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29. Januar 2020

"Warum KI die Arbeit nicht abschaffen wird" - die Erwartung ist aber ohnehin abwegig

Zu diesem Thema schreibt Andrea Komlosy auf Project Syndicate. Darin findet sich folgende treffende Beschreibung:

"Unsere derzeitige enge Definition von Arbeit geht auf das Ende des neunzehnten Jahrhunderts zurück, als die zunehmende Dynamik der Großindustrie zu einer weitgehenden Trennung von Arbeitsplatz und Haushalt führte. In industriellen Kernregionen wurde Arbeit auf die Erwerbsarbeit außerhalb des Hauses reduziert, während Hausarbeit, Subsistenzlandwirtschaft und der nachbarschaftliche Tauschhandel plötzlich nicht mehr als Wert in die Berechnungen einflossen. Diese unbezahlten Tätigkeiten verschwanden weder aus der Peripherie noch aus dem Zentrum der Weltwirtschaft, wurden aber nicht zur Arbeitswelt gezählt. Kein Lohn bedeutete keine Anerkennung, keine statistische Erfassung und keinen Zugang zu öffentlichen Leistungen."

Die Kritik daran, welche Indikatoren für die Erfassung der Wertschöpfung verwendet werden, hier besonders die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, hat schon eine gewisse Tradition. Es läge nahe, den Wert unbezahlter Arbeit in die Erfassung hineinzunehmen, das ist aber nicht nur methodisch problematisch, es suggeriert auch, dass beides vergleichbar sei. Das ist es aber nicht, wenn noch die Besonderheit der Beziehungen in Betracht gezogen wird, die für unbezahlte Arbeit bestimmend sind.

Etwas missverständlich ist folgende Passage:
"Die Lohnbeziehungen wurden zwar erweitert, doch in weiten Teilen der Entwicklungsländer reichten die Löhne nicht aus, um eine Familie zu ernähren, so dass Arbeit im Haushalt und Subsistenzwirtschaft einen Ausgleich schaffen mussten. Und ab den 1980er-Jahren kehrte unbezahlte Arbeit auch in die entwickelten Volkswirtschaften zurück."

Was ist hier gemeint? Denn unbezahlte Arbeit war nie verschwunden, allenfalls wurde sie verlagert oder - wie die Autorin selbst schreibt - nicht bedacht, für nachrangig erklärt, wenn nicht gar ignoriert. Und wer kann sich schon Haushaltshilfen leisten oder möchte sie in Anspruch nehmen? In Deutschland zumindest ist das kein Breitenphänomen, in anderen Ländern, in denen es diesbezüglich eine gewisse Tradition gibt, sicher verbreiteter. Ohnehin ist der Umfang unbezahlter Arbeit nicht durch Messungen zu erfassen, die entscheidende Differenz liegt im Beziehungsgefüge - siehe oben -, das diese Tätigkeiten auszeichnet.

Diese Erklärung hier scheint etwas einfach:

"Im Zuge der voranschreitenden Digitalisierung und Globalisierung der Warenketten führten die Arbeitgeber immer flexiblere Arbeitsverträge ein und drängten immer mehr Beschäftigte dazu, prekäre Beschäftigungsbedingungen zu akzeptieren."

Das war nicht einfach eine Laune, sondern Ausdruck dafür, diese Entwicklung in bestimmter Weise zu deuten - und zwar aus Sicht der Interessen des Unternehmens, bei aller Kurzsichtigkeit, die darin eine Rolle spielte. Die "Beschäftigten", erscheinen hier schlicht als Opfer, nicht aber als diejenigen, die en gros diese Entwicklung auch hingenommen oder sogar selbst noch begrüßt haben. "Prekär" müssten solche Arbeitsverhältnisse nicht sein, wenn der Einzelne Verhandlungsmacht hätte und zwar grundsätzlich, nicht in Abhängigkeit von der Lage am Arbeitsmarkt. Leiharbeit würde einen anderen Charakter erhalten, es könnte zur Selbstverständlichkeit werden, dass Leiharbeiter besser bezahlt werden müsste als Festangestellte, weil sie ein größeres Risiko tragen.

Am Ende wird es doch recht blass, was die Autorin aus ihren interessanten Beobachtungen schlussfolgert:

"Ein solches Szenario ist nur aufmunternd, wenn es uns gelingt, neue Wege zu finden, um bezahlte und unbezahlte Arbeit gerecht auf alle Bürger zu verteilen. Andernfalls laufen wir Gefahr, letztendlich in einer gespaltenen Gesellschaft zu leben. Wohlhabende Workaholics hätten finanziell lohnende, aber belastende Jobs, während Arbeitslose gezwungen wären, sich auf Subsistenzstrategien zu verlegen, um ihr Grundeinkommen oder ihre Armenfürsorge aufzubessern."

