Ja, es zeigt sich der Vorrang von Erwerbstätigkeit in seiner Härte, besser würde es aber nicht, wenn es die Kitaplätze gäbe; dann wäre nur die "Versorgungsfrage" gelöst, nicht aber, was denn die Eltern für sinnvoller halten: mit den Kindern zu sein oder nicht. https://t.co/wPYEZE8QUz
— Sascha Liebermann (@SaschaLieberman) February 28, 2025
28. Februar 2025
18. Februar 2025
"Wenn Elternschaft bezahlt würde"...
Noch weiter ginge der Vorschlag eines Bedingungslosen Grundeinkommens, da er die finanzielle Absicherung gar nicht an die konkrete Lebenssituation knüpft, doch davon ist im Feature leider keine Rede, obwohl genau das in der BGE-Diskussion eine erhebliche Rolle spielt. Die Stellung von Erwerbstätigkeit wird im Beitrag des WDR nur relativiert, nicht aber hinterfragt, obwohl die Folgen ihres Vorrangs allzu sichtbar sind. Nicht beleuchtet wird die Frage, inwiefern Eltern ihre Lage verbessern könnten, indem zeitweise Ansprüche aufgegeben und ruhen gelassen werden. In Analysen, die ich im Rahmen meiner Forschung durchgeführt habe (siehe z. B. hier), zeigte sich eher, dass Eltern geradezu selbstverständlich auf die Nutzung von Kitas vor dem dritten Lebensjahr setzen und sich gerade die Zeit eher nicht nehmen, die es für ein lebendiges Familienleben bräuchte.
Der im Beitrag befragte Ökonom, Helmut Reiner, beklagt vor allem die durch eine solche Unterstützung zu erwartende Reduktion des Arbeitsangebots, insobesondere bei Alleinerziehenden, und stellt sich die Frage nicht, zumindest nicht in den erwähnten Passagen, dass Familie ohne Zeit füreinander eben kein Familienleben haben kann. Es ist also kaum überraschend, dass gerade Alleinerziehende ihre Arbeitszeit dann womöglich reduzieren würden, weil sie in ihrer Elternposition besonders gefordert sind.
Die Behauptung, dass viele Eltern ihre Kinder nicht in langen Betreuungszeiten in Kitas unterbringen wollen, scheint mir doch sehr gewagt, sowohl angesichts unserer Befunde aus verschiedenen Analysen von Interviews mit Eltern als auch mit Blick auf den Familienreport 2024 (S. 79 ff.), wobei dessen Grundlage standardisierte Befragungen sind (zur einer methodischen Einordnung ihres Stellenwerts, siehe hier und hier).
Es geht in der Diskussion also um eine grundsätzliche Frage: will ein Gemeinwesen Eltern die Möglichkeit geben, sich nach eigenem Dafürhalten ihrer Verantwortung zu stellen, dann ist ein erwerbsunabhängige Einkommensquelle unerlässlich. Der Vorschlag eines Erziehungsgehalts geht einen deutlichen Schritt in diese Richtung. Weiter allerdings geht ein BGE, weil es eine Einkommenssicherung gar nicht mehr von den Lebensumständen abhängig macht - so kann jeder entscheiden, wie er sein Leben gestalten will, ob dazu Erwerbstätigkeit gehört und in welchem Umfang oder auch gar nicht oder nur phasenweise.
Sascha Liebermann
7. August 2023
Zumindest eine Möglichkeit...
Das #BGE könnte dafür sorgen, dass sich die Eltern mehr um ihre Kinder kümmern. Sie hätten den Rücken frei! https://t.co/5RSTElSwPh
— Christiane Gorius *Germanistin/Psychologin M.A. (@schreibtatze) August 3, 2023
...schafft das BGE diesbezüglich und eine Anerkennung dessen, dass dieses Kümmern als etwas Wichtiges verstanden wird im Gemeinwesen, indem es der Erwerbstätigkeit nicht mehr nachgeordnet ist.
