Posts mit dem Label Qualitative Methoden werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Qualitative Methoden werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

20. Dezember 2025

"Jobsuche im Bürgergeld"...

 ...eine Studie der BertelsmannStiftung (hier die ausführliche PDF-Fassung), die Einblicke in die Lebenslagen von Leistungsbeziehern, das Verhalten der Jobcenter und die Hürden zur Arbeitsaufnahme  gibt. 

Man sollte sich nicht von der Betitelung auf der Website zur Studie beeindrucken lassen, dass 57% der Bürgergeldbezieher nicht nach Arbeit suchen, denn die Detailbefunde sind differenzierter, in der PDF-Version ist hier die Zusammenfassung ab S. 34 hilfreich. Schwer nachvollziehbar ist, weshalb die 57% herausgestellt werden, wenn bei näherer Betrachtung diese Gruppe weiter differenziert werden muss und die Problemlagen komplexer sind, als es diese Betitelung erkennen lässt.

Besonders ärgerlich ist aus methodischer Sicht, dass zwar von einem "Mixed Methods"-Ansatz die Rede ist, standardisierte (quantitative) und nicht-standardisierte (qualitative) Methoden genutzt wurden, doch gerade bezüglich letzter erfährt man lediglich etwas über die Datenerhebung, nicht aber über die Datenauswertung. Es ist leider ein Missstand, dass unter der Nutzung "qualitativer Methoden" die unterschiedlichsten Dinge verstanden werden und nicht selten alleine schon die Datenerhebung ausreicht, damit eine Studie als qualitativ gilt, auch wenn keine methodisch-disziplinierte Auswertung vorgenommen wurde.

In der Studie selbst werden zwar Ausschnitte aus den Forschungsgesprächen zitiert, doch werden diese Stellen eher umschreibend wiedergegeben, nicht aber analysiert. Wer ein wenig vertraut ist mit dem Methodenrepertoire nicht-standardisierter Verfahren und den entsprechenden Debatten weiß, dass es auf die methodisch-disziplinierte Auswertung ankommt und die Erhebung alleine lediglich Material hervorbringt. Auch wenn gerade im Methodenteil der eigene Charakter von "Tiefeninterviews" hervorgehoben wird, bleibt das Auswertungsvorgehen im Dunkeln.

Zum für die Grundlagenforschung elementaren Charakter nicht-standardisierter Methoden siehe diesen älteren Beitrag Ulrich Oevermanns. Zur Objektiven Hermeneutik als elaborierter Methodologie und Kunstlehre, siehe diesen Beitrag Oevermanns. Dieses "Arbeitsbuch" von Aglaja Przyborski und Monika Wohlrab-Sahr gibt einen Einblick in die Methodendiskussion in der "Qualitativen Sozialforschung". 

Beiträge von unserer Seite zur Methodenfrage in der Forschung zum BGE siehe hier und hier, von Ute Fischer und Sascha Liebermann jüngst auch hier (open access).

Sascha Liebermann

16. April 2025

"Fakten" - Datenerhebung und -auswertung sowie ihre Engführung

Siehe zu dieser Frage auch hier

2. August 2023

"Pilotprojekt Grundeinkommen" - Forschung mit qualitativen Daten,...

...wie er dabei vorgeht, dazu gibt Prof. Antonio Brettschneider Auskunft in einem Interview (hier die Verschriftung dazu auf der Website von Mein Grundeinkommen). Die von ihm vorgestellte Forschung mit nicht-standardisierten Daten, wie die "qualitativen Daten" bessern zu nennen wären, ist insofern nicht selbstverständlich, als dass sie in der Sozialpolitikforschung eine eher randständige Rolle spielt, ganz wie in der Forschung zum Bedingungslosen Grundeinkommen auch (siehe meine Anmerkungen dazu hier). Forschungsgespräche, gemeinhin als Interviews bezeichnet, sind nur eine Form nicht-standardisierter Daten, ihre Erhebung ist das eine, wichtiger noch ist ihre Auswertung, wie dabei vorgegangen wird, wie Deutungen (Rekonstruktionen) belegt werden. So gibt es in der sogenannten qualitativen Forschung eine Spannbreite von geradezu wiederum standardisiert (subsumierend) vorgehenden Auswertungsverfahren, die den Zweck ins Gegenteil verkehren über Verfahren, deren Auswertungsweg nicht klar ist, bis zur solchen, die der Bedeutungsstruktur von Handeln möglichst nahe zu kommen versuchen (in Anlehnung an die hermeneutische Tradition, allerdings mit methodisch strengen Maßstäben, besonders elaboriert in der Objektiven Hermeneutik Ulrich Oevermanns (siehe auch hier)). Nicht selten, durchaus auch in der innerwissenschaftlichen Methodendiskussion, wird diesen Verfahren unterstellt, sie seien "weich", ihre Deutungen "subjektiv", auf keinen Fall aber so "hart" wir standardisierte Verfahren. Dass dem nicht so ist, haben diese Verfahren schon lange bewiesen, auch wenn es dabei schlechtere und bessere gibt. Wenn Brettschneider sagt, diese Forschung werde "ergänzend" in dem Projekt eingesetzt, so entspricht das eher den verbreiteten Einschätzungen, die qualitative Forschung erzeuge keine "harten" Erkenntnisse. Es ist auch nicht zutreffend, dass sie nur die "subjektive" Sicht auf Alltagsprobleme zu bestimmen erlauben, denn die Sicht bzw. Deutung dieser Handlungsprobleme durch den Gesprächspartner enthalten nicht nur seine Sicht darauf, sondern auch die Handlungsprobleme selbst, auf die hin die Deutungen eine Antwort geben.

Im Unterschied zu der Einschätzung, qualitative Verfahren seien ergänzend oder weich, könnte man begründet dafür argumentieren, dass er sie es erst erlauben, die für standardisierte Erhebungen genutzten Kategorien und Klassifikationen material zu fundieren, also zu bestimmen, ob sie sich überhaupt eignen. "Hart" wären dann die Deutungen, die mit qualitativen Verfahren gewinnen kann, "weich" die mit standardisierten Verfahren.

Sascha Liebermann