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27. November 2023

"Arbeitspflicht beim Bürgergeld in Vorbereitung – '0 Ahnung von der Lebensrealität'"...

...so ist der Beitrag von Marcel Görmann in Der Westen übertitelt, der hier nur erwähnt sei, weil sich darin ein Zitat Sahra Wagenknechts findet, das so lautet:

"'Aber jemand der jung ist, ja, da finde ich, kann man schon erwarten, dass der sich auch sehr aktiv um Arbeit bemüht', so Wagenknecht. 'Ich würde Menschen verpflichten, dass sie zum Beispiel eine angebotene Qualifizierung machen.' Werde dies abgelehnt, 'da ist es dann auch angemessen, dass das entsprechend sanktioniert wird'."

Wie schon früher (siehe hier und hier) ist ihre Position zur Debatte und damit zum Stellenwert von Erwerbstätigkeit deutlich.

Sascha Liebermann

14. Januar 2022

Noch so ein Einwand,...

...als gäbe es den Grundfreibetrag in der Einkommensteuer nicht. Will sie den denn abschaffen?

Siehe auch diesen früheren Kommentar zu Äußerungen von Sahra Wagenknecht.

Sascha Liebermann

6. Oktober 2020

"Alles andere ist inkonsequent"


22. September 2020

Differenzierungsgewinn? Keiner - der Slogan nach wie vor treffend


Frühere Beiträge zu Sahra Wagenknechts Haltung zum BGE finden Sie hier und weitere hier. Zur Frage einer repressionsfreien bzw. sanktionsfreien Grundsicherung siehe hier.

9. April 2019

"Das bedingungslose Grundeinkommen halte ich für dekadent"....

...sagte Carsten Schneider, SPD, in einem Interview auf Börse Online. Hier die gesamte Passage im Wortlaut:

Börse Online: "Immer mehr, vor allem auch junge Migranten landen im Hartz-IV-Bezug, während die Zahlen der Inländer sinken. Was halten Sie von der Abschaffung der Sanktionen für Leistungsbezieher, die es an der nötigen Eigeninitiative fehlen lassen, oder gar von einem bedingungs­losen Grundeinkommen?"
Schneider:" Ich bin sehr dafür, dass wir ein Arbeitslosengeld II als Grundsicherung haben, für das die Grundprinzipien des "Fördern und Fordern" uneingeschränkt gelten - auch mit Sanktionen. Wer vertretbare Arbeitsplatzangebote bewusst ausschlägt, muss auch weiterhin mit Leistungskürzungen rechnen. Das bedingungslose Grundeinkommen halte ich für dekadent, weil es ein Schlaraffenland vorgaukelt, in dem es sich ohne Arbeit leben lässt."

Die Frage ist schon suggestiv, denn Sanktionen sind ein in den Sozialgesetzbüchern definiertes Instrument, das auf alle Leistungsbezieher Anwendung finden kann, siehe hier. Mit "Eigeninitiative" hat das wenig zu tun. Wie antwortet Schneider?

Sanktionen sind eine gute Sache, sie befürwortet er, offenbar ohne Abstrich. "Vertretbare Arbeitsplatzangebote" sind dasselbe wie "zumutbare" Angebote, die befürwortet Sahra Wagenknecht auch. Gaukelt denn das BGE ein Schlaraffenland vor? Doch nur für diejenigen, die der Meinung sind, Leistung komme von Entbehrung und Härte, von der Nötigung zur Überwindung des inneren Schweinehundes. Wer in der BGE-Diskussion behauptet, Wohlstand komme von selbst? Kein ernsthafter Befürworter. Ein Popanz, den er hier aufbaut. Und Arbeit? Ja, welche nur - für Schneider klar: Erwerbsarbeit, dann lässt sich gelassen über die andere hingwegsehen, die den größeren Umfang ausmacht und unerlässlich ist.

Seinen früheren Ausführungen ist Schneider treu geblieben. Dekadenz haben auch andere gewittert, siehe hier.

Sascha Liebermann

11. Januar 2019

"Die Perspektive der "tüchtigen, der arbeitenden Mitte unseres Landes...

