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17. November 2024

"Was hat das eine mit dem anderen zu tun?" - Cem Özdemir über Grundeinkommen und Kita

Siehe unseren früheren Beiträge zu Ausführungen Cem Özdemirs hier, zu Bildung siehe hier.

Sascha Liebermann

20. Januar 2023

Erfahrungsbildung oder Stoffvermittlung?

Diese alte Frage stellt sich nun wieder, wenn Erfahrungsbildung heißt, einen Erfahrungsprozess zu durchlaufen, in dem sich die Fähigkeiten einer Person herausbilden, Neues zu erzeugen, wozu in Schule und Studium auch gehört, Argumentationszusammenhänge herzustellen und das Problem, auf das hin sie eine Antwort geben, zu bestimmen. Stoffvermittlung beinhaltet hingegen lediglich, Bekanntes, Routinisiertes, zu reproduzieren oder aufzubereiten (siehe auch hier).

Die Diskussion um ChatGPT macht etwas deutlich, wie sehr die Entstehung von Neuem im Zentrum von Bildungsprozessen stehen muss und nicht die Reproduktion des Routinisierten. Die vergangenen Jahrzehnten waren aber durch letzteres dominiert, wie die Bologna-Reformen in den Hochschulen besonders deutlich werden ließen: Lehre wurde zu Unterricht, die Offenheit des Bildungsprozesses bei relativ geringen Pflichtanteilen (in den alten Magisterstudiengängen) zur relativen Dominanz von Pflichtanteilen und Verworkloadisierung des Studiums. Dass sich in den „Bologna“-Reformen auch der Geist von Misstrauen, Kontrolle und Beaufsichtigung zum Ausdruck gebracht hat, sollte nicht übersehen werden.

Welche Möglichkeiten ein Bedingungsloses Grundeinkommen in diesen Zusammenhängen böte, dazu hier.

Zur weiteren Lektüre siehe z. B.

„Technokratisierung durch Selbstentmachtung: Anmerkungen zum Versagen der wissenschaftlichen Profession und eine alternative Antwort auf die Probleme der Hochschule heute

Erforschung der Welt und Befreiung des Geistes. Wie gestalten wir Universität im 21. Jahrhundert? Eine Skizze

„Unterstützung durch Überanpassung. Wer trägt die Verantwortung für fehlgeschlagene Hochschulreformen?“<

Infantilisierung der Studenten durch Anwesenheitspflicht. Freiheit und Verantwortung als konstitutive Momente des Studiums

„Autonomie und Verantwortung im Studium. Zur Diskussion über Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen und ihre Aufhebung“

Sascha Liebermann

13. August 2021

FDP hält den Freiheitsbegriff paternalistisch hoch und ist zugleich Dahrendorfvergessen...

...denn er hat gerade ein garantiertes Grundeinkommen mit dem Freiheitsverständnis der Demokratie in Verbindung gebracht, es als Notwendigkeit betrachtet und es nicht als steuertechnische Frage betrachten wollen. Grundeinkommen als "konstitutionelles Anrecht" war seine Haltung dazu. Weitere Beiträge zu Dahrendorfs Äußerungen finden Sie hier. Christian Lindners Freiheitsverständnis finden Sie hier und hier.

Was ein BGE für Bildung leisten könnte, siehe dazu hier, hier, hier und hier.

Sascha Liebermann 

11. Dezember 2020

"Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung" oder: je weniger Zeit für Familie, desto besser

Auch für den DGB ist das ein wichtiges Thema, so Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende in einer Stellungnahme:

"Gute Bildung und Betreuung sind Lebensadern für Familien und für unsere Gesellschaft – das hat die Corona-Krise einmal mehr bestätigt. Deshalb ist es wichtig, dass ein weiterer gesellschaftlicher Meilenstein, den sich diese Koalition gesetzt hatte, jetzt auch genommen wird. Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung muss kommen. Die Ministerpräsidenten müssen jetzt ihrer Verantwortung gerecht werden und dafür eine Bund-Länder-Vereinbarung auf den Weg bringen.

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ist das wichtigste bildungs-, familien- und sozialpolitische Vorhaben in dieser Legislatur. Damit es erfolgreich sein kann und sozial bedingte Bildungsbarrieren besser abgebaut werden, muss die Qualität stimmen. Dafür braucht es mehr Erzieher/-innen, Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen im Ganztag.

Guter Ganztag bietet Zeit für individuelle Förderung, Kompetenzentwicklung und die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen. Genau das erwarten auch die Eltern."

"Sozial bedingte Bildungsbarrieren" - damit ist jeder Eingriff begründbar und die Eltern werden als Hindernis dafür betrachtet , Barrieren aus dem Weg zu räumen.

Eltern vermitteln aber andere Dinge, die Bildungseinrichtungen gar nicht vermitteln können und sie sind nicht defizitär. Statt einer pauschalen Verunglimpfung familialer Beziehungen stünde eine Kritik des Bildungswesens an, der zu starken Mittelschichtsorientierung, des undifferenzierten Blicks auf Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen. Auf den Punkt gebracht, könnte man die Forderung auch so formulieren: Je weniger Zeit für Familie, desto besser. Familienleben ist obsolet oder zumindest eine nachrangige Angelegenheit. Ganztagsbetreuung ist die andere Seite der Medaille "Erwerbsgebot", das eine soll dem anderen dienen, das erstere dem letzteren. 

Wer es mit Bildung ernst meint, muss zuerst einmal den Eltern die Möglichkeiten verschaffen, dass sie sich der Aufgabe Elternschaft frei stellen können. Das geht nicht, solange das Zuhausesein als nachrangig zur Erwerbstätigkeit betrachtet wird. Ganztagsbetreuung heißt, den Erfahrungsraum von Kindern verengen, Erfahrung ist nur noch im institutionellen Rahmen vorgesehen. Kinder leben aber immer in einer Familie, mit einer konkreten Nachbarschaft und Erfahrungsräumen, die daran anschließen, die mit Betreuungseinrichtungen nichts zu tun haben. Diese Erfahrungsräume zu erkunden, was man früher Herumstreunern genannt hat, ist für Bildungsprozesse wichtig.

Siehe zum Primat der Erwerbstätigkeit, mit der noch alle Probleme offenbar gelöst werden sollen auch auch den Beitrag von Margrit Stamm, die hier sogar von Liebesentzug spricht (siehe auch Beiträge zu Remo Largo).

Sascha Liebermann

25. November 2020

Weiterbildung vs. Bedingungsloses Grundeinkommen - ein falscher Gegensatz, denn....

...Bildung geht vom Individuum aus, sie setzt seine Bereitschaft voraus, sich einlassen zu wollen. Bildung ist nicht erzwingbar. Was wir also brauchen, ist ein Bildungs- und Weiterbildungswesen, das die Voraussetzungen für Bildung ernst nimmt, statt sie in Abrede zu stellen. Ein BGE schafft genau die Voraussetzungen dafür, vorbehaltlos auf die Bereitschaft des Individuums zu setzen. Wie wichtig das ist, wusste der kürzlich verstorbene Remo Largo aufgrund seiner langjährigen Forschung allzu gut. Dass die rigide Schulpflicht in Deutschland genau diese Bildungsvoraussetzungen unterläuft, auch dazu gibt es gewichtige Argumente aus der Sozialisations- und Bildungsforschung. Wer es mit Leistung ernst meint, muss grundsätzlich denken, statt Unternehmen als Erziehungsanstalten zu verstehen. 

Sascha Liebermann

"Wenn ich nur darf, was ich soll, aber nie kann, wenn ich will..." - eines von Largos häufig verwendeten Zitaten weist den Weg zum Bedingungslosen Grundeinkommen

Siehe unseren Beitrag zum Tod von Remo Largo hier

22. Mai 2020

Resilienz - ein schimmernder Begriff, seine optimierungsbezogene Umdeutung und die Verbindung zum Grundeinkommen

Remo Largo, der in seiner Zeit am Zürcher Kinderspital eine der wenigen Longitudinalstudien zur kindlichen Entwicklung verantwortete, kommt im NZZ Podcast auf Resilienz zu sprechen und erläutert, wie er sie versteht, was sie auszeichnet und geht auf Anfänge der Forschung dazu ein. Aufschlussreich ist, welchen Stellenwert Largo - nicht überraschend vor dem Hintergrund seiner über die Jahre zahlreichen Stellungnahmen - den Beziehungen zwischen Menschen, der Anerkennung des Gegenübers um seiner selbst willen, in diesem Zusammenhang beimisst. Bildungsprozesse im umfassenden Sinne, die in der Familie beginnen, haben hierfür eine große Bedeutung, ebenso für die Nicht-Herausbildung von Resilienz. Largo kommt in seinem letzten Buch "Das passende Leben" im Schlusskapitel auf das Bedingungslose Grundeinkommen zu sprechen, allerdings nur bezogen auf Folgen der Digitalisierung, ohne die Brücke zwischen einem BGE und seinen eigenen Ausführungen zum Stellenwert von Beziehungen zu schlagen. Was Largo im Podcast für die konkrete Begegnung mit einem Gegenüber angeht, gilt strukturell auch für ein BGE, denn es bringt zum Ausdruck, dass ein Gemeinwesen, vor allem anderen, jeden, der ihm angehört, so anerkennt, wie er ist, ohne seine Existenzsicherung von anderen Leistungen abhängig zu machen.

