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22. April 2023

Wissenschaft, Wissenschaftsbetrieb und Alternativen

1. November 2022

Nicht als Gegenentwurf, aber als Alternative,...

...denn der Wissenschaftsbetrieb folgt nicht der Sache um ihrer selbst willen, was seine Aufgabe wäre und wofür er alimentiert wird, sondern ihm werden etliche sachfremde Ziele nicht nur übergestülpt, sie werden auch von innen, durch die dort Verantwortlichen errichtet. Ein BGE böte zumindest die Möglichkeit, von diesem Betrieb nicht abhängig zu sein.

Sascha Liebermann 

25. Oktober 2022

"...verallgemeinerungsfähiges Wissen" und Werturteil - zwei Paar Schuh...

...darauf weist Michael Sienhold zurecht hin, denn wissenschaftliche Auseinandersetzungen sollten anderen Regeln folgen als politische. In letzteren geht es um die Frage, ob etwas für richtig gehalten wird oder nicht, in ersteren hingegen, welche allgemeinen Schlussfolgerungen sich aus der Analyse von Datenmaterial ergeben bezüglich eines zu erklärenden Zusammenhangs. 

Das soll keineswegs heißen, dass politische Entscheidungen vorliegendes Wissen über für sie relevante Zusammenhänge links liegen lassen können. Doch die Entscheidung, welche Möglichkeit angesichts eines zu lösenden Problems konkret ergriffen wird, folgt aus dem "verallgemeinerungsfähigen" Wissen nicht, sie bedarf eines Werturteils. Wissenschaft ist nicht dasselbe wie Politikberatung, die Vorschläge macht oder Empfehlungen ausspricht.

Die hier entscheidende Frage ist also vergleichbar der historisch einst grundsätzlichen Frage danach, ob denn eine demokratisch legitimierte Herrschaft eingeführt werden soll oder nicht. Der einzige Unterschied ist, die Demokratie haben wir schon, das in ihr enthaltene Autonomiegebot ebenso (Würde des Menschen, alle Staatsgewalt geht vom Volke aus). Eines hingegen fehlt noch: eine diesen Grundfesten entsprechende Existenzsicherung, die vorbehaltlos, ohne jegliche sanktionierbare Verpflichtung bereitsteht. Bislang gilt lediglich, dass die Existenz gesichert sein soll, aber mit Auflagen.

Sascha Liebermann


9. Oktober 2022

Wissenschaft ohne "Betrieb", aber mit Bedingungslosem Grundeinkommen

Ohne die genauere Situation zu kennen, auf die Hedwig Richter hier Bezug nimmt - es kann in der Tat möglich sein, dass sich jemand bewusst für eine halbe Stelle entscheidet, obwohl das bei den erwähnten Zielen ziemlich ambitioniert bis unrealistisch erscheint - erkennt man an solchen Konstellationen gut, welche Folgen es hat, auf den Wissenschafts-"Betrieb" angewiesen zu sein, um nicht nur forschen, sondern darüber auch ein Einkommen erzielen zu können. Abgesehen von der Diskussion um den hohen Anteil befristeter Stellen im deutschen Wissenschaftssystem stellt sich die Frage, wie es denn möglich sein könnte, zu forschen, ohne auf eine solche Stelle angewiesen zu sein. Auch da spielt, zumindest für die Frage der Einkommenssicherung, ein Bedingungsloses Grundeinkommen eine große Rolle (siehe hier).

Sascha Liebermann

15. September 2022

Gute Anmerkungen,...

...es ist eben ein Unterschied, ob man in einer wissenschaftlichen Studie etwas nachweisen kann oder ob man sich aufgrund einer spezifischen Gerechtigkeitsvorstellung für oder gegen etwas entscheidet. Letzteres kann und muss häufig gerade ohne Studienlage geschehen durch Abwägen und letztlich Werturteile, wenn Entscheidungen nötig sind, Studien aber nicht vorliegen. Hilfreich für die Entscheidungsfindung ist dann eine öffentliche und parlamentarische Auseinandersetzung. Wenn aber Studien vorliegen, die grundlegende Einsichten bieten, sollten sie herangezogen werden. Was die Studie von Sanktionsfrei, so wie sie präsentiert wurde, an Einsichten bietet, ist vor mehr als zwanzig Jahren schon in einer Untersuchung über das "Theorem der Armutsfalle" herausgefunden worden. Nicht muss gezeigt werden, dass Individuen dem "Armutsfallentheorem" nicht entsprechen, es muss gezeigt werden, dass sie ihm tatsächlich folgen. Das ist aber nicht der Fall. Daraus folgt, dass entscheidende Annahmen, mit denen Sanktionen begründet werden, nicht haltbar sind. Daran ändert sich auch nichts, wenn Studien zeigen, dass Sanktionen doch auch zur Aufnahme von Erwerbstätigkeit führen können. Denn in dieser Setzung eines Zieles, wird darüber hinweggegangen, dass es viele gute Gründe geben kann, eine Erwerbstätigkeit nicht aufzunehmen, weil sie mit anderen Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten kollidieren würde. Es kann unvernünftige Gründe geben, die zu einer Erwerbsaufnahme führen. Der Umstand, dass sie geschieht, besagt nichts. 

