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10. Mai 2022

Lanz und Precht zum Grundeinkommen...

 ...gute und richtige, schiefe und einige selbstbeweihräuchernde Gedanken finden sich in diesem Gespräch. Selbst die krude Armutsfalle kommt vor und wird vermeintlich durch ein BGE überwunden, wenn es denn etwas zu überwinden gäbe. Dass Precht so weit geht, Arbeit würde sich mit einem BGE auch für Langzeitarbeitslose wieder lohnen, entbehrt nicht der Komik, als sei das der entscheidende Grund für die lange Dauer der Erwerbslosigkeit.

Die öffentliche Diskussion, die jüngere, hat etwa 2004 begonnen, das muss man manchmal in Erinnerung rufen, seitdem wird kontinuierlich über das BGE gestritten, mal mit mehr, mal mit weniger medialer Aufmerksamkeit. Lanz hatte zu den Hochzeiten der Piratenpartei wiederholt BGE-Vertreter aus deren Reihen zu Gast, das war offenbar vor Prechts Zeiten. Götz W. Werner war wie manch anderer, auch das Netzwerk Grundeinkommen, schon ganz früh dabei. Die Debatte ist schon lange differenziert und etabliert.

Siehe unsere Kommentare zu Ausführungen von Markus Lanz und Richard David Precht.

Sascha Liebermann

19. April 2022

Automatisierung, Millionärssöhne, Erwerbstätigkeit - und wieder einmal die Demokratie übersehen. Grundeinkommen bei Markus Lanz

Die Sendung Markus Lanz vom 14. Juli (hier der Ausschnitt zum Bedingungslosen Grundeinkommen)  widmete sich dem Zusammenhang von Sozialversicherungssystemen, Sinn von Erwerbstätigkeit und Entwicklung der Erwerbsarbeitswelt angesichts von Automatisierungsmöglichkeiten, deren Wirkungsbreite schwer einschätzbar ist. Es war sicher kein Zufall, dass gerade Richard David Prechts neues Buch erschienen ist, das sich damit prächtig bewerben ließ. Die in der Sendung behandelten Fragen sind in ihrer Bedeutung  weder neu (siehe hier und hier) noch sind sie auf eine ungewöhnliche Weise behandelt worden, selbst in Lanz' Sendung waren sie wiederholt Gegenstand, in Fachdebatten ohnehin.

Interessant ist der Ausschnitt zum BGE wegen der Antworten Monika Schnitzers, Professorin für Wirtschaftswissenschaften an der LMU-München und Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der die Bundesregierung berät. Weshalb interessant? Zum einen  weil sie erstaunlich kurz greifen und teils doch nur Werthaltungen erkennen lassen, ohne zu analysieren; zum  anderen weil sie deutlich machen, dass manche, die gerne in das Precht-Bashing einstimmen, es sich zu einfach machen. Denn Schnitzers Antworten sind teils erstaunlich, wie Prechts Überlegungen durchaus widersprüchlich sind, insbesondere vor dem Hintergrund, dass es von "Freiheit" handelt. Für die gesamte Diskussion ist eine Verengung symptomatisch, da sie stets um die Frage kreist, wie es sich denn nun die Erwerbsmöglichkeiten und -bedingungen verändern werden und was davon zu halten sei. Dabei könnte über Automatisierungsmöglichkeiten ganz anders diskutiert werden, wenn es eine alternative legitime Einkommensform zu Erwerbseinkommen gäbe - an ihr wird, aufgrund ihrer normativen Stellung, alles gemessen, was teils groteske Folgen hat, so z. B. die ständige Hoffnung darauf, Arbeitsplätze zu erhalten oder zu schaffen bzw. Beschäftigung zu sichern, statt Wertschöpfung ins Zentrum zu rücken, wozu allerdings Einkommen auch in anderer Form bereitstehen müsste als durch Erwerbstätigkeit.