Siehe auch unseren früheren Beiträge zu Remo Largo hier, zu Bildung hier.

Sascha Liebermann

11. Februar 2020

Bildung durch Muße! - Aber Sinnerfüllung als Anreiz?

In seinem Beitrag (hier auf der Website der Universität Kiel, hier der Link zum entsprechenden Vortrag) "Demokratisierung der Muße? Das bedingungslose Grundeinkommen aus bildungstheoretischer Sicht" macht Manuel Franzmann auf einen wichtigen Zusammenhang zwischen Bildung und Muße aufmerksam. Von dort aus begründet er den Stellenwert eines Bedingungslosen Grundeinkommens, womit er eine elementare Bestimmung von Bildungsprozessen im Allgemeinen hervorhebt. Damit setzt er einen wichtigen Kontrapunkt zur verbreiteten Vorstellung, Bildung bedürfe "Anreize", um in Gang zu kommen. In einem Twitterbeitrag allerdings hat er diese Verknüpfung selbst gemacht:
Der Begriff "Anreiz" ist eine black box, in der Verwendung meist unterbestimmt und in der Regel für von außen auf ein Individuum wirkende Stimuli gebraucht. Selten wird er differenzierter verwendet, wobei dann sogleich klar wird, dass es besser wäre, sich seiner ganz zu entledigen.

Siehe unsere Beiträge zu BGE und Bildung z. B. hierhierhierhier und hier.

Sascha Liebermann

10. Januar 2020

Wenn das eine nicht aus dem anderen folgt - der Sozialphilosoph Axel Honneth zum Grundeinkommen

Axel Honneth, Prof. em. an der Goethe-Universität Frankfurt, äußerte sich in einem Interview mit dem Handelsblatt ausführlich zum Bedingungslosen Grundeinkommen und weiteren Fragen, die damit in Verbindung stehen. Dabei fällt auf, dass Honneth sich recht abstrakt mit gesellschaftlichen Entwicklungen befasst, so z. B. hier:

"[Handelsblatt] Dabei hatte der Mensch wohl noch nie so viel Freizeit wie heute.
[Honneth] Es ist aber eine freie Zeit, die viel stärker als früher gleichzeitig von Forderungen des Arbeitslebens durchzogen ist – was durch die Digitalisierung inzwischen noch gesteigert wurde. Nur die wenigsten von uns sind doch konsequent offline am Abend und am Wochenende."

Hier wie auch an späteren Stellen verliert Honneth kein Wort darüber, wie sehr die Bedeutung des  "Arbeitslebens" durch sozialpolitische Reformen verstärkt wurde. Zwar reagierten die Agenda 2010 und ihre Vorläufer schon auf Wandlungen in der Deutung des Stellenwertes von Erwerbstätigkeit, sie haben zugleich aber diese verstärkt. Die Verschärfung von Sanktionsmöglichkeiten so wie die workfare-Ausrichtung der Sozialpolitik haben diese Entwicklung institutionalisiert. Die Entleerung des Leistungsbegriffs (siehe auch hier), die Bejubelung jegliches Zuwachses an Erwerbstätigen, ganz gleich in welchem Umfang, sind Ausdruck dessen. Es sind nicht einfach "Forderungen des Arbeitslebens", wie Honneth sagt, es handelt sich um einen breiten normativen Konsens bezüglich des Stellenwertes von Erwerbstätigkeit, der dazu führt, dass sich die "Forderungen des Arbeitslebens" so entwickeln können. Vielleicht würde Honneth das auf Rückfrage ähnlich sehen, es fällt allerdings auf, dass er es gar nicht erwähnt.

In der folgenden Passage wird nach dem Bedingungslosen Grundeinkommen gefragt:

"[Handelsblatt] Wie bewerten Sie den weitverbreiteten Wunsch, weniger arbeiten zu wollen, und dafür auch Gehaltseinbußen hinzunehmen?
[Honneth] Das ist die Vision des normalen Bürgers. Der will schon arbeiten, aber nicht mehr auf Kosten von Familie und Freizeit. Die direkte Nachkriegsgeneration war da noch anders motiviert. Sie wollte den Wiederaufbau um jeden Preis mitbestreiten. Die Söhne, Töchter und Enkel dieser Nachkriegsgeneration wollen mehr freie Zeit und sind dafür auch bereit, auf Anerkennung in Form von Geld zu verzichten. Und lassen Sie mich bitte einige Sätze zum bedingungslosen Grundeinkommen sagen …"

Vermutlich bezieht sich Honneth für seine Einschätzung auf Befragungen, diese sagen aber nichts darüber aus, wie jemand handelt. Womöglich bezieht er sich auch auf die Diskussion um die Generation Y. Während in offenen Interviews eine Diskrepanz zwischen beidem - Einstellung und Handeln - konkret bestimmbar wäre, ist das bei standardisierten Befragungen methodisch nicht möglich, es lässt sich nur eine Nicht-Übereinstimmung zwischen zwei Antworten zu einer ähnlichen Frage feststellen mittels einer Kontrollfrage. Wenn man nach Hinweisen sucht, wie es sich mit dem Stellenwert von Erwerbstätigkeit verhält, so spricht die Betreuungsquote von Kindern unter drei Jahren, nach Angaben des Statistischen Bundesamtes, eine andere Sprache. Diese Quote steigt stetig an, aber nicht nur in diesem Bereich. Auch die Ausweitung der Schulzeiten in der Grundschule durch die Nutzung von Ganztagsbetreuung hat in den letzten Jahren zugenommen. Zugleich gibt es keine Diskussion darüber, dass es "Mehr Zeit für Familie" geben müsste, der gleichnamige Familienbericht plädiert eher für das Gegenteil. Das 2007 eingeführte Elterngeld stößt in dasselbe Horn, prämiert Erwerbstätige und deren baldige Rückkehr in den Arbeitsmarkt und unterwirft Familie demselben normativ betrachtet stärker denn zuvor.

Dann kommt Honneth direkt auf das BGE zu sprechen:

"[Handelsblatt] Bitte!
[Honneth] Ich halte recht wenig vom bedingungslosen Grundeinkommen. Nehmen wir einmal an, dadurch könnte tatsächlich jedem Bürger und jeder Bürgerin ein minimales Auskommen garantiert werden – wie aber käme dann noch ein gesellschaftlicher Zusammenhalt zustande? Die Gefahr scheint mir, dass sich solche Bindungen nur noch privat ergeben würden, es fehlte, was uns über unsere individuellen Präferenzen hinaus noch verbinden könnte."

Diese Einlassung ist erstaunlich, und zwar weil darin Honneths Verständnis davon deutlich wird, wie Solidarität entsteht und sich erhalten kann. Die Bereitstellung eines BGE wäre ja gerade eine eminent politische Entscheidung dafür, dass die Gemeinschaft ihren Bürgern eine Einkommensgarantie gewährt - die Bürger also sich selbst ohne Vorbehalte. Das ist als solches ein Zeichen von Solidarität, nimmt die Bürger in ihrer Stellung im Gemeinwesen ernst und stutzt Erwerbstätigkeit auf das zurück,  was sie ist, ein Beitrag unter anderen, von dem jedoch der Staatsbürgerstatus nicht abhängt. Deswegen kennt das Grundgesetz auch keine Erwerbsobliegenheit (das lässt sich auch dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts entnehmen). Wenn Honneth nun also die Dimension politischer Gemeinschaft nicht als Vebindendes sieht, die Zusammenhalt bedeutet, welche dann? Es bliebe dafür nur Erwerbstätigkeit und genau dies wäre illusionär, weil Erwerbstätigkeit Bürger nicht um ihrer selbst willen integriert, sie sind lediglich aufgabenspezifisch relevant. Genau das unterscheidet moderne Arbeitsverträge von Feudalverhältnissen, dass beide Vertragsparteien sich geregelt voneinander trennen können.

Weiter sagt Honneth direkt auf die vorangehende Passage folgend:

"Zudem entstünde das Risiko, einen zentralen, ethisch grundierten Haltepunkte im Leben zu verlieren, der der eigenen Existenz über die persönlichen Beziehungen hinaus Sinn und Orientierung verleiht. Einer geregelten, einigermaßen sinnvollen Arbeit nachzugehen bedeutet auch, einen gesellschaftlichen Beitrag leisten zu können und dafür etwas Lebensnotwendiges zu erhalten, nämlich soziale Anerkennung."

Hier wird deutlich, dass Honneth zwei Logiken von Anerkennung durcheinanderbringt, die getrennt gehalten werden müssen. Die eine ist die Anerkennung der Person um ihrer selbst willen, dafür gibt es zwei elementare Orte: Familie und politische Vergemeinschaftung. Die andere ist die Anerkennung um einer Leistung willen, sie richtet sich nicht auf die ganze Person, sondern auf sie in ihren Fähigkeiten, Aufgaben zu bewältigen. Dieser "gesellschaftliche Beitrag" ist ein ganz anderer als der Beitrag als in der ersten Dimension. Unbezahlte Arbeit taucht hier überhaupt nicht auf, auch das ist bemerkenswert.

