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13. Dezember 2023

Joachim Mitschke ist verstorben,...

 ...der sich schon sehr früh für ein Bürgergeld einsetzte, das allerdings ganz anders konstruiert war als das heutige und dem Prinzip einer Negativsteuer entsprach (siehe Nachruf der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Bezahlschranke); ein weiterer älterer Beitrag bei Spiegel Online; eine Kontroverse zwischen Mitschke und Andrea Nahles aus dem Jahr 2006 finden Sie hier; siehe auch "Bürgergeld für mehr Arbeitsplätze").

Im Jahr 1999 nahm Mitschke an einer Tagung in Frankfurt am Main teil, aus der ein Buch hervorging. Neben seinem Beitrag und dem des Soziologen Ulrich Oevermann ist auch ein Streitgespräch beider  auszugsweise abgedruckt, das noch für die heutige Diskussion sehr interessant ist. Es zeigt sich darin der grundsätzlich unterschiedliche Zugang zur Frage, wie auf die damals hohe Erwerbslosigkeit geantwortet werden könnte. Während Mitschke hervorhebt, wie wichtig Erwerbsarbeit sei und selbst Erwerbslose keinesfalls erwerbslos bleiben wollen, argumentiert Oevermann mit der Selbstbestimmung und den Möglichkeiten eines Grundeinkommens. In diesem Streitgespräch tauchen schon viele Aspekte der kontroversen Diskussion um ein BGE auf, das erst einige Jahre später eine bedeutende Rolle in der öffentlichen Debatte spielen sollte.

Mitschkes Haltung ist - wie an seinen Ausführungen zu erkennen - von echter Sorge um diejenigen geprägt, die im Arbeitsmarkt kein Unterkommen finden und den Folgen, die das für den sozialen Frieden haben könnte. Oevermann hingegen hält es für problematisch, Erwerbstätigkeit zu subventionieren, anstatt die Bürger grundsätzlich abzusichern und ihnen andere Möglichkeiten zu verschaffen. 

Sascha Liebermann

13. Oktober 2021

"Die Neugierde als Ausgangspunkt kindlicher Bildung" - Video zum Vortrag von Ulrich Oevermann aus dem Jahr 2018

 

Die Gemeinsamkeiten, wenn auch fachwissenschaftlich vor ganz anderem Hintergrund, mit den Untersuchungen des Entwicklungsforschers Remo Largo (siehe auch hier) sind bestechend.

Ulrich Oevermann ist gestorben - die Soziologie verliert einen wichtigen Denker

Keineswegs übertrieben ist es zu sagen, dass ohne Prof. em. Dr. Ulrich Oevermann die Initiative Freiheit statt Vollbeschäftigung womöglich nicht gegründet worden wäre. Zwar hat er ihre Gründung weder angestoßen oder vorangetrieben noch aktiv unterstützt, doch er hat uns mit der Idee eines Grundeinkommens in Berührung gebracht und immer wieder Diskussionen dazu geführt, die dann später in die Gründung mündeten. Sein Interesse am Grundeinkommen bestand keineswegs in einem aktivistischen oder politischen Anliegen, auch wenn das manchmal so wirken konnte. Vielmehr entsprang es für ihn aus einer Analyse der "Arbeitsgesellschaft", ihrer Widersprüche und ihrer Folgen. 

Schon 1983 verfasste er ein Manuskript, das sehr viel später veröffentlicht wurde, in dem er - vor dem Hintergrund anhaltend hoher Arbeitslosigkeit - die Frage aufwarf, ob Arbeitsleistung noch als Kriterium der Einkommensverteilung dienen könne. Darin kommt der Vorschlag eines Bedingungslosen Grundeinkommens nicht vor, nicht einmal der Begriff, doch die Frage danach, welcher Voraussetzungen eine individuierte Lebensführung bedarf und welche Möglichkeiten ihrer Entfaltung bestanden, war Gegenstand.

