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27. Mai 2022

Ausweg oder Sackgasse? Der Ganztagsbetreuungsplatz in der Grundschule als emanzipatorisches Projekt...

...oder vielleicht doch eher als Ausdruck der Erwerbszentriertheit deutscher Sozialpolitik? Wer den jüngsten Beitrag von Uta Meier-Gräwe im Handelsblatt liest, in dem sie mangelnde Geschlechtergerechtigkeit in der Finanzpolitik kritisiert, stößt am Ende auf folgende Passage:

"Es war möglich, ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für Rüstungsgüter in wenigen Tagen zu beschließen, aber der Anspruch auf einen ganztägigen Betreuungsplatz wird für Grundschulkinder in Deutschland erst ab August 2029 gewährt. Man(n) setzt weiter auf die Ausbeutung der vermeintlich unerschöpflichen Care-Ressourcen von Frauen."

Der Vergleich zwischen Sondervermögen und Betreuungsplatz soll hier nicht weiter interessieren. Erstaunlich ungebrochen wird die seit Jahren praktizierte Ausweitung von Aufenthaltszeiten in Kita wie Grundschule als wünschenswertes Ziel gesetzt. Meier-Gräwe, die durchaus die Vernachlässigung von Sorgetätigkeiten ebenso schon kritisiert hat, schreibt die Ganztagsbetreuung fort, ohne Alternativen zu eröffnen, die erst dann gegeben wären, wenn diesem Angebot die Option gegenüberstünde, ganz selbstverständlich selbst für die Kinder da sein zu können. Weshalb fordert sie nicht mehr Zeit für Familie? Die muss man sich gegenwärtig leisten können, d. h. es bedarf eines Einkommens, das zum Auskommen reicht. Ist das vorhanden, kann maximal einer zuhause sein oder beide anteilig. Ohne Erwerbstätigkeit läuft bislang gar nichts, selbst das Elterngeld steht noch im Verhältnis zu ihr. 

Wer es ernst meint mit Alternativen, muss diejenige eröffnen, die der außerhäuslichen Betreuung gegenübersteht, das ist die familiale - und dazu bedarf es eines gesicherten Einkommens, das die gleiche Legitimität hat wie Erwerbseinkommen. Das geht ohne Bedingungsloses Grundeinkommen nicht. Wer diesen Schritt nicht geht, macht nicht ernst, vielmehr hält er am Vorrang von Erwerbstätigkeit fest.

Siehe auch unsere Beiträge zur Vereinbarkeit von Familie und Berufunbezahlter Arbeit und Ehegattensplitting - in Debatten darüber ist die gleiche Vereinseitigung allzu deutlich.

Sascha Liebermann

4. Januar 2022

Etwa ganz paternalismusfrei? Da scheint mir die Diskussion um ein BGE anderes zu zeigen (ganz im Sinne der Tweet-Antwort)...

...abgesehen davon ist die Frage, welche Rechte hier gemeint sind und wie sie im Verhältnis zum Erwerbsgebot stehen. Zwar werden solche Rechte nicht unmittelbar vom Erwerbsgebot angetastet, doch solange Erwerbsteilnahme über allem steht, verbleibt nur ein enger Korridor des Möglichen, der zugleich alles, was nicht Erwerbstätigkeit ist, normativ degradiert. Bekräftigt wird das noch sich durch die sanktionsbewehrten Einkommensersatzleistungen. An dieser normativen Vorrangstellung ändert sich nichts, wenn neue Arbeitszeitmodelle entwickelt werden, die eine andere "Vollzeit", mit weniger Stunden, vorsehen, denn das Erwerbsgebot wird dadurch nicht angetastet.

Das Erwerbsgebot und seine emanzipatorische Umdeutung ist der Grund für den Ausbau der Ganztagsbetreuung in Kindergarten und Schule, ohne zugleich die Möglichkeit zu bieten, dem Erwerbsgebot legitim ausweichen zu können. Seit vielen Jahren gilt, in anderen Ländern mit Sozialstaaten noch länger, der Ausbau als eines der wichtigen sozialpolitischen Ziele. Es scheint dabei überhaupt keine Rolle zu spielen, dass damit das Erkundungsbestreben von Kindern und Jugendlichen immer mehr nur  unter Beaufsichtigung stattzufinden hat und nicht mehr die Welt in dem Sinne offensteht, sie dort zu erkunden, wo es der Betreffende für interessant hält. Gerade das früher einmal Herumstromern genannte Erkunden des Lebensumfeldes ohne Beaufsichtigung ist elementarer Bestandteil von Bildungsprozessen über die gesamte Kindheit und Jugend. Folgerichtig führt die Ausweitung von Betreuung dazu, das Eigenleben von Familie entsprechend an den Rand des Erwerbslebens zu verlagern, weil nur da Zeit bleibt, sich einander zu widmen. Welche Rechte also wären auszuweiten, wenn hieran etwas geändert werden sollte? Mir ist nur ein Vorschlag bekannt, der das zu leisten vermag, und das ist ein Bedingungsloses Grundeinkommen in entsprechender Höhe.