Der Journalist des Handelsblattes ist offenbar auch irritiert und fragt zurück:

"[Handelsblatt] Anerkennung ist Ihr großes Thema. Sie haben viel dazu geschrieben … Deshalb die Frage: Kann ein Mensch seine Anerkennung nicht auch aus anderen Tätigkeiten ziehen? Würde das bedingungslose Grundeinkommen nicht auch frei machen für die wichtigen Dinge in der Welt und im Leben?
[Honneth] Nein, das könnte leicht auf eine elitäre Annahme hinauslaufen. Denn auch mit einem garantierten Grundeinkommen bräuchten wir doch mehr als bloß die vielleicht gewonnene Zeit, um uns, wie Sie sagen, den „wirklich wichtigen“ Dingen im Leben zuzuwenden. Wir bräuchten kulturelle Anregungen, Informationen über ethische Alternativen, Erfahrungen mit fremden Lebensweisen, kurz, all das, was Bildung im weiten Sinn genannt wird."

Dass Honneth hier eine "elitäre Annahme" befürchtet, ist indes selbst elitär, spricht er doch dem Einzelnen ab, dass Erfahrungsprozesse von ihm ausgehen müssen, statt von außen veranlasst zu werden. Er muss - und das muss er heute auch - entscheiden, was für ihn die wichtigen Dinge sind. Dazu kann ein Gemeinwesen nur Infrastruktur bereitstellen. Daran würde ein BGE gar nichts ändern, es würde diese Zumutung noch verstärken. Was dann noch hinzutreten kann, schließt ein BGE gar nicht aus, Honneth aber formuliert dies so, als würde erst durch "kulturelle Anregungen" (meint er so etwas wie "kulturelle Bildung") - was auch immer das wäre - Handlungsfähigkeit entstehen. Weshalb setzt er überhaupt das eine und das andere einander entgegen? Und sein Bildungsverständnis erweist sich dabei doch als erstaunlich verkürzt, denn die entscheidenden Bildungsprozesse vollziehen sich zuerst einmal innerhalb der Familie, es ist längst bekannt, wie bedeutsam sie sind. Erst darauf folgen Bildungseinrichtungen, die eben nicht abfangen können, was innerfamilial schief läuft. Erfahrungsprozesse können nur ermöglicht, nicht aber erzwungen werden.

Er fährt fort:

"All das können wir aber nur erwerben, wenn wir uns im Austausch mit anderen befinden und dank einer guten Ausbildung diese kulturellen Wissensvorräte aneignen können. Und dazu regt im allgemeinen gerade die Einbeziehung in die gesellschaftliche Arbeitsteilung an. Vorausgesetzt, sie ist fair organisiert, bietet genügend Raum für sinnvolle Tätigkeiten und ist gut genug vergütet."

Auch hier wieder verkürzt er, der Austausch beginnt doch viel früher schon, sie setzt Bildungsprozesse in der Familie voraus, nicht umgekehrt. Dann erst folgen Prozesse "gesellschaftlicher Arbeitsteilung", wobei Honneth hier überhaupt nicht unterscheidet zwischen denen, in die die ganze Person involviert ist (politische Vergemeinschaftung) und denen, in die sie nur bezogen auf die Bewältigung von Aufgaben involviert ist (Arbeitswelt). Und wer entscheidet darüber, ob Tätigkeiten sinnvoll sind? Dazu bedarf es zweier Momente, auf der einen Seite die gesellschaftliche Dimension einer Tätigkeit, auf der anderen die Neigungen einer konkreten Person, die sich entscheiden muss. Der Sinn für einen, ergibt sich nicht aus der gesellschaftlichen Sinnhaftigkeit von Tätigkeiten. Nicht alles ist für jeden gleichermaßen sinnstiftend, sofern er dazu keine persönliche Affinität hat.

"[Handelsblatt] Das sind aber leider nicht alle Jobs ...
[Honneth] Dennoch. Wenn wir durch ein minimales Grundeinkommen freigesetzt werden, so entsteht doch die Gefahr, dass die, die schon über ein solches kulturelles Wissen verfügen, weiter gedeihen, und die anderen, die schon bislang von all dem ausgeschlossen waren, weiter in das kümmerliche Leben einer reinen Privatperson ohne gesellschaftliche Bindung getrieben werden."

Wer entscheidet darüber, dass dies so ist, wie Honneth sagt? Sicher, ein Gemeinwesen, dass das geschehen lässt und die Lage nicht verändern will, darin würde sich die Lage womöglich so entwicklen. Honneth denkt aber über die Köpfe derer hinweg, die in ihrer Entscheidungsfähigkeit gestärkt werden könnten durch ein BGE. Und wer entscheidet, welches kulturelle Wissen das richtige und wichtige ist? Für Honneth steht das offenbar fest, ist es aber nicht in einer Demokratie auch immer strittig, worin das besteht und muss stets neu austariert werden? Honneths Ausführungen sind hier ganz ähnlich zu denen Anke Hassels.

In diesem Sinne geht es auch weiter:

"Nein, ich denke, dass es derzeit zum Programm einer besseren, gerechteren, jeden mit mehr sinnvollen Tätigkeiten versehenden Arbeitsteilung keine Alternative gibt. Wer dank eines minimalen Grundeinkommens aus dieser Arbeitsteilung herausfällt, dem fehlen wahrscheinlich genau das aktive Miteinander, der arbeitsteilige Austausch und die kulturelle Anregung, die für die Beschäftigung mit „wirklich wichtigen“ Dingen des Lebens die Voraussetzung bilden."

Hier wird der Bürger letztlich zum Objekt der Arbeitszuteilung, wenn er gar nicht selbst sich auf die Suche macht, sondern mit "Tätigkeiten" versehen wird. Es gibt heute freie Berufswahl und auch sonst ist man darin frei, Tätigkeitsfelder zu suchen - einzig das Erwerbsgebot fordert dafür, einen bestimmten Weg zu beschreiten, will man nicht gegen den gemeinschaftlichen Konsens handeln. Was Honneth vorsieht, geht weit dahinter zurück. Immerhin ist er gegen Ende des Absatzes vorsichtig, wenn er sagt, "wahrscheinlich" fehle jemandem das "aktive Miteinander", der aus diesen Zusammenhängen herausfalle, aber was hat das mit einem BGE zu tun? Es weitet doch vielmehr das Feld, im dem Engagement erwünscht ist.

Auf die Frage des Interviewers nach dem Stellenwert von Familie antwortet Honneth:

"Sie ist trotz ihrer kulturellen Hinterfragung für den Einzelnen wichtiger geworden. Und um dieses gestiegene Bedürfnis nach Familie verwirklichen zu können, braucht man Zeit. Wir sehen das gerade sehr deutlich daran, dass auch Väter mehr und mehr bereit sind, für die Kinder zu Hause zu bleiben, Elternzeit zu nehmen oder in Teilzeit zu gehen."

Hier scheint sich Honneth wieder auf Befragungen zu berufen, sowohl die Statistiken zur Nutzung des Elterngeldes (das nur für eine kurze Zeit gezahlt wird) als auch die Interviews mit Eltern kleiner Kinder, die wir im Rahmen eines Projekts ausgewertet haben, zeugen davon, dass sich Eltern, hier besonders Väter, erheblich mehr Zeit nehmen würden. Man beachte dazu nur die Ausweitung nicht nur der Betreuungszeiten in Kitas, auch die Ausdehnung auf immer jüngere Kinder, eine Entwicklung vor allem der vergangenen zehn Jahre in Deutschland. Hier darf man sich von oberflächlichen Befragungen nicht blenden lassen, das eine ist, etwas als wichtig zu erklären, das andere, entsprechend zu handeln. Familie ist zum Anhängsel des Arbeitsmarktes geworden - eine Abkehr ist davon kann ich nicht feststellen.

Erst am Ende des Interviews lässt Honneth noch aufscheinen, dass es etwas jenseits von Erwerbsarbeit gebe:

"Es muss sich dabei nicht nur um finanziell vergütete Arbeit handeln, häufig reicht, will man noch die Erfahrung des Gebrauchtseins machen, die öffentliche Anerkennung durch staatliche Instanzen oder private Träger. Wie gesagt: Der Mensch braucht Arbeit zur Strukturierung seines Lebens und zur Erfahrung gesellschaftlicher Einbeziehung – und das gilt auch noch fürs Alter!"

Immerhin. Besteht allerdings die "öffentliche Anerkennung" lediglich darin, warme Worte zu sprechen oder Ehrungen vorzunehmen, was viele Ehrenamtliche gar nicht wollen, ändert dies nichts am Vorrang des Erwerbsgebots. Damit bleibt der normative Maßstab erhalten, der alles andere jenseits der Erwerbstätigkeit heute degradiert. Dass Honneth die Haushaltstätigkeiten unter den Tisch fallen lässt, überrascht dann auch nicht mehr.

Es ist erstaunlich, wie engstirnig bzw. kurzsichtig eine Sozialphilosophie der Anerkennung ausfallen kann, die ein solche hohes Ansehen in öffentlichen Debatten genießt.

