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23. Mai 2023

"Der Souverän wird entmündigt"...

...eine Besprechung (Bezahlschranke) des neuen Buches von Axel Honneth mit dem Titel "Der arbeitende Souverän" von Gerald Wagner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Hier sei der Schlusspassus zitiert:

"Es ist Axel Honneth zugutezuhalten, dass er die Aufmerksamkeit der politischen Öffentlichkeit auf die Verbesserung der Arbeitsverhältnisse lenken möchte – und damit weg von den dominierenden Kämpfen der Identitätspolitik. Er bräuchte diese Verhältnisse aber nicht so darzustellen, als schufteten die meisten noch so wie bei Engels die arbeitenden Klassen in England. Er entmündigt den Souverän damit in seiner Theorie mehr, als es die herrschenden Verhältnisse in der Wirtschaft je könnten. Honneth will in seiner Theorie Wirtschaft und Demokratie wieder zusammendenken. Sein Buch wirft aber die Frage auf, wie man Philosophie und empirische Sozialforschung zusammendenken sollte. Der eigene normative Ausgangspunkt als Sozialphilosoph sollte nicht dazu führen, dass man zu viel Empirie einfach ignoriert. Leider ist das Buch in großen Teilen von diesem Verfahren ge­prägt."

Siehe meine Kommentare zu Honneths Ausführungen an anderer Stelle hier und hier sowie weitere hier.

Sascha Liebermann

14. September 2020

"Flüchtlingskrise — welche Flüchtlingskrise?" - Über den selektiven Umgang mit Paneldaten...

...schreibt Gerald Wagner der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und macht damit deutlich, dass es gerade keine einfache Sache ist, aus vorliegenden Datensätzen auch haltbare Schlussfolgerungen zu ziehen.

Worüber er nicht weiter schreibt, es aber erwähnt, ist, dass es sich bei diesen Daten eben nur um standardisierte Befragungen handelt, die Selbsteinschätzungen der Befragten erheben. Zwischen Selbsteinschätzung und tatsächlicher Lage kann allerdings eine erhebliche Kluft liegen. Abgesehen davon erfährt man auf diesem Wege über die konkreten handlungsleitenden Überzeugungen einer Person nichts, weil es sich dabei um tiefliegende Strukturen handelt, die nur Befragten nur selten überhaupt bewusst werden. Für die Erfassung dieser Strukturen bedarf es anderer methodischer Instrumente, wie sie die Tradition der fallrekonstruktiven hermeneutischen Sozialforschung über Jahrzehnte entwickelt hat (siehe z. B. hier)

Sascha Liebermann

4. Juli 2019

"Bergab geht’s immer nur bei den anderen" - Missgunst in Deutschland...

...darüber schrieb Gerald Wagner in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und bezieht sich die Befragung im Rahmen der zweiten Welle der "Vermächtnis"-Studie, die das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) durchgeführt hat. Wagner kritisierte die Deutungen der Befragungsergebnisse durch Jutta Allmendinger und meint, Klärung könnte hierzu nur die Sozialstatistik bieten. Sie kann aber allenfalls darüber aufklären, ob zutrifft, wie Befragte die gesellschaftliche Lage deuten (also Einkommensverhältnisse, prekäre Arbeitsverhältnisse usw.), nicht aber, weshalb Befragte diese Verhältnisse so deuten, wie sie es tun, und wie dann eine Diskrepanz zwischen realen Verhältnissen und Deutung zu erklären sei. Da hilft die Statistik nicht weiter, hierzu bedarf es "qualitativer" Studien im Sinne z. B. der fallrekonstruktiven Forschung (siehe z. B. hier). Befragungsdaten sind ohnehin denkbar oberflächlich, weil sie nur abfragen, was der Befragte auch bewusst angeben kann.

Wagner macht in dem Beitrag auf ein Phänomen aufmerksam, dass aus der Grundeinkommensdiskussion ebenso bekannt ist:

"Ganz so rosig ist das Bild natürlich nicht. Es gibt zwei Themen, da fallen die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Befragten dramatisch auseinander. Das seien ausgerechnet die Familie und die Arbeit, so Allmendinger. Während man eigene Kinder für sich selbst als sehr wichtig erachte und davon überzeugt sei, dass ein entsprechendes Wir-Gefühl höchst bedeutend ist und die Erwerbstätigkeit sinnvoll und den eigenen Erwartungen daran entsprechen müsse, sinkt die Erwartung für die Zukunft der anderen hier drastisch. So halten über 75 Prozent der Befragten Kinder für das eigene Leben heute wichtig, glauben aber, dass das nur noch für 25 Prozent der kommenden Generationen ebenfalls gelten wird. Bei der Arbeit ist es noch deutlicher: Über 75 Prozent sagen heute, der Sinn ihres Jobs sei ihnen sehr wichtig, sehen diese Einstellung bei anderen in Zukunft aber nahezu gegen null gehen."

Wo so über andere gedacht wird, sind entsprechende Befürchtungen die Folge, z. B. dass ohne Erwerbszwang die Wirtschaft zusammenbreche usw. Wie aber ist die Diskrepanz zu erklären? Woher kommt die negative Einschätzung der anderen? Was die Befragung offenbar nicht deutlich macht - Wagner erwähnt das zumindest nicht - ist, dass tatsächlich, trotz dieser Diskrepanz, jeder sein Leben lebt und jeder darauf vertraut, dass andere es ebenso tun. Eine Kontrollinstanz für gute Lebensführung gibt es nämlich gar nicht - das scheint aber gerade von manchen für ein Problem gehalten zu werden (siehe "Die Sorge vor dem Kontollverlust...").

Sascha Liebermann