Schnitzers erste der hier kommentierten Bemerkungen zur Sache richtete sich auf die Gegenüberstellung von Erwerbstätigkeit und Selbstverwirklichung, die nicht von Precht kam, der zwischen beiden gar keinen Widerspruch erkannte. Arbeit bedeute, so Schnitzer, für die meisten "Sinn", sie biete "soziale Kontakte". Letzteres ist zweifelsohne in der Allgemeinheit richtig und dennoch falsch, denn welcher Art sind diese Kontakte, welchen Charakters ist das "Soziale" daran? Es sind eben Kollegialbeziehungen, um die es geht, die sich durch die Aufgabenbezogenheit im Dienste eines ganz bestimmten Zweckes ergeben. Weder sind Mitarbeiter über das Mitarbeitersein hinaus dafür von Bedeutung noch finden sie dort eine umfassende Anerkennung als Person. Nirgendwo ist der Einzelne so auswechselbar wie in Erwerbstätigkeit, das ist gerade ihr Sinn und Zweck. Wenn Schnitzer sagt, "Arbeit" gebe "Struktur", dann fragt man sich, was mit all denen ist, die - dieser Betrachtung gemäß - strukturlos in den Tag leben, weil sie für den Haushalt und die Kinder sorgen, Angehörige pflegen oder sonst etwas außerhalb von Erwerbsverhältnissen tun? Die Bemerkung Schnitzers gilt für jede Aufgabe im Leben, es sei denn, man selbst stellt ihre Sinnhaftigkeit in Frage oder verzweifelt an ihr, dann muss man sich neu orientieren, muss sich selbst Struktur geben, wenn man so will, das tut niemand für einen selbst. Das gilt aber genauso für Erwerbstätigkeit, die dann nur noch ein Gerippe an Struktur ohne Inhalt darstellt, wenn sie nicht mehr als sinnvoll wahrgenommen wird, wenn jemand mit ihr hadert. Lanz sekundierte Schnitzer, man wolle doch gebraucht werden - in seiner Banalität ist das genauso richtig wie verkürzt, die Frage ist doch, wer darüber bestimmt, welches "Gebrauchtwerden" Anerkennung findet und welches nicht. Auch Bürger werden in einem Gemeinwesen gebraucht, ohne sie ist es nicht lebensfähig - sie werden darin in einem viel umfassenderen Sinn gebraucht als in Erwerbstätigkeit und dennoch brachte dies keiner ins Spiel.

Darauf folgte Schnitzers nächste Bemerkung, ein "Millionärssohn" erhalte dann eben auch das BGE, er brauche es aber nicht, das Geld wäre doch bei denen besser aufgehoben, die es benötigen. Tja, möge man hier ratlos entgegnen. Wenn sie das in aller Konsequenz so sieht, sollte als erstes den Grundfreibetrag in der Einkommensteuer abschaffen wollen. Doch steht er selbstverständlich nicht in Frage, ebensowenig der Kinderfreibetrag, den der Millionär ebensowenig "braucht". Wie kann jemand mit dieser Expertise zu einer solchen Einschätzung gelangen, wenn doch zugleich diese Freibeträge stets mit der Idee der Existenzsicherung verbunden sind? Wer den Grundfreibetrag antasten will, muss unser Verständnis von Existenzsicherung antasten. Was soll also dieser Einwand gegen ein BGE bezeugen?

Weshalb nun gerade die Fixierung auf Erwerbsbereitschaft signalisieren soll, dass das Gemeinwesen seine Bürger brauche, von ihnen etwas erwarte, ein BGE hingegen das nicht tue, ist wirklich rätselhaft. Erwartet denn ein Gemeinwesen von seinen Bürgern nichts, weil es ihnen den Bürgerstatus einfach so zuspricht, ohne dass sie dafür etwas tun müssen? Wer käme auf den Gedanken, das anzunehmen, wo doch die Lebendigkeit einer politischen Vergemeinschaftung von nichts anderem abhängt als der Bereitschaft, für sie einzustehen - ganz ohne Sanktionsmöglichkeit? Ein BGE eröffnet doch erst Engagement in der Breite, weil es all die heute unbezahlt geleisteten Dienste auf ein sicheres Fundament stellt. In der Runde gab es zu Schnitzers Einspruch ebenfalls keine Reaktion, wiewohl Precht selbst andere Quellen für Lebenssinn jenseits der Erwerbstätigkeit zumindest erwähnte und Kenza Ait Si Abbou dies als zweifache Mutter ebenso anmerkte. Das war es dann aber auch.

