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14. Dezember 2025

Schlagzeile oder Haupttext...

..., was ist maßgeblich für den Merkur aus Bayern, der einen Beitrag über "Bürgergeld-Empfänger" und deren Engagement in der RTL Sendung "Armes Deutschland" veröffentlicht hat? 

Wer den reißerischen Titel liest "Bürgergeld-Empfängerin trickst Jobcenter aus und RTL verdient Millionen", erwartet in der Folge die üblichen, Vorurteile pflegenden Ausführungen, die in den letzten Jahren oft gelesen werden konnten. Je länger man liest, desto weniger ist das der Fall. Warum aber dann ein solcher Titel statt sachlich zu berichten?

Nachdem die skandalisierenden Zitate aufgeführt werden, folgt eine Einordnung:

"Solche Zitate werden als repräsentativ für alle Bürgergeld-Empfänger inszeniert. Die Zahlen sprechen anders: 2023 wurden laut Bundesagentur für Arbeit rund 16.000 Menschen sanktioniert, weil sie Arbeit verweigerten. Das sind 0,4 Prozent – weniger als ein fast leerer Gästeblock im Stadion."

Damit ist die Schlagzeile sowie der Anfang des Beitrags ad absurdum geführt, man hat fast den Eindruck der Beitrag verfolgt aufklärerische Absichten, indem er zuerst einmal Klischees bedient. Dann folgt:

"Während Dennis und Carsten als „faule Arbeitslose“ durch die Medien gehen, zeigen die offiziellen Daten ein völlig anderes Bild: 2024 gab es 101.603 Verdachtsfälle von Leistungsmissbrauch – bei 5,5 Millionen Leistungsberechtigten. Die echte Missbrauchsquote liegt damit unter 3 Prozent, über 97 Prozent verhalten sich regelkonform. Von organisierter Kriminalität kann keine Rede sein: 2023 wurden gerade mal 421 solcher Fälle registriert – keine flächendeckenden „mafiösen Strukturen“. Zum Vergleich: Die Fehlerquote der Jobcenter selbst liegt bei bestimmten Prüfungen bei bis zu 39 Prozent. Die Ämter machen mehr Fehler als Empfänger betrügen."

So ist es den bekannten Daten zufolge, die wiederholt vorgetragen wurden. Die Verschärfungen ab 2026 entbehren also jeglicher Grundlage und sind nur alter Wein in neuen Schläuchen. Was wird das bringen? Statt über eine grundlegende Umgestaltung der Existenzsicherung und darüber hinausgehender Leistungen nachzudenken, bleibt die Refom im Morast der Vorurteile stecken - und führt nicht weiter.

Siehe unsere früheren Beiträge zu dieser Diskussion hier.

Sascha Liebermann

27. Juli 2025

"Der Mythos von den faulen Deutschen – ein Remake"

Die "Unstatistik des Monats" aus dem Mai dieses Jahres zur Debatte um die Arbeitszeiten, die Bundeskanzler Merz wiederbelebt hat, die aber zu den regelmäßig wiederkehrenden Aufregern gehört, klärt über Fallstricke der Deutung statistischer Daten auf.

5. August 2021

Arbeitslosigkeit und Arbeitslosigkeit

7. Juni 2021

Zu den Grenzen von Statistik - allerdings nicht neu Korrelation vs. Kausalität

Dass sich an der Dominanz standardisierter Forschung in den Sozialwissenschaften angesichts einer Jahrzehnte geführten Diskussion so wenig geändert hat, zeigt auch Schwächen der nicht-standardisierten Forschung. Denn all zu viele Studien verstehen sich als "qualitativ", wenn dort Interviews geführt und die Inhalte summarisch zusammengefasst und gar noch mit standardisierten Verfahren "ausgewertet" werden. Eine detaillierte methodisch kontrollierte Rekonstruktion wird leider viel zu selten durchgeführt, mittels deren Fälle als Ausdruck von Allgemeinem und Besonderem bestimmt werden können - und zwar vom Fall aus, der eben nicht bloß ein "Einzelfall" ist. Dieses Manko zeigt sich dann auch in der Forschung zum Bedingungslosen Grundeinkommen, siehe dazu meinen Beitrag hier

Sascha Liebermann

20. Januar 2021

"fakten statt annahmen. impulse für eine evidenzbasierte debatte" - vollmundige Stellungnahme durch die Brille standardisierter Forschungsmethoden...

