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24. November 2023

"Der Schweizer Kinderarzt und Entwicklungsforscher Remo Largo wird geboren"...

 ...ein Porträt in der Sendung WDR Zeitzeichen, da Remo Largo heute vor 80 Jahren geboren wurde. Largos Forschung ist beeindruckend und erhellend, bürstet gängige Vorstellung zu kindlichen Entwicklungsprozessen gegen den Strich.

Siehe unsere früheren Beiträge über ihn und anlässlich seines Todes.

11. Januar 2022

"Perfekt unperfekt. Ein Abend mit Remo Largo, Karin Jurczyk, Antje Gardyan"...


...in dem das Gespräch (aus dem Jahr 2017) leider nur kurz auf ein (Bedingungsloses) Grundeinkommen kommt, seine Brisanz aber klar wird. Alle Diskutanten kritisieren mehr oder weniger deutlich das heutige Verhältnis von Erwerbstätigkeit und Sorge mit unterschiedlichen Vorschlägen, es zu verändern.

Interessant sind die Differenzen zwischen Largo und Jurczyk bezüglich dessen, was Familie strukturell bedeutet, ohne frühere Zeiten zu verklären. Nicht ganz überraschend ist eine doch etwas voreilige Unterschätzung von Kernfamilie, die fraglos nicht andere für Bildungsprozesse auch wichtige Bezüge ersetzen kann, gleichwohl aber zentral bleibt (siehe dazu z. B. hier).

Siehe auch unsere früheren Beiträge zu Remo Largo und Karin Jurczyk.

Sascha Liebermann

15. Januar 2021

"Ein Kind leidet, wenn seine Eltern leiden" - angesichts der Szenarien über vermeintliche Folgen von Schlulschließungen...

...eine bodenständige Einschätzung von Carlotta Welding im Interview auf Zeit Online. Gleich zu Beginn wird sie nach den Ergebnissen einer Studie des Deutschen Jugendinstituts (siehe unten) gefragt, woraufhin sie das tut, was man von Wissenschaftlern erwarten kann: die Studie müsse sie sich erst einmal anschauen. Im weiteren Verlauf macht Welding deutlich, wie sehr das Wohlbefinden der Kinder von den Eltern und dem Umgang miteinander abhängt. Diese im Grunde banale Betrachtung wird bei all den katastrophischen Meldungen in der Pandemie aber häufig schlicht nicht beachtet (siehe dazu auch hier). Damit sollen keineswegs die Anstrengungen und Belastungen durch die gegenwärtige Lage schöngeredet werden, genau so wenig sollen die unterschiedlichen Möglichkeiten von Familien unterschlagen werden. Weder das eine noch das andere jedoch determiniert, wie mit der Lage umgegangen wird.

Auch wo niedrige Haushaltseinkommen zur Verfügung stehen und die Wohnverhältnisse beengt sind, gibt es große Unterschiede darin, wie dieser Lage begegnet wird. Genau darauf hebt Welding ab.

Sie beschließt das Interview mit folgender Aussage:

"Welding: Gerade jetzt haben Eltern die Chance, viel mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, als es im normalen Alltag möglich ist. Es ist eine Gelegenheit, sich aus starren Verhaltensmustern zu lösen. Es gibt viel weniger "das muss ich, das gehört so" als man denkt. Außerdem ist es für viele Väter auch die Gelegenheit, aktiv in ihre Vaterrolle zu schlüpfen. Allein das ist doch gut."

Ja, die Möglichkeit bietet die Pandemie, in der Krise werden Alternativen sichtbar, die über die Krise hinausweisen. Allerdings bedarf es zu einer Veränderung auch eines Konsenses dahingehend, dass Eltern die Möglichkeiten haben müssen, darüber frei zu befinden, wie sie sich der Aufgabe Elternschaft stellen wollen. Die gegenwärtige Sozialpolitik ist jedoch eine erweiterte Arbeitsmarktpolitik und steht dem entgegen. Wer also hier etwas verändern will, muss eine Alternative vorschlagen, die nicht vorschreibt, welche Wege die Familien gehen sollen. Das kann nur ein Bedingungsloses Grundeinkommen.

Anmerkung zur DJI-Studie: Da es sich um einer standardisierte Elternbefragung handelt, erhebt diese Studie nur die Selbsteinschätzungen der Eltern auf der Basis von Antwortskalen. Weder werde damit konkrete Einsichten darein möglich, ob denn diese Einschätzung so eindeutig sind, noch erkennt man Beweggründe der Eltern für ihre Antworten. Dazu müssten nicht-standardisierte Forschungsgespräche geführt werden.

Sascha Liebermann

25. November 2020

"Wenn ich nur darf, was ich soll, aber nie kann, wenn ich will..." - eines von Largos häufig verwendeten Zitaten weist den Weg zum Bedingungslosen Grundeinkommen

Siehe unseren Beitrag zum Tod von Remo Largo hier. 

17. November 2020

"...ob der Mensch nur handelt, wenn er dafür Anreize und Belohnungen erhält" - keineswegs und schon vielfältig untersucht

Der Deutschlandfunk berichtete über die hohe Anzahl an Bewerbern für das Pilotprojekt des Berliner Vereins Mein Grundeinkommen. Das Ziel des Projekts wird hier wiedergegeben:

"Dabei steht im Zentrum, ob und wie sich ein bedingungsloses Grundeinkommen auf die Berufstätigkeit und das Wohlbefinden der Testpersonen auswirkt. Es soll untersucht werden, ob der Mensch nur handelt, wenn er dafür Anreize und Belohnungen erhält. Im Fokus stehen auch die psychologischen Aspekte, etwa ob das Grundeinkommen hilft, Stress zu verringern und in der Folge die Lebenszufriedenheit und gesellschaftliches Engagement erhöht."

Weshalb wird so getan, als gäbe es zu diesen Fragen keine Befunde? Es gibt sie sogar jenseits der BGE-Forschung, dazu müsste nur einmal der Blick auf kindliche Entwicklungsprozesse und die Entstehung von Leistungsbereitschaft gerichtet werden, wie es Remo Largo vorbildlich getan hat. Zieht man hierzu noch Einsichten einer soziologischen Sozialisationstheorie hinzu (z. B. hier) wird man nicht ernsthaft mehr die unterkomplexen "Anreiz"-Theoreme in Betracht ziehen. Dazu müsste man aber zum einen grundsätzlicher die Frage angehen und Methoden hinzuziehen, die näher am konkreten Leben sind.