Sascha Liebermann

20. Dezember 2021

"'Aufstocker' im Hartz IV-System. Darunter sind überdurchschnittlich viele Alleinerziehende (mit ihren Kindern)"...

...ein Überblick von Stefan Sell über die jüngst von der Bertelsmann Stiftung veröffentlichten Studien und etwaigen Lösungsvorschlägen. Zu deren Folgen findet sich in dem Beitrag nichts, auch dazu nicht, dass diese Vorschläge widersprüchlich sind, wenn sie auf der einen Seite eine größere Wertschätzung von "Care-Arbeit" für nötig halten, auf der anderen aber dafür plädieren, dass am Ende weniger Zeit für diese übrig bleibt, wenn die Lösung in mehr Erwerbsbeteiligung Alleinerziehender gesehen wird.

Siehe meinen Kommentar zur Bertelsmann-Studie hier.

Sascha Liebermann

17. Dezember 2021

Fürsorge gesellschaftlich anerkennen und zugleich auslagern - das vollziehen...

...Sarah Menne und Antje Funcke im Policy Brief der Bertelsmannstiftung (siehe auch hier) über "Aufstocker-Familien in Deutschland: Wenn das Geld trotz Job nicht ausreicht" und schlagen vor, wie dem begegnet werden könnte. Am Ende des Beitrages werden verschiedene "Reformbausteine" benannt, dazu gehört u. a. eine Kindergrundsicherung. Die Vorschläge sind beruhen allergings auf einer offenbar unverrückbaren Prämisse, was in Widersprüche führt: Es heißt z. B.:

"Ohne Care-Arbeit wäre unsere Gesellschaft aber nicht überlebensfähig. Zeit, Zuwendung und Fürsorge sind wichtige Bedarfe im Leben eines Kindes oder einer/ eines Jugendlichen – genauso wie von Erwachsenen. Wir müssen daher über andere Ansätze nachdenken, wie Fürsorge gesellschaftlich anerkannt und die Arbeitswelt so ausgestaltet werden kann, dass Frauen und Männer Care-Arbeit und Erwerbstätigkeit gut miteinander vereinbaren können. Gerade Alleinerziehende brauchen dabei besondere Unterstützung, um einer auskömmlichen Erwerbstätigkeit nachgehen zu können – nicht nur prekären und/oder geringfügigen Jobs – und gleichzeitig ihrer besonderen Fürsorge- verantwortung für die Kinder nachkommen zu können. Und damit sind wir beim nächsten Reformbaustein."

Der erste Teil ist sicher unstrittig und zeugt von einem deutlichen Verständnis dafür, wie bedeutend "Care-Arbeit" ist. Allerdings gilt das nicht mehr, wenn darauffolgend die Vereinbarkeit von "Fürsorge" und "Arbeitswelt" angesprochen wird, denn hier müsste zuerst einmal konstatiert werden, dass die harmonisierende Rede von einer Vereinbarkeit verbirgt, wie unvereinbar beides ist. Die Spannung zwischen beidem rührt daher, dass es um gänzlich unterschiedliche Beziehungsgefüge geht. Dass dies bei Alleinerziehenden noch drastischer in Erscheinung tritt, ist richtig, dort ist diese Spannung noch gesteigert. Insofern ist die Schlussfolgerung, es brauche Unterstützung, um "auskömmlicher Erwerbsarbeit" nachgehen zu können, ein Wink mit dem Zaunpfahl, Erwerbsarbeit doch den normativen Vorrang zu lassen. Wer das eine tut, muss das andere vernachlässigen; wer vollerwerbstätig ist, hat so gut wie keine Zeit für "Fürsorge", die müssen dann andere übernehmen. Daran zeigt sich allerdings, wie sehr "Vereinbarkeit" bloß als Organisationsherausforderung betrachtet, in ihren Folgen aber nicht beachtet wird. Was wird dann wohl der folgende Reformbaustein beinhalten?

"Familien brauchen eine qualitativ hochwertige und flächendeckende ganztägige Betreuung in Kitas und Schulen. Dabei geht es nicht nur darum, dass ein solches Angebot überhaupt vorhanden ist. Vielmehr können Eltern nur dann mit gutem Gewissen erwerbstätig sein, wenn sie ihr Kind einer Kita oder Schule anvertrauen, in der es sich wohl fühlt, vertrauensvolle Bezugspersonen vorfindet und mit Freude lernen, spielen und sich ausprobieren kann. Daher muss neben einem weiteren Ausbau mehr in gute Qualität investiert werden. Der im Koalitionsvertrag anvisierte gemeinsame Qualitätsrahmen für Ganztagsangebote in Kita und Grundschule sowie die Gesamtstrategie, um den Fachkräftebedarf zu decken, sind positive Impulse, die nun dringend in die Umsetzung gebracht werden müssen."