 ...so liest sich der "Schwerpunkt" (hier geht es zur PDF-Datei), den die Stiftung Grundeinkommen veröffentlicht hat. Das Anliegen ist ehrenwert, die BGE-Debatte solle auf der Basis wissenschaftlich belegbarer Erkenntnisse geführt werden, doch Erkenntnisse welcher Art, gewonnen mit welchen Methoden? Und gibt es denn bislang gar keine Erkenntnisse, die genutzt werden könnten?

Zwar werden in der Stellungnahme in einem Schaubild auch "(Einzel-)Fallstudien und qualitative Untersuchungen" erwähnt, in der Bewertung solcher Verfahren steht dann:

"Trotz empirischen Charakters nur wenig belastbare Diskussions- und Entscheidungsgrundlage aufgrund von geringem Stichprobenumfang und fehlender statistischer Analysen"

Diese Bewertung kann nur vollzogen werden, wenn ein Begriff von Empirie vorausgesetzt wird, der sich am Verständnis standardisierter Verfahren (Statistik) orientiert, die "empirische Generalisierungen", nicht aber "Strukturgeneralisierungen" zu erreichen erlauben (zu diesem Unterschied eine sehr differenzierte Darstellung z. B. hier. Weitere Ausführungen zu diesem Komplexhier und hier).

Dass solche Differenzierungen dem Laien wenig bekannt sind und in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle spielen, ist der Dominanz standardisierter Verfahren in den Sozialwissenschaften zuzurechnen. Wissenschaftsjournalisten scheinen damit auch zu wenig vertraut. Wer sich allerdings mit der Thematik etwas befasst, wird schnell feststellen, dass es eine etliche Jahrzehnte andauernde, differenzierte Kritik an standardisierten Verfahren und ihren Grenzen gibt, aus der heraus sehr elaborierte Ausführungen zur Methodologie nicht-standardisierter Verfahren entstanden sind, hier im weitesten Sinne interpretative bzw. fallrekonstruktive Verfahren. Diese haben nichts mit subjektiver Beliebigkeit zu tun, sondern sind - wenn ernsthaft durchgeführt - lebensnäher und anspruchsvoller bezüglich der Geltung ihrer Aussagen, als es bei standardisierten Verfahren der Fall ist.

Sascha Liebermann

13. November 2020

"Dauerstress statt Ruhestand" - ganz gleich, was die Statistik sagt, wieder ein Symptom für Zielungenauigkeit...

 ... zeigt diese Dokumentation im ZDF (siehe auch diese hier). Selbst wenn das Phänomen abnehmen würde, änderte das nichts daran, dass Bürger durch das Raster des komplexen Sozialstaates fallen. Das hat auch mit der Ziel-Ungenauigkeit der Leistungen zu tun, was viele nicht wahrhaben wollen (siehe hier).

Siehe auch den Beitrag von Stefan Sell zur Überschuldung bei Senioren.

Sascha Liebermann

18. August 2020

"Armutsrisiko. Die Messung von Einkommensarmut"...

 ...ein Beitrag von Johannes Steffen auf Portal Sozialpolitik der Einblick in die Komplexität statistischer Erhebungen und Auswertungen gibt. Er lässt an einem Beispiel deutlich werden, wie anspruchsvoll die Ausdeutung solcher Datentypen ist und wie sorgsam Schlussfolgerungen daraus geprüft werden müssen. Diese Sorgfaltspflicht gilt natürlich immer, wenn es um die Erhebung aus Auswertung sozialwissenschaftlicher Datentypen geht, doch standardisierte Verfahren, wie sie in der Statistik zum Einsatz bekommen, greifen ganz anders auf die Wirklichkeit zu als nicht-standardisierte Verfahren. Wer sich damit eingehender befassen möchte, erhält hier einen prägnanten Einblick.

Sascha Liebermann


1. April 2020

"Die Zahlen sind vollkommen unzuverlässig" - sagt Gerd Antes...

...zu den verfügbaren Daten über Infektionen mit SARS-CoV2, Todesfälle und die Einschätzung der Lage. Antes macht deutlich, wie wichtig verlässliche Daten sind und wie schwierig die Lage diesbezüglich gegenwärtig ist. Dennoch müssen Entscheidungen getroffen, das führt vor Augen, welche Bedeutung politisches Handeln als Gestaltung des Zusammenlebens hat, auch wenn es nicht ausreichende Daten gibt.