Als es zur Höhe des Betrages kam, den ein BGE umfassen müsse, genannt wurden hier 1208 Euro damit es nicht zu einer Verschlechterung führe, ging der Taschenrechner an. Auf einmal raunten 900 Mrd. Euro durch das Studio (Bruttokosten), der Bundeshaushalt sei erheblich niedriger, doch das Sozialbudget (so Precht) liege schon höher. Schnitzer bemängelte im Falle eines Pauschalbetrages die Ungleichbehandlung angesichts ungleicher Lebenshaltungskosten in München und Nordhausen. Dieser Aspekt ist in der Diskussion keineswegs neu, Precht entgegnete zurecht, dass es durchaus eine private Entscheidung sei, wo man lebe. Schnitzer hingegen, ganz anreizgeschult, begann vorzurechnen, dass Mehrpersonenhaushalte sich ja gleich besser stellten, dann könnte jeder überlegen z. B. in einer WG statt alleine zu leben - als würden Entscheidungen nach solchen Maßstäben getroffen. Hieran erkennt man nun aber, dass die Betragshöhe in Kaufkraftverhältnissen relevant ist.

Wäre das BGE nun aber eine Verbesserung gegenüber heute oder nicht? Hier fehlte vollkommen die normative Betrachtung, welchen Unterschied es macht, einen Einkommenssockel einfach zu erhalten, ohne etwas dafür tun und sich erklären zu müssen oder eben nicht. Was den sogenannten Fachkräftemangel betrifft, wurde deutlich, dass Schnitzer hier auf die Aushandlungsmöglichkeiten am Arbeitsmarkt vertraut; wenn Personal gefragt wäre, würden die Löhne gegebenenfalls steigen müssen. Ja, das stimmt, ist aber von der Lage im entsprechenden Arbeitsmarktsegment abhängig, beim BGE hingegen gilt das allgemein unabhängig von der Arbeitsmarktlage. In Schnitzers Fall bliebe die Überhöhung von Erwerbstätigkeit bestehen, mit BGE hingegen nicht - auch hier ist die normative Seite wiederum entscheidend, sie hat Folgen für alle anderen Aufgaben, denen man sich widmen kann und muss, die aber nicht erwerbsförmig sind.

Precht parierte manchen dieser Einwände durchaus treffend, indem er z. B. sagte, dass ein BGE keine Alternative zum "Arbeiten", sondern zum "Arbeitszwang" sei. Zwar gilt dieser nicht unmittelbar, mittelbar jedoch schon, wenn ohne Einkommen kein Auskommen zu erreichen ist. Dann kam gleich zu Beginn wieder seine Präferenz in der Ausgestaltung, ein BGE nicht für Kinder vorzusehen, sondern erst ab Volljährigkeit, also mit 18 Jahren. Unter 18 bleibe das Kindergeld erhalten. Warum? Wie begründete Precht das? Gar nicht, es seien in diesem Alter ohnehin die Eltern, die über die Verwendung entscheiden. Diese Einschätzung erinnerte an eine andere Begründung, die er einst gab, in der Sendung aber nicht wiederholte. Sie äußerte er in einer Diskussion mit Christoph Butterwegge auf der philcologne im Jahr 2018. Wie in der Druckfassung so auch in der Audioaufzeichnung des WDR-Gesprächs (ab Minute 39) sprach Precht davon, er wolle nicht, dass jemand, der keine Aussicht auf einen Beruf habe, auf die Idee komme, Kinder zu kriegen (siehe meine Kommentare dazu hier hierhier und hier). Diese Äußerung ist damals - auch von Butterwegge - entsprechend kommentiert worden. Dass Precht Alleinerziehende, die gerade in einer besonderen Klemme sind, wenn sie für ihre Kinder dasein wollen, relativ schlechter stellt als Paare mit Kindern, kümmerte ihn in der Sendung nicht.

