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4. Mai 2023

"1.000€ für jeden!? – Die 12a diskutiert um das bedingungslose Grundeinkommen"...

...ein Kurzbericht über eine Diskussion an der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule in Kirchheim unter Teck. Die Diskussion fand via Videokonferenz statt. Organisiert hatte sie eine Schülerin der 12a.

24. September 2020

"...nach der Schule direkt nach Hause..." - durch ein BGE wäre das noch einfacher


10. Juli 2019

"Ganztagsschulen zahlen sich aus - auch für den Staat" - was zählt schon Familie?...

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...diese Frage wirft ein Beitrag auf Spiegel Online auf, der sich auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung bezieht. Drei Vorteile der Ganztagsbetreuung werden benannt, aber - zumindest erscheint es im Beitrag so - nicht weiter hinterfragt:

"Kinder profitieren demnach von besseren Bildungschancen. Vor allem sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler, die etwa keinen Zugang zu Nachhilfe haben, könnten durch die Lernförderung höhere Abschlüsse erreichen, schreiben die Forscher. Das zahle sich auch finanziell aus: Die benachteiligten Kinder könnten dadurch ihre Einkommenschancen verbessern. Voraussetzung für den Erfolg sei allerdings, dass an den Ganztagsschulen qualifiziertes Personal eingesetzt wird und es pädagogisch wirksame Angebote gibt."

Die entscheidende Frage ist ja stets, geht es um Angebote oder Pflicht, welche Folgen hat dies und über welche Art Erfahrungen reden wir hier? Der Ausbau von Ganztagbetreuung, wie er sich in Kindergärten und Kitas schon deutlich zeigt (immer längere Betreuungszeiten, immer jüngere Kinder), läuft auf eine Institutionalisierung des Lebens hinaus in dem Sinne, dass immer mehr Lebenszeit in Erziehungseinrichtungen verbracht und damit für Erfahrungen in der Familie und im nahen Lebensumfeld nicht mehr zur Verfügung steht. Eltern, Freunde und Nachbarn - das ist ein anderes Beziehungsgefüge als mit Erziehern, die einen Beruf ausüben. Solidar- und Autonomieerfahrungen in der Familie legen den Grund für spätere Erfahrungen. Sie brauchen ihre Zeit. Die bildungspolitische Ausrichtung hat darüber hinaus ganz praktische Folgen. Wie schon auf Spielplätzen am Vormittag seit längerer Zeit zu beobachten ist, dass dort kaum mehr Kinder unter drei Jahren spielen, so gilt dies zunehmen für den Nachmittag, weil Kinder in der Nachmittagsbetreuung in Kindergarten und Schule sind. Welche Erfahrungen nimmt das Kindern? Darüber spricht die Studie offenbar nicht. Insofern überrascht der nächste aufgeführte Vorteil nicht:

"Eltern würden laut der Studie von der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie profitieren: "Die verbesserte Schulkindbetreuung unterstützt das Bemühen von Müttern, ihre Arbeitszeit auszuweiten und ihren Stundenlohn zu steigern." Bis zu 54.000 Vollzeitstellen könnten so bis 2030 entstehen."

Die "Vereinbarkeit" darf natürlich nicht fehlen, um den Preis, der oben schon genannt wird. Was Kinder sich wünschen, spielt dabei offenbar gar keine Rolle, dass sie nämlich bis zum dritten und vierten Lebensjahr am liebsten mit ihren Eltern und nahestehenden Personen zusammen sind, sofern sie entsprechen intensive Erfahrungen vorher schon gemacht haben, findet nicht einmal Erwähnung. Als sei die Erfahrung des Angenommenwerden und Aufgehobenseins für die spätere Leistungsfähigkeit und - bereitschaft nicht grundlegend. Man wüsste hier gerne, auf Basis welcher Daten mit Hilfe welcher Annahmen die Autoren zu ihren Schlussfolgerungen kommen. Fehlen darf auch folgendes nicht:

"Volkwirtschaftlich würden sich die Investitionen in absehbarer Zeit durch höhere Staatseinnahmen refinanzieren, schreiben die Forscher. Schließlich entstünden dank Ganztagsbetreuung zusätzliche und höherwertige Jobs, gleichzeitig würden dadurch die Sozialausgaben sinken."