Sascha Liebermann

16. November 2020

"Der Mensch kann nicht irgendein Leben führen, sondern nur sein eigenes" - Entwicklungsforscher Remo Largo ist verstorben...

 ...darüber berichteten verschiedene Tageszeitungen, ein differenzierter Nachruf findet sich in der Neuen Zürcher Zeitung hier, eine persönlichere Würdigung von Linard Bardill findet sich im tagblatt. Das letzte oder eines der letzten Interviews ist in der Basler Zeitung veröffentlicht worden, siehe hier. Verschiedene Vorträge Largos wurden aufgezeichnet (siehe hier), ein im vergangenen Juni ausgestrahlter Beitrag der teleakademie des SWR über "Normale Entwicklungskrisen bei Kindern" findet sich hier.

Weshalb soll hier ein kurzer Blick auf Largos Forschung und seine Thesen geworfen (unsere Beiträge dazu hier) werden, wo wir doch sonst nur Beiträge publizieren, die im weitesten Sinne mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen zusammenhängen?

Der Grund dafür ist schnell benannt: Largo hat sich, als Entwicklungsforscher und Arzt, mit Fragen beschäftigt, die ins Zentrum eines Bedingungslosen Grundeinkommens führen, weil sie sich mit den Entwicklungsprozessen vom Säugling bis zum Erwachsenen (Ontogenese) befassen. Sie sind das Fundament für alle späteren Fähigkeiten, das Verhältnis zu Individualität und Gemeinschaft, gelebte Autonomie, Leistungsbereitschaft usw. In den letzten Lebensjahren, in denen er zunehmend grundsätzliche Fragen des Zusammenlebens thematisierte, kam er nicht nur auf ein BGE zu sprechen, er hielt es für wichtig. Das erste Mal in Publikationsform äußerte er sich in dieser Form in dem Buch "Das passende Leben" (siehe ein Interview dazu hier).

Am Zürcher Kinderspital leitete er die Zürcher Longitudinalstudien, Langzeitstudien zur kindlichen Entwicklung, deren Befunde die Grundlage seiner später so erfolgreichen Bücher wie Babyjahre und auch Kinderjahre sind. Diese Langzeitstudien suchen ihresgleichen in der Welt. Wie in etlichen Nachrufen zu lesen unterscheidet Largos Bücher von anderen zu diesen Fragen, dass sie keine Erziehungs- oder Ratgeberliteratur bieten. Wer danach in ihnen sucht, wird nicht fündig werden. Largo hat zwar etliche scharfe Einsichten in die Öffentlichkeit getragen, ist aber nie marktschreierisch aufgetreten, wie es von anderen Autoren in diesem Feld der Fall ist. Die von ihm geleiteten Studien und die damit einhergehende Praxis zur Beratung für Eltern und ihre Kinder räumte mit etlichen Vorurteilen und verkürzten Vorstellungen davon auf, wie Entwicklungsprozesse sich bei Kindern vollziehen. Ob es um die motorische Entwicklung hin zum Laufen, den Spracherwerb oder anderes geht, Largo machte deutlich, dass Kinder zwar dieselben Phasen der Entwicklung durchlaufen müssen, aber keineswegs zum selben Zeitpunkt und nicht in allen Formen, vielmehr gibt es eine große zeitliche Spanne innerhalb derer diese Entwicklung erfolgt. Der Vorstellung von einer "Normalentwicklung" zu definierten Alterszeitpunkten erteilt er damit eine Absage. Weil Altersdifferenzen in demselben Jahrgang erheblich sind, stellte er damit auch den jahrgangsbezogenen Schulunterricht in Frage. Über die Altersspanne hinaus vollziehen sich die Entwicklungsphasen auch nicht auf dieselbe Weise, so z. B. führt die Entwicklung zum Laufen nicht über die gleichen Stufen vom Rollen/ Robben, über das Krabbeln, sondern manche Kinder krabbeln eben nicht, sie hopsen und stehen dann auf und laufen. Ähnliches gilt für das "Trockenwerden", also das Beherrschen und Regulieren der Ausscheidungen. Ein Training helfe hier nicht weiter, es verzögere diese Entwicklung sogar.

Largo betonte immer wieder, wie sehr diese Entwicklung von den Sozialbeziehungen und ihrer Qualität abhängig ist (Stichwort Bindung), die ebenso bedeutsam sind dafür, ob Kinder auf ihre Eltern hören. Largo scheute sich nicht, altertümlich klingende, dem Zeitgeist fremde Begriffe zu verwenden, wie z. B. vom Gehorsam bei Kindern zu sprechen. Er erklärte ihn aber ganz anders als gewöhnlich, nicht als Ausdruck unangefochtener Autorität, sondern als Resultat von Bindung. Wo sie nicht vorliege, seien Beziehungen nicht belastbar und Kinder würden ihren Eltern nicht folgen, womit keineswegs Unterwerfung gemeint ist, sondern Vertrauen in ihre Fürsorge. Die Folge eines solchen Blickes auf Entwicklungsprozesse ist ein anderes Verständnis davon, wie Handeln entsteht, eben nicht durch "Anreize" oder Motivierung von außen, wie es nicht selten von Eltern zu vernehmen ist und heute zum Repertoire des vermeintlich gebildeten Redens über Leistungsbereitschaft gehört. Largo stellte fest, dass Kinder sich grundsätzlich entwickeln wollen, dieser Drang sei leicht zu erkennen, könne aber sehr wohl behindert oder aufgehalten werden. Wenn Kinder etwas nicht wollten, dann wäre er nie auf den Gedanken verfallen, sie könnten faul sein, schlicht antriebslos oder unmotiviert. Er stellte sich die Frage, wie es dazu kommt, dass sie nicht wollen und ob womöglich die an sie herangetragenen Erwartungen das Problem sind. Nicht von ungefähr lautet ein immer wieder von ihm selbst zitierter Ausspruch "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht", der noch ergänzt werden könnte damit, dass, wenn man zu fest zieht, es ausreißt.