Wenn nun die Antwort auf diese Herausforderung "ganztätige Betreuung in Kitas und Schulen" ist, heißt das ganz praktisch gedacht, weniger Zeit für Fürsorge und Familie, also für die Bedürfnisse der Kinder. Wie kann man diesen eklatanten Bruch übersehen, das scheint doch rätselhaft? Ganztagsbetreuung ist das genaue Gegenteil davon, Zeit füreinander zu haben. Es schränkt zugleich die Erfahrungsmöglichkeiten von Kindern ein, denn Ganztagsbetreuung heißt Aufenthalt in einer Dauerbeaufsichtigung von Personen, die zu den Kindern in einem Dienstleistungsverhältnis stehen. Kinder können dann gerade nicht stromern gehen, um die Welt in ihrer Nachbarschaft zu erkunden. Es ist dasselbe Horn, in das seit Jahren die Familienberichte der Bundesregierung blasen. Den Autorinnen scheint dieser Widerspruch überhaupt nicht aufzufallen, dass die Fürsorge mit ihrem "Reformbaustein" ausgelagert wird, statt die Möglichkeiten, sie wahrzunehmen, zu stärken. Wofür sie plädieren ist eben gerade nicht Wertschätzung für "Care-Arbeit" (siehe auch hier), denn sie kann von Eltern nur noch in den Randzeiten des Erwerbsarbeitstages wahrgenommen werden. Das führt also gerade zum Gegenteil dessen, was die Autorinnen erreichen wollen. Eingewandt werden könnte hier, es gehe doch um die gesamte "Care-Arbeit", nicht nur um die von Eltern wahrzunehmende. Nun, das mag sein, doch eine Dienstleistung ist etwas anderes als die Fürsorge zu Personen, mit denen man in einer Beziehung um dieser Personen selbst willen steht. Eine Dienstleistung ist ein Angebot für alle, die es in Anspruch nehmen wollen.

Sascha Liebermann

15. Dezember 2020

Fehlt nur noch die Garantie, dass "beide Elternteile" die Möglichkeit haben, für ihre Kinder da sein zu können - also BGE

Siehe weitere Beiträge unsererseits zu dieser Frage hier

Sascha Liebermann

11. Dezember 2020

"Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung" oder: je weniger Zeit für Familie, desto besser

Auch für den DGB ist das ein wichtiges Thema, so Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende in einer Stellungnahme:

"Gute Bildung und Betreuung sind Lebensadern für Familien und für unsere Gesellschaft – das hat die Corona-Krise einmal mehr bestätigt. Deshalb ist es wichtig, dass ein weiterer gesellschaftlicher Meilenstein, den sich diese Koalition gesetzt hatte, jetzt auch genommen wird. Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung muss kommen. Die Ministerpräsidenten müssen jetzt ihrer Verantwortung gerecht werden und dafür eine Bund-Länder-Vereinbarung auf den Weg bringen.

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ist das wichtigste bildungs-, familien- und sozialpolitische Vorhaben in dieser Legislatur. Damit es erfolgreich sein kann und sozial bedingte Bildungsbarrieren besser abgebaut werden, muss die Qualität stimmen. Dafür braucht es mehr Erzieher/-innen, Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen im Ganztag.

Guter Ganztag bietet Zeit für individuelle Förderung, Kompetenzentwicklung und die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen. Genau das erwarten auch die Eltern."

"Sozial bedingte Bildungsbarrieren" - damit ist jeder Eingriff begründbar und die Eltern werden als Hindernis dafür betrachtet , Barrieren aus dem Weg zu räumen.

Eltern vermitteln aber andere Dinge, die Bildungseinrichtungen gar nicht vermitteln können und sie sind nicht defizitär. Statt einer pauschalen Verunglimpfung familialer Beziehungen stünde eine Kritik des Bildungswesens an, der zu starken Mittelschichtsorientierung, des undifferenzierten Blicks auf Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen. Auf den Punkt gebracht, könnte man die Forderung auch so formulieren: Je weniger Zeit für Familie, desto besser. Familienleben ist obsolet oder zumindest eine nachrangige Angelegenheit. Ganztagsbetreuung ist die andere Seite der Medaille "Erwerbsgebot", das eine soll dem anderen dienen, das erstere dem letzteren. 

Wer es mit Bildung ernst meint, muss zuerst einmal den Eltern die Möglichkeiten verschaffen, dass sie sich der Aufgabe Elternschaft frei stellen können. Das geht nicht, solange das Zuhausesein als nachrangig zur Erwerbstätigkeit betrachtet wird. Ganztagsbetreuung heißt, den Erfahrungsraum von Kindern verengen, Erfahrung ist nur noch im institutionellen Rahmen vorgesehen. Kinder leben aber immer in einer Familie, mit einer konkreten Nachbarschaft und Erfahrungsräumen, die daran anschließen, die mit Betreuungseinrichtungen nichts zu tun haben. Diese Erfahrungsräume zu erkunden, was man früher Herumstreunern genannt hat, ist für Bildungsprozesse wichtig.