Wie sehr die Forscher hier nur eine Dimension des Lebens herausheben und andere nicht sehen, wenn der Spiegel-Beitrag dies richtig wiedergibt, kann schon verwundern. Was ist von solcher Forschung zu halten, in der Familie als Erfahrungsort und -raum gar nicht in Erscheinung tritt, von der bei Ganztagsbetreuung nicht mehr viel übrig bleibt außer Teilzeitelternschaft zum Frühstück, zum Abendessen und am Wochenende?

Sascha Liebermann

21. November 2018

Schulmaterial zum Bedingungslosen Grundeinkommen...

...finden Sie bei Zeit Online (Zeit für die Schule), bei teacheconomy, die Arbeitsmaterial des C. C. Buchner Verlags nutzen. Die Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg hat unter dem Titel "'Digitale Revolution' und BGE – werden wir überflüssig?" ebenfalls Material herausgegeben. Im Jahr 2010 nahm der Ernst Klett Verlag die Thesen von Freiheit statt Vollbeschäftigung in ein Schulbuch (siehe S. 60) auf. Das Interview mit dem Titel „Das bedingungslose Grundeinkommen macht nicht faul“, das Sascha und Liebermann und Theo Wehner Ende 2011 Zeit Online gaben (hier die Langfassung) wurde in der Reihe Buchners Kompendium Politik – Politik und Wirtschaft für die Oberstufe in leicht gekürzter Fassung aufgenommen.

26. Oktober 2018

"Die Kinder werden zu überangepassten Wesen" und ein Bedingungsloses Grundeinkommen...

...darüber sprach die Basler Zeitung mit Remo Largo (seine Website, siehe frühere Kommentare von uns hier), Entwicklungsforscher und Kinderarzt, ehemaliger Professor am Zürcher Kinderspital. Es geht darin um das Schulsystem, seine spezifische Leistungsorientierung und die Tabuisierung von Begabungsunterschieden, die nicht "ausgebügelt" werden könnten, die der Einzelne anzunehmen lernen müsse. Auch die Gesellschaft müsse damit anders umgehen statt Bildungsziele zu normieren. Wie in seinem Buch "Das passende Leben" und in früheren Schriften geht es vor allem darum, Bildung vom Kind her zu denken, nicht von den abstrakt formulierten vermeintlichen Erfordernissen der Nutzbarkeit. Vom Kind her gedacht kann es seine Begabungen am besten entfalten.

An einer Stelle kommt die Sprache auf ein Bedingungsloses Grundeinkommen, wozu Largo sich in jüngerer Zeit wiederholt geäußert hatte, meist jedoch vor allem mit Bezug auf etwaige Folgen der Digitalisierung. Was sagt er?

BAZ: "Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft aus, wenn wir weitermachen wie bisher?
Wir müssen gar nicht in die Zukunft schauen. Wir haben ja schon jetzt ein monströses Problem, das sich einfach noch verstärken wird. Nicht nur in der Schule, auch in der Wirtschaft. Die Arbeit ist immer mehr sinnentleert. Immer mehr Menschen arbeiten nur noch für den Lebensunterhalt. Doch der Mensch hat ein Bedürfnis nach Befriedigung und Wertschätzung. Er will seine Begabungen bei der Arbeit einsetzen, Leistung erbringen. Das ist in der Wirtschaft immer weniger möglich. Wenn wir beispielsweise ein Grundeinkommen hätten, hätten wir viel mehr Freiheiten, das zu tun, was wir wollen und auch brauchen."

Dieser Gedanke entspricht ganz seinem Fit-Konzept, passt aber gleichermaßen zu der Einsicht, dass Leistungserbringung immer auch mit Neigung und Fähigkeiten zu tun hat sowie mit einer Sache oder Aufgabe, der man sich auch widmen will. Ein BGE, das scheint er zu meinen, würde die Bedingungen dafür verbessern, eine solche Entsprechung zwischen Neigungen und Aufgabe näher zu kommen. Weiterhin heißt es:

"Das bedingungslose Grundeinkommen haben wir jedoch vor Kurzem an der Urne verworfen.
Das kommt wieder. Es ist unvermeidlich, da es bald gar nicht mehr genug Arbeit für alle geben wird. Digitalisierung und Automatisierung vernichten Stellen. In den nächsten 10 bis 20 Jahren werden 50 Prozent aller Dienstleistungsstellen verloren gehen. Der Lebensunterhalt kann nicht mehr nur durch Arbeit allein finanziert werden. Wir werden das Grundeinkommen schneller einführen, als wir uns das derzeit vorstellen können."