Das war sein Forschungsanliegen, die Autonomie der Lebenspraxis in ihrer Realität zu rekonstruieren. Anfang der 1980er Jahre wurde in der Soziologie über "Die Krise der Arbeitsgesellschaft" (siehe einen Rückblick darauf hier) diskutiert, Oevermann nahm das auf. Wenig später und außerhalb des Faches wurde der Vorschlag eines "garantierten Grundeinkommen" aufgegriffen (siehe auch hier), der in den USA schon in den 1960er Jahren kursierte. In Deutschland war dies die erste Debatte über ein Grundeinkommen, das dem heutigen Verständnis sehr nahe kommt. Oevermann beteiligte sich daran unseres Wissens jedoch nicht, das war nicht seine Sache. Erst Ende der 1990er Jahre begegneten wir Oevermanns Überlegungen, auf einem Nebengleis im Rahmen verschiedener Promotionsvorhaben tauchte das BGE auf und führte zu einem weiteren Beitrag, der ebenfalls zuerst als Manuskript vorlag und verbreitet wurde, dann Aufnahme in einen Tagungsband fand. Was in dem früheren Beitrag schon als Frage auftauchte, wurde nun ausgearbeitet zum "Bewährungsproblem des modernen Subjekts" und wieder ging es um die Frage von Individuierung und Autonomisierung angesichts der "Krise der Arbeitsgesellschaft", denn die Arbeitslosigkeit war noch höher als zu Zeiten des ersten Beitrags. War in diesen Texten Oevermanns Analyse ganz auf das Verhältnis von Bewährungsdynamik, Individuierung und Leistungsethik konzentriert, veröffentlichte er darüber hinaus Beiträge zur Autonomie des Politischen, der Bedeutung des Nationalstaats als politischer Vergemeinschaftung und ihres Zusammenhangs mit der modernen Demokratie (z. B. hier und hier). Wenn er auch beides in den Veröffentlichungen zum Grundeinkommen nicht verknüpfte, so war diese Verbindung doch deutlich zu sehen und er scheint sie bei anderer Gelegenheit selbst hergestellt zu haben. Für uns stand diese Verknüpfung am Anfang unseres Engagements, sie war entscheidend dafür, uns für die öffentliche Diskussion über ein BGE zu engagieren. Oevermanns materiale Soziologie entstand aus seiner frühen Forschung zu "Sprache und soziale Herkunft" (hier im Überblick), in der er noch standardisierte Verfahren zu Datenerhebung und -auswertung einsetzte. Die Grenzen dieser Verfahren veranlassten ihn später zu einer grundsätzlichen Kritik und zur Suche nach anderen Wegen der Auswertung, die ihn näher an die beobachtete Realität zu gelangen erlaubten. Hieraus entstand die heute als Objektive Hermeneutik bekannte Kunstlehre, zu deren Entwicklung die Analyse familialer Interaktionen den Ausschlag gab (zur Geschichte der Objektiven Hermeneutik, zur Arbeitsgemeinschaft). Die Objektive Hermeneutik ist allerdings nicht nur ein Auswertungsverfahren, zugleich steht der Begriff für eine Begründung dafür, weshalb dieses Vorgehen für die Grundlagenforschung unerlässlich ist. Dazu bedarf es einer Klärung dessen, was den Gegenstandsbereich der Sozialwissenschaften auszeichnet, für Oevermann ging es um die Erschließung der sinnstrukturierten Welt humaner Praxis. Damit war eine Methodologie zu formulieren, an der er stets weiterfeilte. Oevermann verdammte keineswegs standardisierte Verfahren, er wies sie nur in ihre Grenzen und formulierte schon 1979, dass es nicht darum gehen könne, fallrekonstruktive Verfahren gegen standardisierend subsumierende auszuspielen (siehe auch hier). Genausowenig allerdings hätte er dem zugestimmt, beide einfach nebeneinander existieren zu lassen oder zu mischen, wie es seit einigen Jahren unter dem Label "mixed methods" geschieht. Vielmehr müssten die Grenzen standardisierter Verfahren anerkannt werden und ihr Einsatz methodisch diszipliniert erfolgen. Das sei aber nur möglich, wenn zuvor eine fallrekonstruktive Bestimmung der Kategorien erfolgt, die zur forschungsökonomischen Abkürzung standardisierter Datenerhebung und -auswertung zum Einsatz kommen sollen. Fallrekonstruktive Forschung sei für Grundlagenforschung unerlässlich, standardisierte Verfahren seien hingegen Abkürzungsverfahren, die aus forschungsökonomischen Gründen zum Einsatz kommen könnten, aber Grundlagenforschung nicht zu leisten im Stande seien. Die methodologischen Ausarbeitungen führten ihn in seiner Abschiedsvorlesung dazu, "Krise und Routine als analytisches Paradigma in den Sozialwissenschaften" zu bestimmen.