Damit Beziehungen entstehen und sich festigen können, braucht es Zeit füreinander. Beziehungen entstehen nicht durch Lektüre von Büchern (auch nicht Erziehungsratgebern) oder geplante Aufeinandertreffen ("quality time"), es bedarf gemeinsamer Zeit, damit Erfahrungen gemacht werden können. Erst dann sind Eltern in der Lage, ihre Kinder in ihrer Individualität zu verstehen. Da diese sich entwickeln und verändern, benötigen aber ebenso Eltern Zeit, um diese Veränderungen wahrzunehmen und zu verstehen. Wie sehr es daran mangelt und die Lage sich noch verschlechtert hat, kritisierte Largo vor allem mit Bezug auf die Schweiz, wie viele seiner tagespolitischen Bezugnahmen vor diesem Hintergrund verstanden werden müssen.

Bei allem öffentlichen Engagement blieb er doch immer Forscher, seine Neugierde war immer präsent, ebenso seine Faszination für das Entdeckte und das Erstaunen über die Entwicklung, die Kinder nehmen. Um so mehr kritisierte er die mangelnde Bereitschaft hinzuschauen, Kinder in ihrer Konkretheit ernst zu nehmen und sie nicht an Standards zu messen.

Sascha Liebermann

22. Mai 2020

Resilienz - ein schimmernder Begriff, seine optimierungsbezogene Umdeutung und die Verbindung zum Grundeinkommen

Remo Largo, der in seiner Zeit am Zürcher Kinderspital eine der wenigen Longitudinalstudien zur kindlichen Entwicklung verantwortete, kommt im NZZ Podcast auf Resilienz zu sprechen und erläutert, wie er sie versteht, was sie auszeichnet und geht auf Anfänge der Forschung dazu ein. Aufschlussreich ist, welchen Stellenwert Largo - nicht überraschend vor dem Hintergrund seiner über die Jahre zahlreichen Stellungnahmen - den Beziehungen zwischen Menschen, der Anerkennung des Gegenübers um seiner selbst willen, in diesem Zusammenhang beimisst. Bildungsprozesse im umfassenden Sinne, die in der Familie beginnen, haben hierfür eine große Bedeutung, ebenso für die Nicht-Herausbildung von Resilienz. Largo kommt in seinem letzten Buch "Das passende Leben" im Schlusskapitel auf das Bedingungslose Grundeinkommen zu sprechen, allerdings nur bezogen auf Folgen der Digitalisierung, ohne die Brücke zwischen einem BGE und seinen eigenen Ausführungen zum Stellenwert von Beziehungen zu schlagen. Was Largo im Podcast für die konkrete Begegnung mit einem Gegenüber angeht, gilt strukturell auch für ein BGE, denn es bringt zum Ausdruck, dass ein Gemeinwesen, vor allem anderen, jeden, der ihm angehört, so anerkennt, wie er ist, ohne seine Existenzsicherung von anderen Leistungen abhängig zu machen.

Siehe auch unseren früheren Beiträge zu Remo Largo hier, zu Bildung hier.

Sascha Liebermann

4. Februar 2020

"Remo Largo: Das «Burn-out» ist jetzt bei den Kindern angekommen"...

...ein Interview mit Remo Largo im Schweizer Radio SRF3 (auf Dialekt, Züridüütsch). Ähnlich wie in diesem Gespräch argumentiert Largo in mancher Hinsicht im Interview mit Die Zeit aus dem Jahr 2018. Das Gespräch ist vielfältig, Largo ist kein Ratgeber, der mit Empfehlungen aufwartet, eher analysiert er und zieht Schlüsse, da ist er ganz Entwicklungsforscher, der an Langzeitstudien gearbeitet hat.

Elternurlaub, so Largo, sei nicht nur wichtig dafür, dass das Kind sich an die Eltern "binden" kann, es gilt gleichermaßen für die Eltern, die sich überhaupt erst dem öffnen müssen, dass sie nun Eltern sind. Auch ihre Beziehung zu ihrem Kind muss sich erst entwickeln. Das aber sei heute schwierig, weil die Bedeutung von Leistung in der Erwerbstätigkeit größer denn je sei. Was Largo treffend als Problem beschreibt, führt er aber nicht weiter, um zu deuten, woher es kommt, dass Väter in der Regel so schwer damit tun, nach der Geburt eines Kindes, ihre Erwerbsengagement zu reduzieren statt beizubehalten oder gar auszudehnen.

Irritierend ist, das war auch im oben erwähnten Zeitinterview schon der Fall, wie Largo über die heutigen Familienverhältnisse im Allgemeinen spricht. Als lebe diese Familie völlig isoliert, sei ein  abgeschottetes Gefüge, ohne dies weiter zu erläutern. Zum einen muss man sich vor Augen halten, dass die Herausbildung der Kernfamilie, wie wir sie in unseren Breiten können, erst den Raum für die Individuierungsprozesse bildet, die wir heute für so erstrebenswert und selbstverständlich halten. Sie sind historisch keineswegs selbstverständlich, dominierte in archaischen Gesellschaften die Unterwerfung unter die Tradition als Ziel der Sozialisation. Die heutige Kernfamilie geht allerdings zugleich mit besonderen Herausforderungen an die Eltern einher, entsprechende Erfahrungsmöglichkeiten inner- wie außerfamilial zu schaffen, die Individuierungsprozesse fördern. Das benötigt Zeit für das Familienleben, an der es nun aber gerade durch die forcierte Erwerbsorientierung fehlt. Die über einen längeren Zeitraum schon steigende Bedeutung von Ganztagsbetreuung von der Krippe über den Kindergarten bis zur Schule ist die andere Seite des Vorrangs von Erwerbstätigkeit. Einher geht diese Entwicklung mit der Einschränkung von Erfahrungsmöglichkeiten freien Spiels durch organisierte Betreuung, geringere Erkundung des lebenspraktischen Nahraums durch Kinder, weil sie die meiste Zeit über den Tag nicht zuhause sind. Das Herumstronern, vor wenigen Jahrzehnten noch selbstverständlicher Bestandteil der Kindheit findet heute auch erheblich weniger Gelegenheiten. Das Leben ist heute also viel organisierter, verplanter, die Zeit für müßiges Zusammensein geringer, Zeit verplempern nicht mehr Bestandteil.