Die Bemerkung der BAZ-Journalistin ist knapp, geht gar nicht darauf ein, dass fast ein Viertel der Stimmen pro Volksinitiative waren, das ist nicht wenig. Largo hingegen ist sich ganz sicher, es wird kommen, doch wie begründet er das? Mag sein, dass es so kommt oder auch nicht. Es ist, wie bei früheren Ausführungen von ihm auch (siehe oben den Verweis auf Kommentare), eine gewisse Verengung der Thematik. Erst weitet er sie, in dem er von den Freiräumen spricht, die entstehen, das entspricht ganz dem BGE. Dann begründet er es mit der Digitalisierung, was nicht nötig wäre und nicht zwingend ist. In seinem Buch "Das passende Leben" beschäftigt ihn die Frage, die im Interview mit der BAZ ebenso auftaucht, wie wir denn leben wollen. Das ist eine gemeinschaftliche Frage, wie das BGE eine gemeinschaftliche Antwort wäre - es würde unser Solidarverständnis verändern, und den Blick auf andere Fragen verschieben bzw. heutige Fragen anders stellen.

Sascha Liebermann

8. Juni 2018

"Wer heute vor dem Fernseher sitzt, wird vermutlich noch länger vor dem Fernseher sitzen"...

...so der Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher in einem Interview mit der Luzerner Zeitung. Es ist die einzige Passage, in der es um das BGE geht. Was hat er darüber hinaus gesagt?

Luzerner Zeitung: "Mal angenommen, wir hätten dank einem Modell wie dem bedingungslosen Grundeinkommen bald einen Haufen Menschen ohne existenzielle Probleme: Was werden die dann tun?"
Lüscher: "Wer heute viel vor dem Fernseher sitzt, wird vermutlich noch länger vor dem Fernseher sitzen. Es ist eine etwas romantische Vorstellung, das sich plötzlich alle dem Verfassen von Gedichten oder der Ölmalerei widmen werden. Die Schulausbildung, die wir geniessen, zielt nicht gerade darauf ab, einen darauf vorzubereiten, ein Leben selber zu gestalten. Man wird auf den Arbeitsmarkt vorbereitet, um dort Erfüllung zu finden. Wenn das mit dem bedingungslosen Grundeinkommen kein neoliberaler Albtraum werden soll, muss das mit einem kompletten Wandel unseres Ausbildungssystems einhergehen".

Sicher gibt es romantisierend verklärende Vorstellungen davon, was ein Bedingungsloses Grundeinkommen alles leisten würde - Lüscher spitzt das entsprechend zu. Aber das ist doch nur die eine Seite der Debatte, nicht einmal die vorherrschende. Den Realismus des BGE sollte man nicht unterschätzen. Warum sitzt jemand viel vor dem Fernseher? Was hat es mit den Lebenserfahrungen unter bestimmten Lebensbedingungen zu tun? Was würde ein BGE daran ändern? Würde es nicht gerade die stigmatisierenden Effekte aufheben, die heutige Alimentierungssysteme auszeichnen, würdes es also eher ermutigen als an den Rand drängen? Zumindest sollte die Frage doch gestellt werden, statt leichtfertig eine eindimensionale Diagnose abzuliefern. Die Diagnose dann direkt mit dem Schulsystem zu verknüpfen, ist ziemlich vereinfachend, die Eigensinnigkeit des Lebens jenseits des Bildungswesens wird dabei vergessen. Es ist doch das Leben, das auf das Leben vorbereitet, die Schule macht davon nur einen kleinen Teil aus, von daher bietet das heutige Leben schon allerhand Anknüpfungsmöglichkeiten für das BGE, der Arbeitsmarkt ist nur eine Facette der Gegenwart, wenn auch eine besonders herausgehobene.

Sascha Liebermann

8. Januar 2018

Bedingungsloses Grundeinkommen - Arbeitsunterlagen für die Schule...

...finden sich zum einen bei Zeit Online (Zeit für die Schule), zum anderen bei teacheconomy, die Arbeitsmaterial des C. C. Buchner Verlags nutzt.

