23. Februar 2018

"Digital oder sozial - die Angst um die Arbeit von morgen"...

...darüber diskutierte Maybrit Illner mit ihren Gästen in der Sendung vom 22. Februar. An einer Stelle, Minute 13'30 ging es ganz kurz um das Bedingungslose Grundeinkommen, Frau Trinkwalder bringt es ein, Frau Illner würgt das ab - und weg war es.

"Jeder muss für sich selbst sehen, wo er bleibt"...

...so könnte man wiedergeben, was ein älterer Herr, der das 90. Lebensjahr schon überschritten hat, mir nach einer Podiumsdiskussion über das Bedingungslose Grundeinkommen entgegenhielt.

Er sagte mir gleich, dass das BGE nichts für ihn sei, er sei zu alt, das gehe nicht mehr in ihn hinein. Dann berichtete er von seinem Leben, Kriegsgefangenschaft mit 17, er stand ohne alles da am Ende des Krieges, sein Notabitur wurde nicht anerkannt. Er hat kämpfen müssen. Seine Ausführungen schloss er mit der Feststellung ab „Jeder muss für sich selbst sorgen“, woraufhin ich erwiderte, das sei doch heute gar nicht so, immerhin gebe es einen Sozialstaat. Das eben sei „das Problem“. Ich habe mich danach gefragt, woher die Härte gegen sich selbst, gegen andere wohl komme, denn Vorstand (das war er 25 Jahre in einem großen Unternehmen) ist er nicht allein geworden, er wurde ernannt, wie auch der Unternehmenserfolg nicht auf den Vorstand alleine, sondern das ganze Gefüge mit den operativen Mitarbeitern zurückgeht, die Infrastruktur in Deutschland, das Wissen vorangehender Generationen, die politische Ordnung, und nicht zuletzt die günstige Nachkriegslage, in der man mit jeder Ausbildung oder auch ohne beinahe alles werden konnte.

Bedenkt man, dass eine entscheidende formative Phase der Sozialisation in seinem Fall direkt mit dem Kriegsende, der Verwüstung, der Verstrickung der Deutschen in das Dritte Reich (für das er angesichts seines Alters keine Verantwortung trug) zusammenfällt, dann versteht man womöglich besser, weshalb er so wenig barmherzig sein kann. Die erschütternden Auswirkungen der Kriegserfahrung in diesem Alter müssen nicht immer zu einer solche Haltung führen, sie können auch das Gegenteil bewirken, die Dankbarkeit darüber, überlebt zu haben und deswegen sich für das Gemeinwohl besonders stark einzusetzen und gerade anzuerkennen, wie sehr der eigene Lebensweg von glücklichen Umständen abhängig ist. So oder so aber ist es prägend für das eigene Leben, was Helmut Kohl damals dazu bewogen hat, von der "Gnade der späten Geburt" zu sprechen.

Solche Erfahrungen zeigen einem, was Diskussionen über die Gestaltung des Zusammenlebens in einem Gemeinwesen ganz entscheidend prägen. Es sind die generationsspezifischen Erfahrungen, die hier von Bedeutung sind.

Siehe dazu die Reflexion von Thomas Loer "Die Zukunftsangst einiger Alter Herren"

Sascha Liebermann

"Wir brauchen Utopien für den Kapitalismus" - und müssen uns von sonderbaren Hemmungen befreien

...das könnte man Mark Schieritz auf seinen Beitrag bei Zeit Online entgegnen, der interessante Überlegungen anstellt, aber dann doch Hemmungen hat. Wie lautet sein Vorschlag?

"Angenommen, der Staat könnte so viel Geld ausgeben, wie er will: Wie wäre es, wenn jeder Deutsche etwas Ähnliches wie die Bahncard 100 bekäme? Nicht nur einen Freifahrtschein für Züge, sondern auch für Busse und Straßenbahnen, für Schulen und Universitäten, für Bibliotheken und Theater – und vielleicht sogar für Wohnungen und die Grundversorgung mit Lebensmitteln? Eine "Deutschlandkarte" also, die die kostenfreie Nutzung der gesamten öffentlichen Infrastruktur ermöglicht?"