Schnitzers Ausführungen dazu, aus Gründen der umlagefinanzierten Rente zukünftig länger arbeiten zu müssen, sie kenne in ihrem Bekanntenkreis etliche, die das auch tun, stieß bei Precht auf Verwunderung. Um welche Berufsgruppen es da wohl gehe, ob es sich z. B. um Pfleger, Erzieher und Handwerker handele oder um eher privilegierte Berufsgruppen, deren Beanspruchung anders und deswegen weniger auszehrend sei. Darauf hatte Schnitzer keine Antwort, obwohl sie allzu nötig gewesen wäre.

Wiewohl erkennbar in der Diskussion blieb doch unausgesprochen, welchen Folgen der normative Vorrang von Erwerbstätigkeit heute praktisch hat, was er für Tätigkeiten bedeutet, die nicht erwerbsförmig sind und wie sehr diese Vorrangstellung mit der Stellung der Bürger in einer modernen Demokratie kollidiert. Insofern also nichts Neues, aber gleichwohl wieder Einsichten darein, weshalb es ein BGE so schwer hat und wie sehr ein Blick auf die politische Ordnung weiterhelfen könnte.

Sascha Liebermann

14. Februar 2022

Theoretisch ist, über Grundlagen nachzudenken, auch wenn das Nachdenken von der Realität den Ausgang nimmt

Dieses Gespräch ist womöglich das letzte (März 2018), das Götz W. Werner in einer Talkrunde im Fernsehen bestritten hat und es ist ihm schon anzumerken, dass er nicht mehr so schlagfertig ist wie früher. Deutlich werden im Gespräch dennoch verschiedene Dinge, die angesichts teils klischeehafter Nachrufe wichtig anzumerken sind: 1) Es scheint schwer zu sein, zu verstehen, dass die Menschenwürde unverfügbar sein muss und es deswegen eines Einkommens bedarf, das nicht unter Vorbehalt steht (es muss also bedingungslos bereitgestellt werden) - obwohl das den Geist des Grundgesetzes auszeichnet. Solange dieser Vorbehalt geltend gemacht wird, entspricht unser Sozialstaat nicht dem Geist des Grundgesetzes und damit der modernen Demokratie. Das sieht Werner äußerst klar.

2) Er vertritt ein BGE nicht als Geste der "Großzügigkeit", der "Philanthropie" oder weil er eine "soziale Ader" habe, sondern weil er über die Grundfesten unseres Zusammenlebens nachgedacht hat. Aus ihnen leitet er es her:  Selbstbestimmung, Initiative, Leistungsbereitschaft und -möglichkeit sieht er durch ein BGE befördert. Er geht davon aus, dass die Bürger initiativ sind und sein wollen und sich genau darauf unser Zusammenleben gründet. 3) Der Abwehrreflex, hier von Frau Leutheusser-Schnarrenberger (im allgemeinen aber aus allen Richtungen), hinsichtlich dessen, dass Wohlhabende ein BGE nicht brauchen, zeigt, wie wenig selbst erfahrene Politiker sich die Zusammenhänge klar machen. Werner weist zurecht auf das Kindergeld bzw. den Kinderfreibetrag, den Grundfreibetrag in der Einkommensteuer usw. hin, die alle schon geltendes Recht darstellen. Ein BGE führt also nichts ein, was es diesbezüglich nicht schon gäbe. 4) Die Schwierigkeiten, sich auf die Wirkung von Steuern, nicht auf formale Steuertypen einzulassen. Wenn Werner darauf hinweist, dass all die vorgebrachten Einwände gegen eine Verbrauchs- oder Konsumsteuer, wie er sie nennt, an der Realität vorbeigehen, weil heute schon Steuern, die Unternehmen abführen, soweit es geht in die Preise überwälzt werden, dann änderte eine Verbrauchssteuer daran nichts. Unternehmen leben von den Einnahmen, die sie durch den Absatz von Gütern erzielen, dieser Absatz ist die Quelle dafür, entstehende Ausgaben zu decken bzw. entstandene zu begleichen. Folglich trägt der Endverbraucher, der die Steuerlast nicht weiterwälzen kann, die Steuern, in den Preisen jedoch wird das nicht ausgewiesen. Eine Frage, die in der Sendung dann nicht weiter diskutiert wird, ist, wie eine solche Steuer angesichts bestehenden Einkommens- und Vermögensungleichheit wirken würde.