Allerdings, betrachtet man die Altersstufe Kita bzw. Kindergarten, deren Besuch in Deutschland heute (noch) nicht verpflichtend ist, muss man sich fragen, weshalb Eltern diesen Freiraum so wenig nutzen, sich mehr Zeit zu nehmen (siehe die seit 2006 gestiegenen Zahlen dazu). Im März 2022 lag die Quote der Kinder, die dort versorgt werden, bei 35,5% im Bundesdurchschnitt, im Westen allerdings erheblich niedriger (31,8%) als im Osten (53,3%) Deutschlands (siehe auch hier, S. 12). Auch die Betreuungsdauer hat zugenommen, mittlerweile werden 52% der Kinder mehr als 35 Stunden betreut, während nur noch 13% bis 25 Stunden betreut werden (siehe hier, S. 39).
Sicher gibt es Familien, die aufgrund ihrer Einkommenssituation keine Alternative zur Nutzung außerhäuslicher Betreuung haben, aber das erklärt kaum den rasanten Anstieg. Die Folgen für das Familienleben sowie für die Zeit, die Erfahrungen miteinander benötigen, sind gravierend. Wenn diese Entscheidungen also nicht vor allem aus Not getroffen werden, sondern wegen der Lebensentwürfe der Eltern in Verbindung mit der normativen Stellung von Erwerbstätigkeit, wird man sehen müssen, ob ein BGE auch tatsächlich im Sinne des Tweets genutzt werden würde. Die Möglichkeit dazu böte es in jedem Fall.
Sascha Liebermann
14. Mai 2023
"World's toughest Job" - gelungen komprimiert dargestellt, was es bedeutet, Eltern zu sein, auch wenn es hier um den Muttertag geht
8. Dezember 2022
"Laumann über Armut: 'Es gibt ganz schlaue Leute, die kotzen mich an'"...
"Und dann gibt es ganz schlaue Leute, die kotzen mich an, die sagen: 'Wenn Du armen Leuten mehr Geld gibst, dann versaufen und verrauchen die das und geben es nicht den Kindern.' Er kenne keine einzige Statistik oder Studie, die das belegt."
Klare Worte, in der Tat, vielleicht müsste noch abgewartet werden, was er in der Rede sonst sagte. Was folgt zumindest aus diesen Worten? Laumann hatte einst, als er noch Arbeitsminister in Nordrhein Westfalen war, einen ganz anderen Ton angeschlagen, zumindest gegenüber erwachsenen Beziehern der Grundsicherung für Arbeitsuchende. So zitierte Stefan Sell damals:
"Laumann (CDU) hat sich demnach mit seinen Ressortkollegen auf konkrete Grundlinien zur Sanktionierungspraxis verständigt. Die Leistungen könnten etwa komplett wegfallen, wenn ein Empfänger beharrlich eine zumutbare Arbeitsmöglichkeit ablehne, erklärte ein Sprecher des Ministeriums in Düsseldorf."Vielleicht hatte er das nicht wörtlich gesagt, vielleicht aber hat er seine Auffassung geändert oder sind Kinder doch etwas ganz anderes als Erwachsene? Angesichts der jüngsten Ausfälle aus den Reihen der CDU/CSU zum Bürgergeld kann man den Eindruck gewinnen, dass es einen Unterschied gibt. Kinder sind arglos, ihnen muss unsere ganze Fürsorge gelten, deswegen ist eine Kindergrundsicherung so nötig, den Eltern gilt sie aber nicht ohne weiteres (siehe hier). Dabei wird die Kindergrundsicherung denselben Eltern ausgehändigt, die auch Kindergeld erhalten, denn immerhin sind sie es, die sich um die Kinder kümmern. Wie kann also Kinderarmut begegnet werden, ohne zugleich der der Eltern zu begegnen?
Was Laumann in der Rede gestern also gesagt haben soll, spricht doch dafür, Eltern wie ihre Kinder zu behandeln und zu achten, dann bräuchte es aber eine solche Grundsicherung für alle, also was dann? Ein Bedingungsloses Grundeinkommen, dann wäre das ganz einfach, Kinder würde nicht gegen Eltern ausgespielt und dem Rechnung getragen, dass es die Eltern sind, die als erstes sich um die Kinder vorbehaltlos kümmern können sollten.>
Sascha Liebermann
3. November 2021
23. April 2021
Das kann passieren, wenn Erwerbstätigkeit vor allem anderen rangiert: Jobcenter vs. Elternrecht
"So sei die Wahrnehmung des verfassungsrechtlich garantierten #Elternrechts ein wichtiger Grund gewesen, der einer #Eingliederung in den #Arbeitsmarkt während der strittigen Zeit entgegengestanden habe. Das #Jobcenter legte daraufhin #Berufung ein." - #StopThatShit - #BGEjetzt! https://t.co/EfeydOyHZo
— Mensch in Germany (@InMensch) April 22, 2021
Siehe hierzu auch frühere Beiträge von unserer Seite hier.