Was Largo also wenig bis gar nicht in seinen Zusammenhängen sieht, obwohl er selbst die Phänomene benennt ist, welche Folgen es hat, dass Erwerbstätigkeit nicht einfach ein Engagement unter anderen, sondern normativ besetzt ist. Sie gilt als herausragende Leistung, die schon lange für Männer den entscheidenen Beitrag zum Gemeinwohl definiert (Erwerbstätigkeit als ethische Verpflichtung) und aufgrund der traditionalen Deutung des Geschlechterverhältnisses Frauen ermöglichte, sich dem nicht verpflichtet fühlen zu müssen, dafür umso mehr dem Haushalt. Das war ein Schonraum unter traditionalen Bedingungen, der sich glücklicherweise aufgelöst hat, aber so, dass der Schonraum in keine neue Form transformiert wurde. Erwerbstätigkeit regiert heute unser Leben stärker denn je. Dass dies sich auf die Beziehungsdynamiken in Familien auswirkt, die Primärerfahrungen für Kinder darstellen, ist nicht verwunderlich. Dass es sich auch auf die Eltern auswirkt - wie Largo zuvor beschrieben hat - ist ebenso wenig verwunderlich, doch zieht er daraus keine Schlüsse. Die Relativierung von Erwerbstätigkeit, die Öffnung des Lebens für die Breite der Erfahrungen, die dazu gehören, wäre nötig, wenn es anders werden soll. Das geht nur über ein Bedingungsloses Grundeinkommen, es Voraussetzung dafür und zugleich Folge davon, den Vorrang von Erwerbstätigkeit hinter sich zu lassen.

Frühere Beiträge von uns zu Ausführungen Largos finden Sie hier.

Sascha Liebermann

8. Oktober 2019

"Wir müssen das Konzept 'Hotel Mama' dringend überdenken" - Ablösung und Bedingungsloses Grundeinkommen...

...darum geht es in einem Interview mit Remo Largo in der Neuen Zürcher Zeitung. Largo war vor seiner Pensionierung u.a. für die Zürcher Longitudinalstudien verantwortlich, die am Zürcher Kinderspital durchgeführt wurden. Auf seiner Website finden sich etliche Veröffentlichungen dazu frei zugänglich.  In seinem jüngsten Buch "Das passende Leben" führt er seine über die Jahre gewonnenen Erkenntnisse zur kindlichen Entwicklung nochmals zusammen und kommt auf ein Bedingungsloses Grundeinkommen zu sprechen (siehe hier und hier). Seine Einsichten sind interessant, weisen auf ganz drängende Fragen dahingehend hin, wie viel Zeit und Raum Familie heute noch hat und wie sehr Kinder in ihrer Entwicklung durch die Vorstellungen der Erwachsenenwelt bedrängt werden.

Im Interview gleich zu Beginn geht es, wie der Titel schon sagt, darum, dass junge Erwachsene viel zu lange zu Hause lebten und Largo vorschlägt, Wohngemeinschaften für junge Menschen zu ermöglichen, damit die Ablösung von den Eltern früher vollzogen wird. Nun stellt sich die Frage nach den Gründen für die späte Ablösung und zugleich, wie eine frühere unterstützt werden könnte. Hier kommt ein BGE ins Spiel, nicht alleine wegen des gesichert verfügbaren Geldes, um das Leben in einer WG zu finanzieren, das wäre ebenso ein Effekt. Gewichtiger noch ist, dass ein BGE mit dem Erreichen der Volljährigkeit die volle Verfügbarkeit über das BGE selbstverständlich werden ließe. In eine WG zu ziehen und es sich von den Eltern finanzieren zu lassen, ist etwas anderes, als es alleine tragen zu können, weil die Gemeinschaft es einem ermöglicht.

Siehe unsere früheren Beiträge über Remo Largo

Sascha Liebermann

10. September 2019

"Aber eine gute Beziehung aufzubauen, braucht schon Zeit" - ein anderer Blick auf Schule...

...von Remo Largo in einem Interview für Das deutsche Schulportal. Largo, emeritierter Professor am Zürcher Kinderspital, hat mehrere Jahrzehnte die Zürcher Longitudinalstudien zur kindlichen Entwicklung geleitet und sich schon öfter zu Fragen des Lernens und der Schule geäußert, siehe auch hier. Ähnlich wie seine Überlegungen klingen Ulrich Oevermanns Argumente dafür, die Schulpflicht abzuschaffen, siehe hier. Der Leistungsdruck ist nicht ohne die Bedeutung von Erwerbstätigkeit zu verstehen, die Art der Schule ist damit alleine aber nicht zu erklären, denn kaum ein Land kennt eine so rigide Schulpflicht wie Deutschland, in der ihre Einlösung an staatliche Schulen und vergleichbare anerkannte gebunden ist. Homeschooling ist nicht vorgesehen.

Sascha Liebermann

26. Oktober 2018

"Die Kinder werden zu überangepassten Wesen" und ein Bedingungsloses Grundeinkommen...

...darüber sprach die Basler Zeitung mit Remo Largo (seine Website, siehe frühere Kommentare von uns hier), Entwicklungsforscher und Kinderarzt, ehemaliger Professor am Zürcher Kinderspital. Es geht darin um das Schulsystem, seine spezifische Leistungsorientierung und die Tabuisierung von Begabungsunterschieden, die nicht "ausgebügelt" werden könnten, die der Einzelne anzunehmen lernen müsse. Auch die Gesellschaft müsse damit anders umgehen statt Bildungsziele zu normieren. Wie in seinem Buch "Das passende Leben" und in früheren Schriften geht es vor allem darum, Bildung vom Kind her zu denken, nicht von den abstrakt formulierten vermeintlichen Erfordernissen der Nutzbarkeit. Vom Kind her gedacht kann es seine Begabungen am besten entfalten.

An einer Stelle kommt die Sprache auf ein Bedingungsloses Grundeinkommen, wozu Largo sich in jüngerer Zeit wiederholt geäußert hatte, meist jedoch vor allem mit Bezug auf etwaige Folgen der Digitalisierung. Was sagt er?

