Freiheit statt Vollbeschäftigung - haben von Anfang an darauf hingewiesen, dass ein BGE unabhängig von Arbeitslosigkeit und der Entwicklung des Arbeitsvolumens zu betrachten sei. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte diese Überlegungen in einem Beitrag von Thomas Loer sogar in gekürzter Form abgedruckt.

Unzutreffend oder zumindest ungenau ist die Feststellung, dass es erst jetzt, seit oder im Laufe der Diskussion in der Schweiz vor der Volksabstimmung eine "vernetzte, globale" Bewegung gebe. Zumindest das Basic Income Earth Network besteht seit 1986 und hält zweijährlich Kongresse ab. Es zieht Teilnehmer aus der ganzen Welt an. In den USA gibt es ein Grundeinkommensnetzwerk, in andern Ländern gibt es Initiativen, die sich dafür einsetzen. Falls Nolte vor Augen gehabt haben sollte, dass diese Diskussionen bislang stark akademisch ausgerichtet waren bis vor wenigen Jahren, da wäre etwas dran. Zumindest für die jüngere Diskussion in Deutschland 2004, die lange Zeit die stärkste und intensivste war, gilt das aber nicht.

Abschließend äußert sich Nolte dann zu den Realisierungschancen eines BGE, nachdem die Ablehnung in der Schweizer Volksabstimmung eindeutig gewesen sei. Bedenkt man, dass eine Zustimmung für die AfD in Deutschland von 20 Prozent als beunruhigend wahrgenommen wird, könnte die Zustimmung in der Schweiz von 23 Prozent angesichts eines so weitreichenden Vorschlags allerdings für erstaunlich gehalten werden. Er schreibt dann:

"Auf absehbare Zeit spricht wenig dafür, dass sich irgendein Land anders entscheidet als die Schweiz und sich auf die soziale Revolution des Grundeinkommens einlässt. Erst recht wird das nicht Deutschland sein, wo Beruf und Erwerbsarbeit nicht nur ökonomisch, sondern auch in Kultur und Mentalität immer noch eine besonders große Bedeutung für das Selbstbild von Menschen und für die Motivation ihrer Lebensführung besitzen."

Hier würde ich die Verhältnisse genau andersherum sehen. In der Schweiz fällt die Diskrepanz zwischen der bodenständigen und selbstverständlich verankerten direkten Demokratie auf der einen und dem enorm starken Arbeitsethos auf der anderen Seite besonders ins Auge. Eine dem Elterngeld vergleichbare Leistung gibt es in der Schweiz nicht, der Druck auf Eltern, besonders auf Mütter, früh in Erwerbstätigkeit zurückzukehren ist noch stärker als in Deutschland. Dass Arbeit tatsächlich so entscheidend sei für die "Motivation der Lebensführung", wie Nolte schreibt, ist eine gängige Behauptung, übersieht aber, dass dies weder der Bedeutung sogenannter Haushaltstätigkeiten strukturell entspricht, noch dem Aufwand in Stunden, der dafür jährlich erbracht wird. Er ist höher als die Zeit, die für Erwerbsarbeit aufgebracht wird.

Die gemeinschaftliche Basis des Zusammenlebens in republikanischen Demokratien spielt in Noltes Beitrag überhaupt keine Rolle, wird nicht einmal erwähnt. Dass es gerade die Demokratie ist, deren Souverän die Bürger sind und denen genau deswegen bedingungslos Grundrechte zugesichert werden, muss doch erstaunen angesichts dessen, wie häufig sich Nolte schon zur Verfasstheit der Demokratie geäußert hat. Denn von der Demokratie aus gedacht, ist das BGE nur ein kleiner Schritt.

Sascha Liebermann

2. August 2016

13. Juni 2016