21. Dezember 2020
D'accord, aber wie, ohne es bei warmen Worten zu belassen oder sie zu etwas zu drängen? - Mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen...
Also lasst uns als Gesellschaft für Eltern da sein, so dass sie für ihre Kinder da sein können.#druckraus #coronaeltern #bge #keinkindalleinelassen #gewaltfreiesAufwachsen https://t.co/tFfIoHaID5
— Aida S. de Rodriguez (@Elternmorphose) December 20, 2020
...denn alle anderen Möglichkeiten, sie zu fördern, laufen wieder darauf hinaus, Eltern zu lenken. Wer das nicht will, muss ihnen eine Möglichkeit verschaffen, die keine Bedingungen setzt, außer der Zugehörigkeit zum Gemeinwesen bzw. den Lebensmittelpunkt hier zu haben. Insofern müssen es alle erhalten, die dazugehören, sonst wird es wieder nur eine Leistung für bestimmte Gruppen werden.
Sascha Liebermann
15. März 2019
"Arbeiten oder daheim bleiben? Ein Dilemma, das sich jungen Eltern auf der ganzen Welt stellt"...
11. Januar 2019
"SPD will Kinderarmut bekämpfen" - mit oder ohne Eltern?
Sascha Liebermann
3. Januar 2019
"Liebe auf Distanz" - Familie in Frankreich und die Illusion von der Vereinbarkeit
Es wird deutlich, wie verklärend die Formel der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist und wie viel angemessener es wäre von doppeltem Verzicht zu sprechen. Dann wäre auch klar, worum es geht, wenn Entscheidungen diesbezüglich zu treffen sind.
Sascha Liebermann
13. November 2018
"Mensch Mutter - ein langer Weg zum Grundeinkommen" - Film von Gabriele von Moers im Monopol Kino München
Das ist der Trailer zu einem weiteren Film von Gabriele von Moers, die vor einigen Jahren sich schon mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen und dem Elternsein befasst hat. Am 17.11., um 12 Uhr, gibt es Gelegenheit, den neuen Film im Monopol Kino München, Schleissheimer Straße 27, anzuschauen (siehe auch hier).
Wie in Ihrem ersten Film schon wird das Bedingungslose Grundeinkommen nicht abstrakt eingeführt und diskutiert. Frau von Moers wählt einen anderen Zugang, direkt von Alltagserfahrungen ausgehend wird greifbar, was ein BGE so wertvoll macht.
Hier ihr erster Film "Kann Mann Frau":
Siehe unsere Beiträge zu "Familie" und Eltern.
Sascha Liebermann
18. September 2018
"Zwei von drei Müttern sind in Teilzeit beschäftigt"...
Wer braucht auch schon "Zeit für Familie", wie der Achte Familienbericht (2012) einst übertitelt war, der seinem Inhalt nach in vielerlei Hinsicht, vor allem in den Empfehlungen, auf "Weniger Zeit für Familie" (siehe auch hier und hier) hinauslief. Wer die Familie für das fünfte Rad am Wagen, wer sie für überflüssig wie einen Kropf hält, der soll das doch einfach sagen, statt die immer stärkere Orientierung am Arbeitsmarkt hinter Emanzipationsfloskeln ("Vereinbarkeit von Familie und Beruf") zu verbergen. Wer es hingegen ernst meint damit, dass Familie wichtig und unerlässlich für ein lebendiges Gemeinwesen ist, wer Eltern in der Wahrnehmung ihrer Aufgaben unterstützen will, der muss sich fragen, wie das möglich wäre, ohne Familie zum Anhängsel des Arbeitsmarktes zu degradieren. Das ist sie nämlich seit Jahren, ein Blick in die Programme der Parteien zur Bundestagswahl 2017 gibt das preis. Wie nun wäre das möglich? Erst wenn es die Möglichkeit gibt - frei von normativer Bewertung, die gegenwärtig jegliche Erwerbsleistung über alles andere stellt -, sich die Frage zu stellen, wie Eltern zur Herausforderung Elternschaft stehen und sich ihr stellen wollen, dann würde Familie den Platz erhalten, der ihr gebührt. Dazu muss das erwerbszentrierte Sicherungssystem verlassen werden, dazu wiederum bedarf es eines Bedingungslosen Grundeinkommens. Denn, so wichtig Erwerbsleistungen sind (Bereitstellung von Gütern und Diensten), so wichtig ist die Familie als Schutzraum für Bildungsprozesse, aus dem erst diejenigen hervorgehen, die später einmal in der Lage sein werden, an der Bereitstellung von Gütern und Diensten mitzuwirken. Dazu leistet der Arbeitsmarkt selbst nämlich gar keinen Beitrag.