Gerd Bosbach hatte kürzlich eine ähnliche Einschätzung wie Antes vorgebracht. Zur Frage von Daten, Statistik und Prognosen siehe auch hier.

Sascha Liebermann

27. März 2020

"'Solchen Wissenschaftlern würde ich gerne Kamera oder Mikrofon entziehen'...

... – Gesundheitsstatistiker Gerd Bosbach zur Corona-Debatte". Das Interview ist hilfreich, um manche Verwirrung im Hantieren mit statistischen Daten zu verstehen. Manche Experten verweisen immer wieder darauf, dass nur vorläufige Daten zur Ausbreitung des Virus vorliegen und Einschätzungen deswegen schwierig sind. Zugleich müssen aber Entscheidungen getroffen werden - daran zeigen sich die Grenzen von Wissenschaft - und die von Statistik - und die Eigenheiten politischen Handelns.

Siehe auch frühere Beiträge hier und hier.

Sascha Liebermann

26. Februar 2020

20. Februar 2020

"Armes, reiches Deutschland" - Was muss ein Sozialstaat leisten?

Diese Frage stellt sich auch angesichts einer aus dem Jahr 2017 stammenden Dokumentation, die erneut ausgestrahlt wurde. Woran muss sich ein Sozialstaat messen lassen? An statistisch erfassten Veränderungen von Armutsquoten, die nicht darüber hinwegtäuschen können, dass selbst eine Verbesserung der Lage, also eine Verringerung der Quote, immer noch absolut betrachtet eine bestimmte Anzahl an Menschen in Armut bedeutet nach geltenden Definitionen? Oder muss sich ein Sozialstaat daran messen, inwiefern er in der Lage ist, eine dem Individuum gemäße Antwort auf Unwägbarkeiten des Lebens zu finden? Da er dies nie für den einzelnen Fall genau kann, bedarf es einer Pauschallösung, die einen stabilen Boden einzieht, auf den sich jeder verlassen kann. Das ist eine andere "Zielgenauigkeit" als die, von der meist die Rede ist. Mit einer solchen Lösung, die ein Bedingungsloses Grundeinkommen bieten könnte, verschwänden Individuen nicht mehr hinter Statistik.

Sascha Liebermann

4. Februar 2020

Unbezahlte Arbeit, "vorgeschützte Methodenkritik" und die Verführbarkeit von Diskutanten

Unter diese Überschrift muss man wohl eine Diskussion - oder eher: Diskussionsverweigerung, Schubladendenken oder gar Feindbildpflege - verbuchen, die Elfriede Harth mit ihrem Tweet ausgelöst hat, der auf meinen Beitrag zur begrenzten Aussagekraft von sogenannten Zeitverwendungsstudien hinweist. Ich hatte mich zur Aussagekraft statistischer Erhebungen zum Stundenvolumen "unbezahlter Arbeit" geäußert, dass sie nicht nur unpräzise sind, sondern durch das zur Erhebung eingesetzte Kriterium für Unklarheit sorgen:

"Zur Abgrenzung der unbezahlten Arbeit von persönlichen Tätigkeiten und Freizeitaktivitäten wird das sogenannte „Dritt-Personen-Kriterium“ herangezogen. Danach zählen alle Aktivitäten, die auch von einer anderen Person gegen Bezahlung übernommen werden können, zur unbezahlten Arbeit." ("Entwicklung der unbezahlten Arbeit privater Haushalte", S. 37)

Das Problem hierbei ist eines der Abgrenzung, wie ich versuchte deutlich zu machen, weil das Kriterium zu abstrakt ist und bei der "Dritt-Person" nicht berücksichtigt, dass sich das Beziehungsgefüge ändert, wenn eine Tätigkeit auf sie übertragen wird. Es ist eben nicht dasselbe, wenn z. B. in der Familie mit- oder füreinander gebacken gewaschen, gespielt wird oder  entsprechende Leistungen eingekauft werden. Die entscheidende Eigenheit ist das Gemeinschaftliche der miteinander auf spezifische Weise verbundenen Personen (diffuse Sozialbeziehung). Das "Dritt-Personen-Kriterium" unterstützt aufgrund dieser Abstraktheit sogar die Kommodifizierung von Beziehungen, die letztlich darauf hinausläuft, Beziehungen weitgehend für austauschbar zu erklären. Zugleich legt man ein Kriterium an, dass zwar für standardisierbare Güter und Dienstleistungen hilfreich ist, persönliche Beziehungen jedoch zerstört. Was unter "unbezahlte Arbeit" verhandelt wird, ist in seiner Bedeutung also viel elementarer, als es die Statistiken erscheinen lassen.