Nur wenn Erwerbsteilnahme als Ziel gesetzt wird, ist eine durch Sanktionen herbeigeführte "Eingliederung" ein "Erfolg", aber einer um den Preis dessen, das praktisch vernünftige Abwägen aus der Perspektive des Einzelnen durch Sanktionsbewehrung zu unterlaufen.

Sascha Liebermann

26. August 2022

Wissenschaft oder Ideologie? Der Vorwurf der Ideologie ist schnell zur Hand...

..., wird aber an nichts argumentativ festgemacht. Außerdem ist ausdrücklich von Thesen die Rede, die zur Diskussion gestellt werden, auch das gehört zum wissenschaftlichen Arbeiten. Ein BGE mag einem nicht gefallen, das ist eine Werthaltung, aber keine Kritik, die bedarf der Argumente.

Wer, was er nicht will oder für richtig hält, als Ideologie bezeichnet, sieht nicht mehr über den eigenen Tellerrand hinaus.

Sascha Liebermann

8. Juli 2022

Wiederauflage: Wissenschaft und Bedingungsloses Grundeinkommen

Siehe frühere Beiträge dazu hier

14. März 2022

Bedingungsloses Grundeinkommen und das Wissenschaftssystem

Siehe dazu unseren früheren Beiträge zu Wissenschaft und BGE hier, hier und hier


Sascha Liebermann

19. Januar 2022

Wahrheitsfindung und Willensbildung sind zwei verschiedene Dinge...

..., was Philip Kovce am Ende seines Beitrags so zusammenfasst:

"Daraus folgt, dass wir den wissenschaftlichen Geist der Wahrheitsfindung sowie den politischen Geist der Willensbildung klar und deutlich voneinander unterscheiden müssen. Für das Grundeinkommen bedeutet das, dass wir es zwar nach allen Regeln der Kunst drehen und wenden, aber weder testen noch simulieren können. Der politische Akt seiner Einführung lässt sich nicht vorwegnehmen. Das ist gewiss keine schlechte, sondern eine gute Nachricht, kündet sie doch von der Praxis bürgerlicher Selbstverständigung als einer Praxis der Freiheit."

Kovce argumentiert hier weder gegen wissenschaftliche Expertise oder Forschung noch für politische Fahrlässigkeit, wie womöglich manch einer schnell attestieren wird, sondern lediglich dafür, das eine nicht in das andere zu überführen. Politische Willensbildung, die immer in einem konkreten Gemeinwesen mit konkreten Bürgern sich vollzieht, die zu einer Entscheidung gelangen und diese Entscheidung auch tragen müssen, ist etwas anderes, als wissenschaftliche Erkenntnis über allgemeine Zusammenhänge auf der Basis von Daten, die zum einen nur Aussagen über die Vergangenheit erlauben, zum anderen nur begrenzte Schlussfolgerungen zulassen. So kritisiert er treffend die Erwartungen, die an Feldexperimente (oder andere simulatorische Expertise) gerichtet werden, denn sie verschaffen den Probanden einen privilegierten Status, ohne die geltenden Normen außer Kraft zu setzen. Befunde, die daraus gewonnen werden könnten, sind also deswegen schon nicht belastbar. Das gilt ganz ähnlich für Vergleiche eines BGE mit einem Lotteriegewinn, denn auch für ihn gilt, dass nun zwar im besten Falle eine lebenslange Einkommensgarantie besteht, die Normen eines Gemeinwesens, in denen Erwerbstätigkeit einen besonderen Status hat, jedoch bestehen bleiben, auch der Lotteriegewinn verschafft eine privilegierte Lebenslage. Kovce steht mit dieser Kritik keineswegs alleine, denn in der BGE-Diskussion wird schon lange darauf hingewiesen, dass selbst die Resultate von Feldexperimenten allzu schnell politisiert werden, wie am Beispiel Finnland gesehen werden konnte.