Dieses Gedankenspiel ist als solches interessant, weil damit die Frage danach gestellt wird, was denn zur Grundversorgung gehören sollte. Im nachfolgenden Text kommt er, wie schon früher einmal, auf das Bedingungslose Grundeinkommen zu sprechen und schreibt:

"Eine Alternative dazu [zur oben genannten öffentlichen Infrastruktur, SL] ist das bedingungslose Grundeinkommen. Nach dieser Idee erhielte jeder Deutsche monatlich einen Scheck vom Amt, der die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglichen soll. Das setzt aber Umstände voraus, die erlauben, dass sich dieses Leben entfalten kann – und das ist alles andere als gesichert. Die Schulen werden ja nicht automatisch besser, bloß weil die Menschen auf einmal mehr Geld in der Tasche haben, zumal wenn niemand kontrollieren kann, wofür sie es ausgeben.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist in seinem Vertrauen darauf, dass schon alles gut wird, wenn der Bürger selbst entscheiden darf, wie er sein Geld ausgibt, eine zutiefst neoliberale Idee. Es ist sozusagen die Steuersenkung des Hipsters."

Nichts im Leben geschieht "automatisch", das gilt ebenso für eine Welt mit BGE. Man kann es in der Tat so konstruieren, dass es Schieritz' Behauptung entspricht, das ist jedoch keineswegs zwingend. In der Tat stehen und fallen etwaige Auswirkungen eines BGE damit, was davon finanziert werden muss. Sollte es keine öffentliche Infrastruktur mehr geben, würde es seine Bedeutung vollkommen einbüßen. Dann wäre es ein Projekt zum Abbau des Sozialstaats - ganz wie manche wie Christoph Butterwegge es fürchten. Schieritz' befürchtet das aber gar nicht, er wird so sein. Woher weiß er das?

Die Abneigung, sich damit überhaupt weiter zu befassen, spricht Bände, es zeugt von Phantasielosigkeit. Schon die Rede davon, das BGE komme per "Scheck vom Amt" verhöhnt, dass dieses Amt einen Auftrag der politischen Vergemeinschaftung ausführt. Das BGE bringt ein bestimmtes Solidarverständnis zum Ausdruck, ganz gleich in welcher Form es gestaltet wäre, Schieritz' Version ist nur eine, weil er offenbar einen Popanz benötigt.

Der neoliberalen Verarmung durch ein BGE hält er seine Vision entgegen:

"Diese Orte sind so wichtig, weil die Ökonomisierung der Lebenswelt in den vergangenen Jahren rapide vorangeschritten ist. Mit Geld kann man sich heute Gesundheit, Schönheit und sogar ein längeres Leben kaufen, denn Arme sterben nachweislich früher als Reiche. Eine funktionierende Demokratie aber ist auf öffentliche Räume angewiesen, in denen die Bürger sich als Bürger begegnen und nicht als Wirtschaftswesen..."

Letzteres ist tatsächlich für eine Demokratie entscheidend, wo das nicht mehr möglich ist, ist sie am Ende. Schieritz vergisst aber zu erwähnen - oder vielleicht übersieht er es schlicht -, wie dieser Ökonomisierung entkommen werden kann. Denn die Entwicklung der vergangenen Jahre ist nicht zu verstehen, ohne einen Blick auf die Idolatrisierung der Erwerbsarbeit zu werfen. Das Schlagwort von der Ökonomisierung verdeckt darüber hinaus, dass sie zugleich mit einer Erhöhung an Kontrolle und Beaufsichtigung der Bürger einhergegangen ist. Das hat mit Marktliberalismus nichts mehr zu tun, es wäre sogar das Gegenteil dessen, was Milton Friedman bei seinen Überlegungen zur Negativen Einkommensteuer vorschwebte. Es ist eben gerade nicht ein liberales Vertrauen in die Fähigkeiten des Einzelnen, sondern eine erhebliche Bevormundung feststellbar, die gerade mit der Bedeutung von Erwerbstätigkeit gerechtfertigt wird.