Sascha Liebermann

[update: 14.2.22, 15.21 Uhr]

28. Oktober 2021

Verkehrte Welt bei Markus Lanz - ein Grundeinkommen sei paternalistisch, Nanny-Staat...

...und er fragt, wie man die Leute dazu "bekomme", "intrinsisch motiviert" zu sein. Das aber genau ist paternalistisch, wenn man jemanden dazu "bekommen" will, etwas Bestimmtes zu tun bzw. eine bestimmte Haltung zu haben.

Dass man sich warm anziehen muss, wenn man in eine Talkshow eingeladen wird, kann niemanden überraschen, es soll dort möglich sein, Kontroversen auszufechten. Das kann lehrreich sein und deutlich werden lassen, worin die Eigenheiten einer Position bestehen. In der gestrigen Sendung war Cansin Köktürk eingeladen, die allerding auch nicht damit gespart hat, auszuteilen. Sie ist Sozialarbeiterin und Mitglied von Bündnis 90/ Die Grünen. Grund der Einladung war offenbar eine Rede, in der sie das Sondierungspapier kritisierte. 

Als Sozialarbeiterin verfügt sie über Erfahrung mit "Familien mit multiplen Problemlagen". Dass sich Lanz über die Begrifflichkeit mokiert, zeigt nur, dass er mit der Fachsprache nicht vertraut ist. Frau Köktürk berichtete aus ihrer Erfahrung, den Wirkungen von Sanktionen, den Beschwernissen, die ihre "Klienten" haben - Lanz nannte sie "Leute" - und machte deutlich, dass die auf sanktionsbewehrte Leistungen gestützte Sozialpolitik für ihre Klienten nicht hilfreich sei (siehe auch hier und hier). Leider verquickte sie die Berichte aus ihrer Erfahrung mit ihrer Einschätzung zum Ergebnis der Bundestagswahl und anderen Fragen, was dazu führte, von der eigentlich brisanten Frage abzukommen.

Frau Köktürk sagte nämlich, dass es Gründe dafür gebe, weshalb Menschen so handeln, wie sie es von ihren Klienten kennt und es deswegen wichtig sei, die Gründe dafür zu verstehen, wenn man ihnen helfen wolle. Lanz, der stets betont, wie interessiert er daran sei, zu verstehen, was seine Gäste sagen, hörte aber gar nicht mehr zu, da er die Bemerkungen zur Bundestagswahl und der Ampelkoalition, die Frau Köktürk nebenbei machte, nicht einfach so stehen lassen wollte. Dabei war das viel weniger interessant, es sind zwei verschiedene Debatten, doch die eine - Bundestagswahl - eignet sich für Krawall, die andere nicht.

Geradezu eine verkehrte Welt war es, wenn Lanz, der die Eigenverantwortung hochielt (auf die Hartz IV gerade nicht vertraut) und betonte, die junge Generation wolle endlich wieder einmal ihr Leben selbst in die Hand nehmen, dann fragte, wie man die Klienten denn motivieren könne - als fehle es an Motivation. Köktürk betonte hingegen, dass es eher die Hindernisse seien, die man aus dem Weg räumen müsse, das eröffne auch ihren Klienten Möglichkeiten, die sie nicht haben. Lanz war ob dieser Ausführungen perplex, hätten wir doch eine so umfassendes Sozialsystem wie nur wenige Länder. Nun, was hat das eine mit dem anderen zu tun? Angesichts einer Bemerkung von Frau Köktürk bekundete er, sehr wohl zu wissen, was es heiße, mit wenig Geld zu leben, doch seinen Reaktionen auf ihre Ausführungen bezeugten eher das Gegenteil. Offenbar ist ihm der Zusammenhang von Sanktionen und Stigmatisierung überhaupt nicht bekannt oder er hat ihn einfach übergangen. Verdeckte Armut - auch hierbei spielen stigmatisierende Effekte die entscheidende Rolle - kennt er offenbar auch nicht.

