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5. Februar 2026

Teilzeit, Ehegattensplitting und das "Familienbild"

Alle Jahre wieder, um ein Weihnachtslied zu zitieren, kehren Diskussionen zurück. Anders als im zitierten Lied, in dem es um Brauchtum und Rituale geht, würde man erwarten, dass öffentliche Diskussionen differenzierter geführt werden oder sich weiterentwickeln. In einer Hinsicht lässt sich das in jedem Fall auch festhalten, wenn die verschiedenen Aspekte herausgestellt werden, die zu Teilzeiterwerbstätigkeit führen - wie z. B. in dem unten verlinkten Gespräch Anne Wills mit Marcel Fratzscher.

Allerdings werden in dem Gespräch auch Beweggründe genannt, die verkürzt sind, so z. B. die notorische Diskussion zum Ehegattensplitting, das angeblich die "Anreize" zur Erwerbstätigkeit reduziere. Es lohnt sich, diese Begründungen einmal genauer anzuschauen, denn nicht selten wird dabei ein einfaches Kalkül behauptet, nachdem sich die Erwerbsbeteiligung nicht "lohne". 

Da das Ehegattensplitting nur für Paare gilt, Einkommen also immer gemeinsames Einkommen ist in Paarbeziehungen, ist eine Betrachtung, die nur auf den unmittelbaren Zugewinn für den Einzelnen schaut, ohnehin verkürzt, aber symptomatisch für ein darin zum Ausdruck kommendes Verständnis von Paarbeziehung.

Wenn auch hier wieder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf thematisiert wird, sei der Einfachheit halber auf frühere Beiträge von uns dazu verwiesen.

Sascha Liebermann

20. Mai 2025

"Teilzeitfalle"...

... - so wird in der öffentlichen und sozialpolitischen Diskussion das Phänomen bezeichnet, wenn Eltern nicht vollerwerbstätig sein können, weil es an Betreuungsangeboten fehle. Deswegen, so auch die neue Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas laut Bericht der Frankfurter Allgemeine Zeitung, müsse etwas unternommen werden. Die Diskussion hat schon einige Jahre auf dem Buckel und wird stets von der Warte der Vollerwerbstätigkeit als Ziel geführt, demgegenüber Teilzeittätigkeit ein Problem darstelle (siehe hier und hier). Dass es gute Gründe für Teilzeit- oder gar keine Erwerbstätigkeit geben kann, z. B. den nicht unerheblichen, mehr Zeit für Familie zu haben, scheint nicht von Belang. 

Dabei ist gerade in den vergangenen Jahren der Illusion von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf mehr Aufmerksamkeit zuteil geworden. Als Antwort darauf wurden alternative Arbeitszeitmodelle vorgeschlagen, ohne allerdings eine Abkehr vom Erwerbsvorrang anzustreben, denn daran will kaum jemand ernsthaft rütteln. Genau das aber ist der Grund, dass immer wieder dieselben Vorschläge gemacht werden - die Abschaffung des Ehegattensplittings darf hier genausowenig fehlen wie die Verbesserung von "Anreizen" -, es geht stets um die heilige Vollerwerbstätigkeit, als sei sie das höchste aller Ziele und nicht nur eine Aufgabe neben anderen.

Allerdings, so muss man festhalten, ist das innerhalb des bestehenden Gefüges von Sozialversicherungen und dem Selbstverständnis einer "Arbeitsgesellschaft"  konsequent, alles, was nicht Erwerbstätigkeit betrifft, als zweitrangig zu betrachten. Familie wird so zu einer Freizeitangelegenheit, die man nur gut organisieren und planen müsse, dann gehe das schon. Dadurch jedoch bleibt Familie als Form der Beziehung zueinander auf der Strecke. Vielleicht wäre es dann besser, statt an einer Attrappe festzuhalten, gleich den ganzen Begriff abzuschaffen, das wären dann ehrliche Verhältnisse, man müsste, woran man wäre, Familie wäre eben eine Nebensache. Zugleich könnten all die wiederkehrenden Diskussionen um "sozialen Zusammenhalt", "Empathie", "Solidarität" und wie die Schlagworte heißen mögen, beendet werden, denn wer braucht die schon, wenn es nicht einmal dazu reicht, der Familie in ihrer Eigensinnigkeit (im positiven Sinne) Raum zu lassen? Wer den Mangel des ersten beklagt und den Untergang der Demokratie kommen sieht, sollte sich nicht wundern, wenn er dem zweiten eben kaum Raum gibt. Sparen könnten wir uns auch die großartigen "role models", die ob ihres Erfolges angepriesen werden, wie z. B. das karriereorientierte Elternpaar, in dem beide jeweils zu einem anderen Arbeitsort pendeln, auf Geschäftsreisen sind und dennoch das alles ganz toll unter einen Hut bekommen.

Wer daran zweifelt, dass das gelingen kann, der muss nur einmal einen ganz normalen Vollerwerbsarbeitstag durchrechnen: An- und Abfahrt zum Arbeitsplatz (insgesamt ca. eine Stunde - konservativ gerechnet), Arbeitszeit (acht Stunden), Mittagspause (eine Stunde) - dann werden die Zweifel noch größer. Er geht um 7 Uhr aus dem Haus und ist frühestens um 17 Uhr wieder zuhause. Familie es ist etwas für die "Randzeiten", mehr benötigt sie offenbar nicht - zumindest wenn man den Vollerwerbsapologeten Glauben schenken darf.