Sascha Liebermann

4. November 2021

Schiefer Gegensatz?

Unbestritten, Einkommen ist notwendig, um ein Auskommen zu haben. Die Frage ist, gibt es eine Alternative dazu, erwerbstätig eingebunden Wissenschaft betreiben zu müssen, weil es ohne das kaum möglich ist? Hier kommt das Bedingungslose Grundeinkommen ins Spiel. Es eröffnet für diejenigen, die es nicht in den "Betrieb" schaffen, weil die Hoffnung darauf, einem Lotteriegewinn gleichkommt, die Möglichkeit, weiter zu forschen (sofern weitere Bedingungen erfüllt sind). Der Gegensatz ist schief und stellt nur heute einen dar, da es diese Alternative nicht gibt. Denn nicht im Wissenschaftssystem zu sein, entlastet auch von Irrsinnigkeiten, die es dort gibt.

Siehe dazu hier mit weiterführenden Links.

Sascha Liebermann

13. Juli 2021

"Universal Basic Income" für Forschungsaktivitäten, eine irreführende Verknüpfung...

...dann besser gleich Klartext: ein Bedingungsloses Grundeinkommen, das auch Wissenschaft und Kunst helfen würde.

Sascha Liebermann 

11. Juni 2021

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen böte immerhin eine Alternative,...

...auch wenn das alleine nicht ausreichte, um forschen und lehren zu können. Siehe unsere früheren Beiträge hier

11. Mai 2021

Bedingungsloses Grundeinkommen und das Wissenschaftssystem,...

...was für einen Unterschied es machte, über ein BGE zu verfügen oder nicht, wird auch hieran deutlich. Wenige wissen womöglich, wie unsicher dieser berufliche Weg ist und wie lange er es sein kann, bis er sogar aufgegeben wird. 

Siehe dazu auch hier, hier und hier.

Sascha Liebermann 

4. Januar 2021

"Exzellenzinitiative", Drittmitteleinwerbung und die Lage junger Wissenschaftler, ...

...wieviel Entlastung brächte hier ein Bedingungsloses Grundeinkommen, wenn auf seiner Basis  Forschung möglich und der Zugang zu Infrastruktur wie Bibliotheken, elektronischen Zeitschriften und etwaiger "freier" institutioneller Anbindung gegeben wären, ohne auf das Erwerbseinkommen angewiesen zu sein? Siehe auch "Kunst und Wissenschaft und das bedingungslose Grundeinkommen".

Allerdings muss hier auch gefragt werden, weshalb sich verbeamtete Professoren auf Lebenszeitstellen in nennenswerter Zahl denn nicht gegen diese Entwicklung gestemmt haben? Wer eine solche Stelle innehat, muss nicht am Drittmittelzirkus teilnehmen - was ja nicht heißt, dass es nicht sinnvoll sein kann, hier und da Drittmittel einzuwerben. Auch wenn gesetzliche Regelungen den Missstand befördern (siehe das Wissenschaftszeitvertragsgesetz), so erklären sie keineswegs die Praxis, befristete Verträge mit kurzen Laufzeiten den in der Qualifizierungsphase befindlichen Kollegen anzubieten, um sie kurz zu halten. Hier müssen sich die Entscheider in den Universitäten als erstes selbst fragen, was sie anders machen könnten. Das galt schon für die sogenannten Bologna-Reformen, die weitgehend durchgewunken wurden in der Hoffnung, dass alles nicht so schlimm komme oder sie zu einer technokratischen Erneuerung führen könne. Hätten die Fakultäten, Fachbereiche und Institute hier nicht mitgewirkt und manche Fussfessel selbst angelegt, wäre es womöglich gar nicht zu den weitreichenden Veränderungen durch die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen gekommen, deren Folgen dann wieder beklagt werden (siehe hierzu: 

"Zum Selbstverständnis der Soziologie als Wissenschaft"

"Technokratisierung durch Selbstentmachtung: Anmerkungen zum Versagen der wissenschaftlichen Profession und eine alternative Antwort auf die Probleme der Hochschule heute"

"Unterstützung durch Überanpassung. Wer trägt die Verantwortung für fehlgeschlagene Hochschulreformen?"

"Autonomie und Verantwortung im Studium. Zur Diskussion über Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen und ihre Aufhebung".