BAZ: "Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft aus, wenn wir weitermachen wie bisher?
Wir müssen gar nicht in die Zukunft schauen. Wir haben ja schon jetzt ein monströses Problem, das sich einfach noch verstärken wird. Nicht nur in der Schule, auch in der Wirtschaft. Die Arbeit ist immer mehr sinnentleert. Immer mehr Menschen arbeiten nur noch für den Lebensunterhalt. Doch der Mensch hat ein Bedürfnis nach Befriedigung und Wertschätzung. Er will seine Begabungen bei der Arbeit einsetzen, Leistung erbringen. Das ist in der Wirtschaft immer weniger möglich. Wenn wir beispielsweise ein Grundeinkommen hätten, hätten wir viel mehr Freiheiten, das zu tun, was wir wollen und auch brauchen."

Dieser Gedanke entspricht ganz seinem Fit-Konzept, passt aber gleichermaßen zu der Einsicht, dass Leistungserbringung immer auch mit Neigung und Fähigkeiten zu tun hat sowie mit einer Sache oder Aufgabe, der man sich auch widmen will. Ein BGE, das scheint er zu meinen, würde die Bedingungen dafür verbessern, eine solche Entsprechung zwischen Neigungen und Aufgabe näher zu kommen. Weiterhin heißt es:

"Das bedingungslose Grundeinkommen haben wir jedoch vor Kurzem an der Urne verworfen.
Das kommt wieder. Es ist unvermeidlich, da es bald gar nicht mehr genug Arbeit für alle geben wird. Digitalisierung und Automatisierung vernichten Stellen. In den nächsten 10 bis 20 Jahren werden 50 Prozent aller Dienstleistungsstellen verloren gehen. Der Lebensunterhalt kann nicht mehr nur durch Arbeit allein finanziert werden. Wir werden das Grundeinkommen schneller einführen, als wir uns das derzeit vorstellen können."

Die Bemerkung der BAZ-Journalistin ist knapp, geht gar nicht darauf ein, dass fast ein Viertel der Stimmen pro Volksinitiative waren, das ist nicht wenig. Largo hingegen ist sich ganz sicher, es wird kommen, doch wie begründet er das? Mag sein, dass es so kommt oder auch nicht. Es ist, wie bei früheren Ausführungen von ihm auch (siehe oben den Verweis auf Kommentare), eine gewisse Verengung der Thematik. Erst weitet er sie, in dem er von den Freiräumen spricht, die entstehen, das entspricht ganz dem BGE. Dann begründet er es mit der Digitalisierung, was nicht nötig wäre und nicht zwingend ist. In seinem Buch "Das passende Leben" beschäftigt ihn die Frage, die im Interview mit der BAZ ebenso auftaucht, wie wir denn leben wollen. Das ist eine gemeinschaftliche Frage, wie das BGE eine gemeinschaftliche Antwort wäre - es würde unser Solidarverständnis verändern, und den Blick auf andere Fragen verschieben bzw. heutige Fragen anders stellen.

Sascha Liebermann

6. September 2018

"Den Kindern die Kindheit lassen"...

...ein Gespräch mit dem Jugendpsychiater Michael Winterhoff aus dem Jahr 2017, dass der Deutschlandfunk nocheinmal gesendet hat. Frühere Kommentare von unserer Seite zum Thema Familie finden Sie hier. Interessant sind auch die Ausführungen von Remo Largo in diesem Zusammenhang, siehe unsere Kommentare dazu hier.

18. Mai 2018

"...Zeit haben, um durch Erfahrungen mit Gleichaltrigen sozial kompetent zu werden..."...

...darum ging es in einem Interview mit dem Kinderarzt und Entwicklungsforscher Remo Largo in der Neuen Zürcher Zeitung. Siehe auch den Bericht über ein Gespräch mit Jugendlichen in derselben Zeitung hier. Largo hat Langzeitstudien zur kindlichen Entwicklung am Zürcher Kinderspital durchgeführt, woraus seine bekannten Bücher entstanden sind, zuletzt "Das passende Leben". Darin spricht er gegen Ende über die Chancen, die ein Bedingungsloses Grundeinkommen bedeute, geäußert hatte er sich dazu ebenso in einem Interview. Largo kritisierte immer wieder die Bedingungen des Aufwachsens von Kindern heute, wie wenig kinderfreundlich sie seien. In seinem letzten Buch, wie der Titel schon sagt, geht es um ein Leben, das den menschlichen Bedürfnissen gemäß ist. Irritierend ist an seinen Befunden manchmal, welche Schlüsse er daraus zieht. So hat er wiederholt festgestellt, dass Eltern sich zu wenig Zeit für ihre Kinder nehmen, weil dies so sei, müssten Betreuungseinrichtungen das auffangen. Dabei läge eine ganz andere Antwort nach seinen Forschungsbefunden viel näher. Den Eltern die Möglichkeit zu geben, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Das Arbeitsethos ist in der Schweiz stark ausgeprägt, es gibt nicht einmal eine dem Elterngeld vergleichbare Leistung und der Wiedereintritt in den Beruf nach dem Mutterschutz (nach vier Monaten) ist nicht ungewöhnlich. Im Grunde müsste Largo für ein BGE plädieren, damit Eltern genau das ermöglicht wird und als erwünscht gilt, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen. Doch diesen Schluß zieht er so klar auch in seinem Buch nicht. Im jüngsten Interview klingt das so:

"Herr Largo, Sie haben ein Berufsleben lang und mit vielen Büchern dafür gekämpft, dass Kinder mehr Freiheiten erhalten. Mein Eindruck ist aber, dass ihr Alltag immer strukturierter wird.
Ja, leider. Es ist schwer vermittelbar: Kinder sollten möglichst oft mit anderen Kindern selbstbestimmt spielen können, altersdurchmischt, zigtausend Stunden. Für ihre Entwicklung ist dies eine Notwendigkeit. Viele betrachten das freie Spielen aber als Zeitverlust. Schon früh wird versucht, den Kindern weiss Gott was alles beizubringen. Jetzt gehst du ins Ballett, in den Fussballklub, jetzt spielst du ein Instrument, jetzt machen wir ein Umweltprojekt."

