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25. Mai 2020

"Das große Experiment in der Lausitz" - Hannes Koch über das neue Buch von Adrienne Goehler...

...und die Überlegungen zu einem Feldexperiment in der Lausitz, eine Region, die durch den Braunkohletagebau geprägt ist. Hier geht es zum Beitrag.

Die Hoffnung auf Feldexperimente und wichtige Einsichten, die sie liefern könnten, vermag ich nicht zu teilen, das hat methodische, aber auch politische praktische Gründe, siehe hier. Weitere Beiträge zu Feldexperimenten von unserer Seite siehe hier.

Verstehen kann ich die Hoffnung darauf, dass solche Feldexperimente womöglich Zweifel auflösen könnten, die häufig anzutreffen sind, dass sie endlich einmal mit aller Klarheit zeigen, wie unbegründet viele Befürchtungen sind. Doch wenn solche Zweifel dadurch aufgelöst werden würden, hätte es nicht mit der methodischen Belastbarkeit der Ergebnisse zu tun, sondern damit, die methodischen Eigenheiten und Grenzen nicht nachvollziehen zu können.

Etwas anderes wiegt schwerer: Weshalb verlassen wir uns nicht mehr auf unsere Erfahrung? Wir können in zweierlei Hinsicht daraus wichtige Schlüsse ziehen. Auf der einen Seite gründet sich die Demokratie in Deutschland und beruft sich explizit darauf, auf die Mündigkeit der Bürger zu setzen, weil sonst gar nichts funktioniert. Gerade in den letzten Monaten haben sich Amtsträger darauf immer ausdrücklich bezogen, weil sonst die Kontaktbeschränkungsmaßnahmen gar nicht durchzusetzen gewesen wären. Das scheinen wir als Bürger aber nicht ernst zu nehmen. Auf der anderen Seite weiß jeder aus eigener Erfahrung - nicht aus Alltagstheorien, die das "Anreizdenken"  schon in sich aufgesogen haben -, dass nur diejenigen, die sich für eine Sache wirklich interessieren, auch die mit ihr zusammenhängenden Aufgaben angemessen erledigen können. Genauso wissen wir, wozu es führt, wenn jemand etwas nicht wirklich tun will, weil er entweder kein Interesse hat oder ihm die Aufgabe missfällt. Statt diesen Erfahrungen zu vertrauen, setzen wir doch lieber auf Erziehung, sogar in Unternehmen.

Sascha Liebermann

26. August 2019

"Wir wollen in der Lausitz das Grundeinkommen testen"...

...darum geht es in einem Interview von Gitta Düperthal mit Antonia Mertsching in junge welt.
Hier ein Auszug:

"Was erwidern Sie denen, die meinen, damit sollen Menschen abgespeist und ruhiggestellt werden?
Es geht nicht darum, aus Kohlekumpeln Grundeinkommenempfänger zu machen. Wir stellen uns das Modellprojekt in etwa so vor: In drei Dörfern mit je 100 Einwohnern soll jeder von diesen drei Jahre lang 1.000 Euro monatlich erhalten. Das Ganze soll wissenschaftlich begleitet werden. Wir wollen wissen, ob die Menschen sich im Gesellschaftsleben ihres Ortes mehr engagieren, eine schlechte Lohnlage ausgleichen, wichtige Anschaffungen vornehmen – oder sich wirklich auf die faule Haut legen, wie manche vermuten."

Und hier ein wichtiger Hinweis:

"Wer in diesem System zusätzliches Geld erhält, bekommt dies nach dem Gesetz doch wieder abgezogen?
Vermutlich werden in den meisten Fällen Hartz-IV-Bezieher mit einem Grundeinkommen von 1.000 Euro am Ende mehr haben als bislang. Selbst wenn sie es jeweils ersatzweise bekämen, hätten sie mehr Geld, ohne sich »nackig« machen zu müssen. Solche Fragen, die die Sozialleistungen der Bundesebene betreffen, müssen noch im Detail geklärt werden."

Sich "nackig" machen zu müssen verweist auf die normative Seite der heutigen Leistungen. Wer etwas haben will, muss sich erklären und durchleuchten lassen. Das ist ein entscheidender Unterscheid zu einem Grundeinkommen, das darauf verzichtet. Obwohl einfach zu erkennen, so scheint dieser Unterschied in der Debatte von manchen in seiner Tragweite nicht verstanden zu werden. Anlässlich eines Fachtags zum Grundeinkommen unterhielt ich mich mit einem Ökonomen über diese Rechtfertigungsverpflichtung im ALG II-Bezug, es ging dabei auch um Menschen, die diesem Druck nicht gewachsen sind. Daraufhin sagte er, dass in einem solchen Fall sie doch eine Therapie in Anspruch nehmen könnten. Woraufhin ich entgegnete, damit wäre durch die normative Konstruktion der Leistung entstehende Rechtfertigungsverpflichtung aber nicht aufgehoben, die Druck erzeuge.

Siehe dazu das Projekte BGE statt Braunkohle. Zum Stellenwert von Feldexperimenten, siehe hier.

Sascha Liebermann