Sascha Liebermann 

14. April 2020

taz macht aus Selbstverständlichkeiten Außergewöhnliches - zum Verhältnis von Politik und Wissenschaft


Das Transkript des Pressegesprächs im science media center germany, auf das sich die taz, aber auch andere Medien wie focus, beziehen, finden Sie hier (hier auch eine Befragung Drostens im ZDF am selben Tag zur Heinsberg-Studie; in einem sehr ausführlichen Interview auf Zeit Online hat er sich zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik geäußert). Sowohl das Transkript wie auch das Gespräch im ZDF bezeugen vielmehr Banalitäten, dass nämlich ein Wissenschaftler mit einer Studie zurückhaltend umgeht, solange er sie nicht kennt, dann eben keine Schlüsse aus ihr zieht. Drosten hätte vielleicht noch zurückhaltender sein können, stellt jedoch differenzierte Fragen an die Studie und tut nicht, was Medien kolportieren, und zwar sie kritisieren. Dass Drosten diese Fragen in der Pressekonferenz nicht beantwortet sieht, heißt nicht, dass Streeck sie nicht beantworten kann. Folgerichtig hält er sich mit Einschätzungen zurück. Das sollte jeder Wissenschaftler tun, der zu einer Studie befragt wird, zu der er keine detaillierten Informationen hat, z. B. über Datenerhebung (was wurde erhoben, wie wurde es erhoben, wer wurde untersucht), Datenauswertung (wie wurde vorgegangen) und daraus gezogene Schlüsse. Denn um diese einschätzen zu können, müssen sie ins Verhältnis zu den Daten gesetzt werden.

Eine Anmerkung zur Eigendynamik der Medien sei noch angefügt. Forschung bzw. Forschungsergebnisse über Publikationen hinaus in die Öffentlichkeit zu tragen, indem z. B. Pressekonferenzen gehalten und Interviews gegeben werden, ist durchaus begrüßenswert. Allerdings handelt sich es dabei immer um Untersuchungen, die sich auf den state of the art einer oder mehrerer Disziplinen zu einer ganz bestimmten Fragestellung beziehen. Es ist also ein durchaus anspruchsvolles Unterfangen, solche Untersuchungen einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren, die die Eigenheiten von Forschung in der Regel nicht kennt und den Status von Ergebnissen nicht gut einschätzen kann. Mit entsprechenden Methodendiskussionen ist sie nicht vertraut. Für Missverständnisse sind hier Tür und Tor geöffnet. Die mediale Berichterstattung tendiert hier zu reißerischen Überschriften und knalligen Zuspitzungen, wodurch Ergebnisse weniger differenziert vermittelt werden, als sie womöglich vorgetragen wurden. Hinzukommt, was Drosten auch in Interviews schon beschrieben hat, dass Forschungsergebnisse schnell politisiert werden. Das ist ein Geist, der ernsthafter Forschung diametral entgegengesetzt ist, was nicht selten dazu führt, dass  Wissenschaftler, die in der Öffentlichkeit auftreten, darauf nicht vorbereitet sind und der Vereinnahmung nicht entgegenzutreten vermögen.

Das ist auch für die BGE-Diskussion von Bedeutung, denn der Gegenstand ist eine "hot potatoe", es mangelt oft an nüchterner Betrachtung der Zusammenhänge, was eine differenzierte Argumentation erschwert. Erinnert sei hier nur an die häufige Reaktion (siehe auch hier) von Diskutanten mit überdurchschnittlichem Einkommen, die darauf hinweisen, ein BGE nicht zu "brauchen". Dass sie es dennoch erhalten würden, bezeuge, wie ungerecht es sei. Im selben Atemzug vergessen diese Diskutanten zu erwähnen, welche Freibeträge sie ganz fraglos in Anspruch nehmen, die sie ebensowenig "brauchen". Sie vergessen auch, dass sich Freibeträge im Einkommensteuergesetz nicht aus einer Bedarfslage heraus begründen, sondern als Absicherung des Existenzminimums, das jeder Person, in Absehung von ihrer Einkommenslage, zusteht.

Siehe frühere Beiträge zu Wissenschaft und Politik hier und hier.

Sascha Liebermann

12. November 2019

"Wissenschaft und Politik bitte streng trennen!"...

...Philip Kovce im Deutschlandfunk zu einer alten, häufig missverstandenen, aber deswegen nicht weniger relevanten Frage ganz im Geiste Max Webers (siehe auch hier).

Beiträge von uns zu dieser Frage finden Sie hier.

Sascha Liebermann

5. Februar 2019

Immer dieselben Experten in den Medien...

