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29. Januar 2021

Berechtigte Anmerkung, aber auch: Welche Rolle spielt der politische Konsens für einen defensiven Umgang...

...mit Automatisierungsmöglichkeiten? Denn diese Frage wird in der Studie nicht untersucht und die Daten würden sich dafür nicht eignen, handelt es sich um standardisierte Daten, die es nicht erlauben, Entscheidungsprozesse bzw. die ihnen unterliegenden handlungsleitenden Überzeugungen zu untersuchen. Ich habe mich dieser Frage vor vielen Jahren einmal intensiver gewidmet (siehe hier und hier).

Es erstaunt noch heute, welch geringes Augenmerk dieser Frage im Allgemeinen gewidmet wird, hängt die Nutzung von Technologie doch davon ab, ob die Auswirkungen, die sie mit sich bringt, erwünscht sind. Es spielen also Werthaltungen hierfür eine große Rolle,  hier besonders die bezüglich des Schaffens oder Erhaltens von Arbeitsplätzen (siehe dazu hier und hier). 

Davon einmal ganz abgesehen, gilt die Aussage von Südekum nur für die Vergangenheit, das wird in dem Zitat nicht deutlich, in der Studie allerdings schon am Ende, denn empirische Untersuchungen beziehen sich stets auf die Vergangenheit.

Zum Streitgespräch zwischen Jens Südekum und Richard David Precht, siehe unseren Kommentar hier, der bei Südekum eine gewisse Voreingenommenheit erkennen lässt. Zum Bedingungslosen Grundeinkommen äußerte sich Südekum gegenüber dem Spiegel, siehe hier.

Diese ganze Diskussion über Digitalisierung hätte einen ganz anderen Stellenwert, wenn in ihrem Zentrum die Frage stünde, auf welchen Wegen wir zu Wertschöpfung gelangen wollen und die Frage der Einkommensabsicherung anders beantwortet würde als heute. Ein BGE spielt hier eine entscheidende Rolle.

Sascha Liebermann

4. Januar 2021

19. März 2020

"Hilfen für die Kleinsten"...

...darüber schreibt Florian Diekmann im Spiegel. Eine Bemerkung des Wirtschaftswissenschaftlers Jens Südekum ist interessant, der wie folgt zitiert wird:

"Viele Befürworter eines Bedingungslosen Grundeinkommens sehen in der Notlage vieler Kleinstunternehmer ein Argument, zumindest für einen gewissen Zeitraum Geld an alle Bundesbürger zu zahlen – ähnlich wie es die US-Regierung plant. Südekum hält das allerdigs für keine gute Idee: "Ich selbst bin Beamter – ich brauche jetzt kein Corona-Geld für alle, ebenso wenig wie Rentner." Jetzt sollten auch nur die dringend Geld bekommen, "denen das Wasser bis zum Hals steht", argumentiert Südekum."

Ja, als Beamter ist man in einer privilegierten Lage, ganz besonders jetzt, da hat er recht. Langfristig gedacht aber greift der Einwand nicht, denn mit der Einführung eines BGEs würde der Grundfreibetrag in der Einkommensteuer kassiert, denn brauchen - je nach Einkommen - einige auch nicht. Und Rentner? Da müsste auf die Rentenzahlbeträge geschaut werden und all diejenigen berücksichtigt werden, die zu wenig Beiträge einzahlen konnten bzw. deren Leistungen, weil nicht-erwerbsförmig kaum berücksichtigt werden.

Frühere Beiträge zu Ausführungen von Jens Südekum finden Sie hier

Sascha Liebermann


17. Mai 2019

"Wenn die Roboter kommen"...

...ein Streitgespräch zwischen Frank Thelen, Investor und Unternehmer, und Jens Südekum, Prof. für Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Zur Diskussion über Digitalisierung und ihre Auswirkungen, siehe hier, zu Ausführungen von FrankThelen hier, von Jens Südekum hier.

12. Februar 2019

"Sprechen Sie nie wieder von Massenarbeitslosigkeit"...

...das hielt Jens Südekum in einem Streitgespräch Richard David Precht entgegen, das schon im vergangenen November in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung abgedruckt war und online zugänglich ist (allerdings kostenpflichtig). Die Diskussion kreist letztlich um die Frage, ob die Digitalisierung nun langfristig mehr Vorteile oder mehr Nachteile bezogen auf die Entwicklung am Arbeitsmarkt habe. Trotz differenzierter Betrachtungen von beiden Seiten, dass nicht vorhersagbar ist, was geschehen werde, vertreten beide bestimmte Erwartungen. Und es geht beinahe nur um den Arbeitsmarkt.

Gegen Ende dann sagt Precht:

"Es ist wichtig, dass Menschen, die gute Arbeit geleistet haben, aber trotzdem ihre Stelle verloren haben, mehr Geld in der Tasche haben als Hartz IV und in keinen stigmatisierten Status kommen. Als Hartz-IV-Empfänger bekommen Sie relativ schlecht eine Frau. Als Grundeinkommensempfänger sind Sie zeitweise unbeschäftigt, in einer Art Normalzustand. Und wir können unsere alten Ansprüche an die Leistungsgesellschaft langfristig flächendeckend nicht aufrechterhalten."

