27. August 2025

Einst und jetzt

26. August 2025

"Systemwechsel" von der Grundsicherung in die Grundsicherung?

24. August 2025

Ist es nun "notwendig" oder nicht?

Mehr oder weniger mit dieser Frage befasste sich Ane Hebeisen in Der Bund schon Ende Juli (also einige Wochen vor dem gestern kommentieren Beitrag von Markus Städeli), ob denn KI nun dazu führe, dass ein Bedingungsloses Grundeinkommen unausweichlich werde, weil usw. usf. Es ist eine bedauerliche Seite der BGE-Diskussion, diese befürchtete oder erhoffte Entwicklung als Argument dafür hervorzuziehen, dass nun also wirklich ein BGE nicht mehr abzuwenden oder aufzuhalten sei. Ganz gleich, was die KI nun mit sich bringt, ein BGE ist auch so eine interessante Alternative, doch dazu müsste man sich ernsthaft damit beschäftigen, das ist in dem etwas launischen Beitrag nicht zu erkennen.

Hebeisen schreibt an einer Stelle:

"Ich versuchte zu erklären: Die Schweiz betrachte ihren Wohlstand eben nicht als selbstverständlich. Die Zeiten, in denen die hiesige Landbevölkerung mit Hungersnöten und Überlebenskummer zu kämpfen gehabt habe, lägen bloss 200 Jahre zurück. Das habe das Volk demütig gemacht. Und in dieser Demut habe man einen Arbeitseifer entwickelt, der die Schweizerinnen und Schweizer zum – jedenfalls statistisch – dritt-fleissigsten Volk Europas gemacht habe. Weit vor den Deutschen und den hoffnungslos abgeschlagenen vereinigten Königreichlern."

Was besagt das nun im Verhältnis zum BGE? Relevant wird diese Einordnung nur, wenn man der Auffassung ist, Leistungsbereitschaft und -fähigkeit erwachse aus Not, ganz dem Motto folgend "Not macht erfinderisch". Diese Vorstellung ist in der Tat weit verbreitet und auch keineswegs rundheraus abwegig, aber sie ist borniert. Denn Not verengt den Blick, gerade weil ein drängendes Problem schnell einer Lösung bedarf, da bleiben langfristige Erwägungen schnell außen vor. Selbst die Lösungssuche in der Not bedarf indes einer gewissen Muße im Sinne einer Haltung, die bereit ist, eingetretene Pfade zu verlassen, um Alternativen zu erkennen und zuzulassen. Wer sich darauf gar nicht erst einlässt, über das Bestehende hinauszudenken, auch in der Not, kommt eben nicht weiter - das ist auch in der Not kein Automatismus, innovativ zu werden, sonst würden ja alle innovativ. Abwegig wird es, wenn nun aus der Not abgeleitet wird, dass es stets der Not bedarf, um Neues in die Welt zu bringen, das ist die problematische Seite an dem Motto, wie Hebeisen es hier verwendet. Der heute - auch in der Schweiz - existierende Wohlstand hat neben anderem eben mit der Innovationsbereitschaft trotz Wohlstand zu tun, das erklärt sich aus der Not heraus überhaupt nicht. Mit dieser Einsicht wäre der Boden bereitet, das BGE geradezu als Innovationsermöglicher zu betrachten, weil es die Verengung durch Not in jeder Lebenslage und Hinsicht aufzuheben ermöglicht, zumindest strukturell.

Was macht nun Hebeisen daraus?

"Und so lautet die nächste grosse Frage, was wir Menschen denn wohl tun werden, wenn wir bald von den grundlegenden Sachzwängen des modernen Lebens befreit werden? Kein Kontostand-Kummer mehr beim Bezahlen an der Migros-Kasse. Kein gesellschaftlicher Produktivitätsdruck, der uns zuweilen den Schlaf raubt. Dafür ganz viel Zeit. Und wer ins Erwerbsleben einsteigt, wird nicht mehr fragen, welche Tätigkeit die grösste Sicherheit verspricht, sondern was er oder sie am liebsten tut."

Ganz wie bei Städeli droht ohne Druck Ungemach, der Untergang naht, wie auch daran zu erkennen ist, dass Hebeisen einen Gegensatz zwischen Erwerbsengagement, um Sicherheit zu erlangen, auf der einen und der Ausrichtung an Neigungen und Interessen auf der anderen Seite konstruiert. Weshalb sollte das ein Gegensatz sein, sofern Neigung und Interessen nicht mit Hedonismus und Spaß gleichgesetzt werden? Gerade die Haltung jedoch, die Hebeisen heraushebt, die Suche nach Sicherheit, ist ja kein Movens für problemlösendes Tätigsein, solange sie keinen Sachbezug hat. Wenn sie den Bezug zur Sache hingegen hat, ist sie auch problemlösend und erfüllend, was wiederum gewissen Neigungen und Interessen voraussetzt.