Die Reichhaltigkeit der Lebenspraxis ernst zu nehmen und ihr über ihre Ausdrucksgestalten so nahe zu kommen, wie es eben methodisch möglich war, ohne diese Grenze zu überschreiten, zeichnet die Soziologie Oevermanns in ihrer Vorgehensweise aus. Von daher lag und liegt es nahe, sich mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen sozialwissenschaftlich zu befassen, denn die Autonomie der Lebenspraxis als real operierende Strukturgesetzlichkeit, die in ihm eine herausragende Rolle spielt, war aus den Fallrekonstruktionen materialiter hergeleitet worden. Es ist genau dieses Verständnis von fallrekonstruktiver Forschung, das für die Auseinandersetzung mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen wichtige Erkenntnisse erlaubt, wenn es darum geht, Einsichten in die Struktur von Lebenspraxis, ihre Bildungsprozesse und die Genese handlungsleitender Überzeugungen zu gewinnen.

Es ist das eine, sozialwissenschaftlich zu forschen, das andere, die Lebenspraxis zu gestalten. Das eine folgt nicht aus dem anderen, kann aber dazu Anlass geben bzw. Argumente bereitstellen.

Wir, die Initiative Freiheit statt Vollbeschäftigung, gedenken Ulrich Oevermanns mit großer Hochachtung und drücken allen, die persönlich um ihn trauern, unser tiefes Mitgefühl aus.

10. September 2019

"Aber eine gute Beziehung aufzubauen, braucht schon Zeit" - ein anderer Blick auf Schule...

...von Remo Largo in einem Interview für Das deutsche Schulportal. Largo, emeritierter Professor am Zürcher Kinderspital, hat mehrere Jahrzehnte die Zürcher Longitudinalstudien zur kindlichen Entwicklung geleitet und sich schon öfter zu Fragen des Lernens und der Schule geäußert, siehe auch hier. Ähnlich wie seine Überlegungen klingen Ulrich Oevermanns Argumente dafür, die Schulpflicht abzuschaffen, siehe hier. Der Leistungsdruck ist nicht ohne die Bedeutung von Erwerbstätigkeit zu verstehen, die Art der Schule ist damit alleine aber nicht zu erklären, denn kaum ein Land kennt eine so rigide Schulpflicht wie Deutschland, in der ihre Einlösung an staatliche Schulen und vergleichbare anerkannte gebunden ist. Homeschooling ist nicht vorgesehen.

Sascha Liebermann

29. Januar 2018

"Warum die Alten neidisch auf die Jugend sind"...

...ein Beitrag zur unterschiedlichen Betrachtung derselben Sache durch verschiedene Generationen von Sascha Lobo auf Spiegel online. Was Lobo dort beschreibt, passt zu Untersuchungen über den Wandel der Lebensführung im Zeichen zunehmender Autonomie, siehe z.B. hier, hier und hier.