Der Leistungsbegriff ist verengt auf Erwerbstätigkeit, Leistung ist aber breiter zu fassen und wird deswegen immer wichtig sein. Die Frage ist nur, welche Bedingungen sie benötigt, um sich im breiten Sinne entfalten zu können, dafür ist das BGE wichtig. Das thematisiert Precht jedoch gar nicht. Südekum aber auch nicht:

"Dem könnte ich vielleicht folgen, wenn die Diagnose richtig wäre, dass wir dauerhaft in ein Deutschland kommen, dem die Arbeit ausgeht. Das ist ja aber nicht so. Das bedingungslose Grundeinkommen würde ohne Not die komplette Struktur des Sozialsystems verändern und ist deshalb die falsche Therapie."

Prechts Diagnose war ja differenzierter als "uns geht die Arbeit aus". Erwerbszentrierte Systeme sozialer Sicherung hält Südekum offenbar für unerlässlich. Das wird hier ganz deutlich:

"Wenn wir aber in Deutschland langfristig als Gewinner aus der Digitalisierung kommen, haben wir nur ein vorübergehendes Problem, bei dem Menschen ihre Stelle verlieren und noch zehn oder zwanzig Jahre im Arbeitsmarkt sind. Dann ist die richtige Therapie eine andere: Weiterbildung, Umschulung, in den ganz schlimmen Fällen vielleicht öffentliche Beschäftigung. Aber doch nicht ein generelles Grundeinkommen, das die gesamte Gesellschaft betrifft!"

Hier wird Erwerbstätigkeit doch zur Beschäftigungsbeschaffungsmaßnahme, mit Leistungsorientierung hat das nichts zu tun. Südekum will statt eines BGE Einkommenssicherung durch breit gestreute Aktieneinkünfte. Damit verliert der normative Vorrang von Erwerbstätigkeit nicht an Bedeutung, es bliebe, wie es ist, der Leistungsvielfalt (bezahlte wie unbezahlte Arbeit) würde ebensowenig entsprochen wie der Bedeutung der Bürger für die Demokratie.

Sascha Liebermann

29. August 2018

Übertreibungen gegen Beschwichtigungen - oder Arbeit als Beschäftigungsbeschaffungsmaßnahme...

...so stellt sich die Diskussion um etwaige Folgen der Digitalisierung dar, wie an einer Besprechung des jüngsten Buches von Richard David Precht durch Johannes Pennekamp
in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung abgelesen werden kann.

Pennekamp schreibt z. B.:

"Fachleuten, die sich schon länger als Precht mit den Folgen der Digitalisierung befassen, klingen allerdings weit weniger alarmiert. Die Arbeitssoziologin Sabine Pfeiffer von der Universität Erlangen-Nürnberg hat in einer aktuellen Untersuchung gemahnt, dass die Beschäftigungseffekte der Digitalisierung überschätzt werden könnten. Viele Tätigkeiten, die als Routinejob eingestuft werden, seien viel komplexer als angenommen und nicht so einfach zu ersetzen. Ähnlich argumentiert Jens Südekum, ein führender deutscher Ökonom auf diesem Gebiet. Die vielzitierte Studie von Osborne und Frey sei von vielen missverstanden worden. „Sie sagt nichts darüber aus, wie viele Berufe und Arbeitsplätze tatsächlich wegfallen“, sagt er. Frey und Osborne hätten lediglich untersucht, in welchen Berufen es hohe Anteile von Tätigkeiten gibt, die theoretisch auch eine Maschine übernehmen könnte. Ob das dann auch tatsächlich passiert, stehe auf einem ganz anderen Blatt."

Diese Einschätzung am Ende ist vollkommen zutreffend, zwischen Nutzungsmöglichkeiten von Technologie und tatsächlicher Nutzung besteht kein direktes Entsprechungsverhältnis. Aus der Geschichte der Technikentwicklung ist bekannt, wie sehr die Nutzung von kulturellen Deutungen der Technik bzw. Technologie abhängt. Darüber hinaus muss noch unterschieden werden, ob eine Nutzung möglich und ob sie sinnvoll ist. Daraus folgt unmittelbar, dass es Hemmnisse für die Nutzung geben kann, die in kulturspezifischen Deutungen bestehen, das galt in der Vergangenheit, das gilt ebenso in der Gegenwart. Deswegen sind dramatisierende Prognosen ebensowenig sinnvoll wie Beschwichtigungen. Wenn Entscheidungsträger auf der einen Seite technologische Nutzungsmöglichkeiten sehen, auf der anderen aber die Folgen für die Arbeitsplätze wahrnehmen, kann dies dazu führen, technologische Möglichkeiten nicht auszuschöpfen, obwohl es sinnvoll wäre (siehe hier). Dieser Aspekt wird in der Diskussion wenig beachtet und kaum ernsthaft untersucht, mit standardisierten Befragungen lässt sich das nicht herausfinden.