... sei ein Dreh- und Angelpunkt, sagte die SPD-Chefin" laut Zeit Online. So sieht also die Neuorientierung der SPD aus. Wäre der Slogan nicht schon vergeben, könnte die Neuorientierung als "Vorrang für die Anständigen" oder "Politik für die hart arbeitenden Menschen" überschrieben werden, dann hätte man auch Sahra Wagenknecht im Boot, Jens Spahn, Martin Schulz und andere. Dass Politik für Bürger gemacht wird und es diesbezüglich zwischen "hart arbeitenden" und anderen, die ja offenbar nicht hart arbeiten, keinen Unterschied gibt, daran muss wohl eigens erinnert werden. Ralf Dahrendorf brachte diese einst auf den Punkt: "Der Staatsbürger ist der Feind der Klassen, weil er keine Menschen zweiter Klasse neben sich duldet" (Dahrendorf, Ralf (1965), "Die soziale Schichtung des deutschen Volkes", in: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, München, S. 90).

Sascha Liebermann

30. November 2018

"Arbeitswelt im Wandel" - oder Unternehmen als Erziehungsanstalten?

Die Talksendung Anne Will (Kommentare zu früheren Sendungen finden Sie hier) befasste sich in der jüngsten Sendung mit der Diskussion über die heutige Konstruktion des Sozialstaats, die Sanktionen im Arbeitslosengeld und die verschiedenen Vorschläge, die sich die positiven Konnotationen des Wortes "Grundeinkommen" zunutze machen wollen. Da sollte ein Bedingungsloses Grundeinkommen nicht fehlen, hierfür war Michael Bohmeyer eingeladen. Die einzige, die dafür gewisse Sympathien hatte und die Absurditäten der Sanktionen erkannte, war die Unternehmensberaterin Simone Menne. Die Sendung verlief wie so oft, die Einheitspartei aus Linke, SPD und CDU stritt an der Oberfläche, war sich aber einig, dass der status quo im Wesentlichen verteidigt werden müsse, d. h. an Sanktionen darf nicht gerüttelt werden.

Als die Runde auf das BGE zu sprechen kam, wurde im Einspieler von Anne Will sogleich darauf hingewiesen, dass ja bestimmte Personen dafür einträten, genannt wurden Unternehmer aus dem Silicon Valley (von denen oft nicht bekannt ist, was sie genau meinen), Joe Kaeser (Siemens, der sich nicht für ein BGE ausgesprochen hat) sowie Timotheus Höttges (Deutsche Telekom, der es tatsächlich für sinnvoll hält). Im Grunde war dieser Einstieg ein Versuch, den Vorschlag zu diskreditieren, denn, wenn Vorstände von Unternehmen bzw. Unternehmer dafür sind, kann es sich nicht um einen brauchbaren Vorschlag handeln. Entsprechend reagierten manche in der Runde. Andere wiederum sehen das als Adelung, wenn gerade sie dafür seien, dann müsse auch etwas dran sein. Michael Bohmeyer machte auf die vereinseitigende Darstellung aufmerksam. Wer sich ein wenig informiert, wird schnell herausfinden, dass die BGE-Diskussion seit 2004 öffentlich geführt wird und von ganz anderen als Unternehmern angestoßen wurde (Götz W. Werner ist eine Ausnahme). Unterstützer finden sich in den meisten Parteien, mal mehr, mal weniger, je weiter man in der Funktionshierarchie herabsteigt.

Die Einwände gegen das BGE waren die üblichen, es wurde wenig differenziert und von den drei Politikern der bestehende Sozialstaat in seinen Prinzipien weitgehend verteidigt. Sahra Wagenknechts wettern gegen Hartz IV lässt nicht übersehen, dass sie vom Erwerbsgebot nicht abrücken will ("zumutbare Arbeit sollte man annehmen" - ab Minute 39; "harte Abeit" müsse belohnt werden - wie ist es mit nicht harter Arbeit und was wäre das?). Manche plädieren für eine "repressionsfreie Grundsicherung", um von Sanktionen wegzukommen, das ist jedoch illusionär. Soweit ging Wagenknecht nicht, denn gegen Sanktionen hat sie wohl nicht grundsätzlich etwas. Wo es zumutbare Arbeit gibt, wie sie sagte, muss es auch Möglichkeiten geben, die Zumutbarkeit durchzusetzen - was sie nicht sagte, was aber aus dem Gesagten folgt, sonst ist es unsinnig, von Zumutbarkeit zu reden.