Dann folgt:

"Der deutsche Fernseh-Philosoph Richard-David Precht spricht denn im Zuge eines bedingungslosen Grundeinkommens auch vom Übergang der Arbeitsgesellschaft in eine Sinngesellschaft. Wer indes in einer solchen Sinngesellschaft die etwas weniger angenehme Arbeit für uns übernehmen würde – Pflege, Bau, Reinigung –, ist genauso unklar wie die Frage, ob diese neue Form des Wohlstands in einigen privilegierten Ländern aus global-wirtschaftlicher und -gesellschaftlicher Sicht überhaupt zu verantworten wäre."

Welch ein Gewährsmann für einen Journalisten! Wer macht die unangenehmen Tätigkeiten? Die Antworten lassen dann schnell erkennen, wie wenig die Einwänder vom heutigen Arbeitsmarkt verstehen, der eben keine Garantie dafür bietet, Personal zu finden. Welche Möglichkeiten bleiben also, ganz unspektakulär: bessere Arbeitsbedingungen bieten, einen besseren Lohn, Automatisierungsmöglichkeiten nutzen oder wenn das alles nichts hilft, eine öffentliche Diskussion über den Stellenwert von Tätigkeiten führen. Vielleicht hat das, was einige als "unangenehm" bezeichnen auch schlicht damit zu tun, dass sie es von ihrer Warte aus so einschätzen und dass andere die Tätigkeit, die man selbst als so hochstehend erachten, auch "unangenehm" finden und sie nie ausüben würden.

Wie im gestrigen Kommentar so muss auch hier der Paternalismus herausgehoben werden, der sich ein besorgtes Gewand umgelegt hat:

"Laut Studien arbeiten 85 Prozent der Gewinnerinnen und Gewinner grosser Geldbeträge einfach weiter. 11 Prozent reduzieren immerhin das Pensum, 10 Prozent machen sich selbstständig. Und Psychologen berichten, dass für einige der Wegfall des Arbeitszwangs zu einem «Verlust des Lebenssinns» führe. Ohne dieses Gefühl, gebraucht zu werden und in dieser Gesellschaft eine Aufgabe zu haben, lebt es sich demnach gar nicht mal so unbeschwert."

Was folgt nun aus dem letzten Satz? Beschäftigungssimulation oder -therapie? Fragt sich der Autor nicht woher denn diese Wertschätzung kommt, die keine menschheitsgeschichtliche Selbstverständlichkeit ist?

Soll es der "Staat", wie er bei den Paternalismuskritikern gerne beschworen wird, etwa durch Aufgabenschaffungsprogramme lösen - wäre das nicht gerade paternalistisch und entmündigend?

Sascha Liebermann

23. August 2025

"Normal gestrickte Menschen"...

...sind das Risiko schlechthin der Demokratie. So könnte man den Kommentar Markus Städelis in der Neue Zürcher Zeitung zusammenfassen, der dort den Vorschlag Sam Altmans und Elon Musks kommentiert, die im Bedingungslosen Grundeinkommen ein Mittel sehen, um den Folgen der KI-Nutzung, die ihrer Auffassung nach hohe Arbeitslosigkeit mit sich bringen werde, begegnen zu können. Ein BGE erlaube, so Städeli, ohne Existenzängste Möglichkeiten zu ergreifen, die dem Einzelnen gemäß seien.

Nicht ganz geheuer ist ihm dieser Vorschlag, weil er von zwei Unternehmern kommt, die doch selbst für diese Folgen verantwortlich seien, was ganz danach klingt, als sollte eine solche Entwicklung vermieden werden, wenn denn die KI tatsächlich diese Folgen hätte. Doch warum? Wenn nun KI zur Substituierung menschlicher Arbeitskraft in der Breite führen würde, weil sie Routinetätigkeiten zuverlässiger erledigen könnte, gewönne doch der Einzelne Zeit für das zurück, was die KI eben nicht kann. Wo ist das Problem?

Tja, das Problem ist die Grundverfasstheit des Menschen, so hat man den Eindruck, denn:

"Falls KI wirklich Massenarbeitslosigkeit verursachen sollte, sind gesellschaftliche Probleme programmiert: Arbeit ist ja nicht bloss eine Quelle des Einkommens, sondern auch ein wichtiger Teil der sozialen Identität und des Zusammenhalts. Der Wegfall einer Tagesstruktur würde zu mehr Alkohol- und Drogenkonsum sowie zur gesellschaftlichen Isolation führen."

