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1. Oktober 2026

"Grundeinkommen, Bürgerversicherung oder Grunderbe?...

...Wind und Wurzeln - mit Marina Weisband" (Link zum Podcast).

In ihrem Podcast auf perspective daily (Skript zur Sendung hier) befasste sich Marina Weisband mit den im Titel schon genannten Themen und mit in der Diskussion bekannten Gesprächspartnern. Angesichts der festgefahrenen Diskussionen um Sozialpolitik ist es wichtig, wieder einmal an das Bedingungslose Grundeinkommen zu erinnern, das ja immerhin seit 2004 schon in Deutschland (weitere Artikel zum BGE hier) öffentlich diskutiert wird. Zu Beginn gibt sie Einblick in ihre eigenen Vorbehalte gegenüber einem BGE, weil, wie sie sagt, es "schwer ist, ein BGE nicht von Marktmechanismen pervertieren zu lassen". Diese Sorge kann man haben, sie ergibt sich aber nicht aus dem BGE in seinen Grundzügen, sondern aus seiner Pervertierung, wenn aus ihm ein Allheilmittel oder ein Sozialstaatsabbauinstrument gemacht wird.

Eine lange Geschichte habe das BGE, die, so muss man hier entgegnen, allerdings etliche äußerst wohlwollende Deutungen enthält, denn manche vermeintlichen Vorläufer, wie Thomas Morus Utopia, sind keine oder nicht im Sinne dessen, worüber heute diskutiert wird (siehe hier). Als Kritiker des BGE darf Christoph Butterwegge in dem Podcast nicht fehlen, der seine Einwände zum Gießkannenprinzip und anderes vorbringt, obgleich darauf in der Vergangenheit schon differenziert geantwortet wurde. Notorisch weist Butterwegge daraufhin, dass er ein BGE nicht brauche, übergeht aber, wie sehr auch für ihn der Grundfreibetrag in der Einkommensteuer schon heute gilt - er entspringt aus der Verpflichtung, das Existenzminimum nicht zu besteuern. Auch Barbara Prainsack sagt dazu manches im Podcast, so z. B. gegen die Behauptung, mit einem BGE gehe die Abschaffung aller Sozialleistungen einher. Auch wenn es Befürworter gibt, die das vertreten wie der im Beitrag erwähnte Thomas Straubhaar, so leitet sich das keineswegs aus dem Grundgedanken eines BGEs her. Götz W. Werners Überlegungen für ein BGE werden gar nicht erwähnt, außer seines Vorschlages, alle Steuern durch eine Konsum- bzw. Verbrauchssteuer zu ersetzen. Allerdings verwechselt diese Verkürzung Zweck und Mittel, denn gerade Werner machte stets stark, dass der Einzelne Entscheidungen möglichst frei von Zwängen treffen können soll, Selbstbestimmung war für ihn wichtig, dazu sollte ein BGE dienen. 

Zu manch anderen Fragen eröffnet das BGE Alternativen, so z. B. hebt es die Stigmatisierung heutiger Sozialleistungen auf, es ist zielgenau  und lindert oder beseitigt verdeckte Armut, nicht zuletzt entspricht es dem Geist der republikanischen Demokratie.

Alternativ wird im Podcast noch das Grunderbe eingeführt, das Martyna Linartas dem BGE vorzieht, weil nur das Grunderbe gegen Vermögensungleichheit helfe. Naja, zum einen entlastet ein Grunderbe nicht von der Erwerbsverpflichtung, weil es nicht über die Lebensspanne ausreicht, es sei denn, man setzt es erfolgreich im Kapitalmarkt ein oder investiert. Genau davon will ein BGE ja entlasten, es entbindet den Einzelnen davon, sich im Marktgeschehen zu engagieren. Wirkt es denn gegen Vermögensungleichheit? Nun, hier sollte man seine Wirkungen über die Lebensspanne betrachten. Im Beitrag wird ein Grundeerbe von 190 000 Euro ins Spiel gebracht, das wäre aber eine Einmalzahlung. Ein BGE hingegen, das über 70 Lebensjahre bereitgestellt würde, beliefe sich auf einen Betrag von über 1 Mio. Euro. Der Vergleich wurde im Podcast leider nicht gezogen.

Es war Barbara Prainsack, die hervorhob, wie sehr ein BGE den Einzelnen um seiner selbst und um der Gemeinschaft willen anerkennt, ihn einfach so nehme und gelten lasse, wie er ist, ohne etwas Bestimmtes leisten zu müssen. Die Sorge, dass ein BGE an Staatsbürgerschaft geknüpft werden könnte, wie Marina Weisband gegen Ende erwähnt, ist kein Einwand gegen ein BGE, sondern gegen eine bestimmte Ausgestaltung, wie auch manch andere Sorgen oder Bedenken nicht gegen ein BGE sprechen, sondern in der Gegenwart schon gelten könnten.