Nun gabe es zu diesem Tweet von Elfriede Harth Kommentare (verschachtelt, jeweils mit Unterkommentaren) von Ina Praetorius und Antje Schrupp, die sich beide mit diesen Fragen schon lange intensiv befassen.

Überraschend ist, dass auf die Stoßrichtung meines Beitrags so gut wie gar nicht eingegangen wird. Es werden schiefe Vergleiche angestellt (Präsenz in diffusen Sozialbeziehungen zwischen Eltern und Kind war mein Punkt, er wird mit Präsenz in Erwerbsverhältnissen verglichen). Ich hatte gerade versucht deutlich zu machen, dass dieser Unterschied besonders wichtig ist und mit statistischen Verfahren aufgrund ihrer Eigenheiten nicht erfasst werden kann. Das räumen die Autoren, auf die ich mich bezog (siehe oben) genau so ein, um der Messbarkeit willen halten sie aber am Kriterium fest. Worauf ich hinwies, ist methodisch betrachtet eine Binse, sie gehört zum Grundwissen über sozialwissenschaftliche Methoden und muss nicht erst "verifiziert" werden, wie Ina Praetorius meint.  Dennoch ist es von öffentlicher Bedeutung, darauf hinzuweisen, weil gemeinhin die Möglichkeiten statistischer Verfahren überschätzt werden. Sie dominieren leider sowohl die Politikberatung als auch die sozialwissenschaftliche Forschung.

Wer mit Unterstellungen hantiert, ich wollte die Statistik zu unbezahlter Arbeit mit "vorgeschützter Methodenkritik" "runterspielen", es sei gut" mir nicht "auf den Leim" zu gehen (da droht offenbar Verführung auf Irrwege), die Position gehöre ohnehin in die Götz-Werner-Ecke scheint an einer differenzierten Diskussion nicht interessiert. Wird Feindbildpflege bevorzugt, die es warm und behaglich in den "eigenen" Reihen macht?

Sascha Liebermann

23. Januar 2020

"Unbezahlte Arbeit" messen - ohne das Beziehungsgefüge zu erfassen

Jüngst wurde in den Medien, hier z. B. in der Tagesschau, über die Oxfam-Studie zu sozialer Ungleichheit weltweit berichtet. Darin ging es auch um den Umfang "unbezahlter Arbeit", der täglich geleistet werde, laut Studie habe er ein Volumen von 12 Mrd. Stunden pro Tag weltweit. Geleistet werden sie überwiegend von Frauen und Mädchen. Das ist nicht überraschend, denn wer die Zeitverwendungsstudien des Statistischen Bundesamtes kennt, ist über die Lage für Deutschland gut informiert. Nach den letzten Erhebungen 2013 (hier ausführlicher) ist der Umfang unbezahlter Arbeit ein Viertel höher als der bezahlter. In der Studie von 2002 war der Unterschied noch etwas stärker.

Hat die Bedeutung unbezahlter Arbeit deswegen abgenommen? Zu diesem Schluss könnte man gelangen, wenn die Relation zur bezahlten Arbeit betrachtet wird. Der Grund allerdings für die leichte Abnahme ist lediglich einer der Kategorisierung. In dem Moment, da Haushaltstätigkeiten ausgelagert werden, z. B. an Kitas, Reinigungskräfte, Kochdienste usw. sinkt das Volumen unbezahlter Arbeit. Wird zugleich bezahlte Arbeit von denjenigen aufgenommen, die zuvor unbezahlte geleistet haben, steigt dieses Volumen. Andere Faktoren spielen hierbei auch eine Rolle, z. B. demographische Veränderungen. Das alles ist nicht neu und findet auch Beachtung in methodischen Erläuterungen der Studien. Weniger Beachtung hingegen findet - so auch in der jüngsten Berichterstattung - der Umstand, was denn durch die statistischen Verfahren überhaupt erhoben wird. Norbert Schwarz und Florian Schwahn stellen ihrem Beitrag über die Veränderung unbezahlter Arbeit privater Haushalte eine differenzierte methodische Bemerkung voran, wie denn überhaupt gemessen werden kann und was dies voraussetzt. Dazu bedarf es vor allem einer Abgrenzung beider "Arbeits"-Formen. Setzt man hierfür das Kriterium bezahlt oder nicht bezahlt an, scheint es noch einfach. Immerhin lässt es sich abgrenzen.