Dahin ist die Vorstellung vom zur Selbstbestimmung fähigen Menschen, der für solche Veränderungen auch angemessene Antworten finden könnte. Obwohl Städeli selbst Ansatzpunkte dafür erkennen lässt, weshalb seine Behauptung fragwürdig erscheint, sieht er diese nicht. Zweifelsohne hat Erwerbstätigkeit heute einen hohen Stellenwert, aber doch nicht, weil der Einzelne ihr diesen verleiht, sondern weil er ihr gemeinschaftlich verliehen wird, man schaue sich nur die Systeme sozialer Sicherung an. Wenn also diese kollektiv vorherrschende Deutung aufgegeben würde, bräche der normative Vorrang von Erwerbstätigkeit zusammen, nicht aber das Leben als solches. Städeli sagt ja selbst, dass sie nur "ein wichtiger Teil" sei, nicht aber der alleinig wichtige. Dann folgt sogleich das Untergangsszenario ganz im Sinne von Brot und Spiele: der Absturz in Alkohol- und Drogenkonsum. Das führt einen direkt zur Forderung nach der Abschaffung der Rente, denn sie müsste ja das Vorspiel im Kleinen zu diesem Untergang sein. Scheint nicht so ganz zu stimmen mit der Behauptung, ja, weshalb nur?

Darüber hinaus droht Ungemach von anderer Seite: die Fleißigen und die Faulen werden sich als Feinde gegenüberstehen, weil ein BGE ja ungerecht sei. Moment, aber erhalten es nicht beide Gruppen? Wollte der Autor denn etwa dafür plädieren, lieber auf Rationalisierungs- und Automatisierungsvorteile zu verzichten, um Arbeitsplätze zu erhalten, damit "der Mensch" - wie es heute so gerne heißt - eine Aufgabe hat? Solchen Paternalismus aus der NZZ zu vernehmen, die sich stets um Eigenverantwortung Sorgen macht, ist wirklich unerhört.

Städeli aber ist vorbereitet, argumentativ, denn:

"Normal gestrickte Menschen komponieren nicht plötzlich den ganzen Tag Musik und verschreiben sich auch nicht der Nachbarschaftshilfe, wenn man ihnen einen monatlichen Check ausstellt. Sie bleiben morgens einfach im Bett liegen."

Ach so, sie sind zu dieser sagenumwobenden Eigenverantwortung gar nicht in der Lage, und zwar nicht nur Einzelne, ja insbesondere die "normal gestrickten Menschen", während die Kreativen eine herausgehobene Größe darstellen sozusagen die Krönung des Menschseins. Bass erstaunt kann man sein, dass Städeli diese Herablassung der sonst sich so nah am Menschen fühlenden und für ihn sprechenden NZZ nicht bemerkt oder eben für ganz angemessen hält. Sollte letzteres der Fall sein, wäre das Plädoyer für die NZZ-artige Eigenverantwortung hoffnungslos idealistisch. Wie ist dann nur die direkte Demokratie in der Schweiz mit guten Gründen vertretbar, stellt sie angesichts solchen Verständnisses des Menschseins nicht die Bedrohung für Wohlstand und Ordnung schlechthin dar? Die Schweizer demnach ein Volk von Träumern?

"Eine kleine Zahl von Menschen wird aktiv, lernfähig und erfolgreich bleiben, während eine wachsende Zahl von Menschen in Passivität gelähmt sein wird."

Zitiert Städeli nur Musk oder spricht Musk Städeli aus der Seele? Vielleicht sind sie doch Brüder im Geiste.

Sascha Liebermann

20. August 2025

Hart arbeiten, fleißig sein, es muss sich lohnen,...