Siehe zum Primat der Erwerbstätigkeit, mit der noch alle Probleme offenbar gelöst werden sollen auch auch den Beitrag von Margrit Stamm, die hier sogar von Liebesentzug spricht (siehe auch Beiträge zu Remo Largo).

Sascha Liebermann

24. September 2020

"...nach der Schule direkt nach Hause..." - durch ein BGE wäre das noch einfacher


21. Januar 2020

"Ganztagsbetreuung könnte Steuereinnahmen erhöhen" - und was bedeutet das für das Familienleben?

Heike Schmoll berichtet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in Auftrag gegeben wurde.

Dass dem Bundesministerium an einer solchen Rechnung gelegen ist, kann einen nicht überraschen (Oxfam sieht das ja offenbar ähnlich). Wie wäre es aber, zu dieser Berechnung eine Gegenrechnung aufzumachen und beide zu vergleichen?

1) Aufzurechnen im strikten Sinne, das geht natürlich nicht. Wie aber wäre es, wenn Kinder erst dann den Kindergarten besuchen, wenn sie selbst die Bereitschaft dazu artikulieren, weil das etwas mit ihrem Wohlbefinden zu tun hat? Das hätte nicht nur Vorteile für die Kinder, weil sie reifer wären, es würde sich auch auf die Einrichtungen auswirken, die nicht damit beschäftigt wären, die Trennungserfahrungen und -ängste der Kinder auffangen zu müssen. Würden wir so auf die Sache blicken, dann müssten wir eher institutionelle Frühförderung zurückfahren und Eltern darin bestärken bzw. unterstützen, dass Kinder Zeit für ihre Entwicklung brauchen in einem Schonraum, der ihnen diese Zeit gibt.

2) Wie wäre es damit, Schulkindern den Freiraum zu schaffen, damit sie mehr Zeit zum freien Spielen haben? Kinder könnten sich wieder mehr in ihrem direkten Lebensumfeld miteinander verabreden und es erkunden, statt unter Dauerbeaufsichtigung zu sein. Dann müssten wir die Ganztagsangebote nicht ausbauen, sondern reduzieren, denn sie sorgen heute schon dafür, dass sich Schulkinder (der Grundschule) mit Freunden nicht selten erst um 16.30 Uhr verabreden können.

3) Wie wäre es damit, Eltern mehr Möglichkeiten zu geben, damit Familienleben mehr sein kann, als gemeinsam Frühstück und Abendessen einzunehmen sowie vor- und nachher ein wenig zu spielen? Gemeinsame Erfahrungen brauchen gemeinsame Zeit statt getaktete und durchgeplante Alltage. Kinder und Jugendliche artikulieren ihre Wünsche und Sorgen nicht terminorientiert, in der "quality time", sondern dann, wenn sie ungezwungen Raum dafür haben.

Es mutet angesichts dessen nachgerade zynisch an, über die weitere Erhöhung der "Frauenerwerbsquote" - um die geht es dabei meist - und die Ausweitung von "Betreuungszeiten" sowie die Absenkung des Betreuungsalters zu sprechen, ohne darüber zu reden, was die Voraussetzungen für ein lebendiges Familienleben sind, in dem Eltern wissen, was in ihren Kindern vorgeht, sich ihren Sorgen und Nöten widmen, einfach da sein können.

Apropos "Bildungsungleichheit" und "Qualität" in Einrichtungen: Zeit für Familie und Frühförderung gegeneinanderzustellen, denn mehr Zeit für letzteres bedeutet weniger Zeit für ersteres, ist der falsche Ansatz. Andere Förderformen, dort wo überhaupt nötig, Formen, die mit den Nähewünschen der Kinder im Einklang sind, erfordern diesbezüglich ein Umdenken, statt einfach die "Qualität" in Einrichtungen verbessern zu wollen. Und, weil der Einwand sicher schon auf der Türschwelle wartet, Familien, die ihrer Verantwortung diesbezüglich nicht nachkommen, benötigen eine andere Unterstützung als mehr Erwerbstätigkeit der Eltern. Dafür gibt es allerdings schon Regelungen im Achten Buch Sozialgesetzbuch (Kinder- und Jugendhilfe). Sie bedeutet allerdings stets eine Gratwanderung.

Sascha Liebermann

10. Juli 2019

"Ganztagsschulen zahlen sich aus - auch für den Staat" - was zählt schon Familie?...