...das thematisierte ein Beitrag von Servan Grüninger in der Neuen Zürcher Zeitung schon im vergangenen November und weist darauf hin, dass dafür sowohl die Wissenschaften selbst, als auch die Medien verantwortlich seien. Während die einen zu wenig bereit seien, sich in die öffentliche Diskussion zu begeben, bedienen sich die anderen zu oft derselben Experten. Zwar bezieht sich der Beitrag auf die Situation in der Schweiz, ließe sich aber umstandlos auf Deutschland übertragen - die Grundeinkommensdiskussion wäre nur ein Beispiel dafür. Diese mangelnde Vielfalt ist für die öffentliche Diskussion und Meinungsbildung nicht förderlich. Was sich als Polarisierung darstellt, würde erheblich mehr Zwischentöne erkennbar machen, wenn die Vielfalt der Stimmen deutlicher würde.

Sascha Liebermann

7. Juni 2018

Ist unvoreingenommene Forschung möglich, wenn man zugleich von etwas praktisch überzeugt ist?

Sinngemäß stellt der Schweizer TagesAnzeiger diese Frage Jens Martignoni am Ende eines Interviews über das Grundeinkommensprojekt in Rheinau (Schweiz). Mir ist diese Frage schon öfter gestellt worden, weshalb ich sie hier aufgreife, um dazu Stellung zu beziehen.

Wer mit wissenschaftlichem Arbeiten vertraut ist und die Eigenheiten von Forschung kennt, wird die Frage des TagesAnzeigers für überraschend und banal halten. Methodisch disziplinierte Forschung auf der einen und Befürwortung eines praktischen Vorhabens aus Überzeugung auf der anderen Seite sind zwei Paar Schuhe. Für eine der Überprüfbarkeit (Falsifikation) verpflichtete, methodisch diszipliniert arbeitende Wissenschaft ist es entscheidend, auf der Basis verfügbarer Daten (ganz gleich welchen Typs) zu Schlussfolgerungen zu gelangen. Daten benötigt es, damit nachvollzogen und geprüft werden kann, wie zu Schlussfolgerungen gelangt wurde. Zugleich ist damit deutlich gemacht, dass methodisch disziplinierte Schlussfolgerungen sich immer nur auf Zusammenhänge in der Vergangenheit richten können, denn nur darüber können Daten Auskunft geben. Jeder Blick nach vorne, in die Zukunft, ist damit nicht mehr methodisch diszipliniert möglich, das lässt sich sehr gut an Schätzverfahren ablesen, die für Prognosen genutzt werden, um auf der Basis von gesetzten Annahmen (bestenfalls aus der Vergangenheit rekonstruiert), Aussagen über etwaige Veränderungsmöglichkeiten in der Zukunft zu treffen. Allerdings: Handlungsfolgen für die Zukunft zu bestimmen, ohne dass die Zukunft schon etwas hervorgebracht haben kann, das als Datum eine Erforschung erlaubt, ist keine strenge Wissenschaft mehr.

Es reicht indes nicht aus, Daten zu nutzen, es muss auch transparent sein, wie diese Daten gewonnen wurden. Datentypen müssen eigens bestimmt werden, um sagen zu können, was sich aus ihnen schließen lässt und was nicht. Als nächstes müssen die Auswertungswege, also Verfahren, klar ersichtlich sein, weil nur so Schlussfolgerungen nachprüfbar sind.

Wer also eine Studie und ihre Ergebnisse beurteilen können will, muss sich letztlich die Mühe machen, Datenerhebung, Datenqualität und Datenauswertung nachzuvollziehen. Diese drei Aspekte betreffend herrscht die größte Leichtfertigkeit in der öffentlichen Diskussion, auch die wissenschaftlichen Disziplinen sind davon nicht frei, weil nicht selten erstaunlich unreflektiert mit Datentypen und Schlussfolgerungen umgegangen wird.

Diese hier kurz skizzierten grundlegenden Zusammenhänge gelten für alle Datentypen und Verfahren in den Sozialwissenschaften, ganz gleich, ob es sich um die stärker verbreitete Forschung mit standardisierten Daten und Auswertungsverfahren (sogenannte "quantitative" Forschung/ Statistik) oder aber um Forschung auf der Basis nicht-standardisierter Daten (sogenannte, aber nicht klar abgegrenzte, "qualitative" Forschung) handelt.