Worüber die Abgrenzung aber keine Auskunft gibt, sie auch nicht geben kann, ist, welche Unterschiede im Beziehungsgefüge dieser Arbeitsformen bestehen. So stellt es die Forscher vor ein Problem, wie denn Erziehungszeiten zu messen sind, wenn z. B. Eltern gar nicht direkt mit ihren Kindern in eine gemeinsame Aktivität involviert sind, sondern nur in der Nähe sich aufhalten, während ihr Kind im anderen Zimmer spielt; wenn in der Küche gekocht wird, das Kind aber nur in der Nähe dabei sein will oder im selben Raum sich selbst beschäftigt. Solange sie sich nicht direkt einander zuwenden, ist es eine Frage der Definition, ob denn das nun "Erziehungszeit" ist oder nicht. Die bloße Anwesenheit ist einer solchen Definition zufolge noch keine Aktivität. Wer Kinder hat, weiß aber, dass der Anteil des bloßen Präsentseins sehr wichtig ist, die Ansprechbarkeit, ohne dass etwas darüber hinaus Bestimmtes verlangt wird. Schon hierbei wird klar, welche Probleme das methodisch mit sich bringt, denn würde dieses Anwesendsein berücksichtigt, explodierte der Umfang unbezahlter Arbeit. Wir sprechen hier noch gar nicht von der nächtlichen Präsenz für all die Anliegen von Kindern.

Vollends vorbei ist es, und das räumen Schwarz und Schwahn ein, wenn die Besonderheit der Beziehung zwischen Eltern und Kindern oder anderen nahestehenden Personen berücksichtigt wird (siehe hier und hier) - sie lässt sich nicht messen. Worüber Zeitverwendungsstudien auf der Basis statistischer Verfahren also gar keine Auskunft geben, worüber das gemessene Volumen in Stunden unbezahlter Arbeit pro Jahr keine Auskunft gibt, ist, welche Bedeutung die besondere Beziehung zwischen hier zuvörderst Eltern und Kindern, aber auch anderen Menschen, denen man sich um ihrer selbst willen zuwendet, hat. Das ist auch eine Schwäche des "Care"-Begriffs, der es als solcher ebenso wenig erlaubt, die Eigenheiten des Beziehungsgefüges zu erfassen. Wie wichtig es ist, füreinander da zu sein, ohne miteinander direkt etwas unternehmen zu müssen, das ist gerade bei Kindern von großer Bedeutung. So hilfreich es also sein mag, um auf den Stellenwert unbezahlter Arbeit aufmerksam zu machen, so sehr verkürzt das bloße Messen des Stundenvolumens, worum es geht. Eine Verschlimmbesserung ist es, wenn mit guten Absichten versucht wird, unbezahlter Arbeit einen Preis zuzuordnen, um sie mit bezahlter Arbeit vergleichbar zu machen - Beziehung erhält einen Warenwert.

Und nun? Entscheidend bleibt für das Verständnis, auf die Besonderheit bestimmter Tätigkeiten auf der Basis ihres besonderen Beziehungscharakters hinzuweisen. Statt von Haushaltstätigkeiten und unbezahlter Arbeit zu sprechen, wäre es also wichtiger, die spezifischen Tätigkeiten zu benennen und in ihrer Eigenheit zu bestimmen. Sozialisatorisch hat Familie eine ganz andere Bedeutung und einen ganz anderen Stellenwert als Bildungsinstitutionen, sie sind nicht durcheinander ersetzbar, wie es die Debatte um Ganztagsbetreuung und -schule suggeriert. Es geht eben nicht einfach darum, "social skills" auszubilden oder "sozialen Austausch" zu haben. Den hat ein Säugling unmittelbar nach der Geburt schon vor allem mit der Mutter und dem Vater. Entscheidend ist, welche Beziehung diesem Austausch unterliegt und in welcher Phase der Entwicklung was wichtig ist. Wer diesen besonderen Beziehungen (in der Soziologie spricht man auch von diffusen Sozialbeziehungen) nicht den Raum und die Zeit gibt, die sie benötigen, muss sich über Folgen nicht wundern. Doch in Zeiten, in denen Wahlfreiheit und "Selbstbestimmung" individualistisch missverstanden werden, ist es schwer darüber zu diskutieren, dass die Aufmerksamkeit darauf, was Kinder benötigen, damit einhergeht, eigene Interessen als Eltern sehr weit zurückzustellen (so weit der Einzelne es aushalten kann, das darf nicht vergessen werden). Das ändert sich zwar altersspezifisch, werden Kinder älter, ist es immer weniger nötig, bleibt aber lange dominierend, sofern ernstgenommen wird, was Kinder artikulieren. Ein Bedingungsloses Grundeinkommen wäre hier deswegen enorm hilfreich, weil es genau dies ausdrücklich anerkennen würde, nicht individualistisch, sondern durch das Gemeinwesen. Das würde es für jeden einfacher machen, sich dieser Herausforderung zu stellen, ohne erwerbstätig sein zu müssen und zu sollen.