Sascha Liebermann

5. Juni 2019

26. Oktober 2018

"Die Kinder werden zu überangepassten Wesen" und ein Bedingungsloses Grundeinkommen...

...darüber sprach die Basler Zeitung mit Remo Largo (seine Website, siehe frühere Kommentare von uns hier), Entwicklungsforscher und Kinderarzt, ehemaliger Professor am Zürcher Kinderspital. Es geht darin um das Schulsystem, seine spezifische Leistungsorientierung und die Tabuisierung von Begabungsunterschieden, die nicht "ausgebügelt" werden könnten, die der Einzelne anzunehmen lernen müsse. Auch die Gesellschaft müsse damit anders umgehen statt Bildungsziele zu normieren. Wie in seinem Buch "Das passende Leben" und in früheren Schriften geht es vor allem darum, Bildung vom Kind her zu denken, nicht von den abstrakt formulierten vermeintlichen Erfordernissen der Nutzbarkeit. Vom Kind her gedacht kann es seine Begabungen am besten entfalten.

An einer Stelle kommt die Sprache auf ein Bedingungsloses Grundeinkommen, wozu Largo sich in jüngerer Zeit wiederholt geäußert hatte, meist jedoch vor allem mit Bezug auf etwaige Folgen der Digitalisierung. Was sagt er?

BAZ: "Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft aus, wenn wir weitermachen wie bisher?
Wir müssen gar nicht in die Zukunft schauen. Wir haben ja schon jetzt ein monströses Problem, das sich einfach noch verstärken wird. Nicht nur in der Schule, auch in der Wirtschaft. Die Arbeit ist immer mehr sinnentleert. Immer mehr Menschen arbeiten nur noch für den Lebensunterhalt. Doch der Mensch hat ein Bedürfnis nach Befriedigung und Wertschätzung. Er will seine Begabungen bei der Arbeit einsetzen, Leistung erbringen. Das ist in der Wirtschaft immer weniger möglich. Wenn wir beispielsweise ein Grundeinkommen hätten, hätten wir viel mehr Freiheiten, das zu tun, was wir wollen und auch brauchen."

Dieser Gedanke entspricht ganz seinem Fit-Konzept, passt aber gleichermaßen zu der Einsicht, dass Leistungserbringung immer auch mit Neigung und Fähigkeiten zu tun hat sowie mit einer Sache oder Aufgabe, der man sich auch widmen will. Ein BGE, das scheint er zu meinen, würde die Bedingungen dafür verbessern, eine solche Entsprechung zwischen Neigungen und Aufgabe näher zu kommen. Weiterhin heißt es:

"Das bedingungslose Grundeinkommen haben wir jedoch vor Kurzem an der Urne verworfen.
Das kommt wieder. Es ist unvermeidlich, da es bald gar nicht mehr genug Arbeit für alle geben wird. Digitalisierung und Automatisierung vernichten Stellen. In den nächsten 10 bis 20 Jahren werden 50 Prozent aller Dienstleistungsstellen verloren gehen. Der Lebensunterhalt kann nicht mehr nur durch Arbeit allein finanziert werden. Wir werden das Grundeinkommen schneller einführen, als wir uns das derzeit vorstellen können."

Die Bemerkung der BAZ-Journalistin ist knapp, geht gar nicht darauf ein, dass fast ein Viertel der Stimmen pro Volksinitiative waren, das ist nicht wenig. Largo hingegen ist sich ganz sicher, es wird kommen, doch wie begründet er das? Mag sein, dass es so kommt oder auch nicht. Es ist, wie bei früheren Ausführungen von ihm auch (siehe oben den Verweis auf Kommentare), eine gewisse Verengung der Thematik. Erst weitet er sie, in dem er von den Freiräumen spricht, die entstehen, das entspricht ganz dem BGE. Dann begründet er es mit der Digitalisierung, was nicht nötig wäre und nicht zwingend ist. In seinem Buch "Das passende Leben" beschäftigt ihn die Frage, die im Interview mit der BAZ ebenso auftaucht, wie wir denn leben wollen. Das ist eine gemeinschaftliche Frage, wie das BGE eine gemeinschaftliche Antwort wäre - es würde unser Solidarverständnis verändern, und den Blick auf andere Fragen verschieben bzw. heutige Fragen anders stellen.

Sascha Liebermann

"Die Postleitzahlen als Glaskugel-Ersatz für die Vorhersage der Bildungschancen der Kinder?"...

...eine differenzierte Besprechung der jüngsten Berichterstattung von Stefan Sell über eine OECD-Studie zu ungleichen Bildungschancen in Deutschland. Darin nimmt er nicht nur die Schlussfolgerungen aus der Studie und ihre Aufnahme in den Medien unter die Lupe, er zeigt sich auch kritisch bezüglich der Daten, auf die sich die Schlussfolgerungen beziehen: die PISA-Studie 2015. Einen der Vorschläge, Ganztagsschule (siehe auch hier und hier) auszubauen und sich davon Verbesserungen zu erhoffen, stuft er als Glaubensfrage ein. Sell äußert sich zwar nicht weiter dazu, es wäre hier aber zu ergänzen, dass die Ganztagsschule auf Kosten des Familienlebens geht und man sich fragen muss, was damit angerichtet wird, zumal echte Ganztagsschule heißt, dass Kinder sich immer in Beaufsichtigungszusammenhängen aufhalten, die gerade nicht zum Nahraum ihres Lebensumfeldes gehören.

Da in der Regel die Vorschläge zur Verbesserung in die Richtung weisen, Erwerbstätigkeit der Eltern zu fördern, wäre die gegenteilige Frage zu stellen, ob es nicht sinnvoller wäre, den Eltern mehr Freiräume zu verschaffen, damit sie zuhause sein können? Wer Familie fördern will, muss ihr Zeit verschaffen, statt die Abwesenheit der Eltern immer weiter zu treiben. Zugleich erfordert dies, das Zuhausesein nicht mehr als weniger wünschenswert einzustufen, wie es durch die Fixierung auf Erwerbstätigkeit geschieht. Also, wie dahin gelangen? Das geht nicht, solange der Vorrang von Erwerbstätigkeit besteht, deswegen bleibt nur: ein Bedingungsloses Grundeinkommen. In der Diskussion um Bildungschancen darf nicht vergessen werden, dass wir in Deutschland womöglich noch ein ganz anderes Problem in dieser Hinsicht haben: wir denken geradezu ständisch, was Bildungszertifikate betrifft, sortieren schnell in Schubladen ein. Wer also an ungleichen Bildungschancen etwas ändern will, muss dort anfangen, wo vorschnell in Schubladen einsortiert wird.

Sascha Liebermann

28. Juni 2018

Bildungsauszeiten für alle statt widersinniges Grundeinkommen...

...darüber hat sich der Politikwissenschaftler Sven Jochem im Südkurier ausgelassen. Anlaß für den Beitrag ist der Bildungsbericht 2018 (siehe auch hier), der Jochem zu einer Kritik an der deutschen Bildungspolitik führt:

"Warum wird das erste Studium nicht, wie in Nordeuropa, unabhängig von den Möglichkeiten der Familie für alle finanziell gefördert? Warum zerbrechen wir uns die Köpfe über ein widersinniges Grundeinkommen und fordern nicht vielmehr von der Arbeitsagentur finanzierte Bildungsauszeiten für alle?"

Über Bildung nachzudenken, über die Voraussetzung, die gegeben sein müssen, damit sie gelingen kann, das ist unstrittig. Aber würde ein BGE nicht gerade eine solche Förderung ermöglichen, ohne allerdings davon abhängig zu sein, das BGE dazu zu nutzen? Jochem plädiert, ohne es auszusprechen, für eine Fortführung einer Bildungspolitik, die sich am Arbeitsmarkt orientiert, dessen zukünftige Erfordernisse wir nicht kennen. Wäre es nicht gerade hilfreich, Bildung wieder weniger am Arbeitsmarkt zu orientieren, damit sie grundsätzlicher werden kann?

Sascha Liebermann

8. Juni 2018

"Wer heute vor dem Fernseher sitzt, wird vermutlich noch länger vor dem Fernseher sitzen"...

...so der Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher in einem Interview mit der Luzerner Zeitung. Es ist die einzige Passage, in der es um das BGE geht. Was hat er darüber hinaus gesagt?

Luzerner Zeitung: "Mal angenommen, wir hätten dank einem Modell wie dem bedingungslosen Grundeinkommen bald einen Haufen Menschen ohne existenzielle Probleme: Was werden die dann tun?"
Lüscher: "Wer heute viel vor dem Fernseher sitzt, wird vermutlich noch länger vor dem Fernseher sitzen. Es ist eine etwas romantische Vorstellung, das sich plötzlich alle dem Verfassen von Gedichten oder der Ölmalerei widmen werden. Die Schulausbildung, die wir geniessen, zielt nicht gerade darauf ab, einen darauf vorzubereiten, ein Leben selber zu gestalten. Man wird auf den Arbeitsmarkt vorbereitet, um dort Erfüllung zu finden. Wenn das mit dem bedingungslosen Grundeinkommen kein neoliberaler Albtraum werden soll, muss das mit einem kompletten Wandel unseres Ausbildungssystems einhergehen".