Sascha Liebermann
6. Juli 2018
Anerkennung oder Hinterfragung des status quo? Anmerkungen zu einer Studie über Armut
"Torsten Lietzmann: In Paarfamilien beispielsweise leben nahezu alle Kinder in einer abgesicherten Lage, wenn die Mutter dauerhaft Vollzeit oder Teilzeit oder geringfügig arbeitet. Wenn sie dauerhaft nicht erwerbstätig ist, ändert sich das Bild. 32 Prozent der Kinder sind dann in einer dauerhaften oder wiederkehrenden Armutslage. [...]
Claudia Wenzig: In Ein-Eltern-Familien hängt das Armutsrisiko von Kindern noch stärker an der Erwerbstätigkeit der Mütter. Nur wenn eine alleinerziehende Mutter über einen längeren Zeitraum in Vollzeit erwerbstätig ist, also mehr als 30 Wochenstunden, kann in den meisten Fällen verhindert werden, dass ihre Kinder in einer dauerhaften Armutslage aufwachsen. Ist eine alleinerziehende Mutter nicht erwerbstätig, wachsen ihre Kinder fast immer in einer dauerhaften oder wiederkehrenden Armutslage auf – der Anteil beträgt dann 96 Prozent."
Diese Befunde sind nicht weiter überraschend (siehe hier). Nun kann der Umstand, dass Einkommenserzielung über Erwerbstätigkeit zu erfolgen hat, einfach hingenommen werden, er gehörte womöglich auch gar nicht zur Forschungsfrage. Es wäre allerdings nicht wagemutig zu differenzieren, dass die Einkommensarmut hier eine ist, die genau aus dem Umstand resultiert, sich für Familie und gegen Erwerbstätigkeit entschieden zu haben bzw. über Erwerbstätigkeit zu geringes Einkommen zu erzielen. Daraus könnte der Schluß gezogen werden, wie wichtig es wäre, eine Einkommenssicherungsleistung zu haben, die Eltern erlaubte, sich für Familie zu entscheiden, ohne sich damit zugleich für Armut entscheiden zu müssen. Was empfehlen die Autoren?
"Formulieren Sie auch eine Handlungsempfehlung an die Politik? Oder anders gefragt: Was müsste aus Ihrer Sicht unternommen werden, um insbesondere der Kinderarmut entgegenzuwirken?
Torsten Lietzmann: Unsere Ergebnisse zeigen ja, dass es ganz entscheidend darauf ankommt, ob die Mütter arbeiten. Daher sind insbesondere Maßnahmen entscheidend, die die Erwerbssituation von Müttern verbessern können – beispielsweise ein ausreichendes Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen. Wenn man das erhöhte Armutsrisiko von Kindern mit geringqualifizierten Eltern bedenkt, sind Investitionen im Bildungsbereich, die dazu führen, dass möglichst viele einen Abschluss erreichen, wichtig – auch wenn sich das erst auf längere Sicht auswirkt.
Nun geht Kinderarmut auf die Armut der Eltern zurück. Sehen Sie generell die Notwendigkeit vonseiten der Politik, sich stärker im Kampf gegen Armut in Deutschland zu engagieren?
Claudia Wenzig: Der Kampf gegen Armut ist und bleibt ein wichtiges Thema. Der aktuelle Koalitionsvertrag benennt zumindest einige Aspekte zur Bekämpfung von Armut. Die gilt es nun umzusetzen und weiter zu verfolgen."