Hier hebt er auf die durchgeplante Kinderheit ab, weil "freies Spielen" als Zeitverlust gilt. Betreuungseinrichtungen tragen allerdings zu dieser Durchplanung bei, weil das Spielen immer in einer Beaufsichtigungssituation stattfindet und nicht verborgen vor den Blicken der Eltern oder anderer Erwachsener. Dann heißt es:

"Trauen wir den Kindern zu wenig zu?
Bei mir war es schon im frühen Schulalter so: An freien Nachmittagen sagte ich nach dem Mittagessen zu Hause in Winterthur Tschüss und kam erst um 18 Uhr wieder nach Hause. Meine Mutter vertraute darauf, dass wir Kinder füreinander Sorge tragen. So haben sich Freundschaften gebildet. Leider ist dies heute kaum mehr möglich."

Das ist genau das unbeaufsichtigte Spielen, das in Einrichtungen so nicht möglich ist. Beaufsichtigungsverzicht und dennoch erreichbar, weil jemand zuhause ist, falls der Wunsch besteht, die Nähe zu suchen.

"Kinder spielen gerne – und ab welchem Alter können sie Freundschaften entwickeln?
Freundschaften entstehen aus Beziehungen. Bei Kindern beginnt es damit, dass sie mit anderen Kindern zusammen sein wollen. Vieles lernen sie von anderen Kindern viel besser als von Erwachsenen. Aus gemeinsamen Erfahrungen und Interessen entstehen Freundschaften. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass man einander mag und den anderen so nimmt, wie er ist. Dies ist, wenn Kinder in Kleinfamilien ohne Kontakt zu anderen Kindern aufwachsen, kaum mehr möglich. Krippen sind daher weit mehr als nur ein Ort der Kinderbetreuung, wenn die Eltern arbeiten. Sie ermöglichen dem Kind Erfahrungen, vor allem soziale, die für seine Entwicklung sehr wichtig sind. Im Kindergarten merkt man sehr gut, welche Kinder zuvor in der Krippe waren. Sie sind sozial und sprachlich weiter."

Hier nun müsste Largo im Grunde sagen, dass der heutige Zustand, wie er es in anderen Interviews kritisiert, ein Missstand ist. Mit Krippen auf ihn zu antworten, ist besser als nichts zu tun. Noch besser aber wäre es, den Erfahrungsraum Familie dadurch zu schützen, das Eltern die Möglichkeit hätten, eben mehr zuhause zu sein und dann ihren Kindern die Begegnungen mit anderen Kindern zu ermöglichen. Genau das sieht er hier nicht vor.

"Die Kinder sollen möglichst früh in die Krippe?
Wenn es keine gute Alternative gibt, ab dem zweiten bis dritten Lebensjahr. Die Krippe ist für mich Teil des Bildungssystems und sollte vom Staat auch so finanziert werden. Im Vergleich mit den meisten europäischen Ländern ist die Schweiz diesbezüglich ein Entwicklungsland."

Hier zumindest wird deutlich, dass es gute Alternativen geben kann, falls es sie nicht gibt, ist die Krippe wichtig. Dass die Krippe bzw. der Kindergarten ein wichtiger Ort für Kinder sein kann, ist gar nicht strittig, die praktische Frage ist lediglich, woran lässt sich entscheiden, ab wann er ein wichtiger Ort ist? Das lässt sich leicht daran erkennen, dass ein Kind gerne dorthin geht, am Wochenende schon den Montag herbeisehnt und von den Eltern nicht überredet werden muss. Das ist etwa zwischen drei und viereinhalb Jahren der Fall, das heutige Kindergarteneintrittsalter in Deutschland bewegt sich an der unteren Grenze und wird schon für zu spät gehalten.

"Es gibt aber auch Kritiker, die vor einer bindungsunfähigen Generation warnen. Weil die Kinder immer früher in Krippen geschickt würden, blieben der Aufbau enger Bande zu den Eltern und damit langfristig die Bindungsfähigkeit auf der Strecke.
Das liegt aber nicht an den Krippen, sondern daran, dass viele Eltern nicht genügend Zeit für ihre Kinder haben. Und es zeigt sich noch ein anderes Problem: Historisch gesehen haben Eltern ihre Kinder nie alleine aufgezogen, sondern in Lebensgemeinschaften mit anderen Bezugspersonen. Die fehlen heute weitgehend. Jetzt sind wir aber vom Thema abgekommen."

Eine interessante, wenn auch nicht sehr ausführliche Anmerkung von Largo, hier besonders auf die gemeinsame Zeit von Eltern und Kindern bezogen.

"Wenn man Ihnen zuhört, erhält man den Eindruck, dass Sie sich ziemlich sorgen um die junge Generation.
Sehr. Ihr Leben ist in Schule, Lehre und Studium hochgradig fremdbestimmt. Ich hatte kürzlich Kontakt mit vier jungen Frauen, die vor der Berufsmatur stehen. Sie erzählten mir, wie viel Zeit sie für sich selber haben: einen halben Tag pro Woche – bestenfalls. Das ist eine Katastrophe. Damit junge Menschen beziehungsfähig werden und sich in der Gesellschaft aktiv beteiligen, müssen sie ausreichend Zeit haben, um durch Erfahrungen mit Gleichaltrigen sozial kompetent zu werden und sich mit Lebensfragen, den Problemen von Gesellschaft und Wirtschaft auseinanderzusetzen. Den notwendigen Freiraum dafür will man ihnen aber nicht geben. Die jungen Menschen sollen möglichst viel Zeit in ihre Ausbildung investieren, damit sie in einer extrem leistungsorientierten Gesellschaft bestehen können. Was aber ist, wenn sie nur über ungenügend ausgebildete soziale Kompetenzen verfügen? Sozial kompetent werden die jungen Menschen nur über eigenständige soziale Erfahrungen."

Eine treffende Kurzanalyse, die deutlich macht, weshalb ein BGE so wichtig ist.

Sascha Liebermann

27. Oktober 2017

"Das Kind ist doch keine Knetmasse"...

...sagt Remo Largo in einem Interview in der Basler Wochenzeitung TagesWoche zum Basler Schulsystem. Zur Frage, ob Leistungsbeurteilungen sinnvoll seien, sagt er:

TagesWoche: "Welche Art der Beurteilung wäre aus Ihrer Sicht denn kindgerecht und ab wann sollte man diese einführen?"