Sicher gibt es romantisierend verklärende Vorstellungen davon, was ein Bedingungsloses Grundeinkommen alles leisten würde - Lüscher spitzt das entsprechend zu. Aber das ist doch nur die eine Seite der Debatte, nicht einmal die vorherrschende. Den Realismus des BGE sollte man nicht unterschätzen. Warum sitzt jemand viel vor dem Fernseher? Was hat es mit den Lebenserfahrungen unter bestimmten Lebensbedingungen zu tun? Was würde ein BGE daran ändern? Würde es nicht gerade die stigmatisierenden Effekte aufheben, die heutige Alimentierungssysteme auszeichnen, würdes es also eher ermutigen als an den Rand drängen? Zumindest sollte die Frage doch gestellt werden, statt leichtfertig eine eindimensionale Diagnose abzuliefern. Die Diagnose dann direkt mit dem Schulsystem zu verknüpfen, ist ziemlich vereinfachend, die Eigensinnigkeit des Lebens jenseits des Bildungswesens wird dabei vergessen. Es ist doch das Leben, das auf das Leben vorbereitet, die Schule macht davon nur einen kleinen Teil aus, von daher bietet das heutige Leben schon allerhand Anknüpfungsmöglichkeiten für das BGE, der Arbeitsmarkt ist nur eine Facette der Gegenwart, wenn auch eine besonders herausgehobene.

Sascha Liebermann

18. Mai 2018

"...Zeit haben, um durch Erfahrungen mit Gleichaltrigen sozial kompetent zu werden..."...

...darum ging es in einem Interview mit dem Kinderarzt und Entwicklungsforscher Remo Largo in der Neuen Zürcher Zeitung. Siehe auch den Bericht über ein Gespräch mit Jugendlichen in derselben Zeitung hier. Largo hat Langzeitstudien zur kindlichen Entwicklung am Zürcher Kinderspital durchgeführt, woraus seine bekannten Bücher entstanden sind, zuletzt "Das passende Leben". Darin spricht er gegen Ende über die Chancen, die ein Bedingungsloses Grundeinkommen bedeute, geäußert hatte er sich dazu ebenso in einem Interview. Largo kritisierte immer wieder die Bedingungen des Aufwachsens von Kindern heute, wie wenig kinderfreundlich sie seien. In seinem letzten Buch, wie der Titel schon sagt, geht es um ein Leben, das den menschlichen Bedürfnissen gemäß ist. Irritierend ist an seinen Befunden manchmal, welche Schlüsse er daraus zieht. So hat er wiederholt festgestellt, dass Eltern sich zu wenig Zeit für ihre Kinder nehmen, weil dies so sei, müssten Betreuungseinrichtungen das auffangen. Dabei läge eine ganz andere Antwort nach seinen Forschungsbefunden viel näher. Den Eltern die Möglichkeit zu geben, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Das Arbeitsethos ist in der Schweiz stark ausgeprägt, es gibt nicht einmal eine dem Elterngeld vergleichbare Leistung und der Wiedereintritt in den Beruf nach dem Mutterschutz (nach vier Monaten) ist nicht ungewöhnlich. Im Grunde müsste Largo für ein BGE plädieren, damit Eltern genau das ermöglicht wird und als erwünscht gilt, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen. Doch diesen Schluß zieht er so klar auch in seinem Buch nicht. Im jüngsten Interview klingt das so:

"Herr Largo, Sie haben ein Berufsleben lang und mit vielen Büchern dafür gekämpft, dass Kinder mehr Freiheiten erhalten. Mein Eindruck ist aber, dass ihr Alltag immer strukturierter wird.
Ja, leider. Es ist schwer vermittelbar: Kinder sollten möglichst oft mit anderen Kindern selbstbestimmt spielen können, altersdurchmischt, zigtausend Stunden. Für ihre Entwicklung ist dies eine Notwendigkeit. Viele betrachten das freie Spielen aber als Zeitverlust. Schon früh wird versucht, den Kindern weiss Gott was alles beizubringen. Jetzt gehst du ins Ballett, in den Fussballklub, jetzt spielst du ein Instrument, jetzt machen wir ein Umweltprojekt."

Hier hebt er auf die durchgeplante Kinderheit ab, weil "freies Spielen" als Zeitverlust gilt. Betreuungseinrichtungen tragen allerdings zu dieser Durchplanung bei, weil das Spielen immer in einer Beaufsichtigungssituation stattfindet und nicht verborgen vor den Blicken der Eltern oder anderer Erwachsener. Dann heißt es:

"Trauen wir den Kindern zu wenig zu?
Bei mir war es schon im frühen Schulalter so: An freien Nachmittagen sagte ich nach dem Mittagessen zu Hause in Winterthur Tschüss und kam erst um 18 Uhr wieder nach Hause. Meine Mutter vertraute darauf, dass wir Kinder füreinander Sorge tragen. So haben sich Freundschaften gebildet. Leider ist dies heute kaum mehr möglich."

Das ist genau das unbeaufsichtigte Spielen, das in Einrichtungen so nicht möglich ist. Beaufsichtigungsverzicht und dennoch erreichbar, weil jemand zuhause ist, falls der Wunsch besteht, die Nähe zu suchen.

"Kinder spielen gerne – und ab welchem Alter können sie Freundschaften entwickeln?
Freundschaften entstehen aus Beziehungen. Bei Kindern beginnt es damit, dass sie mit anderen Kindern zusammen sein wollen. Vieles lernen sie von anderen Kindern viel besser als von Erwachsenen. Aus gemeinsamen Erfahrungen und Interessen entstehen Freundschaften. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass man einander mag und den anderen so nimmt, wie er ist. Dies ist, wenn Kinder in Kleinfamilien ohne Kontakt zu anderen Kindern aufwachsen, kaum mehr möglich. Krippen sind daher weit mehr als nur ein Ort der Kinderbetreuung, wenn die Eltern arbeiten. Sie ermöglichen dem Kind Erfahrungen, vor allem soziale, die für seine Entwicklung sehr wichtig sind. Im Kindergarten merkt man sehr gut, welche Kinder zuvor in der Krippe waren. Sie sind sozial und sprachlich weiter."

Hier nun müsste Largo im Grunde sagen, dass der heutige Zustand, wie er es in anderen Interviews kritisiert, ein Missstand ist. Mit Krippen auf ihn zu antworten, ist besser als nichts zu tun. Noch besser aber wäre es, den Erfahrungsraum Familie dadurch zu schützen, das Eltern die Möglichkeit hätten, eben mehr zuhause zu sein und dann ihren Kindern die Begegnungen mit anderen Kindern zu ermöglichen. Genau das sieht er hier nicht vor.

"Die Kinder sollen möglichst früh in die Krippe?
Wenn es keine gute Alternative gibt, ab dem zweiten bis dritten Lebensjahr. Die Krippe ist für mich Teil des Bildungssystems und sollte vom Staat auch so finanziert werden. Im Vergleich mit den meisten europäischen Ländern ist die Schweiz diesbezüglich ein Entwicklungsland."

Hier zumindest wird deutlich, dass es gute Alternativen geben kann, falls es sie nicht gibt, ist die Krippe wichtig. Dass die Krippe bzw. der Kindergarten ein wichtiger Ort für Kinder sein kann, ist gar nicht strittig, die praktische Frage ist lediglich, woran lässt sich entscheiden, ab wann er ein wichtiger Ort ist? Das lässt sich leicht daran erkennen, dass ein Kind gerne dorthin geht, am Wochenende schon den Montag herbeisehnt und von den Eltern nicht überredet werden muss. Das ist etwa zwischen drei und viereinhalb Jahren der Fall, das heutige Kindergarteneintrittsalter in Deutschland bewegt sich an der unteren Grenze und wird schon für zu spät gehalten.

"Es gibt aber auch Kritiker, die vor einer bindungsunfähigen Generation warnen. Weil die Kinder immer früher in Krippen geschickt würden, blieben der Aufbau enger Bande zu den Eltern und damit langfristig die Bindungsfähigkeit auf der Strecke.
Das liegt aber nicht an den Krippen, sondern daran, dass viele Eltern nicht genügend Zeit für ihre Kinder haben. Und es zeigt sich noch ein anderes Problem: Historisch gesehen haben Eltern ihre Kinder nie alleine aufgezogen, sondern in Lebensgemeinschaften mit anderen Bezugspersonen. Die fehlen heute weitgehend. Jetzt sind wir aber vom Thema abgekommen."

Eine interessante, wenn auch nicht sehr ausführliche Anmerkung von Largo, hier besonders auf die gemeinsame Zeit von Eltern und Kindern bezogen.