Allzuschnell wurde die Diskussion über ein Bedingungsloses Grundeinkommen, das übrigens Lanz ins Spielte brachte, sehr schnell auf die Finanzierungsfrage verlagert - die Frau Köktürk, wie sie offen sagte, aus dem Stand nicht beantworten könne. Wo war nun das Interesse Lanz' an den Problemlagen der Klienten geblieben? Dass der Frage, wie etwas zu finanzieren sei, aber die Frage vorausgehen müsse, was denn zu welchem Zweck gestaltet werden solle - eine eminent politische Frage -, wurde von Frau Köktürk benannt, von den anderen hingegen verkannt.

Es ist schon grotesk, wenn Lanz seine eigenen paternalistischen Einwürfe (den Leuten einmal über den Kopf streicheln) dann als freiheitlich, auf Selbstbestimmung gerichtete Überlegungen adelte, obwohl doch er es ist, der die Leute zu etwas anhalten oder "bekommen" will, nicht aber ein BGE. Gerade ein BGE ist ganz im Einklang mit der Demokratie in Deutschland, die auf mündige Bürger setzt, die nicht erzogen werden müssen. Genau dies spielte aber keine Rolle.

Selbst Gerhard Baum, sozialliberales Urgestein der FDP, so kann man heute sagen, schwankte zwischen der Haltung, anderen eine Lebensperspektive eröffnen zu müssen, da war er nah bei Lanz' Paternalismus, und dem Eröffnen von Möglichkeiten, er sprach von "Chancen", die der Einzelne dann ergreifen könne oder auch nicht.

Sascha Liebermann

"Die Menschen brauchen Sicherkeit, keine Sanktionen"

9. April 2018

Götz W. Werner über ein Bedingungsloses Grundeinkommen bei Markus Lanz


Zur Website von Markus Lanz

Siehe auch das Interview mit Götz W. Werner "Wir müssen Armut endlich abschaffen" im Tagesspiegel sowie daselbst den Beitrag von Carsten Werner "Jede Menge Arbeit".

19. Juni 2017

"Arbeit ist unbezahlbar" - Götz Werner bei Markus Lanz

...das sagte Götz W. Werner bei Markus Lanz über das Beindungslose Grundeinkommen. In der Sendung beginnt das Gespräch mit ab Minute 52, das BGE kommt ab Stunde 1.10,45 zur Sprache. Hier nur der Ausschnitt über das BGE bei youtube.

15. März 2017

Krisenalarmismus bei Markus Lanz (ZDF) - ist das der Grundeinkommensdiskussion förderlich?



Es war wieder einmal Richard David Precht zu Gast (zur ganzen Sendung geht es hier), der offenbar ein Abo für die Teilnahme hat. Diesmal äußerte er sich recht ausführlich zum Bedingungslosen Grundeinkommen. Wie schon früher geht er die Sache vor allem von der Digitalisierung aus und ihren Folgen für die Arbeitswelt an - teils ziemlich undifferenziert, als sei alles Mögliche auch wünschenswert. Wie jüngst Thomas Straubhaar weist Precht auf die wichtigste Frage hin, die es für ein Gemeinwesen gibt, die Frage danach, wie wir leben wollen. Dass Precht die Gegenwart unterschätzt und den Bürgern zu wenig zutraut, war in einer anderen Sendung zu erkennen, siehe hier. Weitere Kommentare von Sascha Liebermann zu Prechts früheren Ausführungen finden Sie hier.

2. Dezember 2013

Von sich auf andere schließen und das in Widersprüchen oder wie gut es ist, andere an der Leine zu führen

In der Sendung Markus Lanz vom 28. November waren u.a. Sarah Wiener und Jürgen Trittin zu Gast. Sarah Wiener war einst in die Lage gekommen, von Sozialhife zu leben, nachdem sie als junge Frau um die 20 ihren Sohn zur Welt gebracht hatte. Ihre Ausführungen sind interessant, weil sie die ganzen Widersprüchlichkeiten offenbaren, wenn heute über solche Leistungen gesprochen wird. Auf der einen Seite ist sie dankbar dafür, dass es Sozialhilfe gab, auf der anderen hält sie eine große Rede darauf, wie ungut eine solche Abhängigkeit ist, sie mindere das Selbstwertgefühl, bezieht sich dabei indes vor allem auf sich und überträgt dies nicht auf andere - das ist sympathisch bis dahin. Nun, wen wundert, was sie da beschreibt, wenn man bedenkt, dass nur Erwerbstätigkeit als sinnvoll galt und noch gilt, es gerade sie ist, die es unter anderem erlaubt, den Schritt aus dem eigenen Elternhaus heraus zu machen. Gerade für junge Leute wird sie damit zum Mittel für mehr Unabhängigkeit.