27. Oktober 2017

"Das Kind ist doch keine Knetmasse"...

...sagt Remo Largo in einem Interview in der Basler Wochenzeitung TagesWoche zum Basler Schulsystem. Zur Frage, ob Leistungsbeurteilungen sinnvoll seien, sagt er:

TagesWoche: "Welche Art der Beurteilung wäre aus Ihrer Sicht denn kindgerecht und ab wann sollte man diese einführen?"

Largo: "Ich halte gar nichts von Beurteilungen. Johne Hatties Metaanalyse von Tausenden Studien, an denen 230 Millionen Kinder teilnahmen, hat gezeigt: Prüfungsnoten bringen nichts. Eine kindgerechte Pädagogik holt die Kinder dort ab, wo sie entwicklungsmässig stehen. In der ersten Klasse variiert der Entwicklungsstand der Kinder zwischen 5,5 und 8,5 Jahren, mit 13 Jahren zwischen 10 und 16 Jahren. Wie sollen da Noten den Kindern gerecht werden?"

Siehe auch seine Äußerung zum Bedingungslosen Grundeinkommen in der Neuen Zürcher Zeitung hier (siehe auch hier und hier), das in seinem jüngsten Buch "Das passende Leben" im Schlussteil besprochen wird.

Sascha Liebermann

28. April 2017

"Einzelfälle im Mahlwerk der Gesetze"...

...Hans Hütt kommentiert die jüngste Sendung von Maybrit Illner, in der Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und Jens Spahn (CDU) zur Sozialpolitik Stellung bezogen. Der Titel des Beitrags von Hans Hütt bringt schon auf den Punkt, worum es politisch gehen müsste, nicht darum nämlich, was Sozialpolitik statistisch leistet, sondern was sie dem Individuum für Möglichkeiten bietet, sein Leben zu leben. Die Gesetzgebung hat ein Mahlwerk geschaffen, in dem der Einzelne vom herrschenden Verständnis der "Einzelfallgerechtigkeit" zerrieben wird. Dass weder die Bundesarbeitsministerin noch der Staatssekretär den Blick darauf richten, was die Sozialgesetzgebung konkret für den Einzelnen bedeutet, welche Geringschätzung sie zum Ausdruck bringt, ist nichts Neues. (Siehe auch unseren Kommentar "Jedes Leid hat einen Namen" und "Die Soziologin spricht über das Leben – und verwechselt es mit Statistik").

Jens Spahn gab vor wenigen Wochen ebenfalls bei Maybrit Illner in der Sendung "Zurück in die Zukunft - weniger Agenda, mehr Gerechtigkeit?" deutlich zu erkennen, wo er sozialpolitisch steht:

"...natürlich brauchen wir auch - wir sind doch alle Menschen, ist doch auch so, en bißchen Druck braucht jeder von uns, ich habe früher auch Druck gebraucht, um morgens aufzustehen..." (Ab Minute 55)

Wer von sich auf andere schließt und auf diese Weise ein Rezept für alle entwirft, setzt sich über sie hinweg. Wenn Jens Spahn Druck gebraucht hat, um morgens aufzustehen, dann heißt das noch lange nicht, dass andere ihn ebenfalls benötigen. Und selbst wenn sie ihn benötigten, wäre es doch an ihnen, sich einen Druckmacher zu besorgen, statt ihn allen gleichermaßen zu verordnen. Spahn schloss aus seiner Schulerfahrung und den Mühen, die er hatte auf andere, ohne überhaupt die Frage zu stellen, woher diese Mühen den kamen, ob sie etwas mit der Schule, der Lebensphase oder seiner persönlichen Situation zu tun gehabt haben könnten. Und wären all diese Gründe nicht legitim? In Spahns Augen offenbar nicht, deswegen braucht es Druckmacher (ganz ähnlich argumentierte Anke Hassel, Direktorin im WSI der Hans Böckler Stiftung vor wenigen Monaten).

Mit Andrea Nahles befindet Spahn sich in guter Gesellschaft, denn ihre Haltung gegenüber Leistungsbeziehern unterscheidet sich von seiner unwesentlich, wenn überhaupt. Was lässt das für die Bundestagswahl erwarten? Weiter so, es geht uns doch gut.