Sascha Liebermann

20. Juli 2026

"Die Erzählung vom Sozialabbau entbehrt jeder Grundlage"...

...so ist ein Interview mit Georg Cremer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die Vorschläge zur Reformierung der Systeme sozialer Sicherung übertitelt. Cremer räumt als erstes damit auf, dem Bürgergeld bzw. seiner Abschaffung eine "systemsprengende" Bedeutung beizumessen - das war es von Anfang an nicht. Ebenso entkräftet er Behauptungen über Abbau bzw. Ausuferung des Sozialstaates in den letzten Jahren und die Kurzsichtigkeit des Hin und Hers an Reformen, die teils erst vor kurzem in Kraft getreten sind.

Cremer ist sich dessen bewusst, dass es Hürden gibt, die manche davon abhalten, ihre Sicherungsansprüche abzurufen, Stichwort verdeckte Armut. Doch er spricht nicht über die Gründe: dass erwerbszentrierte Sozialsicherungssysteme einen stigmatisierenden Effekt haben. Sie entwerten Tätigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit, und zwar normativ. Was nicht Erwerbsarbeit ist, ist eben nicht gleichermaßen bedeutend innerhalb eines solchen Sicherungssystems. Wer also keine oder nur geringe Ansprüche aus Erwerbstätigkeit erworben hat, hat zu wenig oder nichts geleistet. Will man diese stigmatisierenden Effekte nicht haben, müsste die Erwerbszentrierung aufgehoben werden, dann erst ist ein Sicherungssystem "zielgenau".

Sein Plädoyer für mehr Pauschalierung und weniger "Einzelfallgerechtigkeit", um das Leistungsgefüge weniger komplex zu gestalten erinnert an wiederkehrende Diskussionen.

Kein Wort fällt zum Bedingungslosen Grundeinkommen, dagegen hat er sich schon häufig gewandt, doch die Frage ist, weshalb, angesichts all der Ziele, die er für erstrebenswert hält? Die Erwerbszentrierung scheint so selbstverständlich, dass anderes sich nicht vorstellen lässt.

Sascha Liebermann

13. September 2024

"Lost in Sozialversicherung" - Statt zielgenau, zielungenau

Erhebliche Hürden, Stigmatisierung, die auch ein Grund für "verdeckte Armut" sind - sie bezeugen die Zielungenauigkeit des heutigen Sozialstaats trotz all der Leistungen, die existieren.

Sascha Liebermann

30. September 2023

"Bringschuld", "komfortable[...] Stallfütterung"...

...ja, der Sozialstaat muss zielgenau sein, wie es so oft heißt, bedarfsgeprüfte Leistungen sind das jedoch gerade nicht (siehe "non-takeup-rate, verdeckte Armut). 

Die Beschränkung von Leistungsbeiträgen Lohn-Steuerzahler ist eben auch eine Fiktion, wie BGE-Eisenach zurecht hervorhebt.

"Stallfütterung" - die Bürger im Stall und werden gefüttert, wer hat sie in den Stall gestellt und hält sie dort? Ein paternalistisches Bild, zu dem die Sorge vor dem "gefährlichen Gewöhnungseffekt" passt, die im FAZ.Beitrag ausgesprochen wird. 

Sollte es so sein, dass die Bürger im Stall stehen und sich füttern lassen wollen, dann wäre das so.

Und wieder die einseitige Auslegung des Subsidiaritätsgedankens, in dem von Erwerbsgebot gar keine Rede ist, siehe hier und hier.

Sascha Liebermann

10. Juli 2023

Means-Testing/ Bedürftigkeitsprüfung und ihre Folgen...

...nicht neu ("verdeckte Armut"), dennoch werden die Folgen des Bemühens um einen "zielgenauen" Sozialstaat unterschätzt: die Stigmatisierung der Antragsteller und Leistungsbezieher, weil sie der Erwerbsnorm nicht entsprechend bzw. der Vorstellung von "Selbstversorgung", auf die immer hingewiesen wird, wenn davon die Rede ist, "von der eigenen Hände Arbeit" leben zu sollen.

Sascha Liebermann

11. März 2023

Zielungenauigkeit bedürftigkeitsgeprüfter Leisungen - und die Erwerbsnorm?

Es ist immer ehrenwert, darauf hinzuweisen wie zielungenau der erwerbszentrierte Sozialstaat ist, was aber wäre die Alternative? BGE Eisenach benennt die einzige, die hieraus einen Ausweg bietet (bei allen Lockerungen die auch in der Erwerbszentrierung denkbar wären, aber nicht aus dem Dilemma hinausführten).

Siehe frühere Beiträge von unserer Seite zur Zielungenauigkeit hier, zur verdeckten Armut hier.

17. Oktober 2021

Verdeckte Armut

Frühere Beiträge dazu von uns siehe hier. 

9. September 2021

"Verdeckte Armut" und die Frage nach der Zielgenauigkeit des Sozialstaats...

