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24. April 2020

"'Bloß keine Panik!' – die Medien und ihre frühe Corona-Berichterstattung"...

...eine Chronologie von Jens Berger auf den Nachdenkseiten. Schaut man sich an, wie zu Beginn mit den möglichen Gefahren durch SARS-CoV2 umgegangen wurde, stellt sich die Frage nach Verantwortung und Verantwortlichen, denn an Warnungen davor, dass das Virus auch zu uns gelangen könnte, mangelte es nicht. Christian Drosten - heute gefragte Experte - hatte schon Ende Januar davor gewarnt - immerhin. Dass auch er das Virus noch unterschätzte zu diesem Zeitpunkt, ist nicht verwunderlich angesichts der Datenlage. Gerade Drosten wies immer wieder darauf hin, dass Einschätzungen nur auf Basis von Daten erfolgen können und deswegen eine ständige Sichtung der Datenlage nötig ist. Berger schließt seine Darstellung mit dieser Passage:

"Die Versäumnisse des Frühjahrs müssen dringend aufgearbeitet werden. Es war nicht nur die Politik, die auf breiter Ebene versagt hat. Auch die Medien glänzten in diesen Wochen durch eine kritiklose Hofberichterstattung, die stets die Linie der Bundesregierung verteidigt und die Position der Regierung durch Experten-Zitate untermauert hat. Heute hat sich der Kurs um 180 Grad gedreht. Die Linie ist jedoch dieselbe, nur dass die Experten nun andere Namen haben."

Genau darauf kommt es an, darauf kommt es immer an. Wer wird die Verantwortung übernehmen? Was ist aus den Versäumnissen zu schließen? Was kann zukünftig besser gemacht werden?

Sascha Liebermann

14. April 2020

taz macht aus Selbstverständlichkeiten Außergewöhnliches - zum Verhältnis von Politik und Wissenschaft


Das Transkript des Pressegesprächs im science media center germany, auf das sich die taz, aber auch andere Medien wie focus, beziehen, finden Sie hier (hier auch eine Befragung Drostens im ZDF am selben Tag zur Heinsberg-Studie; in einem sehr ausführlichen Interview auf Zeit Online hat er sich zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik geäußert). Sowohl das Transkript wie auch das Gespräch im ZDF bezeugen vielmehr Banalitäten, dass nämlich ein Wissenschaftler mit einer Studie zurückhaltend umgeht, solange er sie nicht kennt, dann eben keine Schlüsse aus ihr zieht. Drosten hätte vielleicht noch zurückhaltender sein können, stellt jedoch differenzierte Fragen an die Studie und tut nicht, was Medien kolportieren, und zwar sie kritisieren. Dass Drosten diese Fragen in der Pressekonferenz nicht beantwortet sieht, heißt nicht, dass Streeck sie nicht beantworten kann. Folgerichtig hält er sich mit Einschätzungen zurück. Das sollte jeder Wissenschaftler tun, der zu einer Studie befragt wird, zu der er keine detaillierten Informationen hat, z. B. über Datenerhebung (was wurde erhoben, wie wurde es erhoben, wer wurde untersucht), Datenauswertung (wie wurde vorgegangen) und daraus gezogene Schlüsse. Denn um diese einschätzen zu können, müssen sie ins Verhältnis zu den Daten gesetzt werden.

Eine Anmerkung zur Eigendynamik der Medien sei noch angefügt. Forschung bzw. Forschungsergebnisse über Publikationen hinaus in die Öffentlichkeit zu tragen, indem z. B. Pressekonferenzen gehalten und Interviews gegeben werden, ist durchaus begrüßenswert. Allerdings handelt sich es dabei immer um Untersuchungen, die sich auf den state of the art einer oder mehrerer Disziplinen zu einer ganz bestimmten Fragestellung beziehen. Es ist also ein durchaus anspruchsvolles Unterfangen, solche Untersuchungen einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren, die die Eigenheiten von Forschung in der Regel nicht kennt und den Status von Ergebnissen nicht gut einschätzen kann. Mit entsprechenden Methodendiskussionen ist sie nicht vertraut. Für Missverständnisse sind hier Tür und Tor geöffnet. Die mediale Berichterstattung tendiert hier zu reißerischen Überschriften und knalligen Zuspitzungen, wodurch Ergebnisse weniger differenziert vermittelt werden, als sie womöglich vorgetragen wurden. Hinzukommt, was Drosten auch in Interviews schon beschrieben hat, dass Forschungsergebnisse schnell politisiert werden. Das ist ein Geist, der ernsthafter Forschung diametral entgegengesetzt ist, was nicht selten dazu führt, dass  Wissenschaftler, die in der Öffentlichkeit auftreten, darauf nicht vorbereitet sind und der Vereinnahmung nicht entgegenzutreten vermögen.

Das ist auch für die BGE-Diskussion von Bedeutung, denn der Gegenstand ist eine "hot potatoe", es mangelt oft an nüchterner Betrachtung der Zusammenhänge, was eine differenzierte Argumentation erschwert. Erinnert sei hier nur an die häufige Reaktion (siehe auch hier) von Diskutanten mit überdurchschnittlichem Einkommen, die darauf hinweisen, ein BGE nicht zu "brauchen". Dass sie es dennoch erhalten würden, bezeuge, wie ungerecht es sei. Im selben Atemzug vergessen diese Diskutanten zu erwähnen, welche Freibeträge sie ganz fraglos in Anspruch nehmen, die sie ebensowenig "brauchen". Sie vergessen auch, dass sich Freibeträge im Einkommensteuergesetz nicht aus einer Bedarfslage heraus begründen, sondern als Absicherung des Existenzminimums, das jeder Person, in Absehung von ihrer Einkommenslage, zusteht.

Siehe frühere Beiträge zu Wissenschaft und Politik hier und hier.

Sascha Liebermann