Sascha Liebermann

18. Februar 2025

"Wenn Elternschaft bezahlt würde"...

...ein Feature im WDR im Rahmen der Sendung Neugier genügt. Der Beitrag befasst sich mit den Herausforderungen von Elternschaft und der mangelnden gesellschaftlichen Anerkennung der Leistung, die Eltern, in der Regel erheblich mehr die Mütter, erbringen. Einige Gesprächspartner berichten aus ihrem Alltag und machen die Zerrissenheit deutlich, die ihn prägt, wenn sie Beruf und Familie unter einen Hut bringen wollen. Anders als sonst üblich, wenn es um die "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" geht, wird die Zerrissenheit durch zweierlei Verpflichtungen, die denkbar unterschiedlich sind, nicht geglättet. Vor diesem Hintergrund wird dann die Frage gestellt, wie Familien gestärkt werden, wie sie mehr gesellschaftliche Anerkennung erfahren könnten? Der Vorschlag eines "Erziehungsgehalt[s]" kommt dabei zur Sprache, das Christian Leipert und Michael Opielka Ende der 90er Jahre vorgestellt hatten (eine kurze Übersicht zum Konzept eines Erziehungsgehalts von Leipert und Opielka in einer Kurzfassung von 2002 finden Sie hier, die Langfassung von 1998 hier). 

Im Vergleich zur heutigen Familienpolitik der vergangenen Jahre - man vergleich nur die Vorschläge dazu in den Familienberichten der Bundesregierung, die auf immer mehr Erwerbstätigkeit hinauslaufen - ist der Vorschlag eines Erziehungsgehalts sehr weitreichend, auch wenn er den Vorrang von Erwerbstätigkeit nicht aufgibt, aber immerhin doch stark relativiert. Insofern bietet es die Möglichkeit, tatsächlich mehr Zeit mit der Familie zu verbringen.

Noch weiter ginge der Vorschlag eines Bedingungslosen Grundeinkommens, da er die finanzielle Absicherung gar nicht an die konkrete Lebenssituation knüpft, doch davon ist im Feature leider keine Rede, obwohl genau das in der BGE-Diskussion eine erhebliche Rolle spielt. Die Stellung von Erwerbstätigkeit wird im Beitrag des WDR nur relativiert, nicht aber hinterfragt, obwohl die Folgen ihres Vorrangs allzu sichtbar sind. Nicht beleuchtet wird die Frage, inwiefern Eltern ihre Lage verbessern könnten, indem zeitweise Ansprüche aufgegeben und ruhen gelassen werden. In Analysen, die ich im Rahmen meiner Forschung durchgeführt habe (siehe z. B. hier), zeigte sich eher, dass Eltern geradezu selbstverständlich auf die Nutzung von Kitas vor dem dritten Lebensjahr setzen und sich gerade die Zeit eher nicht nehmen, die es für ein lebendiges Familienleben bräuchte.

Der im Beitrag befragte Ökonom, Helmut Reiner, beklagt vor allem die durch eine solche Unterstützung zu erwartende Reduktion des Arbeitsangebots, insobesondere bei Alleinerziehenden, und stellt sich die Frage nicht, zumindest nicht in den erwähnten Passagen, dass Familie ohne Zeit füreinander eben kein Familienleben haben kann. Es ist also kaum überraschend, dass gerade Alleinerziehende ihre Arbeitszeit dann womöglich reduzieren würden, weil sie in ihrer Elternposition besonders gefordert sind.

Die Behauptung, dass viele Eltern ihre Kinder nicht in langen Betreuungszeiten in Kitas unterbringen wollen, scheint mir doch sehr gewagt, sowohl angesichts unserer Befunde aus verschiedenen Analysen von Interviews mit Eltern als auch mit Blick auf den Familienreport 2024 (S. 79 ff.), wobei dessen Grundlage standardisierte Befragungen sind (zur einer methodischen Einordnung ihres Stellenwerts, siehe hier und hier).

Es geht in der Diskussion also um eine grundsätzliche Frage: will ein Gemeinwesen Eltern die Möglichkeit geben, sich nach eigenem Dafürhalten ihrer Verantwortung zu stellen, dann ist ein erwerbsunabhängige Einkommensquelle unerlässlich. Der Vorschlag eines Erziehungsgehalts geht einen deutlichen Schritt in diese Richtung. Weiter allerdings geht ein BGE, weil es eine Einkommenssicherung gar nicht mehr von den Lebensumständen abhängig macht - so kann jeder entscheiden, wie er sein Leben gestalten will, ob dazu Erwerbstätigkeit gehört und in welchem Umfang oder auch gar nicht oder nur phasenweise.

Sascha Liebermann

29. November 2023

Gut gemeint, aber auch symptomatisch - "Geld vom Staat"...

...als sei das ein Übel oder etwas Verwerfliches. In der Lebenssituation, die Frau Mast schildert, war es doch nur hilfreich, dieses "Geld" in Anspruch zu nehmen, um mehr Zeit für die Kinder zu haben, denn schließlich sind sie die Zukunft, so heißt es doch immer, da kann es Familien gar nicht gut genug gehen. Daraus folgt ja nicht, dass ihre Mutter hätte zuhause bleiben müssen, aber sie hätte es mit einer noch besseren Absicherung können.