Sascha Liebermann

9. August 2016

"Teuer und für manche kaum zu bewältigen" - der Schulstart

Darüber berichtete der Deutschlandfunk am Beispiel der nötigen Ausgaben, die mit der Einschulung anfallen. Für eine alleinerziehende Mutter und Haushalte mit schwachen Einkommen ist das eine Belastung. Mit Verweis auf eine Berechnung des Statistischen Bundesamtes wird darauf hingewiesen, dass bis zur Volljährigkeit eines Kindes Ausgaben von 120.000 Euro anfallen, wobei darin offenbar einige Ausgaben noch nicht enthalten sind. Das wirft ein interessantes Licht auf die Grundeinkommensdiskussion, in der manchmal ein Betrag von etwa 1000 Euro pro Person beispielhaft genannt wird. Würde der Betrag für Kinder halbiert, was manche Befürworter vorschlagen, würde er gerade so abdecken, was hier als notwendig betrachtet wird (ohne dass Preisveränderungen und ähnliches einbezogen wäre).

9. November 2011

"Erlöst die Schüler von unnötigen Diagnosen"...

...so lautete die Überschrift zu einem Interview mit zwei Kinderärzten in der Neuen Zürcher Zeitung. Ihre Ausführungen sind interessant, weil sie auf Zusammenhänge hinweisen, die auch in der Grundeinkommensdiskussion thematisiert werden, z.B. zwischen der elterlichen Sorge um die Zukunft ihrer Kinder und der Angst davor, ihre Kinder könnten von einem statistischen Durchschnitt abweichen, was dann als Zeichen einer Entwicklungsstörung gedeutet wird. Diese wiederum verschlechtert ihre Chancen in der Zukunft. Die Orientierung an Standards und statistischer Normalität wäre Ausdruck einer Verunsicherung und Sorge.

Hier wenige Ausschnitte:

"NZZ: Was ist los? Haben die Kinder wirklich mehr Probleme in der Schule?
Baumann: Die Kinder haben sich nicht verändert. Es werden einfach mehr Variationen der Norm als pathologisch erklärt. Wir haben heute völlig falsche Vorstellungen davon, was normal und was nicht normal ist. Alber: Wir beobachten die Entwicklung der Kinder immer genauer und stellen dadurch mehr Variabilität fest. Viele Abweichungen vom Durchschnitt werden als Entwicklungsstörungen deklariert, und das hat einen riesigen Therapie-Markt geschaffen. Zudem sind viele Lehrpersonen am Anschlag. Kinder, die nicht im selben Takt tanzen können, laufen Gefahr, pathologisiert zu werden.
...
Baumann: Heute muss immer alles sofort behoben werden. Die Eltern haben einen wahnsinnigen Druck. Die meisten Kinder sind ja geplant, das sind Lebenswerke. Darum machen die Eltern alles, damit diese Kinder normal sind. Gleich nach der Geburt muss das Geburtstrauma bei einer Osteopathin bearbeitet werden, sonst ist das Kind ein Leben lang geschädigt. Für alles muss immer sofort eine Lösung her. Das Kind hat Schulschwierigkeiten? Also muss eine Diagnose her, es muss eine Therapie her, alles muss sofort wieder gut sein.
...
NZZ: Was sollte sich aus Ihrer Sicht an den Schulen ändern?
Baumann: Viele Kinder werden pathologisiert, weil es an den Schulen an Wissen fehlt. Bei uns wurden Kindergärtler zu einer Abklärung angemeldet, weil sie nicht eine Dreiviertelstunde ruhig im Kreis sitzen konnten. Man hat also ganz klare Vorstellungen, dass ein Kindergartenkind das können muss – aber das ist einfach nicht entwicklungsgerecht. Alber: Im Hintergrund ist ja häufig eine Zukunftsangst seitens der Eltern oder eine Überforderung der Lehrpersonen, weil das betroffene Kind die gleichen Leistungen wie die anderen erbringen muss. Wenn das nicht geht, kommt die Lehrperson automatisch an den Anschlag. Entweder wird die ganze Klasse vernachlässigt oder das eine Kind. Man müsste die Lehrer von der Aufgabe befreien, dass sie alle Kinder in der gleichen Zeit zum gleichen Ziel bringen müssen."