Lietzmann erwähnt mit keiner Silbe, was es heißt, wenn Mütter - um sie geht es in der Studie, obwohl dasselbe für Väter gilt - sich für Erwerbstätigkeit entscheiden und dann eben weniger oder keine Zeit mehr für Familie haben. In Abhängigkeit vom Alter der Kinder hat das sehr unterschiedliche Folgen, zu unterschätzen ist allerdings nicht, dass auch für ältere Kinder im Pubertätsalter wichtig ist, die Eltern ansprechen zu können, wenn sie Sorgen und Nöte haben, und diese Sorgen und Nöte sind nicht terminierbar auf eine Uhrzeit. Das zeichnet gerade den Konflikt zwischen Familie und Beruf aus, dass auf der Seite der Familie, hier insbesondere der Kinder, Zuwendungsbedürfnisse dominieren, die sich nicht auf einen Termin verschieben lassen und auch an andere Personen nicht delegiert werden können, wenn es um Zuwendungen durch die Eltern geht. Demgegenüber stehen die Aufgaben im Beruf, die sich in der Regel auf andere übertragen lassen. Wie in den Programmen der etablierten Parteien zu Bundestagswahl im vergangenen Jahr ist Familie zum Anhängsel des Arbeitsmarktes geworden und wird als Praxis mit eigensinnigen Herausforderungen nicht gesehen. Familie benötigt jedoch Zeit füreinander, Kinder wollen die Eltern in der Nähe haben bzw. müssen diese ansprechbar sein, damit Ablösungsprozesse gelingen können. Dass die beiden Sozialwissenschaftler nicht einmal erwähnen, was ihr Vorschlag zur Armutsvermeidung für das Familienleben bedeutet, gibt eine Voreingenommenheit zu erkennen, die zeigt, wie sehr solche Studie auf der Basis bestimmter Annahmen durchgeführt werden.
Sascha Liebermann
18. Mai 2018
"...Zeit haben, um durch Erfahrungen mit Gleichaltrigen sozial kompetent zu werden..."...
"Herr Largo, Sie haben ein Berufsleben lang und mit vielen Büchern dafür gekämpft, dass Kinder mehr Freiheiten erhalten. Mein Eindruck ist aber, dass ihr Alltag immer strukturierter wird.
Ja, leider. Es ist schwer vermittelbar: Kinder sollten möglichst oft mit anderen Kindern selbstbestimmt spielen können, altersdurchmischt, zigtausend Stunden. Für ihre Entwicklung ist dies eine Notwendigkeit. Viele betrachten das freie Spielen aber als Zeitverlust. Schon früh wird versucht, den Kindern weiss Gott was alles beizubringen. Jetzt gehst du ins Ballett, in den Fussballklub, jetzt spielst du ein Instrument, jetzt machen wir ein Umweltprojekt."
Hier hebt er auf die durchgeplante Kinderheit ab, weil "freies Spielen" als Zeitverlust gilt. Betreuungseinrichtungen tragen allerdings zu dieser Durchplanung bei, weil das Spielen immer in einer Beaufsichtigungssituation stattfindet und nicht verborgen vor den Blicken der Eltern oder anderer Erwachsener. Dann heißt es:
"Trauen wir den Kindern zu wenig zu?
Bei mir war es schon im frühen Schulalter so: An freien Nachmittagen sagte ich nach dem Mittagessen zu Hause in Winterthur Tschüss und kam erst um 18 Uhr wieder nach Hause. Meine Mutter vertraute darauf, dass wir Kinder füreinander Sorge tragen. So haben sich Freundschaften gebildet. Leider ist dies heute kaum mehr möglich."
Das ist genau das unbeaufsichtigte Spielen, das in Einrichtungen so nicht möglich ist. Beaufsichtigungsverzicht und dennoch erreichbar, weil jemand zuhause ist, falls der Wunsch besteht, die Nähe zu suchen.
"Kinder spielen gerne – und ab welchem Alter können sie Freundschaften entwickeln?
Freundschaften entstehen aus Beziehungen. Bei Kindern beginnt es damit, dass sie mit anderen Kindern zusammen sein wollen. Vieles lernen sie von anderen Kindern viel besser als von Erwachsenen. Aus gemeinsamen Erfahrungen und Interessen entstehen Freundschaften. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass man einander mag und den anderen so nimmt, wie er ist. Dies ist, wenn Kinder in Kleinfamilien ohne Kontakt zu anderen Kindern aufwachsen, kaum mehr möglich. Krippen sind daher weit mehr als nur ein Ort der Kinderbetreuung, wenn die Eltern arbeiten. Sie ermöglichen dem Kind Erfahrungen, vor allem soziale, die für seine Entwicklung sehr wichtig sind. Im Kindergarten merkt man sehr gut, welche Kinder zuvor in der Krippe waren. Sie sind sozial und sprachlich weiter."