Symptomatisch ist das Plakat, weil es zu erkennen gibt, wie unverbrüchlich am Bedürftigkeitsprinzip festgehalten und ein Verständnis von Unabhängigkeit gepflegt wird, demgemäß es besser ist, keinem zur Last zu fallen bzw. niemandem auf der Tasche zu liegen, selbst wenn der Preis ist, weniger Zeit für Familie zu haben. Damit wird das, was aufgewertet werden könnte, Zeit für Familie, abgewertet.

Hier eine Diskussionsrunde auf Phoenix, in der Frau Mast und Herr Linnemann aufeinandertrafen.

Siehe unsere früheren Kommentare zum "Kostgänger"-Einwand hier.

Sascha Liebermann


23. November 2023

Alternative

Siehe unseren früheren Beiträge zu dieser Frage hier

26. August 2023

Wohlwollend: Ahnungslosigkeit, sonst Ignoranz bzw. Herabwürdigung...

..., anders lässt sich diese Äußerung von Christian Lindner kaum verstehen. So bezeichnend sie ist, so wenig sollte daraus ein FDP-Bashing folgen, denn die anderen Parteien sehen das ebenso, sonst müssten sie für mehr Zeitsouveränität von Eltern plädieren. Doch bleibt das bestenfalls eine Phrase, denn wo Vollerwerbstätigkeit als Idealzustand beruflichen Engagements gesehen wird, ist für Familie, die mehr als ein Beiwerk ist, wenig Platz.

Siehe frühere Kommentare dazu hier und hier.

Sascha Liebermann

24. August 2023

"Das effektivste Mittel gegen Kinderarmut ist",...

 ...wenn möglichst wenig Zeit für die Kinder bleibt, weil die Eltern sie vor Armut schützen sollen - so könnte man sarkastisch auf eine solche Meldung antworten.

Wer es ernst meint mit seiner Sorge um die Kinder, muss eine Lösung suchen, die dazu beiträgt, dass die Eltern mehr Zeit für sie haben können.

Siehe unsere früheren Kommentare hierhier und hier.

Sascha Liebermann

17. August 2023

"Mental Load" und der Vorrang von Erwerbstätigkeit

9. August 2023

"Vollzeitarbeit ist keine Lösung"...

...so ist ein Beitrag Jutta Allmendingers auf Zeit Online (Bezahlschranke) übertitelt. Das lässt aufhorchen angesichts dessen, dass noch immer in der Vollzeiterwerbstätigkeit das Ziel der Arbeitsmarktpolitik gesehen wird. Da diese Ausrichtung das Gegenteil von Familienpolitik ist, es sei denn, man versteht darunter eine Politik für Familien ohne diese, ist die Frage, welche Vorschläge von dieser Ausrichtung wegführen könnten. Einige Passagen seien hier kommentiert:

"Das [die funktionale Aufteilung von Erwerbs- und Sorgetätigkeit zwischen Ehemann und -frau, SL] entsprach den damaligen Normen: Die gesamte im Paarhaushalt anfallende Arbeit, unbezahlte Erziehungs-, Pflege- und Hausarbeit und bezahlte Erwerbsarbeit wurden funktional getrennt, die bezahlte Erwerbsarbeit dem Mann, die unbezahlte Sorgearbeit der Frau zugerechnet, entsprechend ihrer "Bestimmung" und Ausbildung."

Was Jutta Allmendinger hier beschreibt, entspricht zwar den normativen Vorstellungen der damaligen Zeit, gleichwohl sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, wie hoch die Frauenerwerbsquote schon war, nämlich knapp unter 50% (Grafik zur Erwerbstätigenquote seit 1960, siehe auch hier). Sicher ging es dabei vorrangig um "Zuverdiensttätigkeiten", wie Teilzeiterwerbstätigkeit damals auch genannt wurde, die Quoten ab 1960 zeigen aber, welche Stellung Erwerbstätigkeit damals schon hatte. Nicht erwerbstätig sein zu müssen, bedeutete, es nicht nötig zu haben und konnte als Freiheits- bzw. Wohlstandsgewinn betrachtet werden - heute würde das unter dem Stichwort Zeitsouveränität diskutiert. In der Rückschau werden die damaligen Zeiten schnell als "traditional" eingeordnet, so wie heute von "Retraditionalisierung" die Rede ist, wenn es Frauen auf Erwerbstätigkeit für eine gewisse Zeit verzichten oder sie stark einschränken. Dabei ist es nicht dasselbe, und zwar normativ, ob sich jemand dafür entscheidet, zuhause zu sein, weil er es für richtig und wichtig erachtet oder ob er die Aufgabe übernimmt, weil es normativ erwartet wird. Insofern geht der Begriff "Retraditionaliserung" an der Sache vorbei.

Zurecht hebt Allmendinger an einer späteren Stelle hervor, dass zu dieser Zeit auch durch staatliche Leistungen Sorgetätigkeit immerhin noch als wichtig anerkannt war, während sie heutige in die Randzeiten der Erwerbstätigkeit gedrängt wird.