"Wenn man Ihnen zuhört, erhält man den Eindruck, dass Sie sich ziemlich sorgen um die junge Generation.
Sehr. Ihr Leben ist in Schule, Lehre und Studium hochgradig fremdbestimmt. Ich hatte kürzlich Kontakt mit vier jungen Frauen, die vor der Berufsmatur stehen. Sie erzählten mir, wie viel Zeit sie für sich selber haben: einen halben Tag pro Woche – bestenfalls. Das ist eine Katastrophe. Damit junge Menschen beziehungsfähig werden und sich in der Gesellschaft aktiv beteiligen, müssen sie ausreichend Zeit haben, um durch Erfahrungen mit Gleichaltrigen sozial kompetent zu werden und sich mit Lebensfragen, den Problemen von Gesellschaft und Wirtschaft auseinanderzusetzen. Den notwendigen Freiraum dafür will man ihnen aber nicht geben. Die jungen Menschen sollen möglichst viel Zeit in ihre Ausbildung investieren, damit sie in einer extrem leistungsorientierten Gesellschaft bestehen können. Was aber ist, wenn sie nur über ungenügend ausgebildete soziale Kompetenzen verfügen? Sozial kompetent werden die jungen Menschen nur über eigenständige soziale Erfahrungen."

Eine treffende Kurzanalyse, die deutlich macht, weshalb ein BGE so wichtig ist.

Sascha Liebermann

7. Mai 2018

"Wie gehen wir mit Geringverdienern um..." - Sascha Lobo sorgt sich um die Stilllegung...

...so in einem Beitrag bei Spiegel online, der sich auch mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen befasst. Lobo weist zurecht auf die vereinseitigende oder verkürzende Diskussion über Digitalisierung und BGE hin, aber was macht er dann daraus?

"Der Subtext vieler solcher Diskussionen ist, dass die Hälfte der heutigen Arbeitnehmer demnächst nicht mehr gebraucht werde. Das wäre ein gewaltiges Problem, das mit Geld allein nicht lösbar wäre. Mir erscheint die Rede vom bedingungslosen Grundeinkommen in Davoser Sphären als diffuser Phantombegriff, als Rechtfertigung, die vom Arbeitsmarkt Ausgeschlossenen in Zukunft ignorieren zu dürfen. Hier hast Du Geld, jetzt halt die Schnauze, kauf Dir ein Smartphone und geh aus dem Weg!"

Dass in Davos und anderswo auf diese Weise hier und da diskutiert worden ist, gut, aber was hat das mit dem BGE als solchem zu tun? Seine Ausgestaltung hängt nicht von wenigen ab, sondern davon, was die Bürger wollen oder sich gefallen lassen. Entweder ist Lobo nicht im Bilde, was die aktuelle Diskussion betrifft oder er will sie abtun. Da hätte er sogar im Spiegel anderes lesen können, kürzlich von Florian Diekmann.

Weiter schreibt er:

"Meine Perspektive auf die Arbeit in der kommenden Digitalisierung ist keine technologische, sondern eine soziale. Sozialstaatliche Strukturen, Bildung und Fortbildung haben auf die Zukunft der Arbeit der einzelnen Menschen einen ungleich größeren Einfluss als Technologien."

Ja, im Tenor der allgemeinen Rede von Bildung, Bildung, Bildung kann er damit nichts Falsches sagen, aber was heißt schon Bildung, wenn es immer nur um Arbeitsplätze geht, also Bildung für Arbeitsplätze?

"Die Frage der Politik zu Arbeit und Digitalisierung darf nicht heißen: Was machen wir mit denen, die durch Digitalisierung keine Arbeit mehr finden? Sondern: Wie gehen wir mit Geringverdienern um? Denn deren Zahl wird zunehmen, quer durch alle Berufe, aber besonders bei den geringer Qualifizierten."

Sonderbare Gegenüberstellung, die einen müssen uns nicht kümmern, die anderen schon? Interessant ist die Frage "Was machen wir mit denen...?", die er nicht für richtig hält und sie durch die kaum bessere "Wie gehen wir mit ... um?" ersetzt wissen will. Beide sind paternalistisch, wenn damit mehr gemeint ein soll, als Regelungen und Möglichkeiten zu schaffen. "Geringverdiener" sind kein Problem, nur ihr geringer Verdienst kann es für sie sein bzw. für die Volkswirtschaft. Darauf könnte ein BGE aber gerade eine Antwort sein, weil es eine Absicherung schaffen würde.

Abschließend heißt es dann:

"Ein Umbau des Sozialstaats erscheint aus demografischen und digitalisierungsbezogenen Gründen erforderlich. Zum Beispiel, was die Absicherung von Selbstständigen angeht oder die Anpassung an die sehr divers gewordenen Lebensentwürfe selbst durchschnittlicher Arbeitnehmer. Ein solcher Wandel ist aber wenig wahrscheinlich, weil eine Menge Leute nicht zu Unrecht befürchten, dass dabei mehr Schaden als Zukunftsfähigkeit entsteht."

Und dann? Kopf in den Sand? Was ist mit den Nicht-Arbeitnehmern? Eine erstaunlich beschränkte Perspektive, die der Autor da einnimmt. Das klang schon einmal anders, siehe hier und hier.

Sascha Liebermann

Nachtrag 7.5.: Beim Verfassen des Beitrags war mir entgangen, dass Sascho Lobo selbst davon spricht, skeptischer geworden zu sein, ohne ein BGE "vollständig ausschließen zu wollen". Damit erübrigt sich mein Hinweis am Ende, nicht aber meine Kritik an dem seinen Ausführungen innewohnenden Bildungsverständnis. Auch hat er nur Arbeitnehmer im Auge, ein BGE greift weiter, würde der Diversität des Lebens viel mehr entsprechen als der heutige Sozialstaat. BGE und Digitalisierung haben ohnehin wenig miteinander zu tun.

Nachtrag 8.5.: Aufgrund ungenauen Zitierens habe ich den Beitrag nochmals überarbeitet, Dank für den Hinweis an Sascha Lobo.

12. März 2018

"Es geht um Würde und Anerkennung" - oder doch nur um das Gegenteil davon?

Die Frage stellt sich, wenn man das Interview mit der Politologin Silja Häusermann liest, das Daniel Binswanger mit ihr für das Magazin Republik führte. Vor der nachstehend zitierten Passage geht es um "Bildung von Humankapital", "Chancen" und "Inklusion" - alles nur bezogen auf den Arbeitsmarkt. Und dann kommt das Bedingungslose Grundeinkommen ins Spiel. Binswanger fragt:

"Und das ehemalige Elektorat?
Die Industriearbeiterklasse spricht man mit sozialer Investitionspolitik eher weniger gut an, nicht zuletzt wegen ihres Fokus auf Bildung, Frauen und Kinder. Die heutige Dienstleistungsarbeiterklasse hingegen eher. Deshalb sehe ich soziale Investitionspolitik als inhaltlich und elektoral vielversprechend für die Linke. Das ist im Übrigen die exakte Antithese zum bedingungslosen Grundeinkommen. Es gibt ja Leute, welche so ein Grundeinkommen als die neue sozialdemokratische Vision sehen. Aus meiner Sicht wäre das die definitive Kapitulation.
Weil das Grundeinkommen das Gegenteil von Aktivierung ist?
Es ist das Gegenteil von Investition. Wenn eine sozialdemokratische Partei sich das bedingungslose Grundeinkommen auf die Fahne schreibt, dann hat sie vor dem Anspruch kapituliert, dass es für jeden Menschen einen Platz gibt in der gemeinsamen Produktion von Wohlstand."

Das BGE als Kapitulation, das ist eine gerade unter sozialdemokratieaffinen Denkern verbreitete Haltung, die Bände spricht. Kapitulation wovor? Vor der Würde? Vor mehr Selbstbestimmungsmöglichkeiten jenseits von Erwerbstätigkeit? "Soziale Investitionspolitik" und BGE stehen gar nicht gegeneinander, wenn man will, wenn man nicht will, dann schon. Das Nicht-Wollen resultiert aus einer Haltung, die eben alle in den Arbeitsmarkt leiten will, das bekennt Frau Häusermann ganz offen. Im Unterschied zur arbeitsmarktorientierten Investitionspolitik, in der Würde durch die Teilnahme am Arbeitsmarkt entsteht, von ihm letztlich abhängig ist, "investitiert" das BGE in die Person um ihrer selbst willen und um des Gemeinwesens willen. Dazu muss jedoch jegliche Lenkungs- und Beaufsichtigungshaltung aufgegeben werden. Würde ist also gebunden, so Frau Häusermann, durch einen "Platz in der gemeinsamen Produktion von Wohlstand"? Unter welchen Bedingungen? Mit Sanktionsinstrumenten und Erwerbsverherrlichung? Sicher, wie sollte es anders möglich sein in dieser Vorstellung. Was bleibt von Würde und Anerkennung? Nichts von Erwerbstätigkeit Unabhängiges. Das BGE weist einen anderen Weg, der es mit der Würde ernst meint.

Sascha Liebermann

9. März 2018

"Lernen finanzieren - statt rumsitzen"...

...diese eindrucksvolle Gegenüberstellung nimmt Brigitte Pothmer, arbeitsmarktpolitische Sprecherin von Bündnis 90/ Die Grünen im Deutschen Bundestag, im Tagesspiegel vor.  (siehe zur ihrer Position auch hier und hier). Sie bezieht sich darauf, wozu ein Bedingungsloses Grundeinkommen führen würde - die zweite Option selbstverständlich, und was wirklich wichtig wäre in ihren Augen - die erste natürlich. Wer darüber nachdenkt, was die Digitalisierung (siehe auch hier) so mit sich bringen könnte, wird schnell als Technologiepessimist abgestempelt. Wäre denn Frau Pothmer deswegen einfach als Technologieoptimistin zu etikettieren (siehe auch die letzte Sendung von Maybrit Illner)?