Siehe auch "Erwerbsarbeit, Elternschaft und das männliche Selbstbild. Kommentar zu einem Interview mit Remo Largo")

Sascha Liebermann

5. September 2010

Bedingungsloses Grundeinkommen im Schulunterricht - Nachtrag

Im August meldeten wir, dass die Thesen von "Freiheit statt Vollbeschäftigung" in ein Lehrbuch für die Sekundarstufe II aufgenommen werden, das der Ernst Klett-Verlag herausgibt. Faktuell hat beim Verlag nachgefragt, zu welchem Zweck die Thesen aufgenommen werden und erhielt die Auskunft, dass der Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens Unterrichtsgegenstand sein soll:

"Unter dem Thema "Die Grundeinkommensstrategie" werden in dem Lehrbuch insgesamt drei Quellentexte zum BGE mit zugehörigen Arbeitsaufträgen behandelt. Darunter ist auch der Text der Initiative "Freiheit statt Vollbeschäftigung", der mittels neun einleitender Thesen das Bedingungslose Grundeinkommen als sozioökonomische Lösungsstrategie herleitet, entwickelt und begründet.

Die Schüler bekommen den Auftrag, sich darüber hinaus noch genauer über die verschiedenen Vorstellungen eines "Grundeinkommens" zu informieren und dazu Stellung zu nehmen, so der Ernst Klett Verlag."

Hier geht es zum "Livebook", die Thesen finden sich auf S. 61.

20. Februar 2008

"Erfahrung ermöglichen oder Wissen vermittlen?"

Unter diesem Titel hat Sascha Liebermann im Rahmen einer Tagung zur Schulentwicklung einen Vortrag darüber gehalten, welcher Begriff von Bildung den Herausforderungen der Gegenwart angemessen sein könnte.

13. Dezember 2006

Bildung setzt Neugierde voraus – das bedingungslose Grundeinkommen schafft Freiräume dazu

Bildung sei für ein Land, das arm an Rohstoffen ist, die Grundlage seines Wohlstands. Solche und ähnliche Weisheiten werden heute von jedem aufgesagt, der seine Lehren aus PISA und anderen Bildungsmessungsstudien gezogen haben will und der sich dazu bekennt, uns aus unserer Misere einen Weg zu weisen. Wer wollte dem im allgemeinen widersprechen?

Doch bei allem Bekenntnis liegt der Teufel im Detail. Was sollen die Maximen sein, nach denen diese Bildung, in der unsere Zukunft liege, ermöglicht wird? Da sie allzuleicht als Heilmittel betrachtet wird, mit dem auch über die Misere derer behoben werden könne, die heute ohne Bildungsabschluß bleiben, ist Besonnenheit unerläßlich. Statt, einer Leerformel gleich, nach Bildung zu rufen, müssen wir uns fragen, welche Bildung wir meinen und was der Grund dafür ist, daß manche ihrer ermangeln.

Bildung setzt eine Bereitschaft, sich zu bilden, voraus. Damit ist nichts Großartiges gemeint, keine bildungsbürgerlichen Ambitionen oder dergleichen, sondern lediglich die Grundlage jeglichen Bildungsprozesses: Neugierde. Darauf hinzuweisen, könnte man für banal halten, doch angesichts der Reformen im Bildungswesen, die zwar von „Bildung“ reden, aber Trichterpädagogik fördern, muß daran erinnert werden. Die Neugierde, die zum einen Bildung erst ermöglicht, zum anderen durch Bildung bestärkt und gefestigt wird, bedarf eines fördernden und ermunternden Bildungswesens (Siehe Sascha Liebermann "Erfahrung ermöglichen oder Wissen vermitteln?"). Nur, wenn es dem Einzelnen die Chance gibt, Erfahrungen zu machen, Unbekanntes in seinen vielfältigen Qualitäten zu erkunden, nur dann wird er ernst genommen, dann wird seine Neugierde als Lebenshaltung bestärkt und gefestigt werden.