"Mittlerweile besteht die Modellfamilie in fast allen Parteipositionen, mit Ausnahme der AfD, aus zwei Erwachsenen, die sich Erwerbs- und Sorgearbeit partnerschaftlich teilen. Das ist für Eltern und ihre Kinder ein riesiger Gewinn, unsere Volkswirtschaft profitiert ebenfalls. Für die Familienpolitik aber entstand ein riesiges Problem: Ihre Bausteine passen nicht mehr zum neuen Ideal – mit fatalen Konsequenzen. Die Modellfamilie von heute wird vom Staat durch das Ehegattensplitting eben nicht gefördert: Er versagt Eltern mit ähnlichen Einkommen die steuerliche Entlastung. Diese und andere staatliche Regelungen sind Bremsklötze für die Gleichstellung.

Was heißt hier "partnerschaftlich"? Zum einen sind die Position von Mutter und Vater in einer familialen Triade nicht dieselben, sie sind deswegen auch nicht wechselseitig ersetzbar, zum anderen würde eine formale Aufteilung nicht dem gerecht, dass es unterschiedliche Neigungen und Affinitäten zu bestimmten Aufgaben gibt. "Teilen" kann hier nur bedeuten, dass man einen Weg findet, sich diesen Aufgaben so zu stellen, dass es für ein Paar stimmig ist. Dazu könnte aber auch gehören, dass eben nicht beide beides gleichermaßen übernehmen. Die Vorstellung, Gleichberechtigung wäre erreicht, wenn es beide tatsächlich tun, hängt noch an der Vorstellung, dass Erwerbstätigkeit immer erstrebenswert wäre oder sein müsste. Allmendinger geht darüber hinweg, dass es zwar für das Familienleben grundsätzlich gut wäre, wenn Mütter und Väter gleichermaßen präsent sind und ihre Position füllen, das aber dann nicht hilfreich ist, wenn sie damit hadern, z. B. weil sie die Vereinnahmung, die damit einhergeht, überfordert, und zwar aus biographischen Gründen. Was die Parteipositionen betrifft, bin ich überrascht, denn meines Wissens sind die Abschnitte über Familie in der Regel ziemlich unterbestimmt und kommen über Floskeln nicht hinaus, zugleich bleibt die Stellung von Erwerbstätigkeit unangefochten - in Blick in die Programm zur letzten Bundestagswahl sowie in die Familienberichte zeigt das.

Die Anmerkung zum Ehegattensplitting ist eindimensional und unterkomplex, siehe hier.

Was schlägt sie nun vor, wenn sie die bisherige Orientierung an Vollzeit für problematisch hält?

"Unsere Volkswirtschaft jedenfalls würde bei einer 32-Stunden-Woche ein sattes Plus an Produktivität und Arbeitsvolumen verbuchen, wenn ein Haushalt 64 Stunden und nicht, wie zu Zeiten meiner Eltern, 40 Stunden Erwerbsarbeit erbringen würde."

Ganz praktisch betrachtet führt das zu einer Vier-Tage-Woche bzw. einer Fünf-Tage-Woche mit 6,5 Stunden. In der Tat würde das einen Zeitgewinn für anderen Tätigkeiten und im konkreten Fall für das Familienleben bedeuten. Im Fall der Vier-Tage-Woche würde es einen Tag ausmachen, in der Fünf-Tage-Woche muss man An- und Abfahrts- sowie Pausenzeiten dazurechnen (je nachdem, wie gut eine Home-Office-Tätigkeit möglich ist). 6,5 Stunden zuzüglich einer halben Stunde An- und Abfahrt, zuzüglich einer Pause von einer Stunde, macht 8,5 Stunden. Beginnt der Arbeitstag um 8 Uhr, wäre er um 16.30 Uhr beendet. Wieviel Zeit bleibt da tatsächlich? Ist es wirklich ein großer Gewinn? In Abhängigkeit vom Alter ist das Nähe- und Austauschbedürfnis von Kindern zu ihren Eltern unterschiedlich stark. Im Kleinkindalter würde eine solche Arbeitswoche immer noch bedeuten, dass Kinder in einer Ganztagsbetreuung versorgt werden müssten an den Tagen, an denen Eltern erwerbstätig sind - und das gälte auch, wenn sie älter sind. Die Zeit für spontanen Austausch, den Bedürfnissen der Kinder folgend, wie es im vorpubertären Alter besonders ausgeprägt ist, wäre eben erheblich eingeschränkt und nur unwesentlich verbessert. Allmendinger stell auch den Vorrang von Erwerbs- vor Sorgetätigkeit nicht in Frage, der ja ebenso normativ gilt. Sorgetätigkeiten würden dadurch nur unerheblich aufgewertet und blieben immer noch in der zweiten Reihe stehen, denn den normativen Vorrang behielte Erwerbstätigkeit.

"Auch der Kinderwunsch hat viel mit ausreichender Zeit für Kinder, Kindertagesstätten und Ganztagsschulen zu tun. Wenn Kinder gegen die Karriere gestellt werden (müssen), verzichten Menschen eher darauf, Eltern zu werden. Kinder und Karriere für Mütter und Väter, beides für beide, ist bei Vollzeit schlicht zu viel."

Wie ist die Vorstellung von Ganztagsschulen und womöglich -kitas damit überein zu bringen, mehr Zeit für die Kinder zu haben - das widerspricht sich unmittelbar. Verschätzt sich Allmendinger hier nicht und Frauen verzichten auf Karriere, weil sie diesen starken Widerspruch stärker wahrnehmen als Männer, deren Vollerwerbstätigkeit in den vergangenen Jahrzehnten nicht in Frage stand? Sie wurde durch das Dogma, beinahe jede Erwerbstätigkeit sei besser als keine noch verstärkt. 