Link
...diese Frage wirft ein Beitrag auf Spiegel Online auf, der sich auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung bezieht. Drei Vorteile der Ganztagsbetreuung werden benannt, aber - zumindest erscheint es im Beitrag so - nicht weiter hinterfragt:

"Kinder profitieren demnach von besseren Bildungschancen. Vor allem sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler, die etwa keinen Zugang zu Nachhilfe haben, könnten durch die Lernförderung höhere Abschlüsse erreichen, schreiben die Forscher. Das zahle sich auch finanziell aus: Die benachteiligten Kinder könnten dadurch ihre Einkommenschancen verbessern. Voraussetzung für den Erfolg sei allerdings, dass an den Ganztagsschulen qualifiziertes Personal eingesetzt wird und es pädagogisch wirksame Angebote gibt."

Die entscheidende Frage ist ja stets, geht es um Angebote oder Pflicht, welche Folgen hat dies und über welche Art Erfahrungen reden wir hier? Der Ausbau von Ganztagbetreuung, wie er sich in Kindergärten und Kitas schon deutlich zeigt (immer längere Betreuungszeiten, immer jüngere Kinder), läuft auf eine Institutionalisierung des Lebens hinaus in dem Sinne, dass immer mehr Lebenszeit in Erziehungseinrichtungen verbracht und damit für Erfahrungen in der Familie und im nahen Lebensumfeld nicht mehr zur Verfügung steht. Eltern, Freunde und Nachbarn - das ist ein anderes Beziehungsgefüge als mit Erziehern, die einen Beruf ausüben. Solidar- und Autonomieerfahrungen in der Familie legen den Grund für spätere Erfahrungen. Sie brauchen ihre Zeit. Die bildungspolitische Ausrichtung hat darüber hinaus ganz praktische Folgen. Wie schon auf Spielplätzen am Vormittag seit längerer Zeit zu beobachten ist, dass dort kaum mehr Kinder unter drei Jahren spielen, so gilt dies zunehmen für den Nachmittag, weil Kinder in der Nachmittagsbetreuung in Kindergarten und Schule sind. Welche Erfahrungen nimmt das Kindern? Darüber spricht die Studie offenbar nicht. Insofern überrascht der nächste aufgeführte Vorteil nicht:

"Eltern würden laut der Studie von der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie profitieren: "Die verbesserte Schulkindbetreuung unterstützt das Bemühen von Müttern, ihre Arbeitszeit auszuweiten und ihren Stundenlohn zu steigern." Bis zu 54.000 Vollzeitstellen könnten so bis 2030 entstehen."

Die "Vereinbarkeit" darf natürlich nicht fehlen, um den Preis, der oben schon genannt wird. Was Kinder sich wünschen, spielt dabei offenbar gar keine Rolle, dass sie nämlich bis zum dritten und vierten Lebensjahr am liebsten mit ihren Eltern und nahestehenden Personen zusammen sind, sofern sie entsprechen intensive Erfahrungen vorher schon gemacht haben, findet nicht einmal Erwähnung. Als sei die Erfahrung des Angenommenwerden und Aufgehobenseins für die spätere Leistungsfähigkeit und - bereitschaft nicht grundlegend. Man wüsste hier gerne, auf Basis welcher Daten mit Hilfe welcher Annahmen die Autoren zu ihren Schlussfolgerungen kommen. Fehlen darf auch folgendes nicht:

"Volkwirtschaftlich würden sich die Investitionen in absehbarer Zeit durch höhere Staatseinnahmen refinanzieren, schreiben die Forscher. Schließlich entstünden dank Ganztagsbetreuung zusätzliche und höherwertige Jobs, gleichzeitig würden dadurch die Sozialausgaben sinken."

Wie sehr die Forscher hier nur eine Dimension des Lebens herausheben und andere nicht sehen, wenn der Spiegel-Beitrag dies richtig wiedergibt, kann schon verwundern. Was ist von solcher Forschung zu halten, in der Familie als Erfahrungsort und -raum gar nicht in Erscheinung tritt, von der bei Ganztagsbetreuung nicht mehr viel übrig bleibt außer Teilzeitelternschaft zum Frühstück, zum Abendessen und am Wochenende?

Sascha Liebermann

24. Januar 2019

"Es geht darum, dass möglichst viele aus der Grundsicherung herauskommen"...

...ein Interview mit Kerstin Tack, Sprecherin für Arbeit und Soziales der SPD-Bundestagsfraktion, auf Telepolis.

Drei Passagen zeigen, wohin die Reise sozialpolitisch gehen soll:

"Kerstin Tack: Eins ist doch klar: All diese Kinder leben in Armut, weil ihre Eltern arm sind. Deshalb kommen wir nicht darum herum, uns der Situation im Ganzen zu stellen. Einzelne Maßnahmen sind hilfreich, lösen aber nicht das Grundproblem. Es geht darum, dass möglichst viele aus der Grundsicherung herauskommen."