26. Januar 2018

"Die falsche Gerechtigkeit" und die Frage der Individuierung...

...damit befasste sich ein Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der auf ein Gespräch mit dem Soziologen Stefan Liebig (Universität Bielefeld/ Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) zurückgeht. Darin ging es um die Frage, ob der Vorstellung von Verteilungsgerechtigkeit, also der Verteilung von Einkommensströmen, nicht ein anderes Gerechtigkeitsmoment an die Seite gestellt werden müsse, denn in jüngerer Vergangenheit hätten Vorschläge zu einer stärkeren Umverteilung im klassischen Sinne nicht die entsprechende Resonanz erhalten. Liebig, folgt man dem Bericht, macht damit auf einen interessanten Punkt aufmerksam, ob nämlich der heutige Sozialstaat und seine Vorstellung von Umverteilung nicht einem anderen wichtigen Moment des modernen Lebens entgegensteht: Selbstbestimmung und individuellem Freiraum. Diese Frage führt direkt, ohne dass es im Beitrag erwähnt würde, zum Bedingungslosen Grundeinkommen, das genau damit gerechtfertigt werden könnte. Dabei ist mit der Stärkung des Individuums nicht der Marktteilnehmer gemeint. Im Zentrum steht dabei eine Existenzvoraussetzung der modernen Demokratie: der mündige, autonome Bürger.

Ulrich Oevermann gehörte in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu den wenigen, die genau diese Seite schon starkmachten (siehe hier), dass sich die Frage stelle, welcher Modus der Verteilung mit welchem Zweck der modernen Lebensführung am angemessensten sei. Zwar sprach er dabei noch nicht vom Bedingungslosen Grundeinkommen, hat dies dann aber später getan (in diesem Band). Wenn also der bisher existierende Sozialstaat aufgrund seiner paternalistischen Ausgestaltung diesem Moment wenig Raum gibt, wäre das BGE dafür wie geschaffen.

Sascha Liebermann

16. Februar 2016

"Jenseits von links und rechts. Die Wurzeln des «bedingungslosen Grundeinkommens» in der Frankfurter Soziologie"...

...so ist ein Beitrag in der gestrigen Augabe der Basler Zeitung (Printfassung, Kultur, S. 9) überschrieben, der sich mit Überlegungen des Soziologen Ulrich Oevermann zur "Krise der Arbeitsgesellschaft" befasst. Der Autor, Sigfried Schibli, stellt die Überlegungen dar und verweist darauf, dass diese schon 30 Jahre alten Ausführungen angesichts der bevorstehenden Volksabstimmung nach wie vor aktuell seien.

Die in Rede stehende Analyse verfasste Ulrich Oevermann, Prof. em. (Soziologie), 1983. Sie kursierte lange nur als Manuskript, das zwar heruntergeladen werden konnte, seit wenigen Jahren jedoch auch als Buchbeitrag veröffentlicht zugänglich ist (siehe Sammelband von Manuel Franzmann).

Wohl gab es in den achtziger Jahren eine intensive, wenn auch vor allem akademische Debatte über die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ und das Grundeinkommen, insofern ist Oevermanns Beitrag hierzu nicht ungewöhnlich. Die Analyse selbst jedoch ist es durchaus, weil sie technologischen Fortschritt und strukturelle Arbeitslosigkeit anders deutet. Sie sind nicht alleine der Grund für Alternativen zur Erwerbszentrierung, sondern auch Resultat intrinsisch motivierter Leistungsbereitschaft. Folgerichtig hebt der Beitrag heraus, dass beide Phänomene nur die Problemlage verschärfen, die sich aus der historischen Entfaltung von Autonomie ergibt. Die Lage führt zu folgendem Widerspruch: Auf der einen Seite besteht – so die Diagnose von 1983 – eine allgemeine Leistungsverpflichtung fort, die in Erwerbsarbeit einzulösen ist, und nur dort als Gemeinwohlbeitrag anerkannt wird. Das soll notfalls mit einer Umverteilung von (Erwerbs-) Arbeit erreicht werden (Arbeit als knappes Gut); auf der anderen Seite jedoch hat sich die Lebensführung in einem Maße individuiert, dass Leistung und Sinnhaftigkeit nach eigenen Gütekriterin bestimmt werden, eine allgemeine Umverteilung und Vorschrift von Arbeitszeit oder Bestimmung von Gütekriterien ihr jedoch entgegenstehen. Dieser Widerspruch droht nun gerade die Leistungsethik, die Grundlage des Wohlstandes ist, zu zerstören, weil an einer normativen Verpflichtung – der Erwerbsarbeit – festgehalten wird, sie aber individuierten Lebensentwürfen nicht mehr entspricht.