Nun kommt der Fall nicht so selten vor, dass entweder Datenlage, die Datenqualität oder die Auswertungsverfahren unbefriedigend sind, das lässt sich dann an der entsprechenden Studie leicht aufzeigen (ein besonders fahrlässiger Fall hier). Es gibt jedoch auch verschiedene methodische Traditionen in den Sozialwissenschaften, zwischen denen teils ideologische Abgrenzungsverhältnisse herrschen, so dass die eine der anderen vorwirft, nicht wissenschaftlich zu sein bzw. keine allgemeinen Aussagen aufgrund einer geringen Fallzahl treffen zu können. "Harte Forschung", so heißt es dann, sei nur auf der Basis von Massendaten (also großen Datenmengen) oder mathematisch abgestützt (Schätzverfahren, Statistik) möglich. Das führt nun aber direkt in die Methodologie- und Methodendiskussion, die ich hier nicht weiter darlegen will (grundsätzliche Überlegungen dazu finden Sie hier und hier).

Für die Aussagekraft von Forschungsergebnissen spielt es folglich überhaupt keine Rolle, welche praktischen Überzeugungen jemand hat, denn seine Forschung muss an der Durchführung beurteilt werden. Ist an ihr zu erkennen, dass sie ohne Vorbehalte und ohne Voreingenommenheit erfolgt ist oder nicht - das ist entscheidend. Würden Überzeugungen so etwas verunmöglichen, könnte es gar keine Forschung geben, die den oben skizzierten Maßstäben genügt, denn Überzeugungen hat jeder, das gehört zum Menschsein dazu. Nicht selten ist es sogar so, dass dort, wo ein Nüchternheitspathos gepflegt und absolute Neutralität behauptet wird, die stärksten Werturteile in die Forschung hineingeragt haben. Das wusste schon Max Weber in seinem berühmten Vortrag über "Wissenschaft als Beruf", dessen Ausführungen an Bedeutung nichts eingebüßt haben.

Sascha Liebermann

18. Oktober 2017

"Is ‘universal basic income’ a better option than research grants?"...

...diese Frage stellt David Matthews in Times Higher Education. Siehe dazu "Kunst und Wissenschaft - und das bedingungslose Grundeinkommen" und "Nachwuchsvergessene Hochschulpolitik - und ein bedingungsloses Grundeinkommen".

Forschungsförderung erfolgt heutzutage immer befristet, meist zwischen 6 Monaten und drei Jahren. Wer keinen unbefristeten Arbeitsvertrag hat, ist im Wissenschafts- und Kunstberieb auf solche Förderungen angewiesen. Sie zu beantragen ist zeitaufwendig, ungewiss, ob man den Zuschlag erhält. Ein BGE könnte hier für eine gewaltige Entlastung sorgen, nicht nur, weil es gegen die Ungewissheiten eine Gewissheit setzt, auf die Verlaß wäre. Es erlaubt auch, die Geschäftigkeit des Wissenschaftsbetriebs zu verlassen, um gleichwohl weiterzuforschen oder sich Forschungsgruppen zu assoziieren. Voraussetzung dafür ist, dass es eine öffentlich zugängliche Infrastruktur gibt, z. B. Bibliotheken. Es gibt Forschungs- und sicher auch Kunstbereiche, in denen aufwendige Materialien oder Instrumente erforderlich sind, dazu kann das BGE wenig beitragen. Aber immerhin: die Existenz absichern. So könnte man sich den Absurditäten des heutigen Wissenschaftssytems durchaus entziehen und zugleich in kleinerem Maße weiterforschen bzw. künstlerisch tätig sein.

Sascha Liebermann


13. Februar 2017

"Ich glaube aber nicht", dass die Leute faul werden - Harald Lesch zum Bedingungslosen Grundeinkommen


Manche werden ihn aus dem Fernsehen kennen, Harald Lesch, Professor für Theoretische Astrophysik an der LMU München, ist einem breiteren Publikum durch seine zahlreichen Sendungen und Veröffentlichungen in diesem Feld  bekannt geworden. Nun hat er sich zum Bedingungslosen Grundeinkommen geäußert. Vertrauen sei wichtig, Misstrauen zerstörerisch. Ein BGE würde Kontinuität ermöglichen. Daran, dass ein BGE zu Faulheit führe, glaube er nicht. Falls es doch welche würden, müssten wir das eben aushalten. "Die Suche nach Wahrheit ist keine Bundesligasaison" - zur Forderung nach mehr Wettbewerb an den Universitäten. Bachelor und Master sind eine Vernichtung an Vertrauen. Das BGE könnte ein interessanter Versuch werden.