Das Bildungswesen allerdings kann nur Möglichkeiten schaffen, es kann das Gelingen nicht garantieren, ganz gleich, ob in der Schule, an der Universität oder sonstwo. Will der Einzelne nicht, läßt sich Bildung nicht erzwingen. Es muß zwar möglich sein, ihn zur Räson zu rufen, ihm seine Verantwortung bewußt zu machen und ihm dann dabei zu helfen, etwaige Schwierigkeiten zu bewältigen. Wo er dennoch nicht dazu bereit ist, stößt das Bildungswesen an seine Grenze. Daran ändern auch all die Bildungsprogramme nichts, die Gutes beabsichtigen, aber statt Pluralität zu ermöglichen Zentralisierung befördern – wie die gegenwärtigen Reformen des Bildungswesens.

Selbständigkeit und Verantwortung werden zwar in Sonntagsreden beschworen, in Sachen Bildung jedoch werden sie den Neugierigen tatsächlich – auch Schülern wie Studenten – allzuselten zugestanden. Es soll nicht mehr ausreichen, Erfahrungen eines Gelingens, damit kehrseitig auch eines Scheiterns, zu ermöglichen. Das Gelingen soll garantiert werden, deswegen gilt idealerweise auch: Es darf keine Studien- oder Schulabbrecher geben. Wir erleben dies gerade mit der Einführung der Bachelor-Studiengänge an den Universitäten, ihr Zweck ist, die Abbrecherquote zu verringern und die Absolventenzahl zu erhöhen – ist beides ein Selbstzweck? Abgedichtet soll der Bildungsprozeß werden, damit bloß keiner zurückbleibt – als könne das überhaupt verhindert werden. Fürsorge paart sich in diesen Fragen allzuoft mit beinahe totalitären Bestrebungen, Bildungsdesinteresse notfalls mit Zwangsmaßnahmen beizukommen. Als sei es nicht legitim, an Bildung desinteressiert zu sein.

Aus diesem Grund, den totalitären Bestrebungen auf der einen Seite und der Verleugnung der Bildungsbereitschaft des Einzelnen auf der anderen, mußte zuvor daran erinnert werden, daß Bildung Bildungsbereitschaft voraussetzt. Woher kommt sie, weshalb ist sie so unterschiedlich ausgeprägt?

Die Antwort hierauf führt uns zu einem blinden Fleck in der Diskussion, dessen Bedeutung im Leben des Einzelnen allzuoft geringschätzt wird: die Familie. Das Scheitern vergangener Bildungsvorhaben könnte uns lehren, daß Bildungsbereitschaft nicht ohne die Familie zu denken ist. Wo Eltern ihren Kindern emotionale Sicherheit und Verläßlichkeit geben und Erfahrung ermöglichen, wird Neugierde gefördert und gefestigt. Wo dies nicht geschieht, kann ein Bildungswesen, das den Einzelnen nach seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten fördert, bestenfalls ein Gegengewicht bilden. Aber, gegen die Eltern ist das nicht zu machen.

Wenn behauptet wird, der Grund für Langzeitarbeitslosigkeit oder dauerhaften Sozialhilfebezug sei mangelnde Bildung, ist das naiv und realitätsfremd. Es soll nicht sein, was nicht sein darf: Daß in unserer Mitte Menschen leben, die eine schwierige Lebensgeschichte haben, eine Lebensgeschichte, die es ihnen kaum möglich macht, Bildungschancen zu ergreifen. Sollten wir sie ihnen deswegen aufdrängen, sie in Programme stecken und mit Kontrollen überziehen? Möglichkeiten können wir eröffnen, wo diese nicht ergriffen werden, sollten wir dies anerkennen. In der Regel werden Bildungschancen heute schon ergriffen, geschieht es nicht, gibt es dafür gute Gründe. Möglichkeiten schaffen, Hilfsangebote unterbreiten ist etwas anders als Bildungs- und Beratungszwang.

Statt weiter eine auf Kontrolle und Existenzdruck setzende Sozialpolitik zu betreiben, statt eine Bildungspolitik durchzusetzen, die sich kurzfristig an der Beseitigung der Arbeitslosigkeit orientiert, sollten wir es den Einzelnen zugestehen, Freiräume nach ihrem Dafürhalten freiheitlich zu nutzen.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen, das dem Einzelnen die Freiheit gäbe, was auch immer er für richtig hielte, zu tun, verschaffte Neugierde als Grundlage von Bildung die angemessene Stellung. Es würde aber auch anerkennen, daß Bildung nicht für alle ein hohes Gut ist: Wer nicht will, muß nicht.

Sascha Liebermann