Diese Schlussfolgerung ist es, die die Analyse, auch wenn vom Grundeinkommen in ihr keine Rede ist (Oevermann veröffentlicht dazu erst später, siehe seinen Beitrag in diesem Band sowie die Diskussion darin mit Joachim Mitschke; siehe auch die Podiumsdiskussion aus dem Jahr 2006; hier ein Ausschnitt aus einer Diskussion Oevermanns mit Daniel Cohn-Bendit zum Grundeinkommen). Sie hebt nämlich die Basis von Wohlstand, die individuierte Leistungsbereitschaft, heraus, die in der Regel unterschätzt, wenn nicht gar in ihrer Bedeutung kleingeredet wird – das Stichwort „Anreiz“ sei zum Hinweis genannt.

Oevermanns Einsichten, das sei erläuternd beigefügt, rühren aus einem Forschungsverständnis, dass sich die Welt nicht anhand hoch aggregierter standardisierter Daten erschließt, wie sie in weiten Teilen der Sozialwissenschaften verwendet werden, sondern auf der Basis von Fallrekonstruktionen (siehe hier und hier). Sie geben reichhaltigen Einblick in konkrete Lebensvollzüge und erlauben es, handlungsleitende Überzeugungen und Motivationen detailliert zu bestimmen, die in quantitativen Erhebungen verschüttet werden.

Sascha Liebermann

13. Juli 2014

"Warum versagt die Volkswirtschaftslehre" - eine Diskussion im SWR-Radio

Der reißerischen Titel soll womöglich aufmerksam machen, die Diskussion hingegen beschäftigt sich mit der grundsätzlichen Frage, wie sich Modellbildung und Wirklichkeit zueinander verhalten, eine Frage, die in das Zentrum der Sozialwissenschaften führt, zu denen auch die Wirtschaftswissenschaften gehören. Hier geht es zur Sendung. Sehen Sie zu weiteren methodischen Überlegungen auch den Kommentar zu diesem Beitrag

Der in diesem Kommentar erfolgte Hinweis auf andere Methoden jenseits statistischer Verfahren ist zutreffend, aber missverständlich. "Fallstudien" sind in der Regel nur deskriptive Darstellungen einer konkreten Problemkonstellation, eine methodisch kontrollierte Analyse wird damit nicht geleistet. Dazu bedarf es fallrekonstruktiver Verfahren, hier besonders elaboriert ist die Objektive Hermeneutik (siehe auch hier). Im Unterschied zu statistischen Verfahren, die alle standardisiert Vorgehen, sowohl in der Datenerhebung wie auch in der -auswertung (Phänomene werden unter zuvor gebildete Kategorien subsumiert), zielen fallrekonstruktive Verfahren auf die Bestimmung des Allgemeinen im Besonderen und des Besonderen im Allgemeinen. Diese Vorgehensweise erlaubt es erst, real operierende Sinngebilde in ihrer Konkretion zu bestimmen und geregelt Schlussfolgerungen zu ziehen. Statistische Verfahren hingegen stoßen nur auf Korrelationen, sie sind keine Kausalitäten. Reinhard Selten, Nobelpreisträger, hat vor Jahren ebenfalls die Modellfixierung auf den homo oeconomicus kritisiert. Mit ist es selbst schon wiederholt begegnet, dass Wirtschaftswissenschaftler einer Kritik an diesen Annahmen entgegenhalten, sie bräuchten jedoch ein Modell, um rechnen zu können. Was aber soll ein Modell, das der Wirklichkeit nicht entspricht, berechnen können? 