Largo: "Ich halte gar nichts von Beurteilungen. Johne Hatties Metaanalyse von Tausenden Studien, an denen 230 Millionen Kinder teilnahmen, hat gezeigt: Prüfungsnoten bringen nichts. Eine kindgerechte Pädagogik holt die Kinder dort ab, wo sie entwicklungsmässig stehen. In der ersten Klasse variiert der Entwicklungsstand der Kinder zwischen 5,5 und 8,5 Jahren, mit 13 Jahren zwischen 10 und 16 Jahren. Wie sollen da Noten den Kindern gerecht werden?"

Siehe auch seine Äußerung zum Bedingungslosen Grundeinkommen in der Neuen Zürcher Zeitung hier (siehe auch hier und hier), das in seinem jüngsten Buch "Das passende Leben" im Schlussteil besprochen wird.

Sascha Liebermann

22. Mai 2017

Sternstunde Philosophie: Remo Largo - Welches Leben passt zu mir?


Im Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung (siehe auch hier) wird das Bedingungslose Grundeinkommen von Remo Largo vor allem der Digitalisierung und ihrer etwaigen Folgen wegen befüwortet. Das ist etwas überraschend, diagnostiziert Largo darin selbst als gravierendes Problem der Gegenwart, dass wir Beziehungen zu wenig Raum geben. Die Verknüpfung dieser Diagnose mit dem BGE kommt jedoch im Interview der NZZ und im Gespräch in diesem Video nicht zustande, obwohl sie naheliegt, und zwar in verschiedener Hinsicht: 1) als Einkommen, das durch das Gemeinwesen eingeführt und durch Gesetzgebung geschützt wird, ist es eine ausdrückliche Solidarleistung des Gemeinwesens an seine Angehörigen, die um ihrer selbst willen und um des Gemeinwesens willen das BGE erhalten. Das ist eine elementare Anerkennung. Der Bedingungslosigkeit dieses Einkommens entspricht die bedingungslose Geltung des Status als Staatsbürger; 2) als Einkommen, das unabhängig von individuell zu erbringender Erwerbsleistung bereitgestellt wird, hebt es den normativen Vorrang von Erwerbstätigkeit auf und bringt dadurch zum Ausdruck, dass der Einzelne selbst entscheiden muss, wie er diese Freiräume füllt. Das schafft Raum dafür, das Wichtige und Richtige anders aufzufassen als heute, gerade auch Beziehungen zu anderen Menschen (interessant im Video etwa ab Minute 35). Wenn es ein BGE gibt, könnte auch das nachbarschaftliche Miteinander sich verändern. Im Video etwa ab Minute 44 ist besonders interessant, wie Largo den Entwicklungsprozess eines Kindes versteht. "Kinder werden erzogen über das Vorbild". Wenn sie etwas nicht machen, von dem wir meinen, es sei wichtig, dann müssen wir uns fragen, ob wir etwas erwarten, was sie nicht oder noch nicht können bzw. dies ihnen nicht gemäß ist. Diesen Blick auf manche Probleme zu richten, über die wir heute diskutieren, würde die Probleme in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Sascha Liebermann

20. Mai 2017

19. Mai 2017

Remo Largo, bekannter Forscher und Kinderarzt, unterstützt Bedingungsloses Grundeinkommen

In einem ausführlichen Interview in der Neuen Zürcher Zeitung von heute spricht sich Remo Largo, bekannter Buchautor zu Fragen rund um die Entwicklung des Kindes (siehe hier), unter dessen Leitung Langzeitstudien über Entwicklungsprozesse von Kindern am Zürcher Kinderspital durchgeführt wurden, für ein Bedingungsloses Grundeinkommen aus. Offenbar äußert er sich dazu auch in seinem neuen Buch, das in der nächsten Woche erscheinen soll. Wer Largos Untersuchungen kennt, der konnte sich schon lange fragen, wie wohl Largo aufgrund seiner Äußerungen über die Bedingungen des Aufwachsens von Kindern heute zum BGE steht. Geäußert hatte er sich bislang allerdings nicht. Am Ende der Dokumentation "Faszination Entwicklung", die Monika Czernin und Aldo Gugolz vor wenigen Jahren gedreht haben, sagt Largo am Ende, dass wir uns fragen müssen, ob wir dem Geld und dem wirtschaftlichen Erfolg nachlaufen oder Beziehungen mehr Raum geben wollen. Da lag es schon auf der Hand, dass ein BGE genau diese Frage auf eine bestimmte Weise beantworten könnte. Noch im Jahr 2011, siehe meinen Kommentar hier, konnte man sich darüber wundern, wie Largo auf der einen Seite feststellt, dass Eltern zu wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen, auf der anderen aber für den Ausbau von Betreuungseinrichtungen plädiert, um dem Erwerbswunsch der Eltern nachzugeben. Nun hingegen scheint sich alles zusammenzufügen.

Sascha Liebermann

22. Mai 2016

"Die Bindung macht sie gehorsam"...

...ein Interview mit Remo Largo im Deutschlandfunk.

Aus der Ankündigung: "Die Wiener Kindertherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger bemängelt, dass Kindern zu wenige Grenzen gesetzt würden, dass eine lebensuntüchtige Erwachsenengeneration heranwachse. Das sieht der Schweizer Kinderarzt Remo Largo anders: Grundlage für das Gehorchen sei vielmehr eine starke emotionale Bindung, und das benötige mehr als 20 Minuten Zeit pro Tag, sagte er im Deutschlandfunk."

Damit macht Largo wieder einmal darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, dass Eltern ausreichend Zeit mit ihren Kindern verbringen (siehe auch hier). Aufmerksam macht er dadurch auf den Zusammenhang der Überbewertung von Erwerbstätigkeit und der Unterschätzung gemeinsamer Erfahrung in der Familie. Während das BGE im Zusammenhang mit der Frage der Auflösung geschlechterstereotypischer Aufteilung von Familie und Beruf durchaus diskutiert wird, kommt die von Largo hier benannte Dimension noch viel zu kurz in der Debatte. Es geht um Bildungsprozesse, frühere Solidarerfahrungen und die Auswirkungen auf das spätere Leben. Wenn manche Einwände gegen das BGE bemängeln, es könne das Arbeitsangebot zurückgehen, weil Eltern mehr Zeit mit der Familie verbringen würden, dann lässt sich dem nur entgegnen, dass genau das wichtig wäre.

Sascha Liebermann

20. November 2015

"Faszination Entwicklung"...