In der Tat sind "Karriere" und "Kinder" bei Vollzeit nicht überein zu bringen, man müsste zugespitzt sagen, sie sind ohnehin nur organisatorisch überein zu bringen, nicht aber beide gleichermaßen mit Leben zu füllen, ohne zu verzichten. Was im Berufsleben geplant, delegiert und liegengelassen werden kann, kann es im Beziehungsgefüge von Familie nicht, Bedürfnisse artikulieren sich spontan, impulsiv und folgen nicht der Logik von Terminen. Deswegen wäre es besser, die illusionäre Formel von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf fallen zu lassen und stattdessen besser vom ständigen Konflikt zweier nicht vergleichbarer Handlungslogiken zu sprechen. Diesen Konflikt auszutarieren und für sich eine passende Antwort zu finden, ist die größte Herausforderung.

"Zudem ist die Gleichstellung von Frauen und Männern zu fördern, verbunden mit vom Staat bezahlter Sorgearbeit für Kinder und die eigenen Eltern. Angesichts des niedrigen Ausgangsniveaus der von Vätern beanspruchten Elternzeit könnten die Partnermonate deutlich ausgeweitet werden, zu denken wäre neben der Familienstartzeit an je gleich lange Elternzeiten für beide Elternteile."

Sicher lässt sich Elternzeit besser fördern und anders gestalten, solange aber der Vorrang von Erwerbstätigkeit nicht angetastet werden soll, bleibt Sorgetätigkeit etwas Nachrangiges, das nur vorübergehend Raum erhält, immer aber minderwertig bleibt. In Japan scheint es übrigens solch ausgeweitete Ansprüche für beide Eltern zu geben, ohne dass die erwünschte Wirkung eingetreten wäre. 

Allmendinger müsste das existierende Elterngeld ob seiner Prämierung von Erwerbstätigkeit (Lohnersatzleistung) gegenüber Nicht-Erwerbstätigkeit kritisieren, wenn sie den Vorrang von Erwerbstätigkeit für kritisierenswert hielte, das scheint aber nicht der Fall zu sein. 

Was tun? Ein Bedingungsloses Grundeinkommen macht im Unterschied zum hier kommentierten Vorschlag den Weg frei, Sorgetätigkeiten aus ihrer Nachrangigkeit zu befreien und ihnen den gebührenden Platz einzuräumen. Dann können alle anderen Fragen auch anders diskutiert werden.

Siehe unsere früheren Beiträge zu Ausführungen Jutta Allmendingers hier.

Sascha Liebermann

4. Juli 2023

"Vereinbarkeit von Familie und Beruf"...

...von der ehemaligen Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für den Bereich Familie, Senioren, Frauen und Jugend - ohne Wimpernzucken angesichts dessen, worum es geht. 

Man rechne durch: Vollerwerbstätigkeit beider Elternteile bedeutet praktisch bei der hier in Rede stehenden Einkommenshöhe sicher keinen Acht-Stunden-Tag, zuzüglich Pausenzeiten, zuzüglich Pendelzeiten zum und vom Arbeitsplatz. Von vierzundzwanzig Stunden am Tag, abgezogen Ruhezeiten, bleiben wie viele übrig, die mit der Familie verbracht werden können? Frühstück und vielleicht Abendessen. So viel zur "Vereinbarkeit".

Statt Reden auf die "Vereinbarkeit" zu halten, sollte man doch einfach sagen, dass die berufliche Fortentwicklung einfach wichtiger ist als Familienleben. Das wäre ehrlich und man wüsste, woran man ist.

Sascha Liebermann

14. November 2022

Mit etwas Wohlwollen...

...lässt sich hinter dem unglücklichen Begriff "Work-Life-Balance" sehr wohl ein Problem erkennen, das auch dann nicht verschwindet, wenn der Einzelne eine "Arbeit" findet, die zu ihm passt. Es bleibt nämlich das dauerhafte Spannungsverhältnis zwischen dieser "Arbeit" und der Zeit für Familie und Kinder oder auch Angehörige - beides geht nicht zur selben Zeit. Das erste kann gut delegiert und von anderen erledigt werden, das zweite ist in seiner besonderen Form als persönliche Nahbeziehung an die konkrete Person gebunden und kann nicht delegiert, aber auch nicht nachgeholt werden. Selbst ein BGE würde dieses Spannungsverhältnis nicht aufheben, es würde lediglich den Raum schaffen, sich sorgsam zu überlegen, was wann Vorrang haben muss. Solange Erwerbstätigkeit Vorrang hat, gerät das andere unter die Räder.

Sascha Liebermann

4. August 2022

"...innere Konflikte..." statt schönfärberische Formeln...