Hier nun müsste Largo im Grunde sagen, dass der heutige Zustand, wie er es in anderen Interviews kritisiert, ein Missstand ist. Mit Krippen auf ihn zu antworten, ist besser als nichts zu tun. Noch besser aber wäre es, den Erfahrungsraum Familie dadurch zu schützen, das Eltern die Möglichkeit hätten, eben mehr zuhause zu sein und dann ihren Kindern die Begegnungen mit anderen Kindern zu ermöglichen. Genau das sieht er hier nicht vor.
"Die Kinder sollen möglichst früh in die Krippe?
Wenn es keine gute Alternative gibt, ab dem zweiten bis dritten Lebensjahr. Die Krippe ist für mich Teil des Bildungssystems und sollte vom Staat auch so finanziert werden. Im Vergleich mit den meisten europäischen Ländern ist die Schweiz diesbezüglich ein Entwicklungsland."
Hier zumindest wird deutlich, dass es gute Alternativen geben kann, falls es sie nicht gibt, ist die Krippe wichtig. Dass die Krippe bzw. der Kindergarten ein wichtiger Ort für Kinder sein kann, ist gar nicht strittig, die praktische Frage ist lediglich, woran lässt sich entscheiden, ab wann er ein wichtiger Ort ist? Das lässt sich leicht daran erkennen, dass ein Kind gerne dorthin geht, am Wochenende schon den Montag herbeisehnt und von den Eltern nicht überredet werden muss. Das ist etwa zwischen drei und viereinhalb Jahren der Fall, das heutige Kindergarteneintrittsalter in Deutschland bewegt sich an der unteren Grenze und wird schon für zu spät gehalten.
"Es gibt aber auch Kritiker, die vor einer bindungsunfähigen Generation warnen. Weil die Kinder immer früher in Krippen geschickt würden, blieben der Aufbau enger Bande zu den Eltern und damit langfristig die Bindungsfähigkeit auf der Strecke.
Das liegt aber nicht an den Krippen, sondern daran, dass viele Eltern nicht genügend Zeit für ihre Kinder haben. Und es zeigt sich noch ein anderes Problem: Historisch gesehen haben Eltern ihre Kinder nie alleine aufgezogen, sondern in Lebensgemeinschaften mit anderen Bezugspersonen. Die fehlen heute weitgehend. Jetzt sind wir aber vom Thema abgekommen."
Eine interessante, wenn auch nicht sehr ausführliche Anmerkung von Largo, hier besonders auf die gemeinsame Zeit von Eltern und Kindern bezogen.
"Wenn man Ihnen zuhört, erhält man den Eindruck, dass Sie sich ziemlich sorgen um die junge Generation.
Sehr. Ihr Leben ist in Schule, Lehre und Studium hochgradig fremdbestimmt. Ich hatte kürzlich Kontakt mit vier jungen Frauen, die vor der Berufsmatur stehen. Sie erzählten mir, wie viel Zeit sie für sich selber haben: einen halben Tag pro Woche – bestenfalls. Das ist eine Katastrophe. Damit junge Menschen beziehungsfähig werden und sich in der Gesellschaft aktiv beteiligen, müssen sie ausreichend Zeit haben, um durch Erfahrungen mit Gleichaltrigen sozial kompetent zu werden und sich mit Lebensfragen, den Problemen von Gesellschaft und Wirtschaft auseinanderzusetzen. Den notwendigen Freiraum dafür will man ihnen aber nicht geben. Die jungen Menschen sollen möglichst viel Zeit in ihre Ausbildung investieren, damit sie in einer extrem leistungsorientierten Gesellschaft bestehen können. Was aber ist, wenn sie nur über ungenügend ausgebildete soziale Kompetenzen verfügen? Sozial kompetent werden die jungen Menschen nur über eigenständige soziale Erfahrungen."
Eine treffende Kurzanalyse, die deutlich macht, weshalb ein BGE so wichtig ist.
Sascha Liebermann
9. Mai 2018
"Ich glaube, dass wir die Kleinen maßlos unterschätzen - darin, was sie empfinden, was sie verstehen"...