Es bleibt also bei Sanktionen, nur unter anderen Bedingungen. Wer damit ernsthaft Schluss machen will, müsste das Erwerbsgebot aufgegeben. Dann wäre das Sockeleinkommen frei von Sanktionen, aber - in Gestalt einer Negativen Einkommensteuer  (NES) - immer noch bedarfsgeprüft (Einkommensfeststellung). Es gäbe zwar kein mit Sanktionen bewehrtes Erwerbsgebot mehr, der normative Vorrang von Erwerbstätigkeit bliebe aber bestehen, zu erkennen an der Einkommensprüfung. Von hier aus wäre es aber nicht mehr weit zum BGE.

Besonders interessant wurde es ab Minute 31. Mit einem Einspieler wird ein Bäckermeister vorgestellt, der kaum Mitarbeiter finden kann. Schwierigkeiten eines Unternehmers, die nicht ungewöhnlich sind. Das Jobcenter vermittelt immer wieder einmal Bewerber zu ihm, doch die erwiesen sich als unzuverlässig, nähmen Termine nicht wahr oder Ähnliches. Wichtig sei der Stempel für das Jobcenter, der bezeugt, dass sie da waren. Des Bäckers Schlussfolgerung: Sanktionen für die Arbeitsverweigerer, das ist sinnvoll. Ernsthaft?

Was würde es ihm bringen, wenn Bewerber, die offenbar nicht bei ihm arbeiten wollen, dennoch kommen würden, um den Sanktionen auszuweichen? Wie wahrscheinlich ist es, dass sie ihm in seinem Betrieb eine Hilfe wären? Aus unternehmerischer Sicht müsste er die Sanktionen ablehnen, weil sie die Suche nach guten Mitarbeitern nicht erleichtert. Sein  Betrieb würde zu einer Erziehungsanstalt für unwillige Mitarbeiter. Seit wann ist das die Aufgabe von Unternehmen? Wer nicht will, fällt doch anderen zur Last, er sollte frei sein, sein Nichtwollen auszuleben, wenn er meint, solange die anderen davon nicht eingeschränkt werden. In der Regel gibt es gute Gründe, weshalb jemand nicht will bzw. nicht kann. Ein Bäckermeister, um bei dem Beispiel zu bleiben, braucht zuverlässige Mitarbeiter und wenn die nicht zu bekommen sind, gibt es dafür - nimmt man den Arbeitsmarkt ernst - nur eine Lösung: Werben auf dem Arbeitsmarkt. Wer Unternehmen zu Erziehungsanstalten erklärt, richtet sie zugrunde, vor allem behindert er Wertschöpfung und Innovation. In der Runde nahm keiner diese Absurdität auf, Sahra Wagenknecht war damit beschäftigt, sich gegen Jens Spahn zu behaupten, der sie nun fragte, wie es denn mit der Zumutbarkeit sei. Nur kurz hört man in der Aufzeichnung, wie Michael Bohmeyer ansetzt zu fragen, während Spahn und Wagenknecht im Wortgefecht sind.

In der Diskussion um ein BGE ist es eines der erstaunlichsten Phänomene, wie selbst Unternehmer vom unternehmerischen Impetus, dem Leistungsethos, absehen und für das Schaffen von Arbeitsplätzen werben, ganz gleich wozu das führt. Wie widersinnig es ist, jemanden in ein irgendwie geartetes Arbeitsverhältnis zu drängen, der dafür partout nicht bereit oder nicht geeignet ist, ist an Abwegigkeit kaum zu überbieten.

Eine solche Diskussionsrunde muss sich daran messen lassen, was sie zu wichtigen Fragen - und sei es nur argumentativ - an Lösungen oder Klärungen beiträgt. Solche Fragen, die ein Gemeinwesen zu beantworten hat, sind: 1) Was kann es dazu beitragen, dass sich die Solidarität der Bürger (nicht der Erwerbstätigen) und damit die Bindungskraft als Gemeinwesen erhält?; 2a) Was kann es dazu beitragen, dass Bildungsprozesse, die sich vornehmlich in Familien vollziehen, möglichst gute Gelingensbedingungen haben? Denn von ihnen hängt ab, welche Haltung Kinder als Erwachsene zu familialer Vergemeinschaftung, dem politischen Gemeinwesen und Leistung (auch Wertschöpfung) haben; 2b) Das Bildungswesen muss entsprechend gestaltet sein, damit sich diese Fähigkeiten entwickeln können; 3) Wie kann es erfahrbar und dadurch bewusst machen, dass in einem Gemeinwesen stets alle von allen abhängen - als Bürger, in der Familie, im arbeitsteiligen Leistungsgefüge?