Sascha Liebermann

16. Januar 2020

"Some economists say it's time to use more statistics beyond GDP" - Statistik hat aber auch Grenzen, die beachtet werden sollten


Kürzlich wies Norbert Häring auf Fallstricke hin, die bestehen, wenn weitere "Messgrößen" in das Bruttoinlandsprodukt integriert werden sollen. Hierbei geht es auch um Grenzen der Statistik (siehe auch hier).

Sascha Liebermann

10. Januar 2020

"Das Bruttoinlandsprodukt ökologisch und sozial zu erweitern ist eine verfehlte Strategie"...

...ein aufschlussreicher Beitrag von Norbert Häring, der Einblick in grundlegende Grenzen von Statistik gibt und in die Willkür, mit der Berechnungsstandards festgelegt werden, hier bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt. Diese Kritik ist nicht neu, aber deswegen keineswegs überholt.

17. Dezember 2019

"Die unsichtbare Mietpreisexplosion: Wann Wohnen teurer wird"...

...ein aufschlussreicher Beitrag zur Debatte über Mieten und Mietsteigerung von Norbert Häring im Handelsblatt.

12. Dezember 2019

"Correlation is not causation" - altbekannt, aber wichtig angesichts der Omnipräsenz statistisch gefärbter Aussagen


23. Oktober 2019

"Frauen arbeiten täglich 4,5 Stunden unbezahlt"...

...darüber berichtet Zeit Online.

Wie ungenügend die statistische Erfassung des Phänomens "unbezahlte Arbeit" ist, und zwar insbesondere bezüglich dessen, was Beziehungen zwischen Personen in diesen Tätigkeiten auszeichnet, machen Norbert Schwarz und Florian Schwahn in ihrem Beitrag "Entwicklung der unbezahlten Arbeit privater Haushalte" deutlich. Denn die klassifikatorische Bestimmung des Phänomens durch das Bemühen, den Zeitaufwand abzugrenzen, reicht nicht an das heran, was das Beziehungsgefüge auszeichnet, also z. B. was Eltern für Kinder bedeuten. Klar machen kann man sich das an dem Versuch, Erziehungszeiten zu erfassen, indem festgehalten wird, wieviel Zeit damit zugebracht wird, sich mit dem Kind direkt zu beschäftigen. Doch diese Abgrenzung ist so gar nicht möglich, weil die Beziehung natürlich von Bedeutung bleibt, auch wenn sich ein Elternteil nicht direkt mit dem Kind befasst, sondern in der Küche steht und kocht, das Kind aber in der Nähe spielt. Weil der statistische Zugang nicht anders als klassifikatorisch möglich ist, hat dies Folgen für die Datenerhebung und für die Schlussfolgerungen aus diesen Daten. So suggeriert die vermeintliche klare Abgrenzung des Zeitaufwandes, dass die Frage nach der "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" nur eine Frage der Organisation wäre, sofern im Sinne der Zeitverwendungsstudien dann noch genügend Zeit für Familie übrig bleibt. Das folgt der Annahme, Beziehungserfahrungen könnten terminiert werden, wie es das Schlagwort von der "quality time" nahelegt. Genau das ist aber nicht möglich, weil die Beziehung damit stets dem Termin untergeordnet wird. Aus diesem Grund ist die Rede von der "Vereinbarkeit" auch irreführend, weil sie das Spannungsverhältnis zwischen den beiden Sphären Familie (diffuse Sozialbeziehungen, keine Terminierung) und Erwerbsarbeit (spezifische Sozialbeziehungen, Terminierung) unterschlägt.

Sascha Liebermann

16. September 2019

30. August 2019