21. September 2017
Was ist Leistung? Martin Schulz antwortet auf die Frage einer Mutter
Vor wenigen Tagen haben wir auf diese Diskussionssendung mit dem SPD-Kanzlerkandidaten schon hingewiesen. An der Reaktion von Martin Schulz wird deutlich, dass er zwar davon beeindruckt scheint, was die fragende Mutter leistet, aber hilflos darauf antwortet. Was nützt dieser Mutter - und den Kindern - eine stärkere Anerkennung der Erziehungszeiten in der Rentenversicherung oder mehr außerhäusliche Kinderbetreuung, wenn sie in der Gegegenwart Zeit und Möglichkeiten benötigt, um für ihre Kinder dasein zu können.
18. September 2017
"Die Luxusmütter" - und das Bedingungslose Grundeinkommen
Da in diesem Zusammenhang schnell der Einwand erhoben wird, die "Frau" würde damit in eine traditionale Rolle zurückgedrängt, sei entgegengehalten: Das BGE drängt niemanden zu gar nichts, sondern ermöglicht Entscheidungen für etwas. Entscheidungen für etwas erfolgen dann nicht mehr aus einer traditionalen Haltung, sie sind Ausdruck eines Wollens. Selbst wenn aber es so sein sollte, dass auf Basis eines BGE jemand eine traditionale Haltung auslebt, dann wäre das die Freiheit, die das BGE gibt. Er wäre dazu aber nicht gezwungen. Dass im Unterschied zu heute es gerade nicht nötig wäre, dass einer, Mutter oder Vater, um des lieben Haushaltseinkommens wegen erwerbstätig sein müsste, würde die Situation von Paaren, die vor der Frage stehen, wie sie nun mit der Aufgab Elternschaft umgehen, vollständig anders.
Was haben die etablierten Parteien zu dieser Frage anzubieten? Gar nichts (siehe hier)!
Sascha Liebermann
8. September 2017
"Susanne Garsoffky: Nur ein bedingungsloses Grundeinkommen kann Probleme lösen"...
"GARSOFFKY: Wir wollen weg vom umlagefinanzierten System und plädieren für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Wer außerdem arbeitet, verdient dann mehr. Für Kinder gäbe es auch ein Grundeinkommen, möglicherweise niedriger als für Erwachsene. Davon würde zum Beispiel die wachsende Zahl der Alleinerziehenden profitieren, und es wäre auch eine Maßnahme gegen Kinderarmut.
Halten Sie das für realistisch?
GARSOFFKY: Am Anfang dachten wir selbst, es handele sich beim Grundeinkommen um eine unrealistische Idee. Aber wir haben intensiv recherchiert und inzwischen klinken sich viele in diese Debatte ein. Und sie wird auch relevanter werden, weil durch die Digitalisierung viele Arbeitsplätze wegfallen. Deswegen ist ein Grundeinkommen nicht vollkommen unwahrscheinlich. Zur Höhe gibt es natürlich verschiedene Modelle. Es fielen dann alle anderen Sozialleistungen weg – und somit auch viel Verwaltungsaufwand.
Wäre ein Grundeinkommen nicht für manche ein falscher Anreiz, nicht mehr zu arbeiten oder Kinder zu bekommen, um die sie sich nicht kümmern oder die sie gar misshandeln?
GARSOFFKY: Solche Fälle lassen sich natürlich nicht ausschließen. Aber es ist eine Frage des Menschenbildes, das wir haben. Ob wir den Menschen für grundsätzlich faul halten – oder ob wir glauben, dass er grundsätzlich nach einer sinnvollen Beschäftigung sucht. Wenn wir dem zweiten Bild zuneigen, dann glauben wir auch, dass die meisten verantwortungsvoll mit einem Grundeinkommen umgehen würden. Und die Minderheit, die das nicht kann, muss eine liberale und demokratische Gesellschaft tolerieren können."
Es ist doch interessant zu sehen, wie ein Wandel hin zum BGE sich durch die Auseinandersetzung mit bestimmten Fragen ergeben kann, wenngleich hier offenbar ein bestimmtes Konzept den Denkanstoß gegeben hat. Es ist keineswegs notwendig, alle Leistungen jenseits des BGEs abzuschaffen.
Sascha Liebermann