Es ist kein Zufall, dass die politische Dimension eines Bedingungslosen Grundeinkommens, ein Bürgereinkommen zu sein, welches genauso bedingungslos gewährt wird wie die Grundrechte bedingungslos gelten, in der Runde kaum eine Rolle spielt. Wer diese Dimension nicht sieht und meint, wir seien eine Arbeitsgesellschaft und das halte alles zusammen, nimmt nicht ernst, dass und weshalb die Demokratie gerade von verschiedenen Seiten in Frage gestellt wird.

Sascha Liebermann 

P.S.: Nicht überraschend ist, dass am gestrigen Abend bei Maybrit Illner zwar die Besetzung ausgetauscht wurde (bis auf Jens Spahn), die Diskussion aber ähnlich war wie bei Anne Will. Die Erziehungsanstaltsvertreter aus den Unternehmen waren ebenso wieder da, diesmal in Gestalt von Marie-Christine Ostermann. Sie wäre prädestiniert dafür, darauf hinzuweisen, dass es nicht innovationsfördernd ist, wenn Unternehmen Aufgaben übernehmen sollen, die das Gemeinwesen übernehmen sollte. Weit gefehlt.

26. Oktober 2018

Beharrlichkeit von Mythen und ein vereinfachender Blick auf Armut...

 ...das konnte wieder gut in der jüngsten Ausgabe von Maischberger beobachtet werden, wenn die üblichen Vedächtigen, muss man fast sagen, sich ein Stelldichein geben und keine Expertise bemüht wird, um dazu einmal differenziertere Aussagen zu erhalten. Es war gerade der jüngste Gast in der Sendung, Jeremias Thiel, der einen Einblick gab in das Leben einer Familie, in der beide Eltern krank sind und die Höhe von Sozialleistungen weder Hindernis noch Hilfe dafür ist, sich diesen Erkrankungen stellen zu können. Manches davon scheint im Kommentar von Hand Hütt in der Frankfurter Allgemeine Zeitung auf, wird aber auch nicht vertieft.

Der Wirtschaftsredakteur der FAZ, Rainer Hank, konnte sich wieder über einen Auftritt freuen, um seine üblichen Invektiven gegen den Sozialstaat loszulassen und an die  Eigenverantwortung zu appellieren. Dabei könnte eine treffende Kritik am Paternalismus des deutschen Sozialstaats sehr wohl die Richtung weisen, um ihn fortzuentwickeln zu einem, der Autonomie und Initiative tatsächlich unterstützt, statt durch Beaufsichtigung und Kontrolle zu behindern. Hank wandte sich hier zurecht gegen die Vorstellung der Börsen-Expertin Anja Kohl, der Staat hätten Herrn Thiel helfen, ihn aus der Familie nehmen müssen. Sie weiß vermutlich nicht, dass der Auftag des Jugendamtes gesetzlich definiert ist (Achtes Buch Sozialgesetzbuch) und die Entscheidung, ein Kind aus einer Familie zu nehmen, keine so einfache Angelegenheit ist. Dann läge es ja nahe, sich dazu nicht zu äußern. Das scheint schwer zu sein, selbst für eine erfahrene Journalistin. Doch Hank meint mit Paternalismus die angeblich passivierenden Folgen von Sozialleistungen, wenn sie denn zu hoch ausfallen. Ein Blick in die dynamische Armutsforschung würde hier weiterhelfen, um mit Mythen aufzuräumen (siehe z. B. hier und auch hier: Verweildauer im Leistungsbezug). Aber daran scheint er kein Interesse zu haben.



Die Kritik an seinem Kollegen Creutzburg, der vollmundig behauptete, wie komfortabel man von Sozialleistungen lebe, hatte er offenbar vergessen - die Berechnungen waren schlicht unzulänglich und fehlerhaft.

Hank beklagte darüber hinaus den falschen Stolz, der dazu führe, Leistungen nicht in Anspruch zu nehmen (Stichwort "verdeckte Armut"), was wohl als Ermahnung derer zu verstehen war, die den Gang in ein Jobcenter oder vergleichbare Einrichtungen scheuen. Zwar liegt er damit richtig, wenn er auf den Rechtsanspruch hinweisen will, der auf solche Leistungen besteht, doch unterschätzt er, dass die Wahrnehmung des Anspruchs zugleich bedeutet, der normativen Erwartung, erwerbstätig zu sein, nicht zu entsprechen. Genau so begründet sich ja auch die Nachweispflicht, die Bedingungen für den Anspruch auf Leistungen zu erfüllen. Diese Nicht-Befolgung des Erwerbsgebots ist der Grund für die stigmatisierenden Wirkungen solcher Leistungen, der Bezieher erhält sie, weil er etwas anderes nicht erreicht, das aber als erwünscht und erstrebenswert gilt.