An derselben Stelle entwirft Schieritz noch sein Szenario:

"...Die Deutschlandkarte schaffte diese Räume. Sie würde den Kapitalismus nicht aushebeln, aber ihn in die Schranken weisen.Doch es ginge nicht nur um Gerechtigkeit. Die Möglichkeit zur kostenfreien Nutzung der Infrastruktur würde die Republik verändern. Die Deutschen würden experimentierfreudiger, neugieriger – in jeglicher Hinsicht mobiler. Sie würden ihr Land erkunden, Freunde und Verwandte besuchen. Es entstünden Orte, an denen Menschen unterschiedlichster Schichten sich treffen würden: in der Bahn, im Schwimmbad, in den Universitäten. Die Gesellschaft käme wieder mit sich ins Gespräch."

Ja, dem würde ich nicht widersprechen, weswegen aber das BGE verdammen? Schieritz sieht offenbar nicht, wie es gerade der Vorrang, die Verklärung von Erwerbstätigkeit ist, die es erschwert, dass wir uns in Deutschland ganz souverän als Gemeinwesen von Bürgern begreifen, die darüber befinden, wie sie zusammen leben wollen. Wer es damit ernst meint, kommt an der Relativierung von Erwerbstätigkeit nicht vorbei, und dazu benötigt es ein BGE. Alles andere sind bloß warme Worte.

Sascha Liebermann

21. Februar 2018

Beschäftigung, Stolz und Katzenvideos - was Vorstandsvorsitzende so für Gedanken haben...

...das kann man in einem Interview mit Johannes Teyssen, Vorstandsvorsitzender von E.on, vom 28. Januar auf Welt online erfahren.

Hier der Zusammenhang:

"WELT: Die Wirtschaftselite führt aber auch nicht: Beim Thema Digitalisierung haben erst alle Manager gesagt, sie biete unglaubliche Möglichkeiten und schaffe sogar mehr Jobs. Jetzt kommen Spitzenmanager und sagen, wir brauchen das bedingungslose Grundeinkommen, weil das Wirtschaftssystem in der Digitalisierung nicht mehr trägt: In Zukunft arbeiten dann nur noch Roboter und Algorithmen.
Teyssen: Diese Forderungen stören mich. Nicht, weil ich völlig sicher bin, dass wir das am Ende nie brauchen, sondern weil es viel zu kurz greift. Dahinter steht doch unausgesprochen: Ich habe für viele Menschen keine Beschäftigung mehr! Ich kann denen doch nicht noch sagen: Ihr kriegt Geld und könnt Katzenvideos gucken. Arbeit ist mehr als Geld, Arbeit ist Teilhabe am sozialen Leben, an der Gemeinschaft. Sie gibt einem Stolz, oft auch Erfüllung. Einer ganzen Generation zu sagen, ihr werdet mit Geld ruhig gestellt, nehmt aber nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teil, kann nicht die Antwort sein."

Beschäftigung? Herr Teyssen meint natürlich Erwerbstätigkeit, was sonst, auch wenn es allerhand Beschäftigung ohne Erwerbstätigkeit gibt, man denke nur an die "unbezahlte Arbeit". Doch, was ist die schon im Vergleich zu Erwerbstätigkeit. Beschäftigung, vor allem in der Formulierung, "für viele Menschen keine Beschäftigung mehr" zu haben, klingt ganz so, als müssten alle mit Beschäftigung versorgt werden. Als wären die Bürger passiv und warteten auf die Versorgung; tatsächlich sind sie doch aktiv und suchen sich "Beschäftigung" - in ganz unterschiedlichen Bereichen und Formen. Wer aber nur versorgungsbedürftige Bürger sieht, dem muss sich die Stirn runzeln, wenn sie mit Beschäftigung nicht mehr versorgt werden und in seiner Phantasie dann nur Katzenvideos übrig bleiben. Sicher, Herr Teyssen meint das ganz fürsorglich, geradezu paternalistisch, dazu passt die bevormundende Haltung, die ist ja ohnehin verbreitet, man denke nur an die Sorge darum, ein Bedingungsloses Grundeinkommen könnte zu einer Stillhalteprämie oder -legungsprämie werden. Ja, wer stillhalten will, kann das natürlich, auch ohne BGE schon. Wer aber behauptet, andere könnten stillgehalten werden, gibt zu erkennen, wes Geistes Kind er ist.