...das wird im Beitrag von Julia Schaaf über die Bürgermeisterin von Coesfeld in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sehr klar, in dem sich die Bürgermeisterin dazu äußert, wie es ist, kleine Kinder zu haben und berufstätig zu sein: 

"Andererseits spricht sie offen über ihre inneren Konflikte als Mutter: „Das gibt es jeden Tag, dass ich hin- und hergerissen bin.“ Auch wenn sie beim Abschied in der Kita morgens nie sage, dass sie zur Arbeit müsse – „ich will zur Arbeit gehen, ich bin glücklich damit“: Zu gehen falle manchmal schwer. „Und natürlich sehe ich andere Familien, die nachmittags einfach auf dem Spielplatz abhängen und mit den Kindern gemeinsam den Sommer genießen.“ Manchmal werde ihr bewusst, wie die Zeit verstreiche, während sie Entwicklungsschritte ihrer Kinder verpasse. Das Seepferdchen zum Beispiel. Und sie war nicht dabei: „Das ist schon schwierig.“

Kein Vorwurf, keine Gewissensbisse, kein Hadern: Eliza Diekmann lässt die Widersprüche der Gegenwart, die auch ihr Leben prägen, einfach so nebeneinanderstehen."

Diese treffende Beschreibung der Zerrissenheit (siehe auch hier und hier) ist es, die Frau Diekmann offenbar so stehen lassen und ihren Weg finden kann, wie sie das aushält und sich dazu verhält. Sie übertüncht - zumindest laut Bericht - nicht, wie es die Vereinbarkeitsformel ganz weltfremd tut, den unausweichlichen Konflikt beider Lebenssphären. Zwar wird meist über Mütter berichtet, die damit ringen, für Väter existiert er jedoch ebenso, nur erhält das nicht so viel Aufmerksamkeit und sie artikulieren es weniger.

Von dieser Einsicht ausgehend könnte von der Verherrlichung der Vereinbarkeit und dem Vorrang von Erwerbstätigkeit abgelassen werden, doch dann stellte sich die Frage, wie damit umzugehen wäre, welche Möglichkeiten für Eltern geschaffen werden müssen, sich diesem Konflikt vorbehaltlos zu stellen. Bislang ist es so, dass das Gemeinwesen unter der Vereinbarkeitsformel den Konflikt verbrämt und zugunsten von Erwerbstätigkeit entscheidet. Wenn das nicht weiter der Fall sein soll, muss es eine Alternative zum Vorrang von Erwerbstätigkeit geben, hier weist ein Bedingungsloses Grundeinkommen den Weg.

Sascha Liebermann

27. Mai 2022

Erwerbsbeteiligung von Frauen, Zeit für Familie für Männer - zugleich Festhalten an Erwerbsgebot

Bezug genommen wird in diesem Tweet auf den DIW Wochenbericht 9 / 2022, S. 139-147. Dort finden sich auch Erläuterungen zur Methodik der Studie, es handelt sich um eine Wiederholungsbefragung (siehe dazu auch hier). Eine der Schlussfolgerungen aus der Studie lautet:

"Ausbau der Ganztagsbetreuung, Reform des Elterngeldes und Subventionierung von haushaltsnahen Dienstleistungen können egalitäre Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit fördern." 

Und weiter heißt es am Ende des Studientextes:

"Wenn die Erwerbstätigkeit von Frauen gefördert werden soll, egal ob um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken oder um Ungleichheiten in der finanziellen Lage von Männern und Frauen abzubauen, muss (auch) der Hebel der Sorgearbeit genutzt werden – entweder über eine generelle, von öffentlicher Hand organisierte Entlastung der Haushalte oder durch eine egalitärere innerpartnerschaftliche Aufteilung."

Vielleicht habe ich mich verlesen, doch der Umfang des Engagements in Erwerbs- bzw. Sorgearbeit verändert sich nur geringfügig nach den hier vorgelegten Ergebnissen. Aber davon ganz abgesehen ist die Stoßrichtung der Studie, die heraushebt, dass Vollzeiterwerbstätigkeit und Sorgetätigkeit in der Familie nicht zu vereinbaren sind, letztlich doch eine Stärkung von Erwerbstätigkeit. Weil die "egalitäre Aufteilung" im Fokus steht, geraten die Folgen des Vorrangs von Erwerbstätigkeit, durch die Erwerbsnorm, aus dem Blick, die eine Degradierung von Sorgetätigkeiten nach sich zieht. Wäre nicht die entscheidende Frage, wie es möglich ist, "mehr Zeit für Familie" zu gewinnen und weniger Zeit in Erwerbstätigkeit zu verbringen? Betrachtet man die Entwicklung der vergangenen fünfzehn Jahre, wie stark sowohl der Zeitumfang, den Kinder in Kitas verbringen, gestiegen ist, als auch das Eintrittsalter sich gesenkt hat, ist für "mehr Zeit" nichts übrig, eher geht es um weniger Zeit für Familie. Genau das wird nicht einmal erwähnt, denn dazu müsste das Erwerbsgebot aufgegeben und Erwerbstätigkeit als eine Möglichkeit unter anderen etabliert werden, damit die Entscheidung für Familie aus Sicht des Gemeinwesens als eine wünschenswerte betrachtet wird. Heute überragt hingegen Erwerbsbeteiligung alles, in die Familie noch hineingequetscht wird. Ein Ausweg? Nicht in der bestehenden Erwerbszentrierung, den weist nur ein Bedingungsloses Grundeinkommen, ein anderer ist mir nicht bekannt, der gleichermaßen mit dem Erwerbsgebot bricht.

Sascha Liebermann

Ausweg oder Sackgasse? Der Ganztagsbetreuungsplatz in der Grundschule als emanzipatorisches Projekt...