Um diese Zusammenhänge schert sich Hank nicht, dadurch wird die Welt einfacher. Wer die Lage ernst nimmt, müsste fragen, wie es möglich ist, dass Anspruchsberechtigte möglichst geringe Schwellen übertreten müssen, um ihnen zustehende Leistungen abzurufen. Das wäre eine Diskussion um die Fortentwicklung des Sozialstaats, die nicht illusionär geführt werden sollte. Dennn die unter anderen von Sahra Wagenknecht als Alternative ins Feld geführte "repressionsfreie Grundsicherung" weist hier keinen Ausweg, sie ist illusionär, solange das Erwerbsgebot aufrecht erhalten bleibt und der Grundsicherungsbezug nicht für dauerhaften Bezug vorgesehen ist. Denn solange das so ist, wird kein Bezieher in ihm verbleiben können, ohne sich stets einer Prüfung unterziehen zu müssen.

Und dann? Dann landen wir wieder beim BGE, das aber keiner der Anwesenden für eine sinnvolle Lösung hält, ohne allerdings brauchbare Alternativen nennen zu können.

Sascha Liebermann

31. Mai 2017

"Mensch Gottschalk" - Videoausschnitt zum Bedingungslosen Grundeinkommen


Grundeinkommen from Yorkfield on Vimeo.

Beachten Sie die Ausführungen von Sahra Wagenknecht, die im Grunde auch für ein BGE sprechen könnten (siehe auch hier).

Marc Friedrich hat sich jüngst durch widersprüchliche Äußerungen zum BGE hervorgetan. Im Interview mit der Wochenzeitung der freitag (fett gesetzt) sagte er:

"Ihre Lösung ist das Bedingungslose Grundeinkommen. Früher waren Sie doch Gegner des BGE. 
Ich hatte die typischen Vorurteile, die wir in dem Buch hoffentlich gut ausgeräumt haben. Denn wenn man sich damit beschäftigt, merkt man: Wir alle bekommen jetzt schon ein Grundeinkommen, durch den Steuerfreibetrag von 8.820 Euro. Ob man das jetzt Negative Einkommenssteuer nennt wie Milton Friedman oder Grundeinkommen, das ist völlig egal."

Wie man eine Sache nennt ist das eine, ob aber dann dasselbe drinsteckt, etwas anderes (siehe meinen Kommentar zur Negativen Einkommensteuer hier).

Danach sagte er:

"Und Sie glauben, Ihr Konzept wird funktionieren?
Das weiß ich sogar. Feldversuche zum BGE haben ja gezeigt, dass es funktioniert. Oder würden Ihnen 1.ooo Euro pro Monat reichen? Der Mensch möchte weiterkommen, ein besseres Leben haben. Leute, die Drogen nehmen, kriminell sind oder gar nichts machen, die wird es immer geben. Die muss man halt mittragen. Ganz egal, in welchem System."

Bei aller Sympathie für ein BGE sind Feldversuche keine wirklichen Belege, weil sie mit einem allgemeinen BGE nicht vergleichbar sind (siehe hier und hier). Immerhin geht Friedrich von einem Wunsch oder Bedürfnis des Menschen aus, weiterkommen zu wollen. Man könnte allerdings dem entgegenhalten, dass der Wunsch, nicht immer weiterkommen zu müssen, ebenso sein Recht hätte mit einem BGE.

An einer späteren Stelle heißt es dann:

"Und die würden dann für ein Grundeinkommen sorgen. Aber wenn die Produktionsmittel in Gemeinschaftseigentum überführt würden, bräuchte man das BGE nicht mehr, oder?
Stimmt. Aber Sie vergessen den Faktor Mensch. Der Mensch ist opportunistisch, egoistisch, gierig. All diese Utopien sind immer gescheitert. Da bin ich absoluter Realist, klingt toll auf dem Papier, ist unrealistisch – auf der Bewusstseinsstufe, auf der wir heute sind."