Sie schreibt:

"Es stimmt zwar, dass durch den technologischen Wandel in den kommenden Jahren viele gut bezahlte Arbeitsplätze insbesondere im mittleren Qualifikationsniveau wegfallen werden. Aber etliche Studien zeigen auch, dass verloren gegangene Arbeitsplätze durch neue entstehende Jobs in anderen Bereichen kompensiert werden. Die wirkliche Herausforderung besteht also darin, die Veränderung von Tätigkeiten frühzeitig zu erkennen und die Menschen für diese neuen Anforderungen durch Aus-, Weiter- und Fortbildung fit zu machen."

Das ist das Niveau dessen, was man jeden Tag in der Zeitung lesen kann, mit Empirie und Realität hat es nichts zu tun, weil all diese Studien nur Schätzungen abgeben. Die fallen unterschiedlich aus und werden entsprechend immer einmal korrigiert. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat dies jüngst getan und kommt zu gravierenderen Folgen, als es in einer früheren Studie der Fall war. So viel zur Aussagekraft dieser Studien. Dass die Anforderungsprofile in der Arbeitswelt sich verändern, ist ein sukkzessiver Prozess, der seit Jahrzehnten zu beobachten ist, er mag durch die Digitalisierung verstärkt werden (siehe hier). Dass die "Menschen" fit gemacht werden sollen, ist wenig umstritten, die Frage stellt sich aber, auf welcher Basis das geschieht? Werden sie denn Ausweichmöglichkeiten haben, wer bestimmt über die Sinnhaftigkeit der "Weiterbildung"? Oder anders gefragt: Soll man sich auch aus dieser Mühle ausklinken dürfen, um anders tätig zu werden? Wie Frau Pothmer argumentierte im vergangenen Herbst Christoph Kübel, Geschäftsführer von Bosch.

Was schreibt sie noch?

"Die Arbeitslosenversicherung, die heute bei Jobverlust nicht nur für materielle Absicherung sorgt, sondern auch Qualifizierungen und Umschulungen finanziert, fällt ersatzlos weg. Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine ausschließlich finanzielle Leistung - je nach Konzept zwischen 1000 und 1500 Euro. Das klingt zunächst vielleicht üppig, liegt aber bei Lichte betrachtet nicht weit über dem aktuellen Hartz IV-Satz – jedenfalls, wenn man alle HartzIV- Leistungen zusammen zählt und zugleich berücksichtigt, dass im Gegenzug andere soziale Unterstützungsangebote wegfallen sollen."

Sie mutmaßt über Folgen eines BGE und wirft verschiedene Dinge in einen Topf. Weshalb sollten "Qualifizierungen und Umschulungen" wegfallen, wenn sie denn für sinnvoll gehalten werden? Allerdings stünden sie auf einer anderen Basis und im Gefolge der Arbeitsagenturen könnte sich nicht dieselbe Maßnahmenindustrie etablieren, die sich heute schon etabliert hat. Angebote könnten ganz anders aussehen und weil es echte Angebote wären - und keine Verodnungen unter Sanktionsdrohung - könnten sie abgelehnt werden. Oder wäre das nicht das Ziel von Frau Pothmer? Das ist die Gretchenfrage, wenn es um Bildung geht, ob nämlich im Grunde auch zugelassen wird, dass sich jemand daran nicht beteiligen will (siehe hier). Man müsste sich nicht alles bieten lassen. Diese Seite der gegenwärtigen "Förderung" unterschlägt Frau Pothmer. Die Arbeitslosenversicherung, wenn sie dann noch sinnvoll und gewollt wäre, könnte durchaus weiterbestehen, wäre aber eine völlig andere.

Wie geht es weiter?

"Gerade unter den Bedingungen der Digitalisierung, unter denen die Halbwertzeit von Wissen noch einmal deutlich abnimmt, laufen Grundeinkommensbezieher Gefahr, dauerhaft den Anschluss zu verlieren. Ein neues Prekariat auf dem Niveau des Grundeinkommens könnte die Folge sein."

Gemeint sind hier diejenigen, die sich auf ein BGE zurückziehen würden. Wenn diese aber den Anschluss nicht verlieren wollen, werden sie ihn - gerade auf Basis eines BGE - nicht verlieren, da Weiterbildung zur Selbstverständlichkeit werden kann, befreit von den Sanktionen der Arbeitsagenturen und Jobcenter heute, befreit von dem normativen Druck des Erwerbsgebots heute. Welche Möglichkeiten ein BGE bietet, hängt wesentlich davon ab, welcher Betrag anvisiert wird und welche öffentliche Infrastruktur verfügbar ist. Dass man heute unter dem Erwerbsgebot einen ganz anderen Anschluss verlieren kann, kommt Frau Pothmer gar nicht in den Sinn, und zwar den an die Familie, wenn für sie keine Zeit ist, an Freunde und das Gemeinwesen, wenn Erwerbstätigkeit alles dominiert.

"Nein, wer Vorbehalte gegen Digitalisierung abbauen und Ängste vor Jobverlust überwinden will, muss Zugänge organisieren und Chancen eröffnen. Deshalb darf der Staat sich nicht freikaufen. Politik muss an dem Anspruch festhalten, auch unter den Bedingungen von Arbeit 4.0 so vielen Menschen wie möglich Teilhabe durch Erwerbsarbeit zu ermöglichen."

"Teilhabe durch Erwerbsarbeit" - das klingt so harmlos wie "Vereinbarkeit von Familie und Beruf". Tatsächlich ist Erwerbsarbeit heute aber normativ aufgeladen, sie ist geboten und nur sie erlaubt es, ein legitimes Einkommen zu erzielen sowie Ansprüche auf andere Leistungen zu erwerben wie Arbeitslosengeld I und Rente. Teilhabe heißt faktisch Erwerbsobliegenheit, wenn auf Einkommen nicht verzichtet und Nicht-Anerkennung durch das Gemeinwesen vermieden werden soll.

Wenn "...so vielen Menschen wie möglich" das ermöglicht werden soll ("Chancen eröffnen"), geht das auf Kosten anderer Bereiche des Zusammenlebens, die oben schon benannt wurden.

Es ist nun klar, in welche Richtung die Überlegungen Frau Pothmers gehen, was kommt noch?

"Es geht um ein Recht auf Weiterbildung, das tatsächlich allen einen Zugang eröffnet. Die Bildungsangebote müssen so ausgestaltet werden, dass Bildungsversäumnisse der beruflichen Erstausbildung nicht noch verstärkt, sondern ausgleichen werden. Damit alle Menschen dieses Recht auf Weiterbildung in Anspruch nehmen können, muss der Lebensunterhalt während der Qualifizierungsmaßnahme gesichert sein."

Was heißt "Recht auf Weiterbildung"? Auf welche? Nur auf eine, die mit Erwerbstätigkeit in Verbindung steht natürlich, denn Frau Pothmer spricht von einer "Qualifizierungsmaßnahme". Dann sind es strenggenommen auch keine "Bildungsangebote", um die es hier geht.

Zum Schluß:

"Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften könnte die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands insgesamt beeinträchtigen und zur Abwanderung von Wertschöpfung mit allen negativen Folgen für Wirtschaft und Beschäftigung führen."

Aber welcher Qualifizierung, wie kann sie sinnvollerweise aussehen, wie kann man sie erreichen? Pothmer vertritt die Erwerbsarbeit ist alles-Fraktion samt Bildungsprogramm von oben. Wenn sie es mit Chancen eröffnen ernst meint, dann sollte nicht schon definiert sein, worin Chancen zu bestehen haben. Dann sollten wir besser von Möglichkeiten sprechen, die in ganz unterschiedliche Richtungen gehen. Den Freiraum schafft aber das Erwerbsgebot mit allem Drum und Dran nicht. Erst auf der Basis eines BGE könnte er gedeihen.

Sascha Liebermann

19. Oktober 2017

"Es ist gemeinsame Aufgabe unserer Gesellschaft, die Menschen für die Arbeitswelt fit zu machen"...

...sagt Bosch-Geschäftsführer Christoph Kübel im Gespräch mit Zeit Online. Wichtig sei dies angesichts des Wandels in der Arbeitswelt und die Bedeutung der Roboterisierung bei Bosch. Besonders interessant sind zwei Passagen, hier die erste:

"Kübel: Unsere Vision ist auf jeden Fall nicht die menschenleere Fabrik. Die Kombination von Menschen und Robotern bringt die besten Ergebnisse. In der Fertigung müssen wir jeden Tag neue Lösungen finden und gemeinsam mit Kollegen Abläufe optimieren. Das kann der Mensch viel besser als jeder Roboter. In einigen Werken haben wir bereits sehr weit automatisiert. Dort zeigt sich, dass wir produktiver werden bei gleichbleibender Zahl an Arbeitern. Und nicht zu vergessen: Arbeit stiftet auch Identität."