Wie kommt man heraus? Indem Erwerbstätikeit aufgenommen wird, die so einträglich ist, dass die Grundsicherung nicht mehr nötig ist - das ist zumindest normativ der Zweck der Grundsicherung für Arbeitsuchende, wie der gesamte Sozialstaat heute um diesen Zweck herum konstruiert ist - von wenigen Ausnahmen abgesehen. Doch Armut kann verschiedene, nicht vergleichbare Gründe haben: sie kann in bloßem Einkommensmangel bestehen, wie z. B. bei Alleinerziehenden, die genügend Zeit für ihre Kinder haben möchten und deswegen mit dem Einkommen aus Teilzeit nicht auskommen; sie kann von einer traumatischen Lebensgeschichte herrühren, die es verhindert hat, dass elementare Bildungsprozesse gelingen konnten - und heute nicht nachsozialisiert werden können. Beide Konstellationen sind ganz unterschiedlich und sollen doch angesichts des Erwerbsgebots gelöst werden. Aus der Grundsicherung müsste man aber nicht unbedingt herauskommen, wenn es ein BGE gäbe, das es für legitim erklärte, nur von ihm zu leben. Aus ihm müsste auch niemand herauskommen, das ginge auch gar nicht, weil alle immer "drin" wären.

Weiter sagte Frau Tack:

"Kerstin Tack: Wir als SPD haben immer gesagt, dass es uns nicht nur darum geht, den Familien möglichst viel Geld zu geben, sondern auch für eine gute Infrastruktur zu sorgen. Den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Schulen, den wir im Koalitionsvertrag vereinbart haben, halte ich daher für enorm wichtig. Es erschüttert mich immer wieder, wenn Eltern mir erzählen, wie sie in ihrem Alltag versuchen, das Betreuungsproblem in den Griff zu kriegen. Diesen teils unmenschlichen Druck wollen wir den Familien nehmen. Es gibt viele Alleinerziehende, die aufgrund der fehlenden Betreuung ihres Kindes nicht in der Lage sind, ihren eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten."

Das ist er wieder, der Zweck. "Unmenschlich" wird der Druck angesichts des Zwecks, weil ihm nicht ausgewichen werden kann, ohne sich in einen unerwünschten Zustand zu begeben. Wer diesen Druck reduzieren oder gar beseitigen will, braucht andere Lösungen, die nur mit einem BGE möglich sind. Dann würde sich auch ganz schnell die Frage stellen, auf wie viel Interesse Ganztagsbetreuung noch stoßen würde, wenn Eltern sich mehr für ihre Kinder nehmen könnten, ohne sich angesichts des Erwerbsgebots dafür rechtfertigen zu müssen.

Doch Frau Tack hält an diesem Zweck fest, der gerade für die Lage verantwortlich ist:

"Kerstin Tack: Ich bin keine Freundin von "Hätte-Wäre-Könnte"-Diskussionen, das bringt uns nicht weiter. Wir müssen uns jetzt darum kümmern, dass sich die Situation Alleinerziehender in Deutschland verbessert. Es darf nicht sein, dass es immer noch mit einem erheblichen Armutsrisiko verbunden ist, Kinder alleine zu erziehen. Deshalb müssen wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf viel mehr stärken und Familienfreundlichkeit in allen Bereichen weiter ausbauen."

Also, kaum Zeit für Familie, um auf den Titel des letzten Familienberichts der Bundesregierung ("Zeit für Familie") anzuspielen.

Sascha Liebermann

18. Dezember 2014

"Alltagskampf bis zur Erschöpfung" - Alleinerziehende in Deutschland

In dieser Reportage des Deutschlandradios wird wieder einmal deutlich, in welche Zwänge uns die unnachgiebige Erwerbsfixierung führt, hier am Beispiel alleinerziehender Eltern. Progressive Geister werden an dieser Stelle womöglich herausstellen, wie wichtig Ganztagsbetreuung sei, damit diese Mütter, die in der Reportage porträtiert werden, vollzeit erwerbstätig sein können. Genau diese Haltung wäre jedoch kein Ausweg, sondern eine Verfestigung der Erwerbsfixierung, denn der Preis wäre, keine Zeit für die Familie, für die Kinder zu haben. Da bleibt nur ein Ausweg: Bedingungsloses Grundeinkommen

Siehe auch "Alleinerziehende - der Mut der Mücke", "Alleinerziehende müssen Vollzeit arbeiten" und "Das 'Alles ist möglich'-Mantra ist eine Lüge"

24. August 2011

Erwerbsarbeit, Elternschaft und das männliche Selbstbild - Zu einem Interview mit Remo Largo

Der Tagesanzeiger (Schweiz) hat ein Interview mit Remo Largo geführt, einem renommierten Kinderarzt, in dem interessante Fragen unserer Zeit aufgeworfen werden. Es geht auch um den Stellenwert von Erwerbstätigkeit und die Vorstellungen von Familie heute. Zum Greifen nahe ist das bedingungslose Grundeinkommen, auch wenn die Sprache darauf nicht kommt. Mein Kommentar widmet sich den widersprüchlichen Teilen des Interviews.