...siehe dazu unseren früheren Beiträge hier. 

Sascha Liebermann

26. Mai 2021

Einkommensabsicherung nicht erreicht - nicht nur in den USA ein Problem, auch in Deutschland

Siehe die Studie des Ifo-Instituts im Auftrag der Stiftung Grundeinkommen. Diese Erkenntnisse sind für Deutschland nicht neu, man denke nur an die Forschung zu verdeckter Armut z. B. von Irene Becker hier und hier, dazu eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hier, zur Altersarmut bei Frauen von Irene Götz hier. Die Frage ist nun: was folgt aus diesen Erkenntnissen? Sie weisen auf die Zielungenauigkeit existierender Leistungen hin, die auch mit der durch sie erzeugten strukturellen Stigmatisierung zu tun haben. Hieraus die angemessenen Schlüsse zu ziehen, fällt aber auch denjenigen schwer, die um das Phänomen wissen. Weshalb? Weil das Erwerbsgebot als normative Erwartung des Gemeinwesens an seine Bürger aufgegeben werden müsste, um diese Stigmatisierung aufzuheben und nicht nur den Rechtsanspruch auf ein Mindesteinkommen vorzusehen, sondern die Bürger auch zu erreichen damit. Ob das gelingt, daran muss ein Sozialstaat sich messen lassen. Erreicht er das nicht, steht diese Art der Leistungsbereitstellung in Frage.

Sascha Liebermann

6. Dezember 2019

"Starke Nichtinanspruchnahme von Grundsicherung deutet auf hohe verdeckte Altersarmut"...

...berichtet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Apropos Zielgenauigkeit von sozialstaatlichen Leistungen, hier die wichtigsten Ergebnisse:


  • Grundsicherung im Alter wird von rund 60 Prozent der Anspruchsberechtigten – hochgerechnet etwa 625000 Privathaushalten – nicht in Anspruch genommen
  • Personen mit geringem Anspruch, ImmobilieneigentümerInnen, ältere und verwitwete Personen verzichten häufiger als andere auf Grundsicherung 
  • Vier von fünf Haushalten mit Ansprüchen von mehr als 600 Euro nehmen diese auch in Anspruch
  • Bei voller Inanspruchnahme würde verfügbares Einkommen der Haushalte, die Grundsicherung aktuell nicht beziehen, aber beziehen könnten, um rund 30 Prozent steigen
  • Um verdeckte Armut zu bekämpfen, sollte Antragsverfahren vereinfacht und Bewilligungsdauer verlängert werden

  • Unsere Beiträge zu Armut bzw. verdeckter Armut finden Sie hier.


    Sascha Liebermann

    23. Januar 2018

    "Scham und Schikane..." - Folgen einer gut gemeinten Sozialpolitik, die die Schwachen schwächt

    Auch wenn der reißerische Titel dieses Beitrag bei Plusminus an der Sache vorbeigeht,  so greift die Dokumentation gleich zu Beginn doch ein wichtiges Thema auf, dass nämlich Rechtsansprüche von Bürgern aus Scham nicht wahrgenommen werden. Für dieses Phänomen gibt es in der sozialwissenschaftlichen Forschung den Ausdruck "verdeckte Armut". Erfahrene Experten auf diesem Gebiet kommen ebenfalls zu Wort. Worüber berichtet wird, dass aus Scham Leistungen nicht beansprucht werden, ist eines, dass Bezieher einem komplexen Gefüge von Gesetzen gegenüberstehen, die sie nicht durchschauen, ist das andere. Am ehesten schaffen es also diejenigen, darin ihre Interessen wahrzunehmen, die diese selbstbewusst genug verfolgen. Und die anderen? Sie haben das Nachsehen. Ist das womöglich der Preis eines Verständnisses von Sozialpolitik, das zwar besonders gerecht sein will, dazu jedoch besonders komplexe Gesetze benötigt, deren Befolgung kontrolliert werden muss?! Mehr Pauschalen ohne Vorbehalte können viel leisten, und zwar gerade die erreichen, die sie besonders benötigen. Das schließt darüber hinaus gehende Leistungen keineswegs aus. Ein Bedingungsloses Grundeinkommen verliehe den Einzelnen erst die bestärkende Grundlage, um andere Leistungen selbstbewusst wahrzunehmen, auch wenn das Leben sie nicht privilegiert hat.

    Sascha Liebermann

    23. Dezember 2012

    Paul Kirchhof zum Grundeinkommen


    Das Archiv Grundeinkommen weist auf dieses Video hin. Wann und wo es entstanden ist, ist nicht dokumentiert. Auch bei dieser Gelegenheit war das Grundeinkommen Thema, ein Zeichen für die Verbreitung. Dass allerdings die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens zur Ersetzung des gesamten Sozialbudgets führt, wie Herr Kirchhof meint, wird von Götz W. Werner und vielen anderen nicht so gesehen.