Sascha Liebermann

8. August 2010

"Kann Arbeitsleistung weiterhin als basales Kriterium der Verteilungsgerechtigkeit dienen?"

Ulrich Oevermann, Prof. em. (Soziologie), hat 1983 eine Analyse mit diesem Titel verfasst, die erst Anfang dieses Jahres in Form eines Buchbeitrages veröffentlicht wurde (siehe unseren Hinweis auf den Sammelband von Manuel Franzmann). Zwar war der Text in der Frankfurter Stadt- und Universitätsbibliothek herunterzuladen, konnte aber bislang als "graues Papier" gelten.

Wohl gab es in den achtziger Jahren eine intensive Debatte über die "Krise der Arbeitsgesellschaft" und auch das Grundeinkommen, insofern ist Oevermanns Beitrag hierzu nicht ungewöhnlich. Die Analyse selbst jedoch ist es durchaus, weil sie technologischen Fortschritt und strukturelle Arbeitslosigkeit anders deutet. Sie sind nicht alleine der Grund für Alternativen zur Erwerbszentrierung, sondern auch Resultat intrinsisch motivierter Leistungsbereitschaft. Folgerichtig hebt der Beitrag heraus, dass beide Phänomene nur die Problemlage verschärfen, die sich aus der historischen Entfaltung von Autonomie ergibt. Die Lage führt zu folgendem Widerspruch: Auf der einen Seite besteht - so die Diagnose von 1983 - eine allgemeine Leistungsverpflichtung fort, die in Erwerbsarbeit einzulösen ist, und nur dort als Gemeinwohlbeitrag anerkannt wird. Das soll notfalls mit einer Umverteilung von
(Erwerbs-) Arbeit erreicht werden (Arbeit als knappes Gut); auf der anderen Seite jedoch hat sich die Lebensführung in einem Maße individuiert (nicht individualisiert!), dass Leistung und Sinnhaftigkeit nach eigenen Gütekriterin bestimmt werden, eine allgemeine Umverteilung und Vorschrift von Arbeitszeit oder Bestimmung von Gütekriterien ihr jedoch entgegensteht. Dieser Widerspruch droht nun gerade die Leistungsethik, die Grundlage des Wohlstandes ist, zu zerstören, weil an einer normativen Verpflichtung - der Erwerbsarbeit - festgehalten wird, denn sie entsprich den individuierten Lebensentwürfen nicht mehr. Diese Schlussfolgerung ist es, die die Analyse, auch wenn vom Grundeinkommen in ihr keine Rede ist, dennoch aktuell erscheinen lässt. Sie hebt nämlich die Basis von Wohlstand, die individuierte Leistungsbereitschaft, heraus, die in der Regel unterschätzt, wenn nicht gar in ihrer Bedeutung kleingeredet wird - das Stichwort "Anreiz" sei zum Hinweis genannt.

Oevermanns Einsichten, das sei erläuternd beigefügt, rühren aus einem Forschungsverständnis, dass sich die Welt nicht anhand hoch aggregierter quantifizierter Daten erschließt, wie sind in weiten Teilen der Sozialwissenschaften verwendet werden, sondern auf der Basis von Fallrekonstruktionen (siehe hier und hier). Sie geben reichhaltigen Einblick in konkrete Lebensvollzüge und erlauben es, handlungsleitende Überzeugungen und Motivationen detailliert zu bestimmen, die in quantitativen Erhebungen lediglich verschüttet werden.

Sascha Liebermann