Zuerst beschäftigt sich das Interview mit den Erwerbsbedingungen von Frauen und Männern heute, dem Missverhältnis zwischen der Präsenz der Mütter und der Väter in der Familie und was sich ändern müsste. Largo appelliert an Frauen wie Männer, von der Wirtschaft bessere Arbeitsbedingungen einzufordern; er ruft aber auch die Frauen dazu auf, von den Männern mehr Engagement in der Familie zu verlangen. So weit so gut. Im späteren, nun kommentierten Teil geht es um Schlussfolgerungen, die Largo aus den jetzigen Gegebenheiten zieht.

T: Bevor alle Frauen so viel arbeiten können, müssten sich die Rahmenbedingungen stark ändern.
RL: Ja, wir müssen Ganztagesschulen einrichten, wie es sie im Tessin schon lange gibt. Die Kinder brauchen eine Betreuung über Mittag und nach der Schule. In der Stadt Zürich ist die Hälfte der Kinder im Schulalter über Mittag und nach der Schule allein zu Hause. Ein unhaltbarer Zustand.
Damit Kinder berufstätiger Eltern über Mittag nicht so viel allein zuhause sind, sollen Ganztagsschulen Abhilfe schaffen. Diese Diskussion wird in Deutschland auch schon länger geführt, die Frage jedoch ist, was man damit erreichen will? Man könnte einwenden, dass, wenn schon die Eltern nicht präsent sind, die Kinder wenigstens versorgt wären. Und die Folgen? Solange Erwerbstätigkeit als die herausgehobene Tätigkeit schlechthin aufgefasst wird, führen Ganztagsschulen keineswegs dazu, dass sich Eltern stärker auf Familie besinnen können, wie es Largo in dem Interview Vätern nahelegt. Das Gegenteil ist der Fall: Ganztagsschulen und Kindertagesstätten angesichts der gegenwärtigen Lage auszubauen verstärkt nur die Erwerbsorientierung. Wenn Eltern für ihre Kinder besser ansprechbar sein sollen, müssen sie - beide - zuhause mehr präsent sein. Sie sind die zentralen Menschen im Leben der Kinder trotz aller Bezugspersonen, die es geben kann. Wenn also die Kinder mehr Zeit mit ihren Eltern haben sollen, dann sind Ganztagsschulen gerade keine Lösung, wenn damit eine Betreuung bis in den späten Nachmittag gemeint ist. Sonderbar, dass Largo das nicht bemerkt, wo er doch gerade sich selbst zum Beispiel nehmend darauf hingewiesen hat, welche Freiheiten als Eltern einem entstehen, wenn Arbeitszeit- und -ort flexibler gestaltbar sind als heute (Stichwort: homeoffice, Telearbeit).

Weiter heißt es:

Ist es denn schlimm, wenn Kinder ein paar Stunden alleine sind? Vielleicht fördert das ja ihre Selbstständigkeit.
Kinder brauchen jemanden, der da ist, falls sie das Bedürfnis nach einer Ansprechperson haben. Und über Mittag essen sie alleine oft sehr ungesund – Chips und eine Cola vor dem Fernseher zum Beispiel. Doch nicht nur Ganztagesschulen sind dringend notwendig, auch Krippenplätze für Vorschulkinder – am besten gratis.
Erstaunlich, dass Largo die Chancen nicht sieht, die ein bedingungsloses Grundeinkommen mit sich brächte. Ohne dass er die Diskussion kennen muss, könnten seine Überlegungen Anstoß zu Alternativen sein, wie es möglich wäre, den Eltern mehr Präsenz zuhause zu erlauben (wenn sie sie denn wollen). Nun könnte hier eingewandt werden, dort wo Eltern überfordert sind, seien Ganztagsangebote die einzige Möglichkeit, den Kindern etwas Besseres zu bieten. Zu entscheiden wäre das allerdings von Fall zu Fall und stets zu kontrastieren damit, wie die Lage aussähe, wenn Eltern nicht erwerbstätig sein müssten. Zu fragen wäre auch, inwiefern gerade durch die heutigen Sicherungssysteme und die Erwerbsidolatrie die Hinwendung zur Familie, das Annehmen der Elternschaft als Aufgabe, erschwert wird. Largos Vorschlag weist nicht weg vom Erwerbsprinzip, sondern stärker zu ihm hin und führt damit gut vor Augen, wie wenig "vereinbar" im Sinne eines friedlichen Nebeneinanders Familie und Beruf sind (siehe auch "'Vereinbarkeit' von Familie und Beruf oder doppelter Verzicht?").
Ein ganz anderer Aspekt von Ganztagsschulen oder auch Kindertagesstätten kommt hier gar nicht zur Sprache. Je früher und je länger pro Tag Kinder dort betreut werden, desto weniger Möglichkeiten haben sie, sich in der Nachbarschaft, in der sie leben, zu entfalten. Schon heute lassen sich die Auswirkungen studieren, wenn Nachbarschaften verwaist sind bis in den späten Nachmittag und Kinder, die nicht oder nicht solange fremdbetreut werden, kaum Spielkameraden antreffen. Zu bedenken ist auch, dass Kinder in Betreuungseinrichtungen letztlich immer in einem vorstrukturierten Rahmen auf einem eingeschränkten Gelände spielen und sich begegnen; stets sind Erzieher zugegen und beaufsichtigen, was die Kinder machen. Mit einem freien Erkunden der eigenen Lebensumgebung hat das nichts zu tun.