...es reicht nicht, einfach seine Arbeit (=Erwerbsarbeit) zu erledigen (ab Minute 5 etwa), "hart" muss gearbeitet werden, "fleißig" müssen die Leute sein. Wer dann "hart" gearbeitet hat, hat sich den Aufstieg und letztlich die Rente "verdient". Klingbeil bedient damit Aufstiegsmythen, als sei Vieles nicht von glücklichen Umständen abhängig. Woran wird darüber hinaus "hart" zu arbeiten festgemacht, muss man das sehen können, müssen sich die Leute sichtbar quälen? 
Klingbeil bedient mit dieser Sprache Vorurteile, weil sie nahelegen, es könne ohne weiteres bestimmt werden, was "hart" zu arbeiten auszeichnet. Dabei ist "harte" Arbeit eben nicht ohne weiteres sichtbar. Der Beruf des Lehrers wird hierzu häufig nicht gezählt, der des Erziehers ebensowenig, Sachbearabeitung in der Verwaltung wohl auch eher nicht, wenn man an die Vorurteile denkt - es könnten noch andere aufgezählt werden. Arbeiten etwa Softwareentwickler hart, die hocken doch nur am Computer und tippen?!
Wer was als "hart" beurteilt, ist eine ganz andere Frage, man muss sich nur entsprechende Gespräche über andere Berufsgruppen anhören, in denen leichtfertig über die "low performer" gesprochen wird, die die Leistungsträger nur behindern.
À propos - ganz vergessen wird natürlich, diejenige Leistung, die nicht in Erwerbsarbeit erbracht wird, also die sogenannte "unbezahlte Arbeit", aber die ist ja nur ein Hobby.

Sascha Liebermann

15. August 2025

"Sogar 'die' Griechen arbeiten mehr als 'die' Deutschen?...

... Und schon geht sie (wieder) los, die Debatte, dass wir mehr und länger und überhaupt arbeiten sollen müssen" - ein Beitrag von Stefan Sell zur wiederkehrenden Debatte um - wie er treffend schreibt - politisierte Arbeitszeitvergleiche. 

Dass mit statistischen Daten nach- bis fahrlässig umgegangen wird, ist zwar keine Neuigkeit, aber ein anhaltendes Problem, weil damit ernsthafte Fragen und Diskussionen erschwert werden. Sell weist zurecht auf die Bedeutung von Sorgetätigkeiten hin, die in der Forderung nach erhöhten Erwerbsarbeitszeiten in der Regel keine Rolle spielt, so als erledigten sich diese Aufgaben von alleine.

Eines lässt sich in den schiefen Arbeitszeitvergleichen dann doch erkennen, und zwar die Vorstellung, es komme darauf an, viel zu arbeiten, also viele Stunden, weil viel macht viel. Seit Jahren wird der Zuwachs an Arbeitsstunden gefeiert und als Erfolg verkauft von Politikern und in Talkshows, häufig ohne weitere Differenzierung.

Siehe unsere früheren Beiträge zu diesem Themenkomplex hier, zu Sorgetätigkeiten, also "unbezahlter Arbeit" hier.

Sascha Liebermann

14. August 2025

"Soziale Integration" andersherum

Siehe unsere früheren Beiträge dazu hier

Die Verkürzung der Frage ist das Problem

Siehe unsere früheren Beiträge zu dieser Debatte hier

Sascha Liebermann

Die Überschätzung der "Sonntagsfrage"

Obwohl methodisch fragwürdig, weil auf hypothetische Fragen ebenso hypothetische Antworten gegeben werden, die dann so behandelt werden, als bildeten sie eine tatsächlich Entscheidung ab. Solche Befragungen sind überflüssig und nicht zu vergleichen mit Nachwahlbefragungen. Man kann sich Diskussionen darüber also sparen.

Siehe unsere frühen Ausführungen zu diesem Thema hier

Sascha Liebermann

31. Juli 2025

Degradierung der Bürger...

...als Bürger um ihrer selbst und des Gemeinwesen um seiner selbst willen. Das Bürgergeld als "Anreizsystem für Arbeitslosigkeit", so Amthor in dem Gespräch mit Die Welt.

Der Sozialstaat ist dann "zielgenau", wenn er denjenigen mit Einkommen im Sinne des Existenzminimums absichert, der ihn trägt und ihn als Vergemeinschaftung immer wieder von Neuem in Vollzug alltäglichen Handelns bekräftigt. Genau in dieser Hinsicht hinkt der heutige Sozialstaat den Grundlagen des Zusammenlebens hinterher. Dass diese Existenzsicherung dann für alle gelten muss, in der Verlängerung von dem Hautargument aus, die ihren Lebensmittelpunkt in ihm haben, liegt auf der Hand. 

Siehe unsere früheren Beiträge zum Zusammenhang von Existenzsicherung, Demokratie und Republik hier; der Behauptung, wir lebten in einer Arbeitsgesellschaft hier; zur Bedeutung von Staatsbürgerschaft hier; zur politischen Vergemeinschaftung der Bürger hier; zu einem der wichtigsten Signalworte (Anreiz) der vergangenen Jahre hier.