Studie zur Zeitverwendung

Ja, Arbeit kann erfüllend sein, aber nicht "Beschäftigung" als solche und schon gar nicht Erwerbsarbeit alleine. Als bestünde das gesellschaftliche Leben nur und vor allem aus Erwerbsleben - da muss man schon viel übersehen.

Sascha Liebermann

20. Februar 2018

"Pathways to Universal Basic Income The case for a Universal Basic Opportunity Fund"...

...eine Veröffentlichung der RSA (Royal Society for the encouragement of Arts, Manufactures and Commerce).

"Happy und frei oder faul und träge? Pro und contra Grundeinkommen"...

...dass diese Titel immer nötig zu sein scheinen, wie auch immer, eine Podiumsdiskussion des Inforadio RBB. Gäste: Marcel Fratzscher Präsident des  Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung(DIW), Prof. Minna Ylikännö Ph.D., leitende Wissenschaftlerin am finnischen Sozialversicherungsinstitut Kela, Ralph Boes Bürgerinitiative bedingungsloses Grundeinkommen e.V., Michael Bohmeyer Gründer des Vereins  "Mein Grundeinkommen" e.V., Moderation: Ute Holzhey, Leiterin der Inforadio-Wirtschaftsredaktion (rbb)

Wenn man die Einleitungsworte von Marcel Fratzscher hört, könnte man zuerst denken, er habe seine Meinung geändert (im Vergleich zu hier, siehe auch hier), aber dann kommt doch wieder, was er bisher dazu gesagt hat. Ganz deutlich, wenn er das "solidarische Grundeinkommen" für "hervorragend" hält. Ganz wichtig "mit der eigenen Hände Arbeit leben", angesichts der Arbeitsteilung eine Illusion sondergleichen.

Sascha Liebermann

19. Februar 2018

"Arbeit, Arbeit, Arbeit" - denn Arbeit ist Würde,...


...wenn aber Würde von Arbeit abhängt, ist sie keine mehr (siehe hier und hier.). Würde in unserem Sinne, wie sie im Grundgesetz zu finden ist, gilt bedingungslos. Würde heißt, um seiner selbst und um des Gemeinwesens willen als autonom-handlungsfähige Person respektiert zu werden. Dazu gehört es, sich dem Leben in all seinen Herausforderungen stellen zu können. Wenn aber eine Herausforderung, die erwerbsförmige, herausgestellt wird, ist das die Einschränkung der Würde.

Sascha Liebermann

Wenn es so einfach wäre...

...eine differenzierte Betrachtung zur Entwicklung der deutschen Wirtschaft und des deutschen Arbeitsmarktes mit Blick auf andere Länder bietet ein Kurzbeitrag in Böckler Impuls "Deutschland ist kein Vorbild".

"Substituierbarkeitspotentiale von Berufen"...

...untersucht eine neue Berchnung von Katharina Dengler und Britta Matthes vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). In einer früheren Studie derselben Autorinnen waren die Substituierbarkeitspotentiale noch niedriger veranschlagt worden. Siehe auch frühere Beiträge zum Stichwort Automatisierung.

16. Februar 2018

"Bedingungsloses Grundeinkommen als nachhaltige Gesellschaftsinvestition"...

"Freiheit oder Faulheit"...

...dieser Beitrag von Rigmar Osterkamp wurde schon im letzten Jahr veröffentlicht und soll nun als Eröffnung der Reihe von Beiträgen im IPG-Journal fungieren. Siehe einen Kommentar von Sascha Liebermann hier. Zur Frage, was Feldexperimente leisten können, sie hier und hier