...oder vielleicht doch eher als Ausdruck der Erwerbszentriertheit deutscher Sozialpolitik? Wer den jüngsten Beitrag von Uta Meier-Gräwe im Handelsblatt liest, in dem sie mangelnde Geschlechtergerechtigkeit in der Finanzpolitik kritisiert, stößt am Ende auf folgende Passage:

"Es war möglich, ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für Rüstungsgüter in wenigen Tagen zu beschließen, aber der Anspruch auf einen ganztägigen Betreuungsplatz wird für Grundschulkinder in Deutschland erst ab August 2029 gewährt. Man(n) setzt weiter auf die Ausbeutung der vermeintlich unerschöpflichen Care-Ressourcen von Frauen."

Der Vergleich zwischen Sondervermögen und Betreuungsplatz soll hier nicht weiter interessieren. Erstaunlich ungebrochen wird die seit Jahren praktizierte Ausweitung von Aufenthaltszeiten in Kita wie Grundschule als wünschenswertes Ziel gesetzt. Meier-Gräwe, die durchaus die Vernachlässigung von Sorgetätigkeiten ebenso schon kritisiert hat, schreibt die Ganztagsbetreuung fort, ohne Alternativen zu eröffnen, die erst dann gegeben wären, wenn diesem Angebot die Option gegenüberstünde, ganz selbstverständlich selbst für die Kinder da sein zu können. Weshalb fordert sie nicht mehr Zeit für Familie? Die muss man sich gegenwärtig leisten können, d. h. es bedarf eines Einkommens, das zum Auskommen reicht. Ist das vorhanden, kann maximal einer zuhause sein oder beide anteilig. Ohne Erwerbstätigkeit läuft bislang gar nichts, selbst das Elterngeld steht noch im Verhältnis zu ihr. 

Wer es ernst meint mit Alternativen, muss diejenige eröffnen, die der außerhäuslichen Betreuung gegenübersteht, das ist die familiale - und dazu bedarf es eines gesicherten Einkommens, das die gleiche Legitimität hat wie Erwerbseinkommen. Das geht ohne Bedingungsloses Grundeinkommen nicht. Wer diesen Schritt nicht geht, macht nicht ernst, vielmehr hält er am Vorrang von Erwerbstätigkeit fest.

Siehe auch unsere Beiträge zur Vereinbarkeit von Familie und Berufunbezahlter Arbeit und Ehegattensplitting - in Debatten darüber ist die gleiche Vereinseitigung allzu deutlich.

Sascha Liebermann

2. Mai 2022

"Auch Väter müssen lernen zu verzichten"...

... schreibt Philipp Krohn in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (Bezahlschranke) und thematisiert diese Frage nicht zum ersten Mal, hier handelt es sich um zwei Buchrezensionen. Die pädagogische Anleihe im Titel wäre allerdings nicht nötig gewesen, um die Relevanz der Frage deutlich zu machen, denn um Lernen geht es nicht. Es geht vielmehr um die Frage, welchen Stellenwert Familie hat angesichts einer stetigen Ausweitung von Betreuungszeiten und der Absenkung des Betreuungsalters seit Einführung des Elterngeldes. Nicht mehr, sondern weniger Zeit für Familie nehmen sich Eltern, und das Elterngeld ist eine Prämie für Erwerbstätige, auch wenn Krohn zurecht kritisiert, dass Besserverdiener davon stärker profitieren.

Man erinnere sich nur an die Debatte um das Betreuungsgeld, sie spricht Bände, wenn man die heftige Kritik an diesem Vorschlag sich anschaut und die teils ihn vollkommen verzerrenden Stellungnahmen. 

Krohn legt den Finger immerhin in die Wunde, Beruf und Familie sind nicht optimierbar, Verzicht im einen, dem Beruf, sei nötig, um für das andere, die Familie, da sein zu können. Trotzdem spricht er noch von der Vereinbarkeit und verweist auf Vorschläge wie die einer neuen Vollzeit, nur 32 Stunden Erwerbstätigkeit die Woche, ist das denn aber viel besser als heute, einen freien Tag mehr zu haben, wenn Kinder klein sind? Hebt ein solches Arbeitszeitmodell denn die Degradierung von Nicht-Erwerbstätigkeit auf? Keineswegs - Sorgetätigkeiten bleiben solcher zweiter Klasse. Warum den Eltern nicht die Entscheidung überlassen, ihnen die Möglichkeiten in die Hand geben, um das tun zu können und zugleich den Vorrang von Erwerbstätigkeit aufheben? Dazu müsste ein Bedingungsloses Grundeinkommen in Betracht gezogen werden, dafür hat Krohn keine Sympathien, also bleibt alles mehr oder weniger beim Alten.

Sascha Liebermann>

26. April 2022

Die Chimäre von der "Vereinbarkeit" - dennoch muss sie sein...

...so zumindest liest sich der Beitrag Livia Gersters in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (Bezahlschranke) vor dem Hintergrund des Rücktritts der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Anne Spiegel. Die darin zitierten Politikerinnen, die selbst Mütter sind, sehen den Rücktritt und seine Begründung aus verschiedenen Perspektiven. Sie begrüßen, dass sichtbar wird, wir fordernd der "Politikbetrieb" ist, wie unterschiedlich seine Erwartungen an Väter und Mütter, wie wenig er auf die Herausforderungen von Familien Rücksicht nimmt. Zugleich aber soll es möglich sein, beides zu "vereinbaren", das Vollzeit-Engagement in der Politik und Familienleben. Dass der Alltag anders aussehen könnte, Abstimmungen zusammengelegt werden könnten usw. wird mit Blick auf das Europäische Parlament aufgezeigt. Die hierfür zitierte Politikerin kommentiert das so: 

"Deshalb war es auch selbstverständlich, dass die Abgeordneten abends bei ihren Familien waren".