Weshalb bräuchte man für diesen Fall ein BGE nicht mehr? Gemeineigentum beantwortet noch nicht die Frage, wie Einkommen bereitgestellt wird, vielleicht findet sich dazu im Buch eine Ausführung, die sich hier nicht erschließt. Irritierend ist, was er über den Menschen sagt, der "opportunistisch, egoistisch, gierig" sei. Was soll diese Plattitüde besagen? Wenn heute am Vorrang von Erwerbstätigkeit ebenso festgehalten wird wie an der Überzeugung, ohne Druck gehe nichts, dann hat das mit Opportunismus ebenso wenig zu tun wie mit Egoismus, mit Gier schon gar nicht. Es ist die simple Überzeugung, dass das, was so ist, das Richtige ist. Deswegen ist sie ja auch so beharrlich und genau deswegen hat es das BGE so schwer.

Sascha Liebermann

12. April 2017

Sahra Wagenknecht und das Bedingungslose Grundeinkommen...


...unter anderem darüber hat Tilo Jung - "jung und naiv" - mit ihr gesprochen. Ab Minute 23:52 geht es um das Bedingungslose Grundeinkommen. Wer Sahra Wagenknechts Ansichten dazu kennt, wird keine Überraschungen erleben. Siehe unseren Kommentar an anderer Stelle hier.

7. Dezember 2016

"Bedingungsloses Grundeinkommen? Es gibt eine bessere Alternative"...

...meint Marc Beise in der Süddeutschen Zeitung. Siehe auch den Bericht der Süddeutschen Zeitung über eine Podiumsdiskussion zwischen Sahra Wagenknecht (Die Linke) und Thomas Straubhaar (Universität Hamburg) und die Leserbriefe zum Interview mit Götz W. Werner.

12. Mai 2015

"...sich in einem guten Job seinen Lebensunterhalt zu verdienen" - Sahra Wagenknecht über das Bedingungslose Grundeinkommen


Siehe auch hier

Zu diesem Ausschnitt aus einem Gespräch mit Richard David Precht gibt es nichts Neues über Sahra Wagenknechts Haltung zum Bedingungslosen Grundeinkommen zu berichten. Verwundern kann einen allenfalls, wie selbstverständlich für sie der Zusammenhang zwischen Engagement bzw. Tätigsein und Einkommenserzielung ist. Auf die Frage von Precht, ob sie für die Einführung sei, antwortet sie, dass jeder die "Chance haben sollte", sich in "einem guten Job seinen Lebensunterhalt zu verdienen". Sie ist gegen die Hartz IV-Sanktionen, also gegen den Druck und die Bedrohung, die mit Ihnen einhergehen. Da sollte man meinen, wer von "Chancen" und "Freiräumen" spricht, dem läge daran, frei entscheiden zu können, wo ein Engagement erfolgen kann und soll. Das hingegen ist nicht Sahra Wagenknechts Sache. Die "Freiräume sich mit Menschen zu beschäftigen", die wir durch den Produktivitätsfortschritt gewonnen haben, will sie nicht den Menschen selbst überlassen, indem sie auf der Basis eines BGE sich dann entscheiden können, wo und wie sie wirken sollen. Wenn sie von "Fähigkeiten" spricht, die jeder habe und für die er die Chance erhalten sollte, sie einzubringen, spricht sie stets nur von Erwerbsverhältnissen. Dass ein solches Einbringen heute schon anderswo geschieht, aber unter schwierigen Bedingungen - in Familie und Ehrenamt - lässt sie nicht als vollwertiges Engagement gelten. Es ist gerade der Vorrang von Erwerbstätigkeit, der über die tatsächlich existierende Vielfalt von Engagement hinweggeht und alles, was jenseits von Erwerb liegt degradiert. Dass Sahra Wagenknecht das nicht sieht, ist auf der einen Seite verwunderlich, auf der anderen konsequent: Wer den Sinn des Zusammenlebens in Erwerbstätigkeit alleine erblickt, kann wohl nicht anders. Folgerichtig sieht sie im BGE etwas, womit Menschen abgespeist werden.

Nur am Rande sei erwähnt, wie unglücklich Precht für ein BGE wirbt. Er sieht es nur als Entlastung für die "Abgehängten" und erkennt nicht den breiten Zusammenhang, in dem es steht und die vielfältigen Möglichkeiten und Auswirkungen, die mit ihm einhergehen. Das war auch bei anderer Gelegenheit schon so.

Sascha Liebermann