Ihre Schlussfolgerungen aus ihrer Erfahrung sind dann doch nicht mehr ganz persönlich, denn sie meint, es sei das Beste, jungen Leuten eine Stelle anzubieten und mit Sozialhilfe restriktiver (da kennt sie wohl die heutige Lage nicht) umzugehen. Damit ist das Stichwort für Jürgen Trittin gegeben, sich endlich wieder einmal gegen das Bedingungslose Grundeinkommen auszusprechen. Hilfe ja, aber: Fördern und Fordern. Angebote müssen mit Verpflichtungen zu Gegenleistung verbunden werden, Druck machen, selbständig zu werden. Dass ein BGE nun Menschen aus der Gesellschaft ausschließe, wie er meint, ist das alte Vorurteil, denn Gesellschaft wird hier gleichgesetzt mit Erwerbstätigkeit, "Teilhabe" ist Teilnahme an Erwerbstätigkeit. Der Ausschluß ist einer, der heute über die Vergabebedingungen und die Geltung des Erwerbsideals zustandekommt. Wie viele aber genau dieser Verengung wegen aus der "Gesellschaft" ausgeschlossen werden, all diejenigen, die andere Tätigkeiten für genauso wichtig erachten,  und selbst die, die ohne Sozialhilfe gar nicht leben könnten, wird nicht thematisiert. Denn der Sozialhilfebezug bleibt auch für diejenigen stigmatisierend, die erwerbsunfähig sind.

Eine umfassendere Anerkennung im Gemeinwesen als durch ein BGE, eine Anerkennung, die Pluralität fördert und sie nicht auf Pluralität im Erwerbsleben verkürzt, ist kaum denkbar. Das sehen beide aber nicht. Was soll Frau Wiener mit einem Mitarbeiter im Restaurant, der dort nicht arbeiten will - ein Beispiel, das sie selbst einführt (und noch auf die schlechten Einkommensbedingungen zu sprechen kommt). Es darf natürlich der Hinweis von Markus Lanz auf "die Arbeitspsychologen" nicht fehlen, die genau diese Eindrücke davon, wie wichtig Erwerbstätigkeit sei, bestätigten. Die anderen hätten man auch natürlich auch fragen können, die das nicht so sehen.

Siehe hier ab Minute 48

Sascha Liebermann

8. Februar 2013

Bedingungsloses Grundeinkommen bei Markus Lanz

In der ZDF-Talksendung-Sendung Markus Lanz ging es am 7. Februar wieder einmal um's Grundeinkommen. Hier der Ausschnitt der Sendung, in dem es um das Grundeinkommen geht, samt einem offenen Brief an Markus Lanz.

19. Mai 2012

Wer hat was vom Grundeinkommen?

In der jüngsten Sendung von Markus Lanz (ZDF, 17.5.) war der politische Geschäftsführer der Piratenpartei, Johannes Ponader, zu Gast. Lanz setzte damit fort, was im letzten Jahr nach den ersten Erfolgen der Piratenpartei zu beobachten war - Vertreter der Piratenpartei waren immer wieder zu Gast. Dieses Mal allerdings wurde dem Bedingungslosen Grundeinkommen mehr Raum gegeben als zuvor. So konnten die Chancen, die ein BGE bietet, besser aufgezeigt werden, auch wenn es im Fernsehen aufgrund der knappen Zeit schwierig bleibt, die Idee darzulegen, denn nicht nur der Moderator fragt und fällt ins Wort, die anderen Gäste schalten sich ebenfalls ein. Johannes Ponader hat es dennoch gut hinbekommen, einen Einblick zu geben. Er eröffnete seine Darlegung mit einer grundsätzlichen Frage, auf die das BGE antwortet: "Was habe ich für ein Bild von der Gesellschaft" - oder anders formuliert: Wie wollen wir zusammen leben? Er stellte dann heraus, wie wichtig es sei, Entscheidungsfreiräume des Einzelnen zu stärken; auch anders Aspekte wurden angesprochen z.B. die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.