... - Zeit für Erfahrung, Zeit zum Heranwachsen - so könnte man die Dokumentation über den Schweizer Kinderarzt und Forscher Remo Largo, die jüngst im Schweizer Fernsehen gezeigt wurde, übertiteln. Largo hat sich etwa 50 Jahre damit befasst, wie Entwicklungsprozesse bei Kindern verlaufen und ist zu äußerst interessanten Einsichten gelangt. Ein afrikanisches Sprichwort steht dabei für seine Erkenntnisse: "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht". Unter seiner Leitung wurden zwei Langzeitstudien durchgeführt, die zeigten, wie unterschiedlich die Entwicklungszeiträume sind, in denen Kinder bestimmte Fähigkeiten ausbilden. Er beschreibt seine Haltung als ein Denken vom Kinde aus. Einem breiteren Publikum ist er durch sein Buch "Babyjahre" bekannt geworden, später folgten "Kinderjahre", "Schülerjahre" und "Jugendjahre". Diese Einsichten in Bildungsprozesse führten ihn unter anderem dazu, sich mit dem Bildungswesen, insbesondere der Schule, zu beschäftigen und deutliche Kritik zu äußern, die sich nicht in Gemeinplätzen oder Plattitüden gefällt (Hier einige Videoaufzeichnungen seiner Vorträge). Auch können seine Bücher nicht als Ratgeber im üblichen Sinne verstanden werden, denn Rat gibt er keinen, er präsentiert dort Forschungsergebnisse auf eine verständliche Weise und zeigt auf, welche praktischen Schlüsse aus ihnen gezogen werden können. 

In der Dokumentation kommen darüber hinaus zwei Dinge kurz zur Sprache, zum einen seine Sorge darum, dass Automatisierung dazu führen könnte, sinnerfüllende manuelle Tätigkeiten durch Maschinen erledigen zu lassen, wo aber bliebe dann der "Handwerkerstolz", denen er als Beispiel hervorhebt? Zum anderen wird am Ende deutlich, dass ein Gemeinwesen vor der Frage steht, welche Bedeutung es Beziehungen, der Gemeinschaftserfahrung, beimisst, statt alles nur am Geld zu messen. Dass Automatisierung dort, wo sie vernünftig ist, auch einem Rückgewinn an Lebenszeit gleichkommt, der gerade dann für Beziehungen zur Verfügung steht, dieser Zusammenhang liegt nahe, wird von ihm aber nicht hergestellt. Largo hat sich auch durchaus widersprüchlich geäußert, wie ich einem früheren Kommentar herausgehoben habe. Es wäre ein Leichtes von seinen Einsichten ausgehend zum BGE zu gelangen, um als Gemeinwesen den Rahmen dafür zu schaffen, Zeit für Erfahrung zu haben. Dass er das nicht tut, mindert seine Einsichten in Entwicklungsprozesse überhaupt nicht, als Brücke zum BGE werden sie umso deutlicher.

Sascha Liebermann

9. November 2011

"Erlöst die Schüler von unnötigen Diagnosen"...

...so lautete die Überschrift zu einem Interview mit zwei Kinderärzten in der Neuen Zürcher Zeitung. Ihre Ausführungen sind interessant, weil sie auf Zusammenhänge hinweisen, die auch in der Grundeinkommensdiskussion thematisiert werden, z.B. zwischen der elterlichen Sorge um die Zukunft ihrer Kinder und der Angst davor, ihre Kinder könnten von einem statistischen Durchschnitt abweichen, was dann als Zeichen einer Entwicklungsstörung gedeutet wird. Diese wiederum verschlechtert ihre Chancen in der Zukunft. Die Orientierung an Standards und statistischer Normalität wäre Ausdruck einer Verunsicherung und Sorge.

Hier wenige Ausschnitte:

"NZZ: Was ist los? Haben die Kinder wirklich mehr Probleme in der Schule?
Baumann: Die Kinder haben sich nicht verändert. Es werden einfach mehr Variationen der Norm als pathologisch erklärt. Wir haben heute völlig falsche Vorstellungen davon, was normal und was nicht normal ist. Alber: Wir beobachten die Entwicklung der Kinder immer genauer und stellen dadurch mehr Variabilität fest. Viele Abweichungen vom Durchschnitt werden als Entwicklungsstörungen deklariert, und das hat einen riesigen Therapie-Markt geschaffen. Zudem sind viele Lehrpersonen am Anschlag. Kinder, die nicht im selben Takt tanzen können, laufen Gefahr, pathologisiert zu werden.
...
Baumann: Heute muss immer alles sofort behoben werden. Die Eltern haben einen wahnsinnigen Druck. Die meisten Kinder sind ja geplant, das sind Lebenswerke. Darum machen die Eltern alles, damit diese Kinder normal sind. Gleich nach der Geburt muss das Geburtstrauma bei einer Osteopathin bearbeitet werden, sonst ist das Kind ein Leben lang geschädigt. Für alles muss immer sofort eine Lösung her. Das Kind hat Schulschwierigkeiten? Also muss eine Diagnose her, es muss eine Therapie her, alles muss sofort wieder gut sein.
...
NZZ: Was sollte sich aus Ihrer Sicht an den Schulen ändern?
Baumann: Viele Kinder werden pathologisiert, weil es an den Schulen an Wissen fehlt. Bei uns wurden Kindergärtler zu einer Abklärung angemeldet, weil sie nicht eine Dreiviertelstunde ruhig im Kreis sitzen konnten. Man hat also ganz klare Vorstellungen, dass ein Kindergartenkind das können muss – aber das ist einfach nicht entwicklungsgerecht. Alber: Im Hintergrund ist ja häufig eine Zukunftsangst seitens der Eltern oder eine Überforderung der Lehrpersonen, weil das betroffene Kind die gleichen Leistungen wie die anderen erbringen muss. Wenn das nicht geht, kommt die Lehrperson automatisch an den Anschlag. Entweder wird die ganze Klasse vernachlässigt oder das eine Kind. Man müsste die Lehrer von der Aufgabe befreien, dass sie alle Kinder in der gleichen Zeit zum gleichen Ziel bringen müssen."

Siehe auch "Erwerbsarbeit, Elternschaft und das männliche Selbstbild. Kommentar zu einem Interview mit Remo Largo")

Sascha Liebermann