Immerhin, doch: vereinbar? Wo ist die Vereinbarkeit, wenn der Alltag mit Vollerwerbstätigkeit beider Eltern gepflastert ist und das Familienleben in die Randzeiten entschwindet? Von einem realistischen Verständnis von Familie ist das weit entfernt, eben doch Un-Vereinbarkeit.

Sascha Liebermann

22. April 2022

Eine wichtige Frage, die heute schnell unter dem Vereinbarkeitsgebot verschüttgeht...

...nicht nur für Mütter, für Väter ebenso, wie einst ein Manager es laut eines Beitrags in brandeins ausdrückte:

„Seine Managerkollegen von früher schmunzeln vermutlich schon über die Wortwahl. Alexander May ist ein Beispiel dafür, was in keiner erbaulichen Ministeriumsbroschüre steht, aber jeder schnell merkt, der Kinder bekommt: Familie hat ihren Preis. Karriere auch. Ob die Gleichung aufgeht, muss jeder für sich selbst entscheiden.“

Siehe unseren früheren Beiträge hierzu.

Sascha Liebermann

13. April 2022

"Die entrückten Grünen" - ein durchaus treffender Kommentar, aber ohne Perspektive...

 ...von Jasper von Altenbockum in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Außerdem ist die Entrückung keine Besonderheit der Grünen, sie trifft auf alle Parteien zu. Auch wird seit Jahren wird mit vereinten Kräften der Ausbau der Ganztagsbetreuung vorangetrieben, ohne ernsthaft zu erwägen, was das für das Familienleben bedeutet, wenn dafür nur die Randzeiten des Erwerbslebens übrigbleiben. Von Altenbockum hat recht, wenn er es als Privileg betrachtet, heute mit einem Gehalt auskommen zu können, für die Mehrheit der Familien gilt das nicht, teils, weil sie darauf nicht verzichten können, teils weil sie es nicht wollen. Das nimmt nicht Wunder angesichts der verherrlichenden Feier von Erwerbsteilnahme in den vergangenen vierzig Jahren. Statt das Normalmodell der Vollerwerbstätigkeit in Frage zu stellen ist es zum Modell für alle Erwerbspersonen geworden. Das Familienleben wird in die Kita ausgelagert, was übrigbleibt, als "quality time" verklärt. Doch dem Beitrag mangelt eine Perspektive. Wenn es denn so ist, dass die herrschende Vorstellung von Erwerbstätigkeit Familien an ihre Grenzen bringt, was dann? Davon ist nichts zu lesen, denn auch in der FAZ wird gemeinhin Erwerbstätigkeit der Vorrang vor allem anderen eingeräumt oder habe ich da etwas übersehen?

Siehe unsere früheren Beiträge zu dieser Diskussion hier.

Sascha Liebermann

12. April 2022

Es wäre schon entlastend, würde das offen eingestanden, statt es in wohlklingende Formeln zu verpacken...

...die darüber hinwegtäuschen, welch dauerndes Spannungsverhältnis es bedeutet, sich beidem gleichumfänglich widmen zu wollen. Familiale Bedürfnisse lassen nicht nicht planen, Erwerbstätigkeit schon. Ersteres erfordert stets die ganze Person der Eltern, letzteres können auch andere tun.

Siehe unsere früheren Beiträge dazu hier

Sascha Liebermann

20. Januar 2022

"Alltagshelfer"-Vorschlag erinnert an "Elterngeld" - den Vorteil haben Besserverdiener,...

 ...nicht aber Haushalte mit niedrigen Einkommen, für die der Eigenanteil von 60% immer noch zu hoch ist. Dienen soll das ganze unter anderem dazu, "Massenarbeitslosigkeit" vorzubeugen (siehe hier und hier). Abgesehen davon ist der Blick auf Haushalt und Sorge interessant, der sich hiermit auftut, denn Heils Vorschlag führt zu einer Vererwerbstätigung von Sorgetätigkeiten, die zugleich Gemeinschaftserfahrung ermöglichen. Sorgetätigkeiten werden als wegzuorganisierender Aufwand betrachtet, der an andere übertragen werden könne. Keine Beachtung findet - so zumindest in den Äußerungen, die ich auffinden konnte -, dass Sorgetätigkeiten Gemeinschaftserfahrungen sind, Hinwendung zum Anderen als ganzer Person bedeuten, für den man da ist und zu dem man in einer konkreten Beziehung steht, deren Grenze nicht ein Vertragsverhältnis ist. "Alltagshelfer" verschaffen nicht mehr "Zeitsouveränität", sie fügen sich nur zugunsten von Erwerbstätigkeit in das Spannungsverhältnis von Familie und Beruf ein, statt es zugunsten von Familie zu verändern.

Siehe zum Elterngeld frühere Beiträge hier, hier und hier, zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf hier,  hier und hier.

Sascha Liebermann