Pennekamp schreibt weiter:

"Südekum betont zwar ähnlich wie Precht, dass die Digitalisierung tatsächlich Probleme mit sich bringen wird – zum Beispiel eine stärkere Spreizung der Löhne und steigende Marktmacht bei wenigen großen Firmen. Hier müsse die Wirtschaftspolitik ansetzen. „Aber auf Massenarbeitslosigkeit deuten die bisherigen Erfahrungen überhaupt nicht hin“, sagt der Düsseldorfer Ökonom. Und selbst Christoph Butterwegge, ein linker Armutsforscher, der nicht im Verdacht steht, die Folgen des Kapitalismus zu beschönigen, warf Precht in einer „Deutschlandfunk“-Diskussion kürzlich vor, den Menschen unnötigerweise unheimliche Angst vor dem Arbeitsplatzverlust zu machen."

Hier sieht man, wie Wirtschafts- und Sozialpolitik sich im Kreis drehen, wenn es nur um Arbeitsplätze, nicht aber um Wertschöpfung geht. Arbeitsplätze sind strenggenommen nur relevant, solange sie für die Bewältigung von Aufgaben notwendig und sinnvoll sind. Sonst eben nicht. Ein BGE greift weiter, ist grundsätzlich ausgerichtet, und würde gerade deswegen dazu beitragen, den Leistungsbegriff nicht weiter zu entleeren, worin für unser Gemeinwesen in der Tat eine große Gefahr besteht. Denn "jede Arbeit ist besser als keine" ist zugleich die Aufgabe des Leistungsethos. Erwerbstätigkeit wird zur Beschäftigungsbeschaffungsmaßnahme.

Sascha Liebermann

11. Juli 2018

"Roboter führen nicht zu Massenarbeitslosigkeit" - aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen?

In einem Beitrag von Jens Südekum, Professor an der Universität Düsseldorf, auf der Website Wissenschaftsjahr, befasst sich dieser mit den Folgen von Technologienutzung auf die Substitutierung menschlicher Arbeitskraft in der Vergangenheit Was haben er und seine Kollegen untersucht? Das, worüber sie Daten hatten, also das Vergangene. Was schreibt er:

"Es zeigt sich aber, dass Roboter nicht zu direkten Entlassungen geführt haben. Die Unternehmen schufen aber weniger neue Arbeitsplätze für Berufseinsteiger. Der Strukturwandel verlief also über Generationen hinweg.
Neue Technologien sollten Gesellschaft und Politik also nicht in Panik versetzen. Wellen der Massenarbeitslosigkeit stehen nicht an. Viele der Horrorszenarien, die in den Medien verbreitet werden, sind substanzlos, spekulativ und entbehren einer wissenschaftlichen Grundlage."

Eine Versachlichung dieser Diskussion kann nur hilfreich sein, die Frage ist nur, ob, was Südekum und Kollegen herausgefunden haben, auch für die Zukunft gilt? Denn sie konnten sich nur die Folgen von Entscheidungen in der Vergangenheit anschauen. Folglich sind seine Schlussfolgerungen auf die Zukunft nicht gedeckt, denn dazu kann die wissenschaftliche Analyse nichts beitragen, er hätte sich also auf Äußerungen über die Vergangenheit beschränken müssen. Hinzu kommt noch, dass zumindest in dem Beitrag nicht die Frage gestellt und dann erklärt wird, weshalb es so war, wie es war. Ist in der Vergangenheit denn offensiv automatisiert worden? Dagegen spricht manches, weil offensive Automatisierung mit dem politischen Konsens kollidiert, demzufolgen das Schaffen bzw. Erhalten von Arbeitsplätzen wichtig ist. Diese Haltung kann durchaus wertschöpfungshemmend sein (siehe zu einem ähnlichen Problem hier).

Dass Südekum und Kollegen durchaus nicht der Meinung sind, angesichts dieser Befunde könne sich ausgeruht werden, zeigt sich hier:

"Die Erträge aus dieser neuen Technologie fallen also nicht beim Faktor Arbeit an. Bislang waren diese Verteilungseffekte noch moderat. Aber sie können in Zukunft stärker werden, etwa durch die weitere Entwicklung der künstlichen Intelligenz (KI).
Die Gesellschaft sollte über dieses tatsächliche Problem der Digitalisierung diskutieren. Antworten reichen von mehr klassischer Einkommensumverteilung über Modelle des bedingungslosen Grundeinkommens bis hin zu Formen der Mitarbeiterbeteiligung am Kapitalstock oder den Unternehmensgewinnen."

Sie sehen als durchaus Entwicklungen, auf die politisch eine Antwort gefunden werden muss, hier sind die Schlussfolgerungen auch vorsichtiger als oben. Die gesamten Ausführungen machen wieder einmal deutlich, wie sehr die Frage der Technologienutzung davon bestimmt wird, welche Folgen sie auf Arbeitsplätze hat. Südekum deutet allerdings an, dass es aufgrund der ungleichen Effekte auf die Einkommenschancen andere Wege geben muss zukünftig, als Einkommen über Erwerbsarbeit weiterhin als normatives Ideal zu pflegen.

Siehe auch das unten stehenden Interview:



Sascha Liebermann