Hier wird offenkundig, dass sie dem Einzelnen doch wenig zutraut, vielleicht ist dies der Grund dafür, weshalb sie den Zugewinn an Verhandlungsmacht durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen nicht thematisiert. Ein BGE lässt auf einfache Weise Zusammenschlüsse zur Vertretung von Interessen zu. Aber auch für Lebensgemeinschaften bzw. Familien wäre der Freiheits- und Machtgewinn durch ein gesichertes (kumuliertes) Haushaltseinkommen enorm. So ließe sich anders über die Frage nachdenken und reden, wie mit der Fürsorge für andere umgegangen wird. denn eines darf angesichts der ungleichen Verteilung von Fürsorgetätigkeiten nicht vergessen werden, ein wesentlicher Grund ist das Erwerbsgebot, ohne dessen Befolgung ein Haushalt kein legitimes dauerhaftes Einkommen erzielen kann.

Siehe auch diesen früheren Kommentar zu einem Interview von Andrea Komlosy.

Sascha Liebermann

19. Juni 2018

"Das bedingungslose Grundeinkommen kann nur in einer privilegierten Gesellschaft funktionieren"...

...sagte Andrea Komlosy, Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, im Interview mit dem Wiener Standard unter dem Titel "Atypische Arbeit ist heute typisch". Darin finden sich einige interessante Überlegungen wie die folgende und eine Bemerkung zum BGE:

STANDARD: "Warum ist es wichtig, den Arbeitsbegriff zu erweitern, wie Sie es vorschlagen?
Komlosy: Wenn Arbeit nur als Erwerbsarbeit gilt, die noch dazu mit sozialer Absicherung verbunden ist, dann rutschen alle, die nicht dieser Norm entsprechen, durch. Menschen in unsicheren oder unbezahlten Arbeitsverhältnissen wird so Nichtarbeit unterstellt. Würde man sich angesichts der aktuellen Lage an diesem Arbeitsbegriff festhalten, würden demnach nur sehr wenige arbeiten, weil der Großteil nicht mehr typisch arbeitet, sondern atypisch. Wobei heute das Atypische typisch geworden ist."

Angesichts dieser klaren Einschätzung überrascht dann die pauschale Beurteilung eines BGE:

"STANDARD: Eine Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ist die Entkoppelung von Arbeit und Lohn. Eine mögliche Lösung für die Verteilung von Gratisarbeit und Erwerbsarbeit?
Komlosy: Das bedingungslose Grundeinkommen kommt mir wie die Maschinengläubigkeit der Sozialisten im 19. Jahrhundert vor, nach der die Maschine das Notwendige erledigt und der Mensch sich dem Kreativen widmen kann. Das ist völlig illusorisch. Es ist wichtig, dass alle Menschen Zugang zu Einkommen haben, ich finde aber nicht, dass man das Einkommen gänzlich von Erwerbstätigkeit abkoppeln sollte. Allerdings müsste Arbeit völlig anders verteilt werden, und zwar so, dass berücksichtigt wird, dass neben der Erwerbstätigkeit auch andere Formen von Arbeit verrichtet werden müssen. Und das bedeutet Erwerbsarbeitszeitverkürzung. Das bedingungslose Grundeinkommen kann nur in einer privilegierten Gesellschaft funktionieren, die in der Lage ist, Produkte wie Schuhe, Kleider, Möbel, Autos, Handys von irgendwo zu importieren, wo es kein bedingungsloses Grundeinkommen gibt – und wo die Leute richtig schön ausgebeutet werden, damit wir uns diese Produkte leisten können."

Wenn das Einkommen "nicht gänzlich" von Erwerbsarbeit abgekoppelt werden sollte, was könnte das heißen? Doch womöglich nur, dass eine Gegenleistungsverpflichtung bestehen bleibt, deren Erfüllung zumindest kontrolliert werden muss. So kommt sie womöglich zur Überlegung, Arbeit zu verteilen. Wie sollte das aussehen, ohne formalistisch zu werden? Zur Erwerbsverpflichtung in einem bestimmten Umfang käme eine Verpflichtung zu Nicht-Erwerbstätigkeit hinzu. Weshalb dann nicht die Frage, welche Art von Arbeit jemand als wichtig und richtig erachtet, dem Einzelnen überlassen bzw. ihm möglich machen, sie zu ergreifen? Das hält Frau Komlosy für eine privilegierte Vorstellung, wenn sie mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen verbunden wäre. Wie sie zu dieser Schlussfolgerung gelangt, bleibt ihr Geheimnis.

Sascha Liebermann