Die Bemerkung am Ende ist es, auf die ich aufmerksam machen möchte. In der Tat hat das Tätigsein, auch in der Form von Erwerbstätigkeit, eine große Bedeutung, und zwar aus mehreren Gründen:

1) In der Auseinandersetzung mit einer Sache, hier einer Aufgabe am Arbeitsplatz, macht der einzelne Erfahrungen nicht nur mit einer Sache, sondern an der und durch die Sache auch mit sich. Er erfährt darin viel über sich selbst durch diese Auseinandersetzung. Zugleich ist das Bewältigen einer Aufgabe eine Erfahrung des Gelingens, heute oft mit dem Schalgwort "Selbstwirksamkeit" benannt. Erfahrungen im Sinne von "ich bin dazu oder zu etwas fähig" sind von großer Bedeutung für unsere Welt- und Selbstwahrnehmung.

2) In der Auseinandersetzung mit einer Sache trage ich etwas zum Zweck des Unternehmens bei, für das ich tätig bin, es entsteht so etwas wie ein gemeinsames Werk.

3) Der Einzelne folgt und bekräftigt eine Norm, die in der politischen Vergemeinschaftung, in der er lebt bzw. der er angehört, in Geltung ist. Die Normbefolgung ist zugleich eine Normbekräftigung - der Einzelne trägt damit zum Gemeinwohl bei. Nun sind diese Normen nicht etwas uns Äußerliches, Bildungsprozesse im Zuge der Sozialisation vollziehen sich an Regeln und Normen. Normen sind immer konkret und nicht abstrakt, sie bestehen in einer konkreten Vergemeinschaftung und werden von bestimmten Überzeugungen getragen, die in verschiedenen Ländern ebenso verschieden sind.

4) Nun gilt es aber den spezifischen Zusammenhang zu beachten, um den es hier geht. Das Tätigsein ist bedeutend, das bleibt, aber unter welchen Bedingungen? In Sozialbeziehungen, in denen der Einzelne der Bewältigung von Aufgaben zu dienen hat, wird sein Beitrag genau daran gemessen, ob er der Aufgabe dienlich ist. Falls das nicht der Fall ist, wird er nicht weiterbeschäftigt (oder besser: sollte nicht weiter beschäftigt werden). An seine Stelle tritt ein anderer Mitarbeiter oder eine Maschine. Er ist also im besten Sinne austauschbar, nicht als Mensch, aber als Mitarbeiter. Wie könnte das nun mit seiner Identität zusammenhängen? Die Fähigkeiten, die jemand hat oder entwickelt, sowie die Erfahrungen, die er macht, zeichnen ihn als Person aus. Sie kann man ihm nicht nehmen, allenfalls kann man ihre Entfaltung behindern oder zu unterbinden versuchen. Was Kübel sagt, gilt also nur für letzteres, nicht aber für den Arbeitsplatz als solches, denn sonst dürfte niemals ein Mitarbeiter entlassen oder ausgetauscht werden. Genau das aber, dass er ausgetauscht wird, ist Alltag, er gehört zu modernen Arbeitszusammenhängen und erlaubt es erst, dass diese in Absehung von Personen fortbestehen können.

Die Identität, die Kübel meint, ist nicht von einem Arbeitsplatz abhängig, sondern davon, sich tätig entfalten zu können.

Weiter sagt er:

"ZEIT ONLINE: Was ändert sich für Ihre Angestellten?  
Kübel: Es wird nicht jeder den gleichen Job behalten können. Deshalb legen wir großen Wert auf die Weiterbildung unserer Mitarbeiter. Ein Ingenieur, der heute Software für Verbrennungsmotoren entwickelt, kann das künftig für Elektromotoren tun. In anderen Bereichen müssen wir mehr machen. An unserem Standort in Reutlingen bieten wir beispielsweise Mitarbeitern aus der Fertigung eine Weiterbildung im Programmieren an. Bis zu 500 Mitarbeiter können das wahrnehmen. Wir werden jedoch nicht jeden Mitarbeiter so qualifizieren können."

Und was geschieht mit denjenigen, die nicht qualifiziert werden können? Darauf bietet er keine Antwort. Dass Bosch auf Weiterbildung im Allgemeinen setzt, ist verständlich, wenn die Arbeitswelt sich verändert. Kübel sieht das Leben jenseits dieser Arbeitswelt jedoch gar nicht, von dem Bosch als Unternehmen abhängig ist. Es gibt in seinen Ausführungen keine Optioin dafür, anders zu leben als durch Erwerbstätigkeit.

Und dann:

"ZEIT ONLINE: Sie sprechen von Fachkräften. Für Menschen mit schlechter Qualifikation wird es durch die Automatisierung aber schwieriger, eine Arbeit zu finden.
Kübel: Es ist gemeinsame Aufgabe unserer Gesellschaft, die Menschen für die Arbeitswelt fit zu machen. Wir konzentrieren uns dabei überwiegend auf unsere eigenen Mitarbeiter. Dabei leisten wir unseren Beitrag durch eine qualitativ hochwertige Ausbildung und Weiterbildung. Jedes Jahr stellen wir allein in Deutschland 1.500 Azubis ein und investieren weltweit 250 Millionen Euro in die Weiterbildung unserer Mitarbeiter."

Hier wird nun deutlich, dass er der Tendenz nach "von oben" denkt, so als könne "die Gesellschaft [...] Menschen [...] fit machen". Ausbildung oder Weiterbildung ist kein Trichter, in den man oben Menschen hineinsteckt, die dann unten qualifiziert herauskommen - es ist ein Bildungsprozess, der zwei Seiten hat: ein Angebot auf der einen und Bereitwilligkeit auf der anderen Seite. Das klingt trivial, kommt in Kübels Formulierung aber gerade nicht zum Ausdruck, in der die Gesellschaft wie ein Fitmachungsapparat erscheint. Und wieder wird nichts über die Bedingungen gesagt, unter denen Aus- und Weiterbildung heute erfolgen müssen, nämlich in der Abhängigkeit von Erwerbseinkommen. Aus- und Weiterbildung sind grundsätzlich auch jenseits davon möglich, sofern eine Einkommensabsicherung besteht, die heute die Ausnahme ist, mit einem BGE aber zur Regel würde. Dass genau dies die Bedingungen für Aus- und Weiterbildung, für Bildung überhaupt, grundsätzlich verändern würde, wäre eine eigene Betrachtung wert (siehe hier und hier).

Sascha Liebermann

7. September 2017

"...dass wir viel Mühe in die Ausbildung und lebenslange Weiterbildung der Bürger stecken müssen"...

...sagte Bundeskanzlerin Merkel im Interview mit dem Magazin Deutsche Unternehmerbörse (Ausgabe 4/2017). Die Äußerung ging durch die Presse, hier ist die vollständige Passage im Wortlaut:

DUB: "Brauchen wir beispielsweise das bedingungslose Grundeinkommen, um soziale Unruhen zu vermeiden und Populismus den Nährboden entziehen zu können?
Merkel: Die Digitalisierung eröffnet viele neue Chancen. Dazu gehören zukunftsfähige, gut bezahlte Arbeitsplätze. Die Digitalisierung bedeutet aber auch, dass wir viel Mühe in die Ausbildung und lebenslange Weiterbildung der Bürger stecken müssen. Das System eines bedingungslosen Grundeinkommens halte ich für keine gute Idee, weil es eine Abkehr vom bisherigen Bedarfsprinzip eines solidarischen Sozialstaates bedeutete, der dann hilft, wenn Not besteht. Es wäre zudem eine Abkehr vom bewährten Prinzip der Arbeitslosen- und der Rentenversicherung."

Diese Äußerung ist insofern aufschlussreich, als dass die Kanzlerin nicht von Angeboten spricht, die gemacht werden, sondern direkt von der "Ausbildung und lebenslange[n] Weiterbildung", so als nehme der Staat sie selbst direkt vor, als gebe es keine Möglichkeit, ihr zu entgehen. Das ist natürlich unrealistisch, zeigt aber eine bestimmte Haltung, die Bildung als Programm versteht und sich um die Voraussetzungen dazu wenig schert. Wer Bildung ernst nimmt, muss die Voraussetzungen schaffen, dass der Einzelne sich auf sie einlassen kann, nicht aber muss (siehe die Diskussion über die Folgen der Schulpflicht oder "kulturelle Bildung"). Dass der Bundeskanzlerin - aber nicht nur ihr - diese Vorstellung fremd sein mag, bezeugt eine Äußerung, die sie vor acht Jahren im damaligen Bundestagswahlkampf machte. In einer Rede auf einer Wahlveranstaltung in Bremen im September 2009 (siehe den Blogbeitrag dazu hier) sagte sie folgendes:

„Wir werden uns keinen jungen Menschen […] leisten können, der nicht seine Chancen wahrnimmt“

Chancen (siehe auch hier) nicht wahrzunehmen ist also nicht Sache des Einzelnen, sondern sanktionsbewährt. Denn, wenn wir uns das nicht leisten können, dass jemand "seine Chancen" nicht wahrnimmt, was machen wir dann mit ihm? Wie gehen wir damit um? Eine ähnliche Haltung lässt sich allerdings bei anderen erkennen, so, wenn Andrea Nahles sich für ein "Recht auf Weiterbildung" ausspricht, das die Pflicht zur Ausbildung enthält.

Sascha Liebermann