Sascha Liebermann


27. Juli 2025

"Der Mythos von den faulen Deutschen – ein Remake"

Die "Unstatistik des Monats" aus dem Mai dieses Jahres zur Debatte um die Arbeitszeiten, die Bundeskanzler Merz wiederbelebt hat, die aber zu den regelmäßig wiederkehrenden Aufregern gehört, klärt über Fallstricke der Deutung statistischer Daten auf.

24. Juli 2025

Was heißt "viel"?

19. Juli 2025

"Arbeit lohnt sich immer!?...

...Zwischen Sollen, Wollen und Können. Warum Langzeitarbeitslose trotz Fach- und Arbeitskräftemangel selten in den Arbeitsmarkt eintreten", eine Studie des "Evangelischen Fachverbandes für Arbeit und soziale Integration".

Angesichts der beharrlichen Vorurteile gegenüber Bürgergeldbeziehern bietet eine solche Studie ein Gegengewicht, um Einblick in die differenzierten Lebenslagen der Betroffenen zu erhalten. Was die Studie hier leisten kann, lässt sich nur nach eingehender Lektüre beurteilen, dazu bin ich noch nicht gekommen.

Der Fachverband - nomen est omen - sowie die Einleitung zur Studie lassen zumindest erwarten, dass aufgezeigt wird, welch hohen Stellenwert Erwerbsarbeit nach wie vor hat, und zwar ob ihrer Bedeutung für "soziale Integration". Sollte das so sein, ist das keine überraschende Einsicht, die Frage ist aber, woher das genau rührt und inwiefern diese Wertschätzung von Erwerbstätigkeit zugleich an den realen Lebensverhältnissen vorbeigeht. Dann käme man der Erfahrung auf die Spur, die Bürgergeldbezieher machen, die zum einen objektiv stigmatisiert werden durch die Konstruktion der Sicherungssysteme, die auf dem normativen Vorrang von Erwerbstätigkeit ruhen; zum anderen könnte man damit erklären, weshalb sie diese Stigmatisierung so stark wahrnehmen und als Ausweg daraus nur die Erwerbstätigkeit sehen. Das entspricht ganz der Vorrangstellung, die Erwerbstätigkeit noch immer hat und die überhöht wird.

Allerdings ist die Vorstellung, Erwerbstätigkeit fördere "soziale Integration" zugleich nur die halbe Wahrheit, wenn nicht gar eine Täuschung, wie wir in diesem Blog schon oft zu zeigen versucht haben (siehe hier). Es wäre also eine Analyse dessen zumindest zu skizzieren in dieser Studie, was Erwerbsarbeit auszeichnet und was nicht, weshalb dann differenziert werden müsste zwischen einer Integration, die sich auf den Leistungsbeitrag in Erwerbstätigkeit beschränkt und einer, die die Person um ihrer selbst willen betrifft. Aus diesem Grund ist der Mitarbeiter - siehe erste Form der Integration - im Erwerbsverhältnis austauschbar, denn er übernimmt eine von seiner Person unabhängig zu definierende oder schon definierte Aufgabe, die er zu erledigen hat. Genau dieser Umstand bedingt zugleich die größte Degradierung, die eine Person um ihrer selbst willen erfahren kann, denn es geht nicht um sie, sondern ausschließlich um ihren Leistungsbeitrag. Das wäre nicht weiter von Bedeutung, wenn nicht die illusionäre Vorstellung vorherrschte, soziale Integration erfolge über Erwerbsteilnahme. Insofern geht die Rede davon, wir lebten in einer "Arbeitsgesellschaft" an der Sache vorbei (siehe hier). Man könnte also zugespitzt auch sagen, es gibt keine größere Degradierung der Person um ihrer selbst willen als in Erwerbstätigkeit. 

Nur, weil Erwerbstätigkeit einen hohen Stellenwert hat, macht sie nicht das gesamte Leben in einem politischen Gemeinwesen aus, schon gar nicht, wenn es um "soziale Integration" geht, denn diese, in der es dann um die Person um ihrer selbst willen geht, erfolgt vor allem über den Status der Person. Der einzig umfänglich integrierende ist hier die Staatsbürgerschaft, weshalb es für ein Gemeinwesen stets erstrebenswert ist, Menschen einzubürgern, die dazu bereit sind. Wenn die Studie diese beiden Dimensionen von "sozialer Integration" nicht auseinanderhalten sollte, womöglich nicht einmal in Erwägung zieht, wäre sie analytisch unterkomplex und reproduzierte nur das "Selbstmissverständnis der Arbeitsgesellschaft" (siehe hier und hier)

Sascha Liebermann

Wer arbeitet usw.

16. Juli 2025

Gefahr droht, aber welche?