An einer Stelle konnte man stutzen, sie findet sich ziemlich zu Beginn der Erörterungen (ca. ab Minute 21 oder bei Youtube). Ponader erläuterte, wie sich das BGE für Geringverdiener auswirkt und sagte dann: "Die, die wirklich mehr haben [durch ein BGE, SL] als heute, das sind die, die heute durch ihre Arbeit auch nicht mehr verdienen als jemand der Sozialleistungen bekommt". Konsens bestand darin, dass der, der arbeitet, mehr haben soll als der, der nicht arbeitet (dazu weiter unten). Aber stimmt das denn, haben nur sogenannte Geringverdiener wirklich mehr durch ein Grundeinkommen und die anderen, gut Verdienenden, nicht?

Betrachtet man die Auswirkungen eines BGE rein rechnerisch, also nur von der Seite her, welches Einkommen einer Person nach Einführung des BGE und nach Abzug etwaiger Steuern zum Verbrauch zur Verfügung steht, dann mag sich für diejenigen, die gut verdienen, nichts ändern. Systematisch betrachtet hingegen (siehe auch "Rechnerisch oder systematisch?") ändert sich alles. Selbst wenn das zum Verbrauch verfügbare Einkommen in derselben Höhe wie vor Einführung des BGE bestehen bleibt, so setzt es sich doch anders zusammen. Das Fundament, den Boden, auf dem der Einzelne fest steht, bildet das BGE - als Leistung der Bürgergemeinschaft an sich selbst. Es ist Ausdruck einer Solidarität, in deren Zentrum nicht Bedürftigkeit und Hilfe stehen, wie heute, sondern die Anerkennung des Einzelnen und des Gemeinwesens um seiner selbst willen. Das BGE ist ein Bürgereinkommen, kein Gehalt, kein Lohn und keine kompensatorische Leistung.
Es ist nicht mit Anspruchserwerb und Beitragsfinanzierung verknüpft, es stellt eine aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanzierte Leistung dar. Es ermöglicht, verlangt aber nicht. In der Diskussion, auch von Befürwortern, wird diese systematische Veränderung häufig unterschätzt, eine Veränderung, die Folgen für alle hat, nicht nur für die Geringverdiener. Allzuschnell wird davon gesprochen, Wohlhabende bräuchten es doch nicht, für sie sei ein BGE "Peanuts". Schon ist die Bedürftigkeit als Kriterium wieder da, die man doch hinter sich lassen will. Auch wird ihnen flugs unterstellt, dem Gemeinwesen ja gar nicht, den Privatinteressen ausschließlich, zumindest aber vorrangig dienen zu wollen. Da wirken Feindbilder fort. Mancher Befürworter ist womöglich selbst noch einer Vorstellung verhaftet, die Solidarität, Wohlstand und Lebensqualität in verfügbarem Einkommen bemisst und sonst in nichts. 

Es ist genau dieser Unterschied, der Anerkennung des Einzelnen und des Gemeinwesens um seiner selbst willen, der den Unterschied ums Ganze macht, der auch BGE und Negative Einkommensteuer voneinander trennt, nicht graduell, sondern systematisch. Nur ein BGE stellt heraus, dass die Existenz des Gemeinwesens und seiner Bürger Selbstzweck ist, dass alle im selben Boot sitzen, jeder von jedem abhängig ist, insofern alle auf die Bereitschaft aller vertrauen müssen, zum Wohle des Ganzen wirken zu wollen. Daran führt kein Weg vorbei.

Sascha Liebermann

14. Dezember 2011

Nach wie vor rege Berichterstattung über die "Piraten" - Marina Weisband bei Markus Lanz

Marina Weisband, politische Geschäftsführerin der Bundespartei der Piraten, war in die Talkshow von Markus Lanz (Sendung vom 13.12.2011) eingeladen. Nachdem vor kurzem in der Sendung über das Bedingungslose Grundeinkommen mit einem Vertreter der Piraten diskutiert wurde (Sendung vom 6.12.2011), ging es auch dieses Mal wieder darum.