Die Generation unserer Eltern hat gemacht, was Sie als Mythos bezeichnen: Die Mutter kümmerte sich den ganzen Tag nur um den Nachwuchs.

Früher gab es viel mehr Kinder – und mehr Bezugspersonen, Schwiegermütter, Verwandte, Nachbarn, die bei der Erziehung mithalfen. Diese Unterstützung fehlt den Eltern heute weitgehend. Dass die Mutter die Kinder alleine aufzieht, ist ein Spezialfall in der Menschheitsgeschichte. Nicht umsonst heisst es: Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.

Largo weist zurecht auf gewandelte Lebenssituationen hin, lässt den Wandel allerdings unbefragt stehen. Auch wenn es heute weniger Kinder gibt, Familien und Verwandte häufig nicht mehr in unmittelbarer Nähe zueinander leben, kann doch nicht übersehen werden, dass diese Situation auch mit einer gesteigerter Erwerbsorientierung zu tun hat. Erhöht sich die Erwerbsquote, weil Erwerbsarbeit mehr als früher als Lebensinhalt betrachtet wird, sind in Nachbarschaften auch weniger Personen anzutreffen, die tagsüber zuhause sind und sich um Kinder kümmern, ihnen etwas anbieten könnten. Nun kann dieser Situation durch den Ausbau von Betreuungseinrichtungen begegnet werden, dadurch verändert sich die Lage in den Nachbarschaftsverhältnisses allerdings gar nicht. Vielmehr verstärkt der Ausbau, solange die Überbewertung von Erwerbstätigkeit weiter vorherrscht, das Verwaisen von Nachbarschaften. Ein bGE würde das Erwerbsideal relativieren und wer weiß, ob nicht mehr Menschen, als wir meinen, es für sich entdecken würden, für andere Kinder da sein zu wollen. Um nicht missverstanden zu werden. Kindergärten können ebenso sinnvoll sein wie Kindertagesstätten, die heutige Diskussion darum ist aber eine, die die Erwerbsorientierung ungefragt voraussetzt. Welche Bedeutung Kindergärten hätten, wenn es ein bGE gäbe, gerät überhaupt nicht in den Blick.
Nimmt man den Sinnspruch im letzten Satz ernst, dann braucht es eben ein ganzes Dorf - also etwas Gemeinschaftliches - um ein Kind aufzuziehen. Gemeinschaft heißt allerdings, dass sich Menschen als ganze Personen begegnen und nicht als Träger von spezifischen Aufgaben (Rollen), die gerade auszeichnet, dass Personen darin austauschbar sind. Das Gemeinschaftliche hingegen würde durch ein bGE gestärkt.

Mädchen sind erfolgreicher in der Schule. Was läuft falsch?
Jetzt betreten wir ein weiteres Minenfeld! Ja, die Buben haben das Nachsehen: Heute sind 60 Prozent der Gymnasiasten weiblich. Im Berufsleben sind Frauen oft besser qualifiziert als die Männer, weil in unserer heutigen Dienstleistungsgesellschaft ihre Fähigkeiten mehr zählen. Die Frauen haben sich emanzipiert, den Männern steht es noch bevor. Die Männer haben noch nicht einmal bemerkt, dass sie ihre soziale Vorrangstellung weitgehend verloren haben. Sie versuchen immer noch, die Frauen zu bremsen, indem sie davon schwärmen, wie toll es sei, ausschliesslich Mutter zu sein. Sie müssen sich neu orientieren, vor allem in ihren Beziehungen und ganz besonders in ihrer Rolle als Vater.

Eine bemerkenswerte Einschätzung. Deutlich wird an dem gesamten Interview, wie weitreichend die Möglichkeiten eines bGEs sind und wie sehr es notwendig ist, den Blick zu wenden, um die Möglichkeiten zu sehen.

Zur Frage, wie Paare mit bevorstehender Elternschaft heute umgehen, siehe auch das Interview mit dem Soziologen Kai-